Eine Demokratie ohne Parteien können wir uns heute kaum vorstellen. Beides scheint auf’s Engste miteinander verknüpft zu sein. Das geht so weit, dass wir uns in unser Grundgesetz Folgendes hineingeschrieben haben:

„Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.“ (Art. 21 GG)

Dabei kann man recht genau beziffern, wann das Parteiprinzip Teil des Demokratiebegriffs geworden ist: Seit der französischen Revolution ist es fester Bestandteil des modernen Parlamentarismus, inklusive der Unterscheidung in „links und rechts“ und dem uns wohl bekannten Drumherum von Parteiengeschehen und Fraktionsbildungen. Die Verquickung von Parteien und Demokratie geschah also exakt zeitgleich mit einigen anderen begrifflichen „Umwidmungen“ und fundamentalen Umverstehungen politischer Grundbegriffe, die davor über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende eine ganz andere Bedeutung hatten.

Insofern kann es uns heute überraschen (oder mit Blick auf die Ereignisse rund um die Geburt der modernen Demokratien eben auch gar nicht überraschen), dass das Verhältnis von Parteibildung und Demokratie „ursprünglich“, an der Wurzel des abendländischen Demokratiebegriffs völlig anders aufgefasst wurde.

Wir können dabei wiederum auf den Althistoriker Christian Meier verweisen, der ein sehr analytisches und tiefgehendes Verständnis der athenischen Demokratie entwickelt hat. Mit Blick auf das völlige Fehlen von Parteien, Fraktionen und Faktionen in der Blütezeit der antiken Demokratie schreibt er:

„Im wesentlichen galt, was sowohl Herodot als auch Aristoteles als Merkmal der Demokratien im Gegensatz zu den Oligarchien hervorgehoben haben, dass es in ihnen keine Spaltung in Parteien oder genauer: Faktionen gegeben habe. Der Demos sei vielmehr in der Politik einmütig gewesen. Das ist positiv richtig für die wichtigen Fragen, in denen es um seine zentralen Interessen ging. Es stimmte negativ auch insofern, als institutionelle Vorkehrungen und die Lagerung der Macht ausschlossen, dass Faktionen im Zentrum der Politik entscheidend wurden. In den Oligarchien dagegen war Faktionsbildung an der Tagesordnung, und daraus erwuchsen stets neue Gefahren, wenn nämlich die Unterlegenen [Oligarchen oder Adligen] den Demos für sich mobilisierten.“ (Christian Meier: Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Suhrkamp, S. 266 f.)

Und in einem anderen Aufsatz über die Kleisthenischen Reformen, die der Entstehung der Demokratie in der Antike den Weg bereiteten, stellt Meier fest:

„Indem aber die Bürger in neuem Sinne von der Polis her verstanden wurden, begann diese gleichzeitig in einem neuen Sinne aus den Bürgern zu bestehen. Damit mussten mindestens auf die Dauer die Maßstäbe dieser Bürger zur Herrschaft gebracht werden, die Maßstäbe nämlich solcher Menschen, die primär Recht und Ordnung und nicht den Sieg in Adelsfehden, die Durchsetzung mächtiger persönlicher Ansprüche, das Handeln nach Maßgabe von Freund- und Feindschaftsverhältnissen wollten. Es ist interessant und kennzeichnet die antiken Verhältnisse, dass nach einhelligem Zeugnis aller Quellen in aller Regel Parteiungen innerhalb des Demos nicht vorkamen, sondern nur Gegensätze zwischen dem Demos und den Adligen oder Reichen sowie Faktionsgegensätze innerhalb der oberen Schicht.“ (ebd., S. 140)

Mit anderen Worten: Es gab zwar Parteien und „Faktionen“ auch in der antiken Demokratie, aber sie wurden als anti-demokratisches Prinzip innerhalb der Demokratie verstanden. Die Demokratie konnte sich nur so lange als Staatsform aufrecht erhalten, solange die Gegensätze, die innerhalb der Oberschicht bestanden und gerne von dieser „ausgeweitet“ und im politischen Raum ausgetragen worden wären, eben gerade nicht auf die gesamte Bürgerschaft übergriffen und damit alle Bürger in ihre privaten Fehden und Streitigkeiten wie in einen Strudel mit hineinzogen. Nur solange es politische Institutionen gab, die exakt diesen Zweck verfolgten: Die Bürger systematisch zu einen, anstatt sie in Parteiungen zu spalten, konnte sich die Demokratie gegen die stets präsent bleibende Tendenz zur Oligarchie behaupten.

Denn die Form, wie dieses Mitheineinziehen aller Bürger nur geschehen kann, ist das alte adlige Prinzip der „Gefolgschaft“. Parteien im Raum des Politischen zuzulassen, bedeutete für die griechische Demokratie daher, dass die Demokratie wieder in eine Oligarchie oder Aristokratie denaturierte. Der Bürger wäre dadurch aus seinem Bürgerstatus verdrängt worden und wieder einfacher, bloßer Gefolgsmann geworden, in jenen Kämpfen, die Adlige eben gerade miteinander ausfechten wollten. Um den Bürgerstatus für die Vielen zu erhalten, durfte es keine Parteien im Politischen Raum geben. Institutionen, die genau das leisteten, wurden als „demokratisch“ verstanden.

Für die Bürger, die im nun „rein Privaten“ der Oberschicht angehörten, qua Abstammung, qua Eigentum und vielleicht auch schon qua Auftreten, hatte das weitreichende Konsequenzen. Auch diese werden von Christian Meier analysiert und gewürdigt:

„Die Einmütigkeit des Volkes in der Demokratie hatte zur Folge, dass der Adel oder die Reichen, wenn sie gemeinsame Interessen hegten, welche gegen diejenigen des Demos standen, notwendig in der Minderheit waren. Das führte mit der Zeit zu den Zweifeln an der demokratischen Gleichheit, wonach zwar die einzelnen Bürger, nicht aber „die Reichen“ mit „den Armen“ gleich waren. […] Adlige und Reiche konnten ihre speziellen gemeinsamen Interessen nur durchsetzen, wenn sie die Demokratien stürzten und die Vollbürgerrechte einschränkten. Aber da man darauf nicht ständig hinarbeiten konnte, bedeutete das in der Regel nur, dass den Gemeininteressen der Adligen und Reichen auf diese Weise Grenzen gesetzt waren. Die Interessen einzelner Angehöriger dieser Schichten hatten durchaus reale Chancen. Athen bot als Weltmacht in Politik, Kriegsführung und Diplomatie seinen Adligen sogar ganz außerordentliche Entfaltungs-, Bewährungs- und Bereicherungsmöglichkeiten, die die eventuellen Nachteile der demokratischen Spielregeln für die politisch Ehrgeizigen lange aufwogen.“ (ebd., S. 267)

Mit dieser Beschreibung und dem offensichtlichen Unterschied zu unserem heute herrschenden und eben auch institutionalisierten Demokratieverständnis können wir nun auf zwei verschiedene Weisen umgehen:

Wir können sagen: „Ja nun, das ist eben die Antike. Es gibt ja viele Unterschiede zur Modernen Gesellschaft. Und das ist eben auch einer davon. Nur weil die antike Demokratie einen Gegensatz zwischen Parteiprinzip und demokratischem Gemeinwesen gesehen hat, muss das ja eben gerade nicht für die Moderne Gesellschaft gelten. Heute ist es eben einfach genau andersherum. Parteienvielfalt: Genau darin besteht in der Moderne die Demokratie!“

Oder wir können sagen: „Ja, es gibt sehr viele, politisch sehr wichtige Unterschiede zwischen antiken Gesellschaften und Moderner Gesellschaft. Aber eben gerade dieser Unterschied ist keiner, der durch die verschiedenen Verhältnisse einen Unterschied macht. Es handelt sich eher um so etwas wie eine ‚überzeitliche Wahrheit“, eine anthroposoziale Konstante. Die Organisationsform der antiken Demokratie gibt uns genau in diesem Punkt einen sehr klaren Hinweis darauf, was bei der Neu-Herausbildung der modernen Demokratie von Anfang an schief gegangen sein könnte. So schief, dass wir die Folgen heutzutage in unserem politischen wie nicht-politischen Alltag überdeutlich zu spüren bekommen. Gerade durch und im Parteiprinzip und seiner verfassungsmäßigen Verankerung liegt der Hund begraben. Jener Hund, der dazu führt, dass wir heute trotz aller schönen Beteuerungen und Sonntagsreden sehr treffend von einer unvollendeten Demokratie sprechen müssen.“

Wir würden im letzteren Fall annehmen, dass auch unsere heutigen „politischen Parteien“ im Grunde nichts anderes sind als Kämpfe zwischen Oligarchen und Oligarchieanwärtern, die versuchen, „Gefolgschaften“ im Volk zu sammeln, um gegeneinander möglichst erfolgreiche (Wahl-)Kämpfe zu bestreiten. Und die genau dadurch – im Grunde „durch ihr Sein“ – die Bürger entmündigen. Oft gegen die eigenen guten Absichten der in Parteien organisierten Berufspolitiker.

Parteien wären dann eben nicht die Säulen der Demokratie oder der demokratischen Willensbildung. Sondern sie wären der seit 200 Jahren schmerzende Stachel im Fleisch von beidem: Der modernen Demokratie als Staatsform und der gemeinsamen Willensbildung der demokratischen Bürger.

Wäre dem also so, müssten wir uns über tiefgreifende institutionelle, auch verfassungsmäßige Reformen Gedanken machen. Und zwar so, dass sie ganz andere Wege demokratischer Willensbildung eröffnen und stabil institutionalisieren. Wege der Willensbildung, die eben vorsätzlich und einsichtsvoll ohne Parteibildungen auskommen.

Möglicherweise ist gerade heute, in unserer neuen politischen Situation, die Zeit reif geworden, den Stachel behutsam herauszuziehen und die vielen Wunden der all zu lang währenden politischen Fraktionierung zu verbinden. Wenn einem diese Wortwahl nicht doch zu seltsam erscheint für den Raum des Politischen: Liebevoll, aufmerksam und sorgsam zu verbinden. Weil wir Mitbürger sind und gemeinsam eine Gesellschaft bewohnen. Weil wir diese Gesellschaft „sind“. Weil wir über eine nur zwangsweise und einigermaßen aushaltbare Vergesellschaftung hinausgehen wollen und eine fühlbare Gemeinschaft werden wollen. Und menschliche Gemeinschaften zeichnen sich eben dadurch aus: Dass man umeinander besorgt ist, dass man füreinander sorgt. Wechselseitig.