Die Publizistin und Politikwissenschaftlerin Ute Scheub hat eine wunderbare Metapher dafür geschaffen, worum es bei Demokratie geht und worin sie besteht.

Eine Metapher, von der ich mir mitunter gar nicht sicher bin, ob es sich bei ihr wirklich um eine Metapher handelt oder nicht vielmehr um „literal truth“.

Die Resonanz-Theorie des Soziologen Hartmut Rosa aufgreifend spricht Scheub von „der musikalischen Demokratie“.

Und das können wir eben auch sehr wörtlich nehmen. Die Menschheit auf dem Planeten Erde bildet möglicherweise – ob es ihr nun gefällt oder nicht – einen einzigen, gewaltigen Resonanzkörper.

Einen, v.a. Dingen, emotionalen Resonanzkörper.

Diesen globalen emotionalen menschlichen Resonanzkörper würdigend können wir zweierlei annehmen:

1.) Die Lüge des solipsistischen Liberalismus

Die große Lüge des unverbundenen Liberalismus ist es gewesen, genau das völlig auszublenden und sogar offen zu verleugnen: Dass wir emotional miteinander verbunden sind und miteinander als Körper „resonieren“, ob wir das wollen oder nicht.

Dass wir bei allem, worüber wir die individuelle Wahl haben, nicht die Wahl haben, emotional nicht miteinander in Resonanz zu sein.

Dass wir, was emotional-körperlich-menschliche Verbundenheit angeht, von einer Unverfügbarkeit ausgehen müssen.

Dass emotionale Resonanz ein unaustilgbarer Bestandteil der conditio humana ist.

Und das alles bedeutet zugleich auch:

Die Lebensphilosophie wie Gesellschaftsphilosophie des „Ein jeder ist für sich allein seines Glückes und Unglückes Schmied!“ ist eine einzige unglückliche Lüge.

Es ist nicht möglich „für sich“ glücklich oder unglücklich zu sein. – Mein Glück oder Unglück hat unweigerlich Folgen für andere Menschen. Und das Glück oder Unglück anderer hat für mich unweigerlich emotional bedeutsame Folgen.

Es gibt so etwas wie eine „emotionale menschliche Wahrheit“, die zugleich immer auch eine „zwischenmenschliche emotionale Wahrheit“ ist.

Einsame Inseln des menschlichen Glücks wie des menschlichen Unglücks sind ein reiner Wunschtraum, keine irdische Realität.

Wir können also mit einigem Grund behaupten, dass es ein gemeinsames Glücks- und Unglücksniveau der Menschheit gibt. – Und dass wir dieses Niveau gemeinsam anheben und absenken können. – Und niemals allein.

Glück und Unglück sind keine invidividuellen Kategorien, wie wir oft meinen. Es sind politische Kategorien.

Denn der Einzelne, jeder von uns, noch der Gewaltigste unter uns, ist nur ein geradezu lächerlich winziges Körperteilchen im gewaltigen Menschheitskörper, von dem jeder von uns – unkündbar! – Bestandteil ist.

Mögen wir gerade noch so laut tönen, im wahren Konzert der Körper fallen wir als Einzelne kaum ins Gewicht. Das Gesamte bestimmt unser Glücks- und Unglücksniveau. Wir bestimmen nicht das Glücks- und Unglücksniveau des Gesamten. – Zumindest nicht als Einzelne, nicht als private, unpolitische Wesen.

2.) Der Politische Raum als Resonanz-Raum

Wenn dies aber so ist: Wenn wir als Gesellschaft eine einzige Gemeinschaft bilden, in der der emotionale Zustand jedes Einzelnen – ob bewusst wahrgenommen oder nicht – für alle anderen Mitmenschen emotional bedeutsam ist, braucht auch jeder einzelne von uns eine für uns alle gut hörbare politische Stimme.

Dann ist der Resonanz-Raum des Politischen die bloße Bewusstmachung einer gesellschaftlichen Resonanz, die ohnehin immer am Werk ist, die die ganze Zeit über ertönt, ober wir nun gerade bewusst hinhören, weghören oder einfach abgelenkt sind.

Wir schwingen miteinander die ganze Zeit mit. Doch die Musik alleine zu gestalten, das überfordert noch den stärksten und eingebildetsten „Führer“, der glaubt, diesem riesigen Musikinstrument namens Menschheit einen Takt vorgeben zu können.

Nur gemeinsam, indem wir einander im Raum des Politischen erkennbar zuhören, indem wir den Gefühlen hinter den vermeintlich „sachlichen“ Einwänden nachlauschen (bei uns und bei unseren Mitbürgern), nur indem wir emotional sehr genau hinhören, kommt so etwas wie gemeinsame Gestaltbarkeit in die Gesellschaft.

Eben das meint, eben das ist Demokratie:

Die Anerkennung, dass die Gestaltbarkeit des ohnehin sich ständig ereignenden Gesellschaftskonzerts nur unter bewusster Wahrnehmung aller gelingen kann.

Indem wir uns im Politischen selbst einen Raum geben, in dem wir die emotionale Bedeutung, die jeder von uns für allen anderen hat, würdigen, indem wir der Stimme jedes Einzelnen sehr bewusst und sehr genau lauschen, werden wir überhaupt erst zu „Mitbürgern“.

Der Raum des Politischen entsteht aus dem vorsätzlichen institutionellen Einschluss aller in einem bewussten Resonanzraum. Einen Raum, den wir uns künstlich schaffen, weil wir ihn brauchen, um Gestaltbarkeit zu erreichen.

Da wir heute kaum alle an einem Ort zu einem Chor zusammenkommen können, brauchen wir dafür: Die Zufallsauswahl, ein „Sample“, das uns wirklich repräsentiert, ein repräsentatives „Mini-Volk“.

In mithilfe des Zufalls ausgelosten Bürgerkonventen können wir auf sinnvolle Art das Stück gemeinsam be-stimmen, das sich ergibt, wenn wir unsere unweigerlich gegebene allgemeine emotionale Resonanz regelmäßig ganz bewusst wahrnehmen. Anstatt – wie ohne solche ausgelosten Bürgerkonvente – nur unbewusst, chaotisch und rein passiv.

Denn keiner von uns, auch der Schlauste nicht und auch der Empathischste nicht, kann alleine, „aus sich heraus“ wissen, was gerade für Taktänderungen oder Tonartwechsel dran sind im Menschheitskonzert.

Keiner von uns, überhaupt kein Einzelner taugt im ständig stattfindenden Konzert der menschlichen Gesellschaft zum „Komponisten“ oder zum „Dirigenten“.

Wenn wir das anerkennen und uns dafür taugliche Institutionen schaffen, dann sind wir „Demokraten“.

Die sogenannte „Richtlinienkompetenz“ kann immer nur in unser aller Hände liegen, niemals in der Hand eines Einzelnen oder nur Einiger.

Der sogenannte „Ausnahmezustand“: Krieg und Katastrophen sind die bekannten undemokratischen Grenzwerte.

Krieg und Katastrophen sind seit jeher die unangestrebten Enden und Ränder der Demokratie: Disharmonien, die kein Teil eines bewusst gestalteten gemeinsamen Konzerts der Verschiedenen sind, sondern die sich immer nur noch „ereignen“.

Nur ein idiotischer Narr würde aber den Krieg gesellschaftlich auf Dauer stellen wollen, so dass allgemeine Fremdbestimmung herrscht: Ein vorsätzlich erzeugter Riss in jedem einzelnen Instrument, das wir selber sind, eine Feier und Bagatellisierung des Missklangs, ein Tröten und Pauken ohne Ahnung von Tuten und Blasen.

 

 

 

Advertisements