Virtuelle Kommunikation, Kommunikation über Medien ist bequem und erweitert unsere Möglichkeiten. Wir kommen über sie mit Menschen in Kontakt, mit denen wir sonst nie in Kontakt kommen würden. Und wir kommen durch virtuelle Kommunikation auf Arten und Weisen in Kontakt, auf denen wir sonst nie in Kontakt kommen würden.

Für unsere heutige Demokratiekrise, die in Wirklichkeit eine Chance und ein Imperativ ist, unsere Demokratie entschlossen zu vertiefen und weiterzuentwickeln, gibt es bezogen auf die große Attraktivitität virtueller Kommunikation nur ein Problem:

Wir ändern unsere Meinung höchst selten, wenn wir nur rein virtuell miteinander kommunizieren. Aus rein biologischen Gründen, aus Gründen, die damit zu tun haben, „wie wir Menschen gebaut sind“, reichen Bilder, Töne und Sprache für uns nur sehr selten aus, um von unseren festgefassten Meinungen abzugehen. Und das selbst dann, wenn wir uns im unmittelbaren Kontakt durchaus überzeugen lassen würden, unsere Meinung zu wandeln oder zu modifizieren.

Im Kern geht es bei „Meinungsänderungsprozessen“ um Vertrauen. Und für den Aufbau belastbaren Vertrauens, brauchen wir Menschen körperliche Anwesenheit im gleichen Raum. Wir sind sozusagen „nicht darauf angelegt“, z.B. Konflikte miteinander „rein virtuell“ zu verhandeln. Um Konflikte zu lösen, müssen wir bereit sein, uns neu kennen zu lernen, mehr voneinander zu erfahren. Virtuell entsteht diese Bereitschaft bei uns sehr selten. Wir sind dann viel zu sehr damit beschäftigt, unsere eigene Meinung zu bekräftigen, zu untermauern, zu erläutern, ihr Nachdruck zu verleihen. Wir sind unbewusst im Kampf-Modus, nicht im Dialog-Modus. Wir hören nicht zu, weil unser Körper eben den Körper des anderen im gleichen Raum braucht, um ihm zuhören zu wollen und ihm zuhören zu können.

Sind wir körperlich im gleichen Raum, so passiert weitaus mehr als im virtuellen Raum je passieren kann. So sehr der virtuelle Raum uns Möglichkeiten öffnet, und so wunderbar er ist, wenn es um Anregungen geht, wir neigen in ihm nicht ohne Grund zum Bau von „sozialen Filterblasen“. Ganz einfach, weil es uns viel zu sehr unter Stress setzt, ständig mit „Andersmeinenden“ zu tun zu haben, wenn Körpersignale den Austausch nicht ergänzen, wenn Körpersprache kaum eine Rolle spielt.

Privat wissen wir das. Fast jeder von uns hat schon die Erfahrung gemacht, dass, wenn es in der Kommunikation emotional wird – für mich, für den anderen -, keine gute Idee ist, bei reiner medialer Kommunikation zu bleiben (Post, E-Mail). Oft ist das ein sicherer Weg, Konflikte ohne Grund eskalieren zu lassen. Oft ist es gut, „zum Mobile zu greifen“ oder „einen Videocall zu vereinbaren“. Und so gut wie immer ist es besser, das direkt und persönlich zu klären, live, gemeinsam in einem Raum, unter Zuhilfenahme der uns biologisch gegebenen Mittel, uns mittels Körpersprache miteinander zu koordinieren. – Die Ergänzung des rein „Sprachlichen“ oder „Bildlichen“ durch die Kommunikation unserer Körper entstresst uns und lässt uns Nuancen, Andeutungen, Stimmungen und Ungesagtes besser verstehen und besser erahnen. Und das bedeutet: Durch körperliche Anwesenheit in einem Raum können wir bei einander deutlich besser und treffsicherer Nachfragen, wenn wir etwas nicht verstanden haben. Wir bekommen es auch viel häufiger überhaupt mit, dass wir möglicherweise gerade nicht wirklich verstehen. Während wir uns in der rein virtuellen Kommunkation dazu neigen, „uns selbst einen Reim darauf zu machen“. Das heißt: Wir „verstehen“ viel zu häufig, wir gemeinden das „Sperrige“ in der Kommunikation anderer Menschen viel zu schnell und viel zu leichthändig in unseren Denkrahmen und unsere Vorstellungswelt ein. – Wieder: Weil das angenehmer und weniger stressig für uns ist. Denn die Infragestellung unseres Denkrahmens ist für uns durchaus stressig. Vor allem dann, wenn es um für uns emotional geladene, substantielle Dinge geht.

Für den demokratischen Austausch, für die demokratische Beratung, für demokratisches Entscheiden und damit für die demokratische Kommunikation überhaupt ist es allerdings von entscheidender Bedeutung, dass wir das Sperrige des Anderen, das unsere Vorstellungswelten sprengt, auf uns wirken lassen.

Bleibt jeder einfach nur bei seiner Meinung und schreit sie in den Raum der Politik hinein, ohne echte Resonanz, jeder für sich im aufrechten Glauben, „im Recht zu sein“, kann der Raum des Politischen seine befriedende und befriedigende Wirkung auf uns nicht entfalten. – Im Grund „privatisieren“ wir damit diesen Raum. Wir gehen aus ihm heraus wie wir in ihn hinein gegangen sind. Und genau das hat mit „Demokratie“ nur sehr wenig zu tun.

So verführerisch einfach unsere neueren Mittel virtueller Vernetzung und virtueller Kommunikation auch sein mögen. Wie eindeutige sinnvoll sie für alle möglichen anderen Zwecke sind: Das Kernproblem unseres heutigen Demokratieproblems können sie nicht lösen.

Der Althistoriker Christian Meier hat einmal beschrieben, von was für entscheidender Bedeutung bei der Entstehung der ersten Demokratie der Menschheitsgeschichte die Herstellung von „Bürgerlichen Gegenwärtigkeit“ war. Die politischen Reformen des Kleisthenes im antiken Athen hatten genau diesen Zweck: Dass die Bürger regelmäßig miteinander in direkten Kontakt kamen, dass sich zwischen ihnen echtes Vertrauen ausbilden konnte, dass so das Gefühl einer gemeinsamen Bürgerschaft überhaupt erst entstehen konnte. – Vor dem Hintergrund, dass die Polis Athen flächenmäßig doppelt so groß war wie der nächstgroße antike Stadtstaat hatte auch schon jenes antike Athen ein „Virtualitätsproblem“. Und genau dieses Problem wurde durch die Reformen des Kleisthenes angegangen, wenn nicht bereits gelöst.

Wir haben heute viele Möglichkeiten, unsere Demokratie durch virtuelle Kommunikation zu ergänzen. Und kaum eine dieser Möglichkeiten ist „in sich schlecht“. Sie sind nur dann etwas Fatales, wenn wir zu glauben beginnen, dass es heute keines persönlichen, körperlichen, „real life“-Kontakts zwischen uns mehr Bedarf, um eine Demokratie zu haben, oder überhaupt erst zu bekommen.

Denn „bürgerliche Gegenwärtigkeit“ bekommen wir qua virtuell-medialer Kommunikation nur in ausschnitthafter Form. Menschen und das, was sie uns zu sagen versuchen, erscheinen uns in Social Media oder durch Journalismus vermittelt völlig anders, als sie uns erscheinen würden, wenn wir direkten Kontakt zu ihnen haben, der eben durch das ergänzt wird, das Körpersprachlichkeit für uns verändert. In der Regel beruhigt es unsere „Auseinandersetzungen“, unseren Austausch miteinander.

Aus all diesen Gründen halte ich das demokratische Losverfahren als Mittel zur Besetzung von Bürgerkonventen für die weitaus dringendere Reform unserer heutigen Demokratie. Liquid Democracy kann Großartiges leisten. Aber das kann sie nicht, solange wir auf unseren heutigen unglaublichen Bedarf an „Bürgerlicher Gegenwärtigkeit“ noch gar nicht eingegangen sind. Wenn wir nicht spüren oder gedanklich falsch zuordnen, was uns eigentlich fehlt. Wenn wir nicht realisieren, was wir im Raum des Politischen eigentlich brauchen und wünschen. Was wir uns von unserer gemeinsamen Politik eigentlich erhoffen.

Der Raum des Politischen kann ein Ort tiefer persönlicher wie gesellschaftlicher Befriedigung und Beruhigung für uns sein. Und das fortlaufend, als feste, wiederholbare Institution zwischen uns. Aber um diesen beruhigenden Raum des Politischen miteinander zwischen uns aufzuspannen brauchen wir auch unsere Körper. Verbannen wir die Körperlichkeit aus der Demokratie, verkennen wir den Segen von Körpersprache für unseren Meinungsaustausch, werden wir gar nicht erst in den Genuss dessen kommen, was Demokratie zu leisten vermag.

Und ganz generell: Die Geringschätzung des Körpers ist ein typisches Merkmal von Kriegerkulturen. Und das nicht ohne Grund. Denn die Geringschätzung des Körperlichen ist eine zuverlässige Methode physische wie geistige Aggressivität bei uns selbst zu kultivieren und herzustellen. Für Kriegerkulturen ist das Funktional.

Ob Geringschätzung des Körperlichen auch für eine demokratische Kultur zielführend ist, die auf immer noch weiter verbesserte Kooperation und Kommunikation zwischen uns angelegt ist, auf die niemals endende Suche nach immer neuen win-win-Spielen zwischen uns, das kann man mit überzeugenden Gründen in Frage stellen.

Was hoffentlich hiermit geschehen ist.

Wenn nicht, lassen sie uns einander im Real-Life treffen und dann sinnvoll darüber miteinander sprechen. So dass ich Ihre Bedenken sehen, hören, fühlen, spüren kann. Dass ich sinnvoll und freundlich bei Ihnen nachfragen kann, wenn ich noch nicht wirklich verstehe, was Sie gerade bewegt. Bevor ich Ihnen dann mit meinem ganzen Sein darauf antworte. So dass wir voneinander gleichermaßen und wechselseitig wahrnehmen können, was wirklich Bedeutung für uns hat und was wir möglicherweise voneinander brauchen.

Denn wechselseitige Missverständnisse sind im virtuellen Raum die Regel, nicht die Ausnahme. Wenn wir unsere virtuelle Kommunikation nicht gezielt durch persönlichen, unmittelbaren, körperpräsenten Kontakt ergänzen.

2 Gedanken zu “Demokratie: Virtuelle Kommunikation und die Kommunikation unserer Körper

  1. Ich kann auch körperlich, sogar sinnlich, ganz neben den Anderen Menschen vorbeileben.
    Gleichzeitig kann ich online, und nur per Tonübertragung, so dicht an Anderen sein, dass wir zu einem echten Team verschmelzen.
    Was könnte es sein, dass uns bei diesem Thema entgeht? Denn Verbindung kann durch alle Medien hindurch echt sein. Es hängt an was Anderem.

    1. Hm. Ich hoffe, ich verstehe Deinen Kommentar richtig, bin da aber gerade nicht ganz sicher. – Vielleicht so: Körperliche Anwesenheit in einem Raum ist notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Art von Verbundenheit, über die ich spreche. Sie kommt nicht zustande, wenn a) einer der in einem Raum anwesenden dissoziiert ist von den eigenen Bedürfnissen oder den der anderen Menschen, die mit ihm in einem Raum sind. Und b) wenn die Kommunikation nurt textlich ist. Bei Tonübertragungen (Stimme) passiert schon mehr. Bei Sehen manchmal noch mehr (nach meinen Erfahrungen aber nicht immer, Gründe führen für hier zu weit). Noch mehr, wenn man sich die ganze Zeit sehen kann, spüren kann, riechen kann, körperlich berühren kann. Kommunikation bei körperlicher Anwesenheit in einem Raum kann durch NICHTS kompensiert werden – wenn die Möglichkeiten, die uns körperliche Anwesenheit in einem Raum bietet, aber halt eben auch von uns bewusst genutzt werden, anstatt dass sie z.B. „professionell“ von uns unterdrückt werden. In vielen Unternehmen ist das der Fall. Dann allerdings macht es tatsächlich keinen Unterschied. Ich persönlich wünsche allerdings keinem Menschen, in so einem Unternehmen zu arbeiten. Selbst denen nicht, die sagen, das sei für sie so schon ganz okay. Oder die das sogar super finden. – Dahinter stecken nach meinen Erfahrungen im Coaching immer ganz bestimmte Vorerfahrungen und „Geschichten“… 😉

      – Was denkst Du dazu?

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