In vielen Artikeln hier habe ich mich ja dafür ausgesprochen, Machtungleichheiten zwischen uns gezielt aufzulösen.

Die Grundlage dieses Bestrebens ist Thomas Gordon’s Buch „Gute Beziehungen“, das sehr eindrucksvoll zeigt, wie zuverlässig Machtungleichheiten und Gute Beziehungen sich wechselseitig ausschließen. Wer diesbezüglich noch Zweifel hat, kann sich dort noch einmal umschauen und prüfen, ob ihn Gordon’s Ausführungen ähnlich überzeugen wie mich. Die gleichen Ausführungen Gordon’s legen auch nahe dass Demokratie in jeder Beziehung. die keine kriegerisch-feindselige ist, das absolut Natürliche ist für uns Menschen. Auch die Art von Beziehung, für die sich jeder von uns entscheidet, wenn er wirklich die freie Wahl hat. Aus Gordon’s Buch lässt sich also ein Demokratie-Imperativ ableiten: Schaffe stets solche Beziehungen, die Machtungleichheiten unmittelbar auflösen.

Mit Gordon betrachtet scheint es eine gute Idee zu sein, unsere Gesellschaft auf den Grundkonsens auszurichten, dass wir Machtungleichheiten zwischen uns nicht dulden wollen, weil sie uns allen schaden, unabhängig davon, ob wir uns gerade „in einer Machtposition“ oder „in einer Ohnmachtsposition“ befinden. Wer es gern etwas trockener und philosophischer mag, kann dazu auch gerne noch einmal bei John Rawls umschauen, wo man brauchbare Argumente in diese Richtung billig einkaufen kann.

Institutionell-politische Experimente

Diese Kategorie: „Systematische Auflösung von Machtasymmetrien, wo immer sie auch gerade bestehen und enstehen“ hat einen institutionellen Aspekt und einen alltäglichen, unmittelbareren. Für den institutionellen können wir die sehr abstrakte Redeweise von der „gezielten Auflösung von Machtasymmetrien“ beibehalten. Sie geht praktisch in die Richtung, dass wir uns institutionalisierte Machtpositionen („Berufspolitiker“, „Manager“, „Investor“) sehr genau darauf hin anschauen, wie wir sie entweder in andere gesellschaftliche Rollen auflösen können oder wie wir sie so institutionell einbinden können, dass auf der anderen Seite keine korrespondierenden Ohnmachtspositionen entstehen („Einfacher Bürger“, „Mitarbeiter“, „Unternehmen“).

Lösungen in diese Richtung sind viele denkbar. Es geht dann darum, dass wir sie sehr entschlossen und durchaus kritisch auf ihre realen Effekte auf uns prüfend ausprobieren. – Und dabei nicht nachlassen, bis wir Wege gefunden haben, gemeinsam gesellschaftliche Institutionen zu schaffen, die uns allen gleichermaßen Machtgleichheit garantieren, so dass sie für uns erwartbar und verlässlich wird.

Ich persönlich glaube, dass der Effekt eine große allgemeine Erleichterung sein wird. In jeder Hinsicht. Denn derzeit sind viele, viele Themen mit der Belastung durch gewohnheitsmäßige Machtungleichheit zwischen uns „kontaminiert“. Und zwar so, dass wir diese Themen schon an sich mit „Beschwerlichkeit“ identifizieren (z.B.: Unternehmertum). Nach meiner Einschätzung sind es aber nicht die Dinge selbst, die da beschwerlich für uns sind – sie könnten auch überaus leicht und lustvoll für uns sein -, sondern eben ihre Kontaminiertheit mit Machtasymmetrien. Und von diesen können wir sie behutsam reinigen.

– Um mich hier absolut unmissverständlich auszudrücken: Diese „politischen Experimente“ können niemals gegen irgendeine Gruppe von Menschen gerichtet sein. Sondern stets nur zum sehr realen allgemeinen Wohl (d.h. auch: Nicht nur zum behaupteten allgemeinen Wohl). Und das bedeutet: Auf dem Weg zu einer Gewaltfreien Gesellschaft kann aus strukturellen Gründen keine Gewalt eingesetzt werden, um sie zu erreichen. In diesem Verhältnis bewahrheitet sich ausnahmsweise einmal jenes „Der Weg ist bereits ein Teil des Ziels“. Gewalthafte Veränderungen führen stets nur dazu, dass die machtpositionen-innehabende Clique ausgetauscht wird. Geht uns aber darum, dass Machtpositionen und politische Cliquen generell aufgelöst werden, kann Gewalt kein Weg dahin sein. Ansonsten drehen wir uns einfach nur im Kreis und tauschen das Personal aus. Und damit nur die Formen unseres aktuellen Leidens: Wer vordem an Machtpositionen gelitten hat, leidet dann an Ohnmachtspositionen. Wer vordem an Ohnmachtspositionen gelitten hat, leidet dann an Machtpositionen. – Die Art der selbstgewählten Folterung auszutauschen mag wunderbar abwechslungsreich sein, sie ist allerdings mäßig attraktiv, wenn doch tatsächlich auch die Beendigung von beziehungsmäßiger Selbstfolter auf der Speisekarte steht.

Individuell-alltägliche Experimente

Für den Alltag können wir solche abstrakt-verkopften Überlegungen nicht gebrauchen. Hier brauchen wir starke, bildhafte Anker, um mit gegebenen Machtungleichheiten zwischen uns beziehungsförderlich umzugehen. – Und das wiederum völlig unabhängig davon, ob wir als Menschen in dieser Beziehung uns zufällig gerade in einer Machtposition oder Ohnmachtsposition einem anderen Menschen gegenüber wiederfinden.

Gegen Ende eines Artikels zur Machtfrage in Unternehmen war das z.B. das Bild der Wippe und des lustvollen Sich-gemeinsam-Verschaukelns.

Es sind aber auch viele andere Bilder denkbar. Die wechselseitige Coaching-Haltung hat für mich z.B. recht viel Potential. Aber ich arbeite halt jetzt auch schon viele Jahre in diesem Beruf. Es ist davon auszugehen, dass das Bild des Coachens für viele missverständlich bleibt oder weitaus weniger fruchtbar ist.

Auch das Bild von der „Gärtnerkultur“ bringt vieles mit sich, das auf die sehr unmittelbare und effektive Auflösung von Machtungleichheit in ein Verhälstnis wechselseitiger Beeinflussung hinführt.

Das Improvisationstheater hat in unserem Alltag so viel Potential, Dinge sehr unmittelbar zum allgemeinen Besseren zu drehen, dass man fast darüber nachdenken könnte, das zu einem eigenen „Schulfach“ zu machen. Am Besten zu einem, dem wir weitaus mehr Stunden widmen als „Deutsch und Mathematik“. – Das Improvisationstheater gibt uns nicht nur gute Gründe, sondern auch unmittelbar wirksame „Techniken“, im Alltag auf eine sehr wohltuende Weise „aus Rollen zu fallen“.

Dann können auch noch Erfahrungen mit Bedingungslose Liebe inspirierend für uns sein. – Und zwar nicht nur Erfahrungen, die wir machen durften. Sondern auch Erfahrungen, die wir mit Vorsatz und völlig willkürlich selbst anzetteln.

Und dann gibt es dann ja auch noch die unmittelbar lösende Kraft des Humors. Eine Fähigkeit, über die wir alle verfügen und die überall dort wohltuend ist, wo der Humor wohlwollend und liebevoll ist. Unverdorben von der Schärfe des verbitterten Sarkasmus oder verzweifelten Zynismus.

Wir können unsere machtverseuchten Beziehungen auch so betrachten, dass wir in ihnen therapiebedürftig sind. Eine Sichtweise, die aus uns allen unvermeidlich „Therapeuten aneinander“ macht. Im alten Sinne von „Therapie“: Dienst am Menschen, Dienst an der menschlichen Seele. Denn „Macht“ hat den spätestens mittelfristig, dafür dann um so zuverlässiger auftretenden Effekt, dass es zwischen uns zu einem wechselseitigen „Dienstausfall“ kommt. „Therapie“ bedeutet dann ganz einfach, dass wir von unserer Seite den Dienst am anderen wieder aufnehmen. In einer Weise, mit der wir uns nicht selbst schädigen, sondern möglicherweise sogar viel Spaß haben. – Ich vermute, dass das allerdings wiederum eine Sichtweise ist, die ich sehr exlusiv für mich behalten werde. Die Therapie-Metapher wirkt einfach zu abschreckend wegen ihrer eher unangenehmen Implikation, wir könnten alle miteinander seelisch krank sein.

Es gibt viele, viele mögliche Anker für alltägliche Interventionen in asymmetrische Machtverhältnisse.

Ich bin mir sicher, dass Ihnen selber noch wesentlich bessere Bilder dafür einfallen, der Blockiertheit durch ungleiche Machtverhältnisse unmittelbar und spontan die Luft raus zu lassen, als sie mir bisher eingefallen sind.

Sie alle einen jedoch einen Aspekt: Den Fokus auf das gemeinsame Wohleregehen der Beziehungspartner. Ein Fokus, der immer dann unabdingbar für uns Menschen ist, wenn es sich um „Langzeitbeziehungen“ handelt. Wenn wir also nicht nur jetzt gerade, in dieser vorübergehenden Situation, sondern auch morgen noch richtig gut miteinander auskommen und aneinander Freude haben wollen…

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