Eine Welt, in der wir Märtyrer, Jessuse, Buddhas oder Helden werden müssen, um Dinge zum Guten voranzubringen, ist eine Welt, in der etwas falsch läuft.

Also so falsch, dass es Märtyrer, Jessuse, Buddhas oder Helden mit all ihrer Selbst-Aufopferung nicht in Ordnung bringen können.

Denn heldenhafter Einsatz und Sich-Opfern für die gute Sache: Das ist zwar alles sehr romantisch und taugt gut für Filme oder Romane.

In der wirklichen Welt ist Bedarf an Heldentum und Märtyrern, die sich Aufopfern im Dienst für das Richtige, in Hingabe an das „was eben getan werden muss“, IMMER ein ganz eindeutiger Imperativ, nicht mitzuspielen, sondern das Spiel selbst zu verändern.

Wir brauchen keine edelmütigen Helden, die das Gute wollen, sondern institutionelle, pragmatische Reformen: Andere Gesetze, neue Spielregeln, bessere politische Verfahren.

Das gilt für Kleingruppen & Familien genauso wie für ganze Unternehmen & Städte. Und erst recht gilt es für halb anonyme Großgesellschaften & Staaten.

Dieser Gedanke: Dass scheinbarer Märtyrerbedarf in Wirklichkeit ein klarer Hinweis auf institutionellen Reformbedarf ist, dieser Gedanke ist nicht neu. Wir finden ihn in Hegels Rechtsphilosophie. Und wir finden ihn in Thomas Hobbes‘ „Leviathan“, im 13. Kapitel.

Wir können diesen Gedanken jedoch heute systematisieren und operationalisieren, d.h. wir können ihn recht praktisch auffassen und unmittelbar umsetzen.

Und wir können sagen:

„Das Ziel JEDER politischen Reform ist es, dass die märtyrerartigen Opfer für die gute Sache WENIGER werden!

Dass sich Menschen nicht ihr Leben oder ihr Wohlergehen opfern müssen, damit das menschliche Leben dadurch verbessert werde!

(Oder mit Freud:)

Wo Märtyrertum war, sollen bessere gesellschaftliche Institutionen werden!“

Wir können heute deutlicher wahrnehmen als viele menschliche Generationen vor uns, dass solche institutionellen Reformen, die das menschliche Leben mit sich selbst versöhnen, d.h. die es besser mit sich selbst abstimmen, d.h. die es besser mit sich selbst in Verbindung bringen, JEDERZEIT im Bereich unserer Möglichkeiten liegen.

Diese jederzeitige Reformierbarkeit der gesellschaftlichen Institutionen hin zum Menschlicheren ist das, was eine wahrhaft politische Kultur kennzeichnet. Es ist auch das, was einer solchen Kultur ihre ganz besondere Würde verleiht. Es ist das, was die Demokratie ganz besonders auszeichnet unter allen möglichen und denkbaren Formen des menschlichen Zusammenlebens.

 

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