Wir leben in einer Gesellschaft, die große Vielfalt und Unterschiede zwischen uns als Menschen und Bürger zulässt.

Diese Vielfalt macht eine Stärke unserer Gesellschaft aus. Und auch ein Glück für jeden Einzelnen von uns: Der Anpassungsdruck ist geringer als in einer homogenen Gesellschaft, die Zugehörigkeit über Gleichförmigkeit herstellt und Unterschiede daher unterdrücken oder verleugnen muss.

Unsere Vielfalt hat aber auch einen Preis: Sie ist anstrengend. Und schlimmer noch: Sie schafft gesellschaftliche Ghettos. Und das nicht als Ausnahme, sondern als Normalzustand. Es gibt Reichenghettos, es gibt Armenghettos, es gibt Introvertiertenghettos, es gibt Extrovertiertenghettos, es gibt Frauenghettos, es gibt Männerghettos, es gibt Ghettos für Menschen mit Kindern und solche für Menschen ohne Kinder, es gibt Jungenghettos, es gibt Altenghettos, usw. usf. – Weil es angenehmer und weniger anstrengend für uns ist, Menschen zu begegnen, „mit denen wir uns unmittelbar verstehen“, bildet gerade so eine vielfältige Gesellschaft wie die unsere viele Biotope und Milieus aus, die sich nach dem Prinzip „gleich zu gleich gesellt sich gern“ zusammenfinden und zusammenhalten.

Diese weitgehend getrennten sozialen Biotope, in denen wir alle heute leben, sind nicht zwingend räumlicher Art (obwohl auch oft das zutrifft), sondern in erster Linie beziehungsmäßiger: Wir haben in Beruf, Familie und Freundeskreis ganz überwiegend mit Menschen zu tun, die uns ausgesprochen ähnlich sind. Vor allem haben wir aber mit sehr vielen Menschen unserer Gesellschaft keinerlei tiefgehenderen Beziehungen, die uns ausgesprochen unähnlich sind. Gehaltvolle Gespräche über den oberflächlichen Tausch von Dienstleistungen und Waren hinaus finden zwischen uns und diesen Menschen nicht statt, obwohl diese Menschen zugleich unsere Mitbürger sind. Menschen, mit denen wir ein einer Gesellschaft zusammenleben. Mit denen wir politisch die gemeinsamen Dinge zu regeln versuchen, die „res publica“. Mit anderen Worten: Wir leben in einer tief in-sich-gespaltenen Gesellschaft, der es an bürgerschaftlicher Verbundenheit fehlt, ohne dass das irgendjemandes schuld wäre. Es ist schlicht unsere Menschlichkeit und Liberalität, die uns auf völlig natürliche Weise auseinander bringt und in weitgehend unverbunden sozialen Welten leben lässt. Wir suchen alle das für uns angenehme Leben und leben dadurch alle in getrennten Lebenswelten.

Das alles wäre in zwei Fällen völlig unproblematisch, die aber beide nicht „unser Fall“ sind:

1.) Wenn diese Ghettos jeweils völlig autark wären und das, was in ihnen geschieht, Menschen in anderen Ghettos überhaupt nicht berühren und beeinflussen würde. – Diese Situation ist möglicherweise die der Stämme gewesen, in denen die Gattung Homo Sapiens einmal die Savannen und Steppen dieser Erde durchstreift hat. Dünn besiedeltes Gebiet, jeder Stamm eine Welt für sich. Berührungspunkt: Wenige. Wenn, dann wohl katastrophal, ähnlich wie Naturgewalten füreinander, aber nicht wie Menschen.

2.) Wenn diese Ghettos einen Ausgleich zur Abschottung gegeneinander hätten: Einen Ort, an dem sich völlig verschiedenartige Menschen regelmäßig begegnen, frei austauschen und so wieder mehr übereinander erfahren. Vielleicht auch: heimliche oder unheimliche Ähnlichkeiten zwischeneinander entdecken können, so dass freundschaftliche Verbundenheit miteinander entstehen und gepflegt werden kann.

Wir haben also eine überaus bejahenswerte „liberale“ Gesellschaft geschaffen zu einem viel zu hohen, unmenschlichen Preis: Die Verbundenheit, derer wir als Bürger eines Gemeinwesens bedürfen, fehlt uns. Sie fehlt uns schmerzhaft. Sie fehlt uns auf eine zunehmend beängstigende, mörderische Weise.

Es kann für uns kaum darum gehen, den Liberalismus zu negieren. Wohl aber darum, in ihn das fehlende Element wieder einzuführen. Zu Realisieren, dass wir tatsächlich das sprichwörtliche Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben: Freiheit ohne Verbundenheit.

Und zunehmend realisieren wir auch, dass Freiheit ohne Verbundenheit ebensowenig echte Freiheit ist, wie unfreie Verbundenheit echte Verbundenheitsgefühle hervorrufen kann. Beide Größen sind aufeinander fundamental angewiesen, um im menschlichen Zusammenleben einen spürbaren, nicht nur aufgesetzten oder vorgetäuschten Platz zu haben.

Wie aber nun bekommen wir eine Verbindung zwischen all den Ghettos, in denen wir unser Alltagsleben verbringen?

Mein bis zum Erbrechen wiederholter Vorschlag dafür ist: Die Einführung des Losverfahrens als notwendige Ergänzung unserer Demokratie, unserer Politik, unserer Gesellschaft.

Denn das Losverfahren ist genau das: Indem es uns über das Prinzip des Zufalls „zusammenmischt“, schmelzen zugleich jene von uns errichteten gesellschaftlichen Wände in sich zusammen. Wir begegnen dann in „Bürgerkonventen“ Menschen, denen wir sonst in unserem Alltag kaum noch begegnen.

Und mehr noch: Wir begegnen ihnen nicht nur, wir haben gehaltvolle Gespräche und Austausch miteinander. Wir entdecken uns neu. Als Bürger. Als miteinander zusammenlebende Menschen, die sich faktisch heute kaum kennen, die sich in solchen Bürgerversammlungen aber regelmäßig kennenlernen können.

Diese Bürgerkonvente sind also Selbstzweck und politische Entscheidungsorte zugleich: Indem wir dort politisch Relevantes, Wirksames und Verbindliches stattfinden lassen, gibt es überhaupt für alle Bürger einen Grund, dort zu sein und sich darauf einzulassen.

Und die Verbindlichkeit der dort getroffenen Entscheidungen bei gleichzeitiger Machtlosigkeit zwingt uns, uns „wildfremden Menschen“, die zufällig unsere Mitbürger sind, offen zu zeigen, was uns bewegt, was für uns wichtig ist, was wir brauchen, was wir unsere Mitbürger bitten, bei unserer gemeinsamen Entscheidung zu bedenken und zu berücksichtigen.

Geloste Bürgerversammlungen sind Orte gesellschaftlicher Empathie, politischer Verständigung, gesellschaftlichen Ausgleichs, politischer Versöhnung.

Indem dort zusammenkommt, was sonst nirgendwo mehr zusammenkommt, entsteht Verbundenheit der Bürger als Bürger.

Fehlen in einer so verschiedenartigen, vielfältigen, ghettoisierten Gesellschaft wie der unseren Losverfahren und Bürgerkonvente, dürfen wir uns über die zunehmenden Zentrifugalkräfte und das wachsende wechselseitige Unverständnis allüberall in der Gesellschaft eigentlich nicht wundern.

Da können wir noch so oft „die Tugend des demokratischen Austauschs von Argumenten“ beschwören: Jede weitere Debatte vertieft nur die Gräben, erhöht nur die Mauern zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die einander nicht verstehen, weil sie sich aus der Distanz heraus auch gar nicht verstehen können.

„Debatte“ bedeutet: „Wir wollen einander nicht zuhören. Wir wollen uns durchsetzen!

Bürgerkonvente im Losverfahren sind aber eben kein Ort „der Debatte“, sondern Orte des Dialogs. Orte, an denen jenes Verstehen und Sich-mit-sich-selbst-Verbinden stattfindet, das an keinem anderen Ort in einer liberalen Gesellschaft stattfinden kann.

Es ist wichtig für uns, dass wir diesen Unterschied zwische Debatte und Dialog sehr klar haben, wenn wir über die Weitentwicklung und Evolution unserer Demokratie sprechen.

Debatte ist ein Gegeneinander.

Dialog ein Miteinander.

Debatte schließt nur Bestimmte ein.

Dialog schließt alle ein.

Debatte ist medial vermittelt sehr gut möglich.

Dialog ist nur „live und in körperlicher Resonanz“ möglich.

Debatte lässt unser Meinen unverändert. Sie verhärtet uns nur.

Dialog verändert unser Denken. Er öffnet uns für Neues.

Wenn wir das Potential abzuschätzen versuchen, das geloste Bürgerversammlungen für unsere demokratische Gesellschaft haben, sollten wir nicht von dem ausgehen, was wir sehr gut kennen („politische Debatten“), sondern von dem, was uns bisher in unserer Gesellschaft völlig fehlt: Politischer Dialog unter Einschluss aller Bürger.

Man muss kein Prophet sein, um zu realisieren, dass das Losverfahren, das auf den Live-Kontakt eines annähernd repräsentativen Samples aus der Gesamtbevölkerung setzt, völlig andere, neuartige Effekte auf unsere politische Kultur und unsere demokratisches Gemeinswesen hat als alles, was wir bisher kennen.

Ob diese Effekte tatsächlich derart positiv und heilsam sind, wie ich und einige andere denken, wird sich zeigen, wenn wir davon viel mehr ausprobieren und erproben. Gerne auch skeptisch und kritisch prüfend. – Aber bitte ernsthaft und nicht als demokratisches Feigenblatt und politisches Alibi einer Zuschauerdemokratie, die glaubt, dass sie sich nicht weiterentwickeln müsste, sondern einfach weitermachen könne wie gewohnt…

 

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