Disclaimer: In diesem Artikel habe ich einen Begriff von „Politischem Liberalismus“ verwendet, den ich mittlerweile nicht mehr benutze. Im folgenden Artikel ist „Politischer Liberalismus“ ausschließlich verstanden als politische Ordnung, die politisches Engagement der privaten Entscheidung jedes einzelnen Menschen überlässt. Dass es auch ein positives, politisches Verständnis von „Politischer Liberalismus“ gibt, das weitgehend mit voll ausgebildeter Demokratie identisch ist und das aus den im folgenden Artikel beschriebenen Annahmen heraus alle Bürger als Aktive in die Politik einbindet, habe ich in einem anderen, neueren Artikel herausgearbeitet. Weil dieser etwas ältere Artikel für die Klärung meiner eigenen Gedanken aber sehr wichtig war, habe ich ihn nicht einfach gelöscht, sondern lasse ihn bewusst als „Zwischenschritt“ stehen.

Freiheit und Verbundenheit sind keine Gegensätze, sondern bedingen sich wechselseitig

Ich nutze die Kategorie „Denkfehler“ nur höchst ungern. Vor allem deswegen, weil ich mit Blick auf die Erfahrungen im Coaching nicht glaube, dass „Veränderungen im Kopf beginnen“…

In diesem spezifischen Fall muss ich aber erst einmal für mich selber klar ziehen, dass es da draußen einen veritablen Denkfehler gibt, der mich und uns alle permanent triggert, und demgegenüber man sich mit anti-hypnotischen Gegenangeboten immunisieren kann.

Der verbreitete Denkfehler lautet: „Es gibt einen Gegensatz zwischen Liberalität und Sozialität“. Oder weniger verquast: „Hingabe und Freiheit sind in einem Spannungsverhältnis zueinander, wenn sie sich nicht sogar völlig wechselseitig ausschließen.“

Ich glaube, wir können heute erkennen, dass das genaue Gegenteil viel mehr zutrifft:

Unsere fehlende gesellschaftliche Verbundenheit wird eine Hypothek für die liberalen Errungenschaft unserer Gesellschaft. Also dafür, dass wir im Vergleich zu den allermeisten Gesellschaften der Vergangenheit und auch einiger der Gegenwart sehr große private Freiheiten genießen, was unsere Lebensführung, unsere realisierbaren Vorlieben, unseren Geschmack, unsere alltäglichen Entscheidungen und Beziehungen angeht.

Denn dass das Errungenschaften sind, daran zweifeln in Wahrheit nur wenige.

Ich glaube auch, dass wir heute – aus dem Stand! – in einer noch deutlich liberaleren Gesellschaft leben könnten. Also in einer Gesellschaft, von der aus gesehen unsere heutigen Formen und Einstellungen schrecklich verkrustet, gehemmt und unfrei aussehen.

Das, was wir dazu brauchen, um diese deutlich liberalere Gesellschaft gemeinsam zu realisieren, sind aber paradoxerweise größere Verbindlichkeiten. – Nur eben „die richtigen“.

Hinsichtlich dessen, was „richtige Verbindlichkeiten“ und „falsche Verbindlichkeiten“ sind, gibt es aus meiner philosophisch verbildeten Sicht eine große Verwirrung in unserer Gesellschaft und vor allem in ihren öffentlichen Diskursen.

Denn es ist viel weniger schwer zu sagen, als wir oft meinen, welche Verbindlichkeiten genau wir brauchen (die wir derzeit nicht haben) und welche genau wir gar nicht brauchen (die wir derzeit noch mit großer Hingabe bejahen und pflegen):

Privater Liberalismus vs. politischer Liberalismus

Privater Liberalismus ist derjenige, den wir eigentlich in der Tiefe unserer Seele aus ganzem Herzen bejahen: Wir alle möchten Freiheit darüber haben herauszufinden und zu entscheiden, wie wir persönlich gerade leben wollen, was uns ganz individuell gut tut und was wir lieber lassen, weil wir uns davon beeinträchtigt oder geschädigt fühlen.

Wir haben in uns – qua körperlicher Verfasstheit – ein „eingebautes Navi“, das uns ganz persönlich sagt, was für uns gut ist. Und nichts, vor allem kein anderer Mensch kann dieses Navi für uns sein: Es sind unsere Gefühle. Gute Gefühle deuten auf ein befriedigtes Bedürfnis hin. Schlechte Gefühle auf unbefriedigtes Bedürfnis. Mehr braucht es nicht zu unserer Orientierung in der Welt. Könnte man meinen.

In jedem Fall ist das der Grund, warum wir Menschen im Grunde allesamt „Liberale“ sind. Wir wissen, dass Fremdbestimmung für uns schlecht ist, weil andere Menschen einfach nicht so gut wie wir selbst wissen können, wie sich etwas für uns anfühlt und was genau wir gerade am dringendsten brauchen.

Dann gibt es aber noch einen ganz anderen Liberalismus, von dem ich behaupten möchte, dass er sich zu diesem „guten, privaten Liberalismus“ nicht nur in einem Spannungsverhältnis befindet, sondern dass es sich bei ihm um einen absoluten, weil praktischen Gegensatz zum privaten Liberalismus handelt:

Der politische Liberalismus.

Dieser „böse“ Liberalismus besteht darin, dass er das Politische zu einer Privatsache erklärt. Er privatisiert auch deswegen so gern, was besser nicht privatisiert werden sollte, weil er die Sphäre des Politischen generell nicht als eine Sphäre sui generis anerkennt.

Die Folge des politischen Liberalismus ist es, dass wir es jedem einzelnen von uns überlassen, für sich „privat“ zu entscheiden, ob er „sich gern politisch engagieren“ möchte oder eben nicht. – In völliger Ausblendung des Umstands, dass die Disposition und die Fähigkeit das zu tun unter uns heute lebenden Menschen höchst ungleich verteilt ist.

Und die Folge davon ist: Politische Fremdherrschaft und politische Fremdbestimmung der einen Bürger (der „politisch Engagierten“) über die anderen Bürger (der aus vermeintlich freien Stücken „politisch Unengagierten“). – Wir können leicht sehen, dass der sogenannte „Politische Liberalismus“ nicht zur allgemeinen Freiheit führt. Sondern zur allgemeinen Unfreiheit. Um das in seiner ganzen Konsequenz zu erfassen, müssen wir nur kurz bei Hannah Arendt vorbeischauen, die gerade in diesem Punkt überaus klar und deutlich wird.

Der politische Liberalismus ist ein Liberalismus der Aristokratie, welcher Provenienz auch immer: Aus biologischem Erbe, aus monetärem Erbe, aus Leistung. Er ist ein Liberalismus der Privilegierten, denn er zementiert faktisch gesellschaftliche Privilegien und macht die Gesellschaft unflexibel und unfrei. – Ganz gegen seine offenbaren Absichten. Aber, wie wir alle wissen: Gute Absichten machen eben oft noch keine guten Wirkungen. Und immer wieder mal bewirken sie exakt das Gegenteil dessen, was sie bewirken wollen.

Eine echte Demokratie, die ihr Gegenteil, die Aristokratie wirklich versteht, kann nicht zulassen, dass politisches Engagement „eine freie Entscheidung des Einzelnen“ ist und bleibt. Denn das bedeutet Privatisierung des Politischen selbst und ist sozusagen die Ursünde gegen den demokratischen Geist.

Es ist also für eine Demokratie ein Unding, dass „man sich“ engagiert anstatt engagiert „zu werden“. – Und das einzige dafür zulässige und sinnvolle Verfahren ist das Los. Denn nur das Los ist wirklich repräsentativ. Nur das Los bezieht alle ein. Alle Bürger, hinein in die politische Aktivität, heraus aus der politischen Passivität. – Zumindest was die Legislative und die Kontrolle über die exekutiven Organe des Gemeinwesens angeht, kann nur das demokratische Losverfahren das Mittel der Wahl einer wirklich liberalen Gesellschaft sein.

Häßlicher Liberalismus

Dass es einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen privatem Liberalismus und politischem Liberalismus gibt, kann man vielleicht nur dann voll erfassen, wenn man versteht, dass im Kern allen heutigen Anti-Liberalismus Ängste sitzen, die eigentlich Ängste vor dem fremd-bleibenden oder sogar fremd-werdenden Mitbürger sind.

Der politische Liberalismus ignoriert diese Angst einfach, erklärt diejenigen Bürger, die sie haben, kurzerhand zu „Idioten“, und wundert sich dann, warum private liberale Errungenschaften in Miskredit geraten und öffentlich angegriffen werden.

Der politische Liberalismus versteht nicht, dass gesellschaftliche Differenzierungen, die den Kern des privaten Liberalismus bilden, für uns Menschen unaushaltbar werden, wenn sie nicht auf politischer Ebene wieder miteinander versöhnt und sinnvoll zusammengeführt werden.

Und so führt der politische Liberalismus, wenn wir ihn nicht durch geeignete demokratische Institutionen auflösen, unweigerlich hinein in einen „häßlichen Liberalismus“: In eine Freiheit für ganz ganz wenige, die die privaten Freiheiten der allermeisten anderer Bürger sehr gründlich abzuschaffen und zu unterdrücken versuchen.

Wir brauchen den Raum des Politischen. Als Verpflichtung für uns alle. Nur so können wir unseren privaten Liberalismus nicht nur erhalten, sondern immer weiter vertiefen und ausweiten.

 

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