Mit dem folgendne Artikel versuche ich mir selber zu erklären, warum ich seit einiger Zeit innerlich so genervt auf das Meiste reagiere, was ich aus dem NewWork-Umfeld lese oder höre.

Im Grunde ist es denke ich ganz einfach: Ich bin mittlerweile der Meinung, dass man sich das allerallermeiste, was wir da machen, tun und denken, ganz einfach sparen könnten, wenn wir zwei externe Effekte von Unternehmertum fixen. Das also tausenderlei Aktvitäten, Begriffe, Konzepte, Bücher, Vorträge, Maßnahmen etc. schlicht und einfach unnötig und überflüssig wären, wenn wir diese zwei Effekte in den Blick nehmen und dafür gemeinsam Lösungen entwickeln würden:

1.) Die gut begründete Angst der Arbeitnehmer vor Arbeitslosigkeit – An diesem Thema arbeite ich beinahe täglich mit sehr verschiedenen Kunden. Und ich denke daher, ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich behaupte, dass diese Angst in einem absurden Ausmaß verbreitet ist in unserer Gesellschaft. Diese Angst ist subtil, und auch Menschen haben sie, von denen man es von außen niemals vermuten würde. Sie bringt uns dazu, uns völlig irrational zu verhalten, vor allem aber unfrei und gehemmt. Sie bringt uns dazu zu schweigen, sie bringt uns dazu, unsere Arbeitskraft Unternehmen zur Verfügung zu stellen, die uns nicht verdient haben, sie bringt uns dazu, am falschen Ort zu bleiben und uns falsche Arbeitsorte zu suchen. Diese Angst sorgt dafür, dass wir keine eigenen Unternehmen gründen. Diese Angst sorgt dafür, dass wir uns unterordnen. Diese Angst wird selten laut und offen ausgesprochen, und wenn, dann zwischen den Zeilen, durch die Blume.

2.) Die Entfremdung der allermeisten Investoren und Unternehmenseigner von ihren eigenen Unternehmen – Also der Umstand, dass die allermeisten Investoren und Eigner von Unternehmen gar kein echtes oder kein nachhaltiges Interesse daran haben, was aus „ihrem“ Unternehmen wird und ob es wirklich irgendeinen Kundennutzen generiert. Es geht allein darum, mit dem Unternehmen einen Reibach zu machen. Es geht um den Shareholder Value und seine möglichst zügige Maximierung. Es geht für sie nicht um qualitativ gute + dabei für Kunden bezahlbare Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens. Für viel zu viele Investoren ist das Unternehmen selbst „das Produkt“, aus dem es möglichst viel herauszuholen gilt: Indem der nächste Investor/Eigner davon überzeugt wird, dass man da noch viel mehr rausholen kann an Shareholder Value, so dass er es ihnen abkauft.

Ich glaube also, dass wir in einer Gesellschaft, in der Mitarbeiter nicht mit Kündigung bedroht werden können, weil Arbeitslosigkeit kein Drohpotential für sie hat, und in der Investoren ein anhaltendes, echtes Interesse an Unternehmen entwickeln können, in der also der Satz „Eigentum verpflichtet“ wieder eine echte emotionale und praktische Bedeutung hat, beinahe sämtliche Unternehmensinternen Probleme wie folgt lösen würden:

Wir würden, wenn irgendeinem von uns so ein Problem auffällt, uns einfach mit den direkt Betroffenen und Beitragen-Könnenden zusammensetzen und dann würden wir dieses Problem einfach lösen. Völlig ohne Tools, Konzepte, und Trara aus den NewWork-Bereich. „So wie früher“, in der goldenen Zeit vor den 1980er-Jahren, als Shareholder-Value-Fixierung und Angst vor Arbeitslosigkeit gesellschaftliche Institutionen wurden. Reden Sie einfach mal mit älteren Menschen über dieses Thema, also mit Menschen, die diese Zeit noch als Arbeitnehmer erlebt haben. Dann werden Sie sehr schnell und einfach verstehen, was ich meine.

Natürlich würde es auch nach der Beseitigung von Arbeitnehmer-Angst und Investoren-Entfremdung noch Konflikte und Uneinigkeit in Unternehmen geben. Aber unternehmensinterne Probleme hätten niemals nicht jene völlige Unlösbarkeit und Verfahrenheit, die sie heute in den allermeisten Unternehmen haben. Denn hinter den vermeintlichen Sachproblemen in Unternehmen stecken so gut wie immer Machtprobleme, Statusprobleme, Hierarchieprobleme, Angstprobleme, die die zwischenmenschliche unternehmensinterne Kommunikation empfindlich stören. Und das ist noch freundlich ausgedrückt. „Unmöglich machen“ trifft es in vielen Fällen deutlich besser. Unsere Unternehmen leiden an drastischen Kommunikationsblockaden, die systematisch verhindern, dass in ihnen die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Weise über die richtigen Dinge miteinander sprechen und entscheiden. Und wenn ich hier von „richtig“ spreche, dann kann ich ebensogut „natürlich“ dafür einsetzen. Denn es wäre ganz einfach völlig natürlich für uns, wenn wir die beiden Kommunikationsverzerrungs- und Machtungleichheitseffekte nicht hätten, die viele unserer Unternehmen zu ausgewachsenen Vorhöllen auf Erden machen.

Beide genannten externen Effekte sind aber nun erkennbar keine „Zusammenarbeitsprobleme“, sondern Probleme, die in den Bereich politisch-rechtlicher Rahmenbedingungen fallen.

Und das heißt: Wollen wir in unseren Unternehmen eine sinnvolle Zusammenarbeit bekommen, kooperativ und mit gemeinsamem Blick auf den Kundennutzen, den wir hier gemeinsam generieren können, dann müssen wir nicht in „NewWork“ machen, sondern dann müssen wir uns politisch engagieren.

Warum das bei vielen, die in NewWork, Agilität, Beta-Kodex, Augenhöhe, Management 3.0, Spiral Dynamics und Co. machen, nicht der Schluss ist, den sie aus der dauerhaft gering bleibenden Verbreitung ihrer wunderbaren Ansätze ziehen, darüber kann ich nur spekulieren. Eigentlich müsste einem auffallen, dass es kaum Ansteckungseffekte gibt. Und das, obwohl Unternehmen mit tollen Ansätzen sowohl wirtschaftlich als auch menschlich in vielen Fällen ganz offensichtlich besser laufen als ihre traditionellen Unternehmens-Geschwister. Einige Unternehmen aus dem NewWork-Umfeld sind seit Jahren Marktführer in ihrem Bereich. – Wenn all das trotz seiner offensichtlichen, hochattraktiven Vorteile nicht ausbreitet, sondern Nische und Insel der Seligen in einem Meer aus unternehmerischer Trostlosigkeit bleibt, müssten wir eigentlich irgendwann misstrauisch werden und anfangen, uns nach dem Warum der fehlenden Ausbreitung zu fragen…

Eine naheligende, bösartige Vermutung angesichts des Nicht-Fragens ist natürlich: Für viele von uns ist „NewWork“ ein Business Modell. Und das hieße, dass wir genau davon leben, dass die Probleme in Unternehmen bestehen bleiben. Wir würden durch die institutionelle Beseitigung der Angst vor Arbeitslosigkeit und bei institutioneller Einführung von Impact Investing selbst arbeitslos. Es bräuchte uns nicht mehr. Die Mitarbeiter von Unternehmen würden von ganz allein deutlich bessere Lösungen und Wege finden als wir als externe Berater, Bücherschreiber und Vortragsredner sie jemals finden können. Wir sind Parasiten unserer Nicht-Lösung der Probleme, an deren Lösung wir nur vermeintlich arbeiten, auf die wir aber in Wirklichkeit angewiesen sind.

Diese Unterstellung trifft mich mit. Denn auch über mein Business als Coach kann man ganz genau das Gleiche sagen: Bessere politisch-rechtliche Rahmenbedingungen rund um Unternehmen, die es Unternehmen ermöglichen, intern bessere Strukturen auszubilden, würden einen Großteil des Coaching-Bedarfs, mit dem ich beauftragt werde, gar nicht erst entstehen lassen.

Mich schreckt das nicht. Denn ich würde sagen: Wenn das nicht mehr sinnvoll ist, was ich tue, „dann mach ich halt was anderes“. – Und genau das Gleiche unterstelle ich all den anderen NewWork-Evangelisten auch. Ich glaube nicht, dass Menschen bösartig sind und anderen Menschen zum eigenen Vorteil schaden wollen.

Und, so viel muss festgehalten sein, in den bestehenden Strukturen ist vieles von dem, was unter dem Label „NewWork“ läuft, etwas, das den Menschen das Leben und Arbeiten in Unternehmen tatsächlich leichter oder überhaupt erst erträglich macht. „Erste Hilfe“ sozusagen. Oder „Unmittelbare Schadensabwehr“.

Das ändert aber nichts daran, dass die beiden oben ausgeführten strukturellen Ursachen für viele überflüssige Probleme in unseren Unternehmen im NewWork-Kontext nicht thematisiert, sondern ausgeblendet werden. Und das ist dann doch recht erstaunlich bei Menschen, denen man ohne viel Blauäugigkeit einen echten Wunsch nach dauerhaft guter und sinnvoller Zusammenarbeit in Unternehmen unterstellen darf.

Auch dass es kognitiv zu schwer zu erfassen sei, wo der Zusammenhang liegt, erscheint mir aufgrund der Einfachheit des Zusammenhangs völlig absurd. Viele Menschen im NewWork-Kontext sind im systemischen Denken geschult und unterscheiden beinahe schon gewohnheitsmäßig Spiel und Spielzüge, Rahmenbedinungen von menschlichem Verhalten und das menschliche Verhalten selbst.

Manchmal kommt es mir so vor, als sei ich selber trotz aller akademischer Verbildetheit einfach immer noch zu sehr „Unterschicht“, zu sehr „Kleinbürgertum“, um diesen ganzen NewWork-Bohei und die jeweils neueste Begriffs-Mode darin schick und spannend finden zu könnne. Manchmal habe ich den Eindruck, ich bin eben einfach immer noch zu sehr Philosoph, um über Verstöße gegen Ockhams Rasiermesser einfach mal eben hinwegzugehen. Aber beides glaube ich nicht wirklich.

Eher glaube ich, dass ich einfach wirkliche Veränderung will und allzudeutlich vor Augen habe, dass sich die über NewWork-Ansätze niemals nicht auf breiter Flur in der Unternehmensrealität einstellen wird. Dass es sich bei diesen Ansätzen um Symptombehandlungen handelt, aber eben nicht um Behandlungen dessen, woran unser gemeinsames Unternehmertum eigentlich krankt: Die Mitarbeiter haben Angst vor Kündigung. Die Manager sind Investoren hörig, die sich nicht wirklich für Mitarbeiter, Kunden, Dienstleister und gesellschaftliche Umwelt des Unternehmens interessieren. Für die Investoren sind all das nur „externe Effekte“ der Generierung von shareholder value – und damit weitgehend uninteressant und unerheblich für ihre Investitionsentscheidungen.

Und Manager, die von solchen Investoren jederzeit mit einem Fingerschnippen entlassen werden können, haben dann halt einfach den gleichen Fokus auf „shareholder-value first“. Für sie sind nicht die Kunden die Kunden des Unternehmens. Für sie sind die Investoren die Kunden. Und dass es da zwingend Überlappungen gibt, ist eine sehr weltfremde BWL-Theorie-Annahme. Denn wenn Manager auf eigene Rechnung sinnvoller und nachhaltiger entscheiden (Kundennutzen first! Mitarbeiter zu gefühlten Mitunternehmern!), dann haben sie eine beobachtbar eine geringe Halbwertszeit in Unternehmen, die von desinteressierten Investoren besessen werden. „Da kann man mehr rausholen“ zermürbt auf die Dauer auch noch den wohlwollendsten Manager. Nicht obwohl, sondern weil solch ein Manager das nachhaltige Unternehmenswohl mehr am Herzen liegt als seinen Chefs, den Investoren, sitzt er auf einem Schleudersitz. Denn die agieren im „Nach-uns-die-Sintflut“-Modus. Für sie ist ein auf nachhaltigen Erfolg achtender Geschäftsführer ein Hemmschuh, ein Blockierer all der möglichen Bilanzaufhübschungs-Aktionen, mit denen man kurzfristig unternehmerischen Erfolg vortäuschen kann.

Wenn ich mir also die Frage stelle, warum ich über die Jahre im NewWork-Umfeld so wenig Resonanz gefunden habe mit meinen Hinweisen auf die beiden externen Effekte, die systematisch verhindern, dass sich in Unternehmen gute Zusammenarbeit herausbilden und erhalten kann, – und das, obwohl viele Menschen in der NewWork-Szene nach meiner eigenen Einschätzung ausgeglichener, intelligenter und auch wesentlich Business-erfahrener sind als ich selber – , dann komme ich zur Zeit nur auf folgende Vermutung:

Es ist den meisten zu bedrohlich oder zu unangenehm oder zu aussichtslos, sich zusätzlich zu ihrem unternehmensinternen Engagement nebenher auch noch politisch zu engagieren. Sie sehen für sich keine Rolle als Bürger eines demokratischen Gemeinwesens, in dem wir alle gemeinsam uns unsere Gesetze geben. Gesetze, die darüber bestimmen, was unternehmerisch möglich und was unternehmerisch unmöglich ist. Gesetze, mit denen wir uns selbst einen sinnvollen Rahmen setzen. Gesellschaftliche Selbststeuerung. Gesellschaftliche Selbstbeherrschung. Auch im großen Ganzen der Gesellschaft. Und genau das können wir dann eben „Demokratie“ nennen. Politisch sind BEIDE externen Effekte durchaus fixbar. Unternehmensintern sind die beiden externen Effekte nur erlebbar und erleidbar.

Gebeutelte, täglich mit Symptomen kämpfende Mitarbeiter, Manager und Berater haben allerdings kaum noch die Kraft, auch noch „in ihrer Freizeit“ ein nennenswertes politisches Engagement aufzubringen. Ja, man könnte aus politischem Engagement fast schon eine halbe Abmahnung stricken: Wenn man noch die Kraft hat, sich nebenher auch noch für politische Systemveränderungen einzusetzen, „dann hat man ja nicht alles für sein Unternehmen gegeben“. – Und dann gibt es da ja angeblich auch noch sowas wie Familie und Freunde und das Bedürfnis, auch mal was ganz für sich allein zu machen. Von Schlaf und Erholung ganz zu schweigen.

Dass man also neben seinem unternehmerischen Engagement und seinem Wunsch nach einem erfüllten Privatleben finden kann, dass es einfach zu viel ist, sich auch noch politisch zu engagieren – Das kann ich ehrlich gesagt recht gut nachvollziehen.

Der psychologische Effekt dieses Überfordert-Seins von der Notwendigkeit demokratischen Engagements „on top“ ist allerdings: Was man nicht ändern kann, und sei es deswegen, weil es einem menschlich einfach zu viel ist, das blendet man sinnvollerweise konsequent aus. „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann…“ usw.

Denn da ständig hinzuschauen, wo die Probleme sind, ohne dafür zu handeln, das verursacht menschlich betrachtet unnötiges Leiden.

Verdrängung kann uns vor viel persönlichem Leid bewahren. Vor politischem Leid allerdings weniger.

 

Advertisements

5 Gedanken zu “#NewWork: Eine Abrechnung mit zwei externen Effekten

  1. Danke für den sehr gut geschriebenen und aus meiner Sicht stimmigen Beitrag. Bleibt jetzt die Frage, wie kommen wir da raus?

    Nehmen wir mal die beiden Thesen als richtig an.

    a) Angst vor Kündigung, b) Das Unternehmen ist das Produkt

    Die These a) betrifft jeden einzelnen Menschen und die These b) ist ein Systemthema.

    Wäre es dann nicht doch besser zu sagen, statt an b) lieber an a) zu arbeiten? Kann #NewWork nicht auch den Menschen zeigen, dass Sie viel mehr Möglichkeiten haben, an sich zu arbeiten, an dem Unternehmen zu arbeiten oder auch ihr Leben zu verändern, wenn die Bedingungen nicht attraktiv sind?

    Ich bin der Meinung, dass gegenwärtig die Chancen steigen, dass Arbeit attraktiver wird oder attraktive Arbeit gefunden werden kann. Der Schlüssel dazu ist der Mut zur aktiven Veränderung.

    1. Ich verstehe diesen Ansatz glaube ich und halte ihn für völlig legitim, vielleicht sogar erfolgsversprechend.

      Ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Angst vor Arbeitslosigkeit sehr viel weit verbreiteter ist und psychologisch wie sozial tiefer geht, als wir manchmal meinen könnten. Sie z.B. diesen ausgezeichneten Radiobeitrag hier, der das Problem m.E. emotional sehr gut wiedergibt: https://www.youtube.com/watch?v=qB0eZg68IFE

      In Märkten, in denen die Marktmacht GANZ EINDEUTIG auf Seiten der Arbeitnehmer liegt, werden dann ja auch Arbeitnehmer bereits nicht nur hofiert, sondern auch menschlich gut behandelt, bekommen Freiheiten, Selbstbestimmung, agieren mehr als Mitunternehmer denn als Mitarbeiter.

      Das Problem ist nur: Wenn ich meine empirischen Einsichten aus meinen unzähligen Jobcoachings als repräsentativ annehmen würde, müsste ich sagen: Das ist ein SEHR kleiner Teil der arbeitenden Bevölkerung. Der aller größte Teil der Arbeitnehmer ist in Arbeitsmärkten tätig, wo zumindest die „gefühlte Marktmacht“ auf Seiten der Unternehmen liegt. Und diese Menschen haben meist von NewWork noch nie was gehört. Und wenn man ihnen was davon erzählt, lachen sie einen bestenfalls aus mit Blick auf die Erfahrungen, die sie in ihrer realen Arbeitswelt machen mussten.

      Ich glaube, dass wir, wenn wir das ändern wollen, eher an die Sozialgesetzgebung (SGBII und SGBIII) ran müssen. – Und dass DANN sich vieles in Unternehmen sehr organisch und „von alleine“ ganz anders gestalten wird.

      Nicht nur auf den wenigen „Inseln der Seligen“, sondern auf breiter Flur. Also auch für die Massen an Arbeitnehmern mit Mittelschulabschluss, für Arbeitnehmer im Service-Bereich, für Menschen mit ausbaufähigen Deutschkenntnissen, etc.

      Weil unsere Gesellschaft sie dann nicht mehr „mit Arbeitslosigkeit bedroht“.

      Die Angst vor Arbeitslosigkeit sitzt tief in Deutschland. Und das hat systemische Gründe. Z.T. auch historische: http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2018/01/nationalsozialismus-verbrecher-stigmata-volk-drittes-reich/komplettansicht

      Bei der Frage: „Wie kommen wir da raus“ glaube ich an die Effekte einer weiteren Demokratisierung unserer Gesellschaft. Also an die Weiterentwicklungen unserer politischen Institutionen, v.a. an die Einführung des demokratischen Losverfahrens auf allen Ebenen: Kommunal, regional, landesweit, auf Bundesebene, europaweit, irgendwann auch weltweit. – Daran arbeiten ja schon viele. Und jedem von uns steht frei, sich in die gleiche oder auch in eine andere Richtung politisch zu engagieren, so dass wir sinnvollere und zeitgemäßere politische Verfahren bekommen, die am Ende in einer besseren Sozial- und Unternehmensgesetztgebung resultieren. Einer, die Entfremdung nicht duldet und mit der wir uns nicht systematisch selber Angst machen. 😉

  2. Hi Ardalan, mich stört auch einiges an der New-Work-Diskussion. Ich finde Deine beiden Punkte sehr valide, allerdings glaube ich, Angst vor Arbeitslosigkeit greift zu kurz. Es ist Existenzangst und betrifft damit auch Selbstständige: Die Angst, ohne GELD nicht zu existieren. Was ja eigentlich Quatsch ist, aber wir „arbeiten“ uns unser ganzes Leben in diese Falle rein. Zum zweiten Punkt: Ich möchte mich mal für Deine vielen Buchtipps revanchieren. Lies unbedingt mal „Gemeinwohlökonomie“ von Christian Felber, gerade in einer aktualisierten Auflage erschienen. Mich beschäftgt das Buch sehr und es geht auf viele Aspekte ein, die mir bei New Work fehlen. Vor allem eine ganzheitliche Betrachtung der Gesellschaft über den Tellerrand der eigenen Firma hinaus. Vielleicht kennst Du es ja auch schon. 😛 Ich plane auch, das Thema nach Hannover zum nächsten Wevent (Thema Wirtschaft und Moral – wäre doch auch was für Dich?) mitzubringen. Falls nicht, müssen wir echt mal wieder telefonieren… Winke-winke nach München, Lydia

    1. Danke Dir, Lydia! – Ja, ich habe viele Kontakte auch in die Gemeinwohlökonomie-Bewegung hinein. Felbers Buch habe ich allerdings noch nicht gelesen. Früher habe ich das Wirk-Prinzip der GWÖ für mich eher abgelehnt (sehr verkürzt: „messbar gutes Unternehmertum wird mit Steuervergünstigungen belohnt“), weil mir das zu sehr extrinsische Motivation war und auch zu bürokratisch. Der Kontakt zu mehreren GWÖ-zertifizierten Unternehmen hat meine Ablehnung aber etwas aufgeweicht. Die waren alle intrinsisch motiviert zu einem Unternehmertum, dass externe Kosten des Unternehmens mit berücksichtigt. Die GWÖ-Zertifizierung haben sie als Selbstwahrnehmungs- und Selbststeuerungstool für sich genutzt. – Das war bei allen vier Unternehmen sehr beeindruckend für mich.

      Zur Existenzangst: Ja. Ich habe hier wahrscheinlich einen bias, weil ich ja fast täglich mit Menschen arbeite, die aus Unternehmen kommen oder in Unternehmen gehen. Allerdings habe ich auch viele Ex-Unternehmer im Coaching und auch Menschen, die sich selbständig machen wollen. Von daher kann ich bestätigen, dass nahezu alle Menschen die gleichen Ängste haben. Manchmal hat das fast eine absurde Note, also z.B. wenn ein Mensch in der Woche vor meinem Coaching 4 Vorstellungsgespräche hatte, in der Woche während unseren Coachings 2 und 3 weitere fest ausgemacht für die Folgewochen. Und dieser Mensch dann sehr ernsthaft signalisiert und sich auch nach dem Prinzip verhält: „Ich muss doch aber nehmen, was ich kriegen kann. Dem ersten, der mir zusagt, sage ich auch zu!“ – Ich subsumiere also unter „Angst vor Arbeitslosigkeit“ jegliche Angst, ohne Arbeit zu sein, egal ob die Arbeit in sogenannter „abhängiger oder selbständiger Beschäftigung“ fokussiert wird. – Vielleicht noch anonymisiert ein Coaching-Fall, der klar macht, dass bei uns heute eine irrationale Angst am Werk ist und wie weit das gehen kann: Ein Mensch, der indirekt mehrere Millionen auf dem Konto hatte, und nach eigener Aussage nie mehr wegen des Geldes hätte arbeiten müssen, hatte wegen seiner „gefühlten zukünftigen Arbeitslosigkeit“ so große Zukunfts-Ängste, dass darüber der eigene starke Kinderwunsch unterdrückt wurde. Der Mensch hatte zugleich ein gutes selbständiges Business am Laufen; im Coaching bei mir war er u.a. deswegen, weil das nicht mehr ganz so gut lief wie bisher (nicht mehr so viel neue Aufträge wie in den ersten 3 Jahren). Die Angst war erkennbar nicht-objektivierbar, sondern einfach nach dem Prinzip: „Wer nicht weiß, was er morgen arbeitet, darf sich auch nicht sicher fühlen.“ Für diesen Menschen hatte das recht dramatische private Folgen, also in dem Fall: Schmerzhafter Aufschub der Familiengründung.

      Und ja: Wir sollten echt mal wieder telefonieren! 🙂

      LG nach Berlin oder wo immer Du gerade in der Welt herumreist oder im Landleben herumkompostierst! 😉
      Ardalan

Comments are now closed.