Es gehört möglicherweise zu den ewigen Menschheitsfragen, die sich uns immer wieder neu stellen, ob es für uns Menschen besser ist, demokratisch oder aristokratisch zusammenzuleben.

Und das weitgehend unabhängig davon, was wir gerade unter den „Aristous“ („den Besten“) verstehen: Also ob die Aristokratie auf der Grundlage von „Blut und Boden“, aufgrund von persönlicher Leistung, größerer körperlicher Kraft, größerer Skrupellosigkeit, überlegener Waffentechnik oder schlicht aufgrund von zufällig geerbtem Eigentum und Reichtum behauptet wird.

Und ebenfalls unabhängig davon, in welchen Formen genau wir uns Räume schaffen, in denen wir uns als Freie und Gleichwertige begegnen, uns auf diese Weise austauschen, wechselseitig beraten und gemeinsam entscheiden.

Dem aristokratischen Geist kann man immer vorhalten, dass er in seiner Überhöhung der „Güte“ einzelner, bestimmter Menschen das Potential der vielen anderen Menschen kleindenken muss. Dass er also das Potential von Menschen an sich ausblendet und bewusst (und irgendwann dann: unbewusst und gewohnheitsmäßig) verkennt.

Dem demokratischen Geist kann man immer vorhalten, dass er die Mehr-Geeignetheit von ganz bestimmten Menschen für ganz bestimmte Aufgaben und Rollen runterspiele und grob unterschätze. Vor allem die für ausgezeichnete Rollen, die wir mit „Hochstatus“ verbinden.

Bei all dem scheint es jedoch so zu sein, dass sich die aristokratische Sorge weitaus besser in demokratische Strukturen integrieren lässt als die demokratische Sorge in aristokratische Strukturen.

Nach meinen Einschätzungen hat unsere Gesellschaft aber leider genau Letzteres versucht, und versucht es auch obsessiv weiterhin, obwohl es bereits deutlich geworden ist, dass wir auf dem Weg einer weiteren Demokratisierung einen Paradigmenwechsel brauchen, der uns weg bringt von der Integration von Demokratischem in aristokratische Strukturen, hin zu einer Umkehrung der Vorzeichen. Dazu weiter unten mehr.

Wir sind trotz aller schönen Worte nach wie vor eine aristokratisch geprägte Gesellschaft, die quasi-demokratische Elemente aufgenommen hat und eher folkloristisch pflegt als ein genuin politisches Verständnis von Demokratie zu entwickeln.

Das aristokratische Verständnis von Politik und Demokratie

Das wird deutlicher, wenn wir uns das aristokratische Verständnis von „Politik“ genauer anschauen: Für Aristokraten dreht sich Politik allein um den Kampf. Aber nicht um irgendeinen Kampf, sondern allein um den Kampf mit anderen Aristokraten (also mit „satisfaktionsfähigen“ Anderen). Und vor allem um einen Kampf darum, welche Aristokraten-Clique gerade die bestimmende Macht im Gemeinwesen ist. Unter modernen Bedingungen: Wer bestimmenden Zugriff auf die Staatsmacht mit ihrem Gewaltmonopol hat.

„Der Rest“ = „Das Volk“, euphemistisch: „Die Bürger“ sind zu reinen Zuschauern dieser Machtkämpfe unter Aristokraten-Cliquen verurteilt. Bestenfalls sind sie „Stimm-Vieh“. Denn versteht sich eine solche aristokratische „Politik“ selbst als „demokratisch“, kann nur eins dabei herauskommen: Eine Zuschauerdemokratie. Eine Demokratie ohne aktive Beteiligung der Bürger an der Politik. Die Bürger bleiben passiv, bleiben Objekt der verschiedenen Machtkämpfe unter Aristokraten.

Das geht soweit, dass allein schon der Versuch, sich zu politisch zu engagieren, im aristokratischen Geist als „Kampfansage“ uminterpretiert wird, also in einen Versuch, eigenen Adel zu behaupten. Politisches Engagement und (Wahl-)Kampf und Aristokratie, das sind für das aristokratische Mindset schlicht und einfach Synonyme.

Das führt zu der Absurdität, dass auch ein wahrhaft politisches Engagement, also eines, das den Raum des Politischen zwischen allen Bürgern aufspannt und alle Bürger aktiv in diesen Raum miteinbezieht, aristokratisch nur so begriffen kann, als ginge es darum, dass sich erneut irgendeine besonders ambitionierte Clique eines besonderen cleveren Schachzugs im aristokratischen Spiel bedient. Der aristokratische Geist kann sich die Bürger nur „als Volk“ (von Gefolgsleuten) vorstellen.

„Demokratie“ ist in dieser Interpretation die Aktivität einer Clique von Aristokraten, die das Volk besonders geschickt für ihre Machtzwecke instrumentalisiert. Und natürlich geht es für diese aristokratischen Interpreten nun darum, wiederum eigene Gegenstrategien zu entwickeln, um den anderen Aristokraten diese Gefolgsleute wiederum abzujagen. „Demokratie“ wird nur als ein aristokratischer Move neben anderen verstanden, im ewigen Kampf der Aristokraten untereinander. Und wenn andere Moves für eine Aristokraten-Gruppe gewinnversprechender sind, kann eine andere Clique Demokratie auch jederzeit wieder einebnen. Aristokraten are always in it „for the winning“. Deswegen dürfen wir davon ausgehen, dass Aristokraten unter sich sehr genau verstehen, was z.B. ein Trump sagt, dessen Lieblingsschimpfwort „Loser“ ist…

Demokratische Integration: Keine Parteien im Herzen der Demokratie

Dreht man dieses Spiel nun herum und behauptet, dass die aristokratische Sorge sich leicht in wirklich demokratische Strukturen integrieren lässt, so sind viele Einlösungen dieser Behauptung denkbar. Zum Beispiel diese hier, die das aristokratische Prinzip der „Wahl“ in ein vollständig demokratisches Gemeinwesen integriert.

Allen wirklich demokratischen Lösungen des Aristokratie-Problems wird aber stets eines gemein sein: Sie werden dafür sorgen, dass jene wahrhaft oder vermeintlich „Besten“ sich gegenüber der Gesamtheit der Bürger verantworten müssen – Und eben nicht nur gegenüber einem Teil der Bürgerschaft. Und auch nicht vor manchen Teilen der Bürgerschaft mehr, vor anderen weniger. Sondern vor allen Bürgern gleichermaßen.

Das heißt: Bei der vollständigen Demokratie geht es gerade mit Blick auf die unauslöschlichen Tendenzen zur Aristokratie vor allem um die Ausschaltung des Partei-Prinzips.

Denn das Prinzip der Parteibildung ist genuin aristokratisch. Es entstammt der „Rüstung zum Kampf“, der „Sammlung der Gefolgsleute“, um dann in einer „Partei“ vereint einer ähnlichen anderen aristokratischen Formation entgegenzutreten und sich mit ihr um irgendetwas zu prügeln – wie rituell und symbolisch oder wie buchstäblich und mörderisch auch immer.

Das Parteiprinzip ist typisch für aristokratisch geprägte Kulturen. Und das gilt eben nicht erst seit heute. So finden wir z.B. beim Althistoriker Christian Meier folgende Beschreibung für einen Zwischenschritt im Wandel der athenischen Polis von einer Aristokratie zur Demokratie:

„Indem aber die Bürger in neuem Sinne von der Polis her verstanden wurden, begann diese gleichzeitig in einem neuen Sinne aus den Bürgern zu bestehen. Damit mussten mindestens auf die Dauer die Maßstäbe dieser Bürger zur Herrschaft gebracht werden, die Mäßstäbe nämlich solcher Menschen, die primär Recht und Ordnung und nicht den Sieg in Adelsfehden, die Durchsetzung mächtiger persönlicher Ansprüche, das Handeln nach Maßgabe von Freund- und Feindverhältnissen wollten. Es ist interessant und kennzeichnet die antiken Verhältnisse, dass nach einhelligem Zeugnis der Quellen in aller Regel Parteiungen innerhalb des Demos nicht vorkamen, sondern nur Gegensätze zwischen dem Demos und den Adligen oder Reichen sowie Faktionsgegensätze innerhalb der oberen Schicht. Die archaischen Verhaltensmuster starker Person- und damit Freund- und Feindorientiertheit konnten sich in den breiteren Bürgerschichten nie durchsetzen.“ (Christian Meier: „Die Entstehung des Politischen bei den Griechen“, Suhrkamp, S. 140)

Mit und gegen Christian Meier wird hier nun behauptet, dass es sich dabei eben gerade nicht um einen Unterschied zwischen antiker und moderner Demokratie handelt, also dass jene antike Demokratie keine Fraktionsbildung innerhalb der Bürgerschaft kannte, die moderne Demokratie aber eben dies für natürlich und notwendig hält. – Sondern dass es sich um ein menschliches Universalprinzip handelt, das demzufolge darauf hindeutet, dass wir heute eben gar keine vollständige Demokratie ausgebildet haben.

Dass wir heute lebenden Menschen „Parteien“ mit „Demokratie“ assoziiert haben, ist also viel eher als eine direkte Folge davon anzusehen, dass wir den aristokratischen Geist niemals wirklich überwunden haben, sondern immer noch aus seiner Mitte heraus Politik zu denken, zu machen und zu institutionalisieren versuchen.

Erst das Aufgeben des Parteiprinzips im Herzen der Demokratie, genauer: Erst das Nicht-mehr-Dulden von Parteiungen in Parlamenten führt uns dahin, dass sich gewählte Politiker wirklich gegenüber der gesamten Bürgerschaft verantworten können, anstatt Klientelpolitik machen zu müssen, um sich – darin ganz aristokratisch – um ihren persönlichen Machterhalt zu sorgen.

Ich möchte also hier behaupten, dass eine Versöhnung und eine Integration des aristokratischen Geists in demokratische Institutionen durchaus möglich ist. Allerdings nicht, wenn wir den Kernbestand aristokratischen Denkens weiterhin dulden oder sogar in „demokratisch“ umetikettieren. Wahlkampf und Parteien sind keine demokratischen Institutionen, sind es niemals gewesen, auch wenn wir uns lange angewöhnt haben, sie als solche zu bezeichnen. Von der Sache her hat es sich die ganze Zeit über eine glatte Lüge gehandelt. Eine Lüge, die uns womöglich teurer zu stehen gekommen ist und auch derzeit teurer zu stehen kommt, als es uns bis vor Kurzem bewusst war.

Wir müssen, wenn wir vollständige Demokratie wollen, Politik nicht als Kampf verstehen, bei dem Parteien miteinander ringen, um was oder in welcher Form auch immer. Denn das demokratische Politikverständnis ist ein völlig anderes.

Die Konsequenz aus dieser Einsicht, dass „Politik“ in einer Demokratie etwas völlig Anderes bedeutet als in einer Aristokratie, ist eine Ausschaltung des Parteiprinzips in jenen Gremien, die gesetzgebend sind und die die aristokratisch bleibende Exekutive kontrollieren. Und zwar so, dass sie wirklich der gesamten Bürgerschaft dienen kann. Dazu braucht es in jenen Gremien eben auch diese gesamte Bürgerschaft, weswegen wir ohne das demokratische Losverfahren für diese Gremien schwerlich auskommen werden.

Die Größe der Demokratie

Ich denke, dass man sogar zeigen kann, dass selbst schwerreiche Menschen, also unser heutiger „Geldadel“, ein Interesse an einer solchen vollständigen Demokratisierung unserer Gesellschaft haben.

Wie aber sieht es mit all den „Aristokraten aus Überzeugung“ aus? Kann man auch ihnen ein generelles Interesse an vollständiger Demokratie und an der Integration ihrer Prinzipien in ein wirklich demokratisches Gemeinwesen andichten?

Ich denke, dass man in Bezug auf diese Menschen, die momentan stark vom aristokratischen Geist beseelt sind, zeigen kann, dass sie von einer ganz bestimmten Angst getrieben sind: Sie lieben zwar den „Kampf Adliger gegen Adliger“, doch sie fürchten sich vor dem natürlichen Adel der Bürger, also derjenigen Würde, die alle Menschen qua Mensch-Sein in sich tragen. Denn dies bedeutet: Sie sind weitaus weniger besonders als sie sich selbst gern erscheinen möchten.

Die Konkurrenz anderer Adliger ist für Aristokraten nicht nur in Ordnung, sie ist ihnen hochwillkommen und sogar Daseinsgrund und Bestätigungsprinzip ihrer eigenen Aristokratie („Bewährung im Kampf“). Den Kampf mit dem einfachen Bürger, den inflationären Kampf, in dem der eigene Adel „in den Schmutz gezogen wird“, ist dagegen die Urangst aller momentan aristokratisch gestimmten Menschen. Denn dies bedeutet einen Kampf aller gegen alle, in dem es richtig dreckig wird. Und Dreck und Schmutz fürchtet der wahrhafte Aristokrat in seinen persönlichen Selbst-Veredelungsfantasien bis hin zum Halbgöttlichen ganz genau so sehr wie der Teufel das Weihwasser.

Der Aristokrat möchte zwar Wettbewerb. Aber er möchte Wettbewerb allein unter Seinesgleichen. Der Wettbewerb mit allen Bürgern macht ihm Angst, weswegen er sie von seinen Wettbewerben fernzuhalten versucht. Vor allem von seinem Lieblingsspiel: Dem Kampf mit anderen Aristokraten um die Macht im Staate.

Unsere Demokratie tut sich daher einen Gefallen, wenn sie die „Mühen der Ebene“ nicht scheut, wenn sie sich traut, sich wirklich „mit dem Volk gemein zu machen“, und über das Losverfahren all uns Dreckige, Niedere und Beladene aktiv in die politischen Raum miteinzubeziehen. Also mit uns allen Politik und Staat zu machen und nicht „für uns“ oder gar „über uns hinweg“.

Denn die Restbestände an aristokratischem Denken im Herzen unseres Verständnisses von Politik denken den „gemeinen Bürger“ nicht nur klein. Sie machen ihn auch klein. Indem wir Bürger von politischer Verantwortung verschont werden, die wir als Menschen durchaus zu tragen in der Lage sind, entsteht überhaupt jenes „Oben und Unten“, das für all die Spiele der Aristokratie so konstitutiv und unerlässlich ist.

Die Idee der Demokratie besteht aber eben darin: Dass es eigentlich gar kein „Oben und Unten“ gibt zwischen Menschen. Dass wir trotz all unserer Unterschiede und durch diese Unterschiede hindurch allesamt freie Wesen sind, die als solche gleichwertig sind. Jeder von uns mit einem zu Lebzeiten nicht ausschöpfbaren Potential ausgestattet.

Die Demokratie ist daher auch die gegenüber der Aristokratie bei weitem „mutigere“ Geisteshaltung: Sie traut sich zu, in einem allgemeinen Spiel der Begegnungen auf Augenhöhe, ohne fixierte Statusunterschiede, Befriedigung und Freude zu finden. Sie muss nicht „die Konkurrenz reduzieren“, weil sie gar nicht Konkurrenz fokussiert, sondern Kooperation, Austausch und wechselseitige Anregung.

Während der kriegerische Adel von jeher berührungsscheu und maskenhaft war, geht der demokratische Bürger offen und spielerischer durch seine Gesellschaft. Er berührt und lässt sich berühren. Denn er muss nicht fürchten, sich mit „Niederem“ zu kontaminieren. Ganz einfach, weil er nichts „Niederes“ kennt, sondern verschiedene Erfahrungen, Begegnungen und persönliches Wachstum, das in keiner Weise in Konkurrenz zum Wachstum anderer Menschen steht. Im Gegenteil: Im demokratischen Geist wird es denkbar, auf ganz andere Weise an der persönlichen Größe seiner Mitbürger zu wachsen als allein im „Kampf“ mit ihnen, als allein in einem ewigen Ringen und Sich-Messen.

Die heimliche Sehnsucht nach echter Berührung und Begegnung, seine heimliche Sehnsucht nach der eigenen Verletzlichkeit ist die Achillesferse aller aristokratischen Lebensformen. Wie alles Große, geht die Aristokratie nicht an ihrem Gegner zugrunde, und besonders die Aristokratie nicht, da Gegnerschaft ja ihr Prinzip ist und sie ihr Anderes stets in sich integriert. Die Aristokratie geht wie alles Ausgezeichnete an sich selbst zugrunde. Indem sie sich nicht mehr vor sich selber rechtfertigen kann. Indem sie sich vor sich selbst ekelt. Indem sie sich nicht mehr selbst überzeugt. Indem sie sich selbst unverständlich wird. Indem sie sich zu Tode siegt.

Die Einladung, die die Demokratie ebenso unauslöschlich darstellt wie die Aristokratie, kann mitunter dazu führen, dass alles Streben nach Besonderheit und Bestheit zum Erliegen kommt, in einer beinahe schon tierischen oder vegetativen Ruhe.

Und merkwürdigerweise entsteht genau daraus oft Großartiges. Und eben das ist für den aristokratischen Geist völlig unverständlich. Es sprengt seinen Rahmen. Es lässt ihn sich selbst sprengen. Großartigkeit, die nicht durch das Streben nach Großartigkeit zustandekommt: Das kann es nicht geben! Das darf doch nicht wahr sein!

 

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