Dass einige Menschen zur Politik fähiger seien als andere, ist der eigentlich aristokratische Standpunkt: „Politik? Das ist nicht für alle, sondern für die Besonderen, also für uns/für die.“

Wir können verstehen, dass diese Vorstellung von Politik gleichbedeutend ist mit der Ansicht, dass manche Menschen wertvoller seien als andere. – Auf welche Weise hängen diese beiden Aussagen also genau zusammen? Der Versuch einer Antwort in 3 Anläufen:

Philosophically speaking

Wir können es zum einen „technisch“ fassen: Der Raum der Politik ist das Herz jeder Gesellschaft. Und er ist das selbst dann noch, wenn dieses Herz weitgehend entleert ist, weil Politik ihrer Würde als ständige Stiftung von Gemeinschaft und Beteiligung beraubt ist, wenn sie privatisiert ist und als Kampfplatz um Privatinteressen gesehen und genutzt wird. Denn der bestimmende Teil einer Gesellschaft ist immer der Zustand des politischen Raums.

Wenn wir der Ansicht sind, der Raum des Politischen sei nicht für alle, dann lassen wir eben nicht alle „Bestimmende“ in unserer Gesellschaft sein, sondern nur wenige, eben Besondere. – Dadurch werden diese Wenigen automatisch zu „höherwertigen“ Menschen für uns, denn wir erhöhen diese Menschen und erniedrigen damit zugleich alle anderen. Es ist sozusagen die „Rache des politischen Raums“, dass er, wenn er nicht gefüllt wird, wenn er von uns nur unvollständig aufgespannt wird, Wertunterschiede zwischen uns als Menschen aufspannt. Der Raum des Politischen hat seine eigene Würde, gerade weil in ihm der Mensch zum Menschen kommt. Oder eben: Kommen sollte.

Kommt es anders, so verliert nicht der Raum seine Würde, sondern alle Menschen in einer Gesellschaft verlieren gemeinsam ihre Würde, dadurch dass dieser Gesellschaft der Ort der allgemeinen Anerkennung der allgemeinen menschlichen Würde fehlt. Selbstverständlich ist ein solches „Fehlen“ niemals unwiederbringlich. Das Prinzip des Politischen, der Demokratie ist unsterblich. Aber diese allgemeine menschliche Würdelosigkeit gilt sehr wohl und sehr real für genau die Dauer, in der jener Raum des Politischen in dieser Gesellschaft fehlt. – Wer hier philosophisch einsteigen möchte, kann dazu Joachim Ritters Aufsatz „Das bürgerliche Leben“ nutzen, der das aristotelische Verständnis von Politik skizziert und sich dieses Verständnis aus einer modernen Perspektive aneignet.

Der Raum des Politischen lässt sich also nicht „hinabziehen“. Aber er kann, wenn er nicht verstanden wird oder wenn er uns gleichgültig ist, zu einer Trennlinie zwischen Menschen werden, durch die eine allgemeine Entfremdung in die Gesellschaft kommt:

a) Eine Entfremdung des größten Teils dieser Gesellschaft von der Politik

b) Eine Entfremdung der Menschen untereinander. Sowohl der „wertvolleren“ von den „weniger wertvollen“; als auch der „unteren Schichten“ untereinander und der „oberen Schichten“ untereinander. Die bevorzugte Bezugsform aufeinander, die dann noch bestehen bleibt und die dadurch auf Dauer gestellt ist, ist das Kämpfen und Ringen miteinander, das Hauen und Stechen, das Lügen, Betrügen und die Versuche, einander wechselseitig über den Tisch zu ziehen: „Die aristokratische Lust“.

Durch die Ansicht, der Raum des Politischen sie nicht für alle, sondern nur für wenige (gleich wie sie ausgewählt werden), entsteht also überhaupt erst ein „Oben und Unten“ in einer menschlichen Gesellschaft. Es ist das Konstitutionsprinzip der Aristokratie.

Understanding the message

Wir können es aber auch einfach so fassen, wie es unmittelbar gemeint ist:

Nicht jeder sei fähig zur Politik. Politik sei eine komplexe Sache, die eben manche Menschen überfordere. Zudem interessierten sich ja auch nicht alle Menschen für Politik. Deren freien Unwillen zur Politik müsse man respektieren, usw. usf.

Diese Absprache der Fähigkeit zum politischen Austausch, zur politischen Mitsprache, zum politischen Mitentscheiden, konzipiert so etwas wie: „Es gibt spezifische Fähigkeiten, die man zur Politik braucht. Und wenn man die nicht hat, dann sollte man keinen Zugang erhalten zum Raum des Politischen“

Dieses Denken führt sich also wie ein Türsteher oder wie ein Lehrer auf, der Zensuren für „Politikgeeignetheit“ vergibt.

Es ist dabei übrigens gleichgültig, ob diese Sichtweise biologistisch („die Eigenschaft ist von Natur, ist genetisch, wird vererbt“) oder soziologisch („die Eigenschaft ist erworben, man kann sie kultivieren, manche sind derzeit in dieser Hinsicht aber eben unkultiviert“) vertreten wird. – Im Letzteren Fall wird meistens „politische Erziehung“ für nötig gehalten. Auch diese Sichtweise ist durch und durch aristokratisch.

Denn es findet dabei eben eine Entwertung von Menschen in ihrem So-Sein, in ihren Erfahrungen, Fähigkeiten, Ressourcen, Gefühlen, Bedürfnissen, in ihrem Wünschen und Wollen statt.

Der Raum des Politischen und die Menschen, denen man „aufgrund fehlender Fähigkeit dazu“ den Zutritt zu ihm verweigern möchte, werden gleichzeitig verkannt. Der Raum, weil nicht verstanden wird, dass er vor allem ein menschlicher Resonanzraum ist, in dem sich Gesellschaft zur Gemeinschaft macht, der mitnichten bestimmte Erfahrungen oder gar „kognitive Fähigkeiten“ erfordert, um zu einem sinnvollen Teil von ihm zu werden. – Hier zeigt sich nur die fehlende Bereitschaft einiger „mitzuschwingen“. Man fürchtet die Berührung, man fürchtet den Kontakt „mit den Massen“ oder mit „ganz bestimmten anderen“. Man fürchtet die „Ansteckung“.

Und diese Furcht ist ja auch ganz begründet: Denn man steckt sich auch wechselseitig an in einem vollausgebildeten Raum des Politischen. Allerdings anders als sich der aristokratische Standpunkt das vorstellt: Nicht mit unverändert bleibenden „Meinungen“, sondern mit Verständnis, mit Gefühlen und Empathie. Und auch das wiederum: wechselseitig. Der aufgeschreckte Geist, das vereinzelte Besserwissen aller kommt im Spüren-Können der Anderen, in der wohlwollenden Gegenwart der Anderen zur Ruhe. Aber davon weiß der aristokratische Standpunkt nichts. Und er will davon auch gar nichts wissen. Denn seine größte Furcht ist ja: „Sich gemein zu machen“, weil er dieses „gemein werden“ als eine Entwertung zu erleben befürchtet. Dass das Erleben in der Realität, wenn sie denn zugelassen wird, eine ganz andere ist, diese Erfahrung hat der aristokratische Geist nicht gemacht, oder wenn er bereits machen durfte, wieder vergessen und verdrängt.

Aber eben nicht nur der Raum des Politischen selbst, sondern auch die aristokratisch aus ihm ausgeschlossenen Menschen werden verkannt: Hinter dem Zerrbild von ihnen, das wir uns durch oberflächlichen alltäglichen Kontakt oder vermittelt durch Medien von ihnen machen, sind sie ganz andere als wir uns das vorstellen. Der aristokratische Standpunkt zur Politik ist daher auch gleichbedeutend mit einer Verweigerung des Kennenerlernens und der Neugier auf den Anderen. Er möchte gern bei seinen Bildern von den Menschen bleiben, anstatt sich zu öffnen und diese Bilder mit der Wahrheit dieser Menschen abzugleichen und anzureichern. Und natürlich sind die oberflächlich-medialen Bilder anderer Menschen in der Gesellschaft immer unterkomplex, vereinfachend und oft sogar bösartig. – Das kann kaum anders sein in einer Gesellschaft, die auf Differenzierung setzt und sie auf großartige Weise zulässt. Eben der Grund, warum es den Raum des Politischen als Ort der Wieder-Zusammenkunft und der Begegnung systematisch braucht in einer liberalen Gesellschaft.

Für unsere hier verfolgte Frage können wir festhalten: Auch wenn wir die aristokratische Aussage von der Exklusivität von Politik so verstehen, wie sie verstanden werden möchte, findet eine Entwertung der Ausgeschlossenen und eine Aufwertung des „Zum-Politischen-Befähigten“ statt. Und wer auch immer diesen Ausschluss der Vielen aus dem Raum des Politischen vornimmt, der nimmt performativ für sich selbst einen besonders zur Politik befähigten Standpunkt ein: Er maßt sich selbst dabei zu beurteilen zu können, wer „fähig“ ist. Um aber Fähigkeit zu erkennen, bei wem sie vorhanden ist, muss man Ahnung von jener Fähigkeit haben.

Und natürlich ist dabei auch der Standpunkt möglich: „Ich habe diese Fähigkeit zwar selber nicht, aber ich erkenne sie bei anderen, wenn ich sie sehe“.

Gleich ob wir uns selbst innerhalb des aristokratischen Standpunkts als „politisch Fähige“ oder als „politisch Unfähige“ verstehen: Wir bewerten dabei Menschen hinsichtlich ihrer Fähigkeit, ihr Leben selbst bestimmten oder eben nicht selbst bestimmen zu können. Gleich ob wir uns selbst für so unfähig halten oder andere Menschen, wir sprechen im aristokratischen Ausschluss von Menschen aus der Politik diesen Menschen ihre Würde ab, während wir anderen Menschen diese Würde zusprechen.

Sofern wir nicht davon abgehen möchten zu sagen, dass das Recht, über das eigene Leben zu Bestimmen ein zentraler Teil des Würde eines Menschen ausmacht, bewerten wir im aristokratischen Standpunkt also nicht eine X-beliebige Größe unter anderen. Wir bewerten einen ganz zentralen Punkt des Menschseins. Und zwar, indem wir ihn bestimmten Menschen absprechen. Und diese Menschen, denen wir das absprechen, können auch wir selber sein. Das macht nicht den geringsten Unterschied.

In jedem Fall konstituieren wir im Ausschluss bestimmter Menschen aus dem Raum des Politischen die Kategorie „wertvollere/weniger wertvolle Menschen“. Und das tun wir auch dann, wenn wir das gar nicht wollen oder wenn uns das gerade gar nicht in seiner ganzen Tragweite bewusst ist.

Der reine Akt des Ausschlusses aus dem Politischen ist dafür völlig hinreichend.

Malicious listening

Wir können den Ausschluss einiger bestimmter Menschen aus der Politik auch psychologisch nachvollziehen:

Aus diesem psychologischen Nachvollzug wird entweder eine Analyse des aristokratischen Verständnisses von Philosophie. Eine Philosophie, die Philosophie so versteht, dass jede Philosophie ausnahmslos immer einen gesellschaftlichen Herrschaftsanspruch geltend macht, der anderen gleichrangigen Herrschaftsansprüchen feindlich und unversöhnbar gegenübersteht, bereit zu wechselseitigen philosophischen Vernichtungskriegen.

Oder es entsteht eine Analyse des Spiels von Kriegern in einem deutlich handfesteren Sinn. Doch auch das sind Krieger, die gern unter sich bleiben wollen, weil sie am Ende doch ein wenig Angst davor haben, dass sie vielleicht doch nicht gar so großartig sein könnten, wie sie glauben sein zu müssen, um „wertvolle Menschen“ zu sein.

In beiden Fällen ist Angst vor Verlust, ist Angst vor dem Verlieren die treibende Kraft. Angst davor, sich in einem vermeintlich ewigen politischen Ringen als „weniger wertvoll“ zu erweisen. Denn auch der, der sich in diesem Ringen nicht selbst als „der Beste“ erweist, indem er „den Kampf verliert“, ist und bleibt ein „Aristokrat“, indem er das Prinzip bejaht, dass es in der Politik um einen Kampf geht. Damit verbunden ist eben der typisch aristokratische Glaube, dass dieser Kampf unauflösbar und ewig sei.

Das aristokratische Denken besteht in einem völligem Unverständnis dafür, dass es gerade der Raum des Politischen ist, der die „Naturgesetzlichkeit“ aufhebt, dass es im menschlichen Leben ewig nur ums Gewinnen und Verlieren zu gehen habe.

Das aber eben nur, wenn wirklich alle zum Raum des Politischen zugelassen sind. Wenn wir wirklich alle gemeinsam diesen Raum herausbilden.

Allgemeinheit der Politik markiert den Übergang von Aristokratie in Demokratie.

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Ein Gedanke zu “Der aristokratische Standpunkt

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