Christopher Ryan’s Ted Talk dreht sich um biologisch-anthropologischen Hinweise darauf, wie „das natürliche Sexualleben“ von uns Menschen mal ausgesehen haben könnte. Dabei behauptet er, dass Sexualität für uns nur in zweiter Linie Fortpflanzungszwecken dient. In erster Linie sei Sexualität für uns ein „soziales Bindemittel“, das uns als Spezies Kooperativität, wechselseitiges emotionales Zugewandtsein, freien Austausch bis hin zur Freigiebigkeit und generell ein gewaltfreies Zusammenleben ermöglicht.

Wenn wir überspitzen, können wir sagen: Ryan’s Thesen legen nahe, dass für das Verhältnis zwischen Erwachsenen unter gesunden gesellschaftlichen Bedingungen Folgendes gilt: Gewalttätig sind wir Menschen nur gegenüber denjenigen unter unseren Mitmenschen, mit denen wir prinzipiell keinen Sex haben sollen. Sexuelles Tabu und Gewalt führen eine unheilige Ehe, solange wir über Erwachsene und eine Gesellschaft ohne große individuelle Machtungleichheiten sprechen. Denn das sexuelle Tabu gegenüber Kindern besteht aus gutem Grund. Ebenso wie es eigentlich ein sexuelles Tabu ganz generell für Beziehungen geben sollte, in denen große Machtasymmetrien gegeben sind. Denn in all diesen Beziehungen werden Menschen durch Sex nachhaltig traumatisiert, dauerhaft seelisch geschädigt.

Wäre das alles so, dann wäre wohl an dem alten Hippie-Slogan „Make love not war“  mehr dran als man heute vermuten könnte. – Und auch an Marvin Gaye:

Und das dann eben nicht nur im individuellen Sinne („Rammeln für den Weltfrieden“), sondern gerade auch im gesellschaftlichen Sinne: Eine Kriegerkultur muss, um die allgemeine Aggressivität künstlich hochzuhalten, Sexualität reglementieren und künstlich verknappen. Sie verkoppelt Fortpflanzung, Kinderfürsorge, Eigentumsfragen und Erbrecht auf’s Engste. Dadurch werden Frauen in die Rollen der „Heiligen & Mutter“ einerseits und der „Hure & Femme Fatal“ andererseits gedrängt, zwischen der sie sich eindeutig zu entscheiden hätten. – Während beinahe alle Männer davon träumen, „ihre“ Frau solle die Einzige auf Erden sein, die beide von der Gesellschaft vorgegebenen Frauenrollen in einer Person zu verkörpern habe…

Sollte es sich unsere Gesellschaft einfallen lassen, auf politischer Ebene in sich selbst zu intervenieren (wir dürfen hier ruhige von „Selbstbefriedigung“ sprechen, denn nach der Lächerlichkeit solcher Rede kommt der Entspannungseffekt anyway), dürften wir also möglicherweise erleben, dass rückblickend betrachtet in Sachen gesellschaftliche Entspannung und Friedfertigkeit in unserer heutigen Gesellschaft viel Lust nach oben war.

Mit dieser politischen Intervention hätten wir gesellschaftlich-institutionelle Lösungen dafür zu schaffen, dass Frauen, die Kinder bekommen, keine Nachteile davon erleiden, also ebenso wohlversorgt sind, wenn nicht besser, als Menschen, die keine Kinder bekommen. – Die Rede von einer „Willkommenskultur für Kinder“ drängt sich auf. Und zwar für alle Kinder, egal wie sie und von wem sie zustande kamen. Also von einer „Willkommenskultur für Kinder an sich“.

Denn derzeit verurteilen wir uns dazu, unsere Sexualität einzuschränken, „weil ja Kinder daraus entspringen können – und die müssen versorgt sein“. Und hintenraus winkt das Erbrecht und die Frage, wie wir mit Eigentum umgehen, wenn ein Mensch stirbt. – Auch und vor allem dafür scheint es Lösungen zu brauchen. Denn über die zahllosen Verhütungsmethoden haben wir längst Sexualität und Fortpflanzung ein großes Stück weit entkoppelt. Nichtsdestoweniger tun wir gut daran, empfängnisfähigen Frauen beim Sex mehr Sicherheit zu geben als wir das derzeit tun. Denn derzeit läuft es auf die Abhängigkeit vom Vorhandenseins eines treusorgenden, kinderlieben Mann hinaus. So wie es aussieht, machen Lösungen, die Kinder-Care-Aufgaben systematisch auf viel mehr Schultern verteilen als nur auf Vater-Mutter-Kind Menschen jeglichen Geschlechts und Alters wesentlich glücklicher als das, was wir uns dazu bisher ausgedacht haben.

Jenseits von rechtlich-staatlichen Regelungen, die wir so oder so oder so gestalten können, wenn wir Politik endlich sinnvoll organisieren, statt an überkommenen Institutionen auch dann noch festzuhalten, wenn sie ganz offensichtlich uns und unseren Mitmenschen schaden, stellt sich natürlich auch die Frage, ob „Sexual Healing“ auch unter modernen Bedingungen ein solches „Gut“ für uns sein kann, wie es das spekulativ in vor-agraren Zeiten einmal gewesen sein mag.

Denn wir erleben heute Sex durchwirkt von den Mechaniken der Macht: Wir verhandeln stets Fragen von „oben und unten“ mit, so dass wir uns eine Sexualität ohne Machtfragen derzeit kaum vorstellen können.

Und das ist ein größeres Problem als wir meinen könnten. Denn wo die Vorstellungskraft begrenzt ist, sind auch die möglichen Lösungen und Handlungsweisen begrenzt.

Unter den Bedingungen einer Gesellschaft, die Machtasymmetrien in Beziehungen für harmlos hält und ihre bedrückenden Auswirkungen gerne gewohnheitsmäßig herunterspielt, passieren in sexuellen Beziehungen Verletzungen, Demütigen und Hemmungen, die uns „zur Sache selbst“ zu gehören scheinen. Dass dies mit dem spezifischen gesellschaftlichen Kontext zu tun hat, ist uns weniger klar. „Wir kennen es ja nicht anders.“

Machtasymmetrien scheinen den Sex erst lustvoll zu machen, insbesondere im freien Spiel mit ihnen. Leider ist das Spiel in der Realität deutlich weniger frei als wir uns das vormachen, denn die Machtpositionen changieren auch in unserer Gesamtgesellschaft weitaus weniger frei als das möglich wäre. – Unsere Sexualität ist ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Verhältnisse überhaupt. Und damit weitaus weniger „von Natur“ als es uns erscheint; außer wir lassen die veraltete Redeweise von der selbst-geschaffenen Kultur als einer „zweiten Natur“ zu.

So kommt es uns so vor, als ob „Macht und Sex“ zueinander gehören und das sexuelle Spiel unter uns Menschen überhaupt erst interessant machen würden. Es gibt jedoch auch heute bereits recht deutliche Hinweise darauf, dass an diesem Gedanken etwas faul sein könnte.

Wenn wir uns zum Beispiel genauer anschauen, was in der S/M-Szene an Haltungen und Praktiken üblich ist, sehen wir, dass das Sich-Einlassen auf eine vielseitige und anregende Sexualität möglicherweise mehr mit Vertrauen in Beziehungen zu tun hat, als das der erste Blick vermuten lässt.

Hingabe ist für uns Menschen immer ein Stück weit gefährlich. Und genau deswegen wohl auch „prickelnd“. Doch damit das Spiel spannend und nicht verletzend und unfrei wird, darf es auf keiner Seite der Klippe abstürzen. Weder auf der Seite der völligen Verschmelzung durch „Besitz“. Noch auf der Seite realer Bedrohung, weil wir tatsächlich damit rechnen müssen, ernsthaft verletzt und dauerhaft geschädigt werden.

Unsere Gesellschaft hat dieses Problem: Sexualität lustvoll spannend zu erhalten, erkennbar schlecht gelöst.

In den vollen Genuss des menschlichen Potentials zu „Sexual Healing“ werden wir auf unseren bisherigen Wegen kaum bekommen. Es scheint so, als müssten wir uns etwas entschiedener als bisher darauf konzentrieren, Machtasymmetrien zwischen uns Menschen konsequent aufzulösen, so dass unsere Beziehungen miteinander freier werden können. Sexuelle Beziehungen genauso wie auch alle anderen Formen von Beziehungen.

 

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