Sobald Führung und Weisung ausfallen, oder sogar von uns aktiv und mit Vorsatz ausgeschlossen werden, und wir uns daher als Freie und Gleichwertige begegnen, müssen wir damit beginnen, einander zu gewinnen und zu überzeugen.

Und um das tun zu können, müssen wir zunächst denjenigen Menschen zuhören, die wir gewinnen und überzeugen wollen.

Es bleibt uns dann nur das Bitten, verbunden mit der klaren Artikulation unseres eigenen Wunsches und unserer eigenen Bedürftigkeit, um auf andere Menschen Einfluss zu nehmen, um sie zu einem Verhalten zu bewegen, „das uns entgegenkommt“. Dieses Nur-Bitten-Können und Auf-Erfüllung-Hoffen ist für uns in der Regel beängstigend für uns. Es fühlt sich nach Ohnmacht an. Nach Angewiesenheit. So gar nicht souverän.

Und dann ist es auch noch ein ganz besonders anspruchsvolles Bitten: Ein Bitten, das auch für den anderen Menschen verständnisvoll ist. Das wahrnimmt, dass der andere kein bedürfnisloser Gott ist, sondern „eben auch nur ein Mensch“, mit allem was dazu gehört: Schlechte Tage, schlechte Verfassung, blinde Flecken. Mit einem Körper und einer Seele eben. Nicht nur mit einem „reinen Geist, der stets nur auf das Gute gerichtet ist“.

Verständnisvolles Bitten erkennt die Menschlichkeit und Nicht-Engelhaftigkeit des Gebetenen an. Wir signalisieren dem anderen, dass wir darum wissen und würdigen, dass er ein Mensch aus Fleisch und Blut ist: Selbst bedürftig und veränderlich und situationsabhängig. – Und das in einem Moment, in dem wir unser eigene Bedürftigkeit vielleicht in ihrer drängendsten, unerträglichsten Form erleben. Also auch noch in solchen Momenten, in denen wir uns vielleicht auf den anderen absolut angewiesen und auf sein Wohlwollen angewiesen fühlen.

Genau diese Kombination aus Zuhören-Müssen, Über-Sich-Selbst-Klar-Sein-Müssen und Nur-Bitten-Können dürfen wir mit Thomas Gordon „machtlosen Einfluss“ nennen.

Jeder gute Coach kennt das. Jeder gute Coach weiß, was „machtloser Einfluss“ ist, denn er wendet ihn beinahe minütlich an. Er nutzt die Möglichkeiten, die uns Menschen die biologische Tatsache der emotionalen Resonanz bietet, aneinander anzukoppeln, uns sinnvoll miteinander zu verbinden und – eben – wechselseitig aufeinander Einfluss zu nehmen.

Auch jeder effektive Projektleiter kennt das. Also ein Projektleiter, der weder Weisungen einsetzen, noch sich die Macht von Weisungsbefugten „ausleihen“ kann. Und der das auch gar nicht muss, um andere zur sinnvollen Zusammenarbeit am gemeinsamen Projekt zu bewegen.

All das, dieses spezifische Verhältnis, zu dem wir Menschen fähig sind, öffnet den Raum des Politischen. Wir könnten sogar sagen: Dieses spezifische Verhältnis ist der Raum des Politischen.

Dieser Gedanke: Dass wir den anderen nicht zwingen können, dass wir es für uns ausschließen, den anderen zu zwingen, wenn wir persönliche Not verspüren, dieser Gedanke macht uns Angst.

Es ist schwer diesen persönlichen Ausschluss von Zwang durch zu halten. Es fühlt sich beinahe an wie Atemnot, wie Ertrinken. Auf jeden Fall wie Hilflosigkeit und Ohnmacht. Existentiell. Bedrohlich.

Zugleich ist genau das die Bedingung für ein freies Zusammenleben. Es ist Daseins-Bedingung für den Raum des Politischen.

Von einem bestehenden Raum des Politischen aus gesehen, in dem wir uns als freie und gleiche Bürger auf grundsätzlich Augenhöhe begegnen, können wir auch rückblickend klarer erkennen, was jene „Führung“ und „Weisung“ alles ausgeschlossen hat – Es sind eben jene Dinge, die notwendig werden, wenn man Führung und Weisung  wechselseitig ausgeschlossen hat:

Wir müssen einander dann wechselseitig zuhören. – Weil wir dann anders nicht mehr aufeinander Einfluss nehmen können.

Wir müssen dann klarer werden in der Artikulation unseres Bedürfens, Wollens und Bittens. – Weil wir es dann anders nicht mehr bekommen, was wir brauchen.

Erst wenn wir „Führung“ und „Weisung“ ausschließen bekommen wir das. Wir müssen uns erst etwas verbieten, damit wir etwas Besseres bekommen.

Der Ausschluss von Macht: Von Einflussnahme auf den anderen durch Belohnen und Bestrafen, dieser Ausschluss ist ein Selbstzwang zu einem Verhalten, in dem wir bekommen, was wir brauchen, ohne dass wir dabei die Beziehungen zu unseren Mitmenschen = Mitbürgern systematisch beschädigen.

Und als nicht-persönliche, sondern kollektive Entscheidung: Indem wir gemeinsam den Raum des Politischen für uns alle öffnen, ist es kollektiver Selbstzwang zu kollektivem guten Umgang miteinander.

Der Raum des Politischen ist deswegen so fundamental „lösend“ und ein solch drastischer Umschwung der gesellschaftlichen Atmosphäre, weil er uns von unserem kurzfristig effektiven Verhalten befreit. Von einem Verhalten, dass uns – oft auf subtile, schwer greifbare Weise – mittelfristig auf die Füße fällt:

Wir zwingen andere, das zu tun, was wir gerade wollen. – Und dann wundern wir uns, warum die gesellschaftliche Atmosphäre so vergiftet ist. Warum wir selbst permanent in Selbstschutz-Verhalten investieren müssen, also in Verhalten, mit dem wir uns selbst vor Gezwungen-Werden-Können schützen.

Der Raum des Politischen als Raum Freier und Gleicher ist ein Raum, in dem wir uns dieses Zwang-Verhalten verbieten. Gleich von wem es kommt. Auch wenn es von uns selbst kommt. Auch wenn wir gute Gründe dafür zu haben meinen.

Der Raum des Politischen ist eine kollektive Setzung, die wir alle gleichzeitig vornehmen.

Doch warum sollten wir so etwas tun? Warum überhaupt sollten wir so eine merkwürdige gemeinsame Setzung vornehmen? – Die Antwort ist einfach: Weil es sich für uns alle lohnt. Auch für den Vermögendsten und den Mächtigsten unter uns.

Das heißt auch: Der Raum des Politischen ist „magisch“: Von einem Moment auf den anderen ist er „plötzlich“ da. Und dass er da ist, ändert alles, auf kaum vorstellbare Weise, wenn man „Politik“ vom un- oder vorpolitischen Raum aus denkt.

Allerdings ist es eine sehr menschliche Magie. Sie nutzt den Zauber, der ganz natürlich in uns steckt, so wie wir nunmal so sind, wie wir Menschen von Natur aus angelegt sind.

Und mal ehrlich: Dieses Zauberhafte an uns nicht zu nutzen, die drastische Art, wie wir uns auch gemeinsam zum Guten hin wandeln können durch solche Setzungen – das ist einfach nur blöde.