Die Perspektive von Menschen ohne oder mit geringem Vermögen auf Reichtum ist nicht selten wie folgt:

„Reichtum macht doch frei! Was können denn die Reichen für ein Interesse an echter Demokratie haben!? Die haben ja über ihren Reichtum schon alles, was sie sich nur wünschen können!“

Nach meiner Einschätzung ist das ein Irrtum aus Unkenntnis. Ein gut nachvollziehbarer Irrtum, aber auch ein fataler Irrtum, wenn wir miteinander über eine weitere Demokratisierung unserer Gesellschaft sprechen wollen.

Zum Tourismus verurteilt

Die Unfreiheit vermögender Menschen wird nicht wahrgenommen oder nicht angenommen. Aus der Ferne sieht man nämlich nur den Glimmer der Hochglanzmagazine. Und dass sich Reiche von Ärmeren bewusst fernhalten und Ferne aufbauen, aus der man ihre Unfreiheit als weniger vermögender Mensch kaum mehr wahrnehmen kann, hat auch seine Gründe. Und ist Teil des Problems.

Doch auch ohne die Einführung des Losverfahrens, durch das sich Bürger aller Vermögensverhältnisse als Freie und Gleiche begegnen und unmittelbarere Erfahrungen miteinander machen als das vermittelt über Medien jemals möglich sein kann, gibt es ein Gedankenexperiment, das uns als Unvermögendere vielleicht einen kleinen Vorgeschmack auf das gibt, was sich uns zeigt, wenn wir die Möglichkeit erhalten, mit sehr reichen Menschen vertraut und vertraulich zu sprechen.

Zumindest als ärmere Menschen in unseren Breiten und Längen haben wir eine Möglichkeit, die Unfreiheit zu schmecken, die eine große Vermögensungleichheit dem Menschen oben auf der Wippe aufbürdet. Diese Möglichkeit ist der Tourismus: Das Reisen in Länder mit noch deutlich unvermögenderen Menschen, im Verhältnis zu denen wir „superreich“ sind.

Denn Reichtum ist wie Tourismus, aus dem man kaum aussteigen kann:

Du gehörst nie wirklich dazu, bist vom „wahren Leben“ abgeschnitten.

Alle wollen was von Dir. Und zwar nicht, weil Du Du bist, sondern weil Du reich bist. Alle Komplimente, alle Kontaktaufnahmen zu Dir sind für die anderen nur „Mittel zum Zweck“. Du bist eine wandelnde „Cash Cow“.

Du lebst in Angst vor Gewalt gegen den Eigentum, gegen Dein Leben, gegen Deine Lieben. In Angst auch davor, belogen, betrogen und „ausgenutzt“ zu werden.

Reichtum macht Dich hart und unempathisch. – Und das ganz einfach deswegen, weil Du es als vermögender Mensch einfach zu oft bereuen musst, wenn Du weichherzig und empathisch bist.

Dies alles ist für uns Unvermögendere die meiste Zeit über unsichtbar, unspürbar: Wir sehen nur den Glamour, wir sehen nur „die Macht“ des Vermögens.

Wir fühlen nicht, wie es sich in Wirklichkeit anfühlt, vermögend zu sein. Wir träumen „Reichtum“ mehr als dass wir ihn wahrnehmen in seiner menschlichen Realität, in seiner Bedeutung für uns Menschen. Wie auch? Wir sind ja ständig in der Position des materiellen Mangels. Des „ach, alles wäre soviel leichter, mit nur etwas mehr Geld“.

Das fehlende Angebot unserer Gesellschaft an die Vermögenderen

Wenn aber nun Vermögensungleichheit auch so ein Übel für die deutlich Vermögenderen unter uns ist, wie wir hier behaupten, ist ja die Frage, warum Reiche ihren Reichtum nicht einfach verschenken? Oder warum sie sich nur vereinzelt und nicht massenweise politisch stark machen für eine Gesellschaft, die ökonomische Unterschiede deutlich stärker ausgleicht als unsere derzeitige das tut? – Immer wieder sind ja solche Rufe aus dem Kreis der Vermögenden zu hören, während gleichzeitig intensive Lobbyarbeit zugunsten von noch weiter steigender Vermögensungleichheit betrieben wird.

Zum einen: Wir sollten hinschauen, in was für einer Welt sich vermögende subjektiv bewegen. Von was genau sie „umlagert“ sind, sich „umlagert finden“. Das kann man eine existenzielle Perspektive des Reich-Seins nennen. Zu dieser Perspektive finden wir Zugang, wenn wir Menschen wie Ise Bosch einfach mal gut zuhören. Denn sie macht seit Jahren für uns gut sichtbar, wie diese Welt aussieht, wie sie sich anfühlt und welchen Anreizen und Zwängen sie die vermögenderen Menschen unter uns aussetzt.

Verkürzt gesprochen macht unsere Gesellschaft vermögenderen Menschen kein akzeptables Angebot, „etwas von ihrem Vermögen abzugeben“.

Denn in einer Gesellschaft die obsessiv „verlieren oder gewinnen“ spielt und die dieses Spiel völlig ungebrochen in Kraft hält, ist die subjektiv-ethische Lösung „Ich verschenke jetzt einfach mal was von meinem überbordenden Reichtum“ keine Lösung für den Wunsch nach Gleichwertigkeit und Augenhöhe mit den eigenen Mitmenschen und Mitbürgern.

Verschenken heißt dann nämlich bloß: Ich wechsle selber ein Stück weit auf die Verlierer-Seite.

Augenhöhe entsteht so nicht. Es findet nur ein personaler Austausch der Positionen statt. Die Machtpositionen selbst bleiben in Kraft. „Oben und unten“ bleibt ungebrochen.

In einem Spiel, in dem es um „Gewinnen und Verlieren“ geht, ist es hochgradig unattraktiv, „etwas abzugeben“.

Wenn wir uns dazu verurteilen, ein Leben lang „Monopoly“ miteinander zu spielen, können wir kaum erwarten, dass andere ihre Straßen und Hotels verschenken, auch wenn das Spiel wegen seiner Eigendynamik immer größerer Ungleichheit schon längst allen Beteiligten keinen Spaß mehr macht. – Den Verschuldeten ebensowenig wie den Überreichen.

Auch unsere vielen „Wettkampf-Spiele“, in die unsere Gesellschaft nach wie vor vernarrt ist, leben davon, dass es Wettkampf auf Augenhöhe ist. Gewinnt eine Mannschaft zum 6. Mal die Meisterschaft hintereinander, erlahmt das Interesse nach und nach. Zu groß der allgemeine Frust, zu absehbar „der Ausgang“.

Es können also nie Individual-Lösungen sein, die hier Abhilfe schaffen. Es braucht institutionelle Lösungen.

Da wir uns bereits auf einer Meta-Ebene befinden: Da wir bereits einen Staat geschaffen haben, der eigentlich all zu großen Vermögensungleichheiten entgegenwirken soll, der dies aber genau deswegen nicht kann, weil eben auch auf den Staat vermögendere Bürger deutlich mehr Zugriff haben als unvermögendere Bürger – und auch das wieder: ob die Vermögenden das wollen oder nicht! – braucht es einen tiefgreifenderen institutionellen Wandel in unserer Demokratie.

Allgemeine Freiheit durch die klare Trennung: Privat ungleich mächtig, politisch gleich mächtig

Ich persönlich glaube nicht, dass wir, um die Dinge wieder zur allgemeinen Zufriedenheit ins Lot zu bringen, „ein großes Umverteilungsprogramm“ anstreben müssen oder sollten.

Ich glaube vielmehr, dass wir zu dem Zweck des gesellschaftlichen und demokratisch einvernehmlichen Ausgleichs eine politische Institution schaffen müssen, in der sich Arme und Reiche wieder systematisch und regelmäßig begegnen, sich über ihre Leben unmittelbar austauschen und dann Gesetzesneuerungen gemeinsam beraten und miteinander beschließen.

Sprich: Ich traue demokratisch, durch Los bestellten Bürgerkonventen zu, dass sie das Vermögensungleichheitsproblem in unserer Gesellschaft sehr organisch auflösen werden. Wenn wir ihnen Macht über unsere Gesetze geben. Wenn da Reiche und Arme als Mitbürger zusammen sind und nicht als „Lobbygruppen“ für verschiedene Interessen, die unlösbar aufeinanderprallen. Indem wir das Parteiprinzip in unseren Parlamenten ad acta legen und das Unmittelbarkeits- und Gewissensentscheidungsprinzip bewusst betonen, bekommen wir wirklich so weit einvernehmliche politische Entscheidungen, dass sie von Gruppen mit faktisch sehr unterschiedlichen Interessen in ihren faktisch sehr unterschiedlichen Alltagen mitgetragen werden.

Wir brauchen nicht zwingend Vermögensgleichheit. Aber wir brauchen zwingend eine Angleichung der politisch-demokratischen Gleichheit. Die Vermögensungleichheit im Privaten darf auf keinen Fall in den politischen Raum hineingespiegelt werden.

Doch genau das ist – entgegen unseren Absichten – in unserem derzeitigen politischen System, mit unseren derzeitigen Institutionen und Verfahren leider der Fall: Die ökonomische Ungleichheit schlägt auf die politische Gleichheit durch und unterteilt uns in „Bürger erster und zweiter und dritter Klasse“.

Und genau das – und nicht die Vermögensungleichheit an sich – macht uns alle unfrei. Auf sehr unterschiedliche Weise unfrei. Aber doch gleichermaßen unfrei.

Wir müssen die gegebene Unfreiheit auf allen Seiten wahrnehmen, um ihr demokratisch wirksam abhelfen zu können.

Wie gesagt: Ich traue dem demokratischen Losverfahren diese „Wunderdinge“ zu. Und wem es schwer fällt, dieses institutionelle Vertrauen und diesen demokratischen Glauben zu teilen, dem möchte ich gerne sagen: „Lass es uns einfach ausprobieren. Dann werden wir ja merken, was geschieht. Haben wir wirklich so viel zu verlieren, dass wir derart verkrampft an überkommenen politischen Verfahren festhalten, obgleich ihre menschlichen Auswirkungen so spürbar beklemmend sind für uns alle?“

Wir müssen keine Touristen und Zuschauer sein im Land der Politik. Wir können alle gleichermaßen Mitbürger werden. Und das heißt: Alle gleichwichtige Mitgestalter unseres Gemeinwesens, das wir miteinander teilen, das wir gemeinsam mit Leben füllen. Und dabei in gutem Kontakt miteinander. Auch über große Vermögensunterschiede hinweg.

Weil wir „eine zweite Ebene“ aufmachen: Die Politische. In der wir als Bürger alle gleichermaßen wichtig, alle gleichermaßen frei, aller gleichermaßen bestimmend sind. Als Bürger können wir uns auf Augenhöhe begegnen. In der es so etwas wie echten, nicht aufgesetzten „Bürgerstolz“ gibt, selbst in vergleichsweise großer Armut. Weil man sich als mitbestimmend erlebt, nicht nur denkt.

Dazu müssen wir „nur“ dafür sorgen, dass die Vermögensunterschiede nicht in den politischen Raum hineinspielen. Wir müssen den politischen Raum vor unserer unterschiedlichen privaten Macht schützen und abschirmen. Wir müssen ihn nicht vor unserer menschlichen Unterschiedlichkeit schützen. Denn die ist für eine Demokratie nicht nur wertvoll, sondern unverzichtbar. Aber wir müssen den Raum des Politischen vor unserer Macht- und Vermögensungleichheit schützen.

Denn ob wir das tun oder nicht, das macht einen ganz gewaltigen Unterschied. Ohne diesen ganz besonderen Raum des Politischen sind wir alle gemeinsam unfrei. Mit diesem ganz besonderen Raum werden wir alle gemeinsam frei.

Noch haben wir diesen Unterschied nicht. Höchstens ansatzweise. Aber wo Prä-Demokratie ist, kann durchaus echte, spürbare Demokratie werden.

Wir haben alle ein gemeinsames Interesse daran.