Machen Sie mal einen kleinen nicht-repräsentativen Mini-Check in ihrem eigenen Umfeld, ihrer eigenen Bubble:

Wer engagiert sich in irgendeiner Form „politisch“ von allen Menschen, die Sie irgendwie persönlich kennen? – Hier meine Vermutung, was Sie finden, wenn Sie sich so fragen:

  • Diese Menschen sind Akademiker, haben irgendein Studium abgeschlossen
  • Diese Menschen versorgen keine Kinder. Entweder noch keine Kinder (z.B. eben Studenten); oder sie haben sich generell dagegen entschieden, Kinder zu bekommen; oder sie haben zwar Kinder, aber alltäglich kümmern tun sich um diese Kinder in Wirklichkeit andere Menschen, die selbst wiederum „nicht politisch engagiert sind“; oder die Kinder sind bereits aus dem Haus.
  • Wenn diese Menschen doch Kinder haben, sind sie vermögend; also nicht mehr „Unterschicht“ oder „Untere Mittelschicht“; sie können sich entweder viel professionelle Kinderbegleitung leisten oder haben jemanden zu Hause, der das für sie tut, so dass sie eher „pro forma“ Kinder haben, aber nicht wirklich viel von ihnen im Alltag mitbekommen.

Richtig?

Das sind also die Menschen, die „sich politisch engagieren“: Vermögende, kinderlose Studierte.

Die Frage ist nun, ob wir der Auffassung sind, dass Vermögende Unvermögende politisch repräsentieren können.

Und ob Kinderlose Menschen politisch vertreten können, die intensiv mit Kindern zu tun haben, mit allem, was im Alltag dazu gehört.

Und ob Studierte Nicht-Studierte repräsentieren können in unseren Parlamenten und politischen Entscheidungsgremien.

Alle drei Fragen muss in der heutigen Situation – ohne Losverfahren und ohne institutionalisierte Bürgerkonvente – wiederum „jeder für sich entscheiden“, das heißt: ohne unmittelbaren politischen Austausch mit Menschen, die eben in einer anderen gesellschaftlichen Situation sind als man selber, ohne also überhaupt wissen zu können, wovon wir hier gerade sprechen.

Denn privat, jenseits von Politik leben wir alle in getrennten Welten, die nur sehr wenig gehaltvolle Verbindungen zueinander haben. Wir kennen uns als Gesellschaft eigentlich gar nicht, weil jeder von uns in seinem Milieu, in seiner Bubble, in seinem ganz persönlichen gesellschaftlichen Biotop herumplanscht.

Weil wir die menschliche Unterschiedlichkeit unserer Gesellschaft in unserem privaten Alltag kaum erleben – umgeben von lauter uns relativ ähnlichen Menschen – schätzen wir auch den Repräsentationsbedarf in unserer Demokratie falsch ein. Erst wenn man die Unterschiede in tiefergehenden Gesprächen mit vielen Menschen aus vielen anderen Milieus ständig unmittelbar erlebt, können einem Zweifel kommen, ob die einen von uns die anderen von uns sinnvoll politisch repräsentieren können. Und ob die Privatisierung unseres politischen Engagements wirklich eine so tolle Sache ist. Bequem ist diese Privatisierung. Ja. Aber ist sie auch politisch klug? Und demokratisch? Hilft sie uns, die gemeinsamen Probleme in unserer Gesellschaft gemeinsam zu lösen? Ohne dass Fremdbestimmung der einen über die anderen entsteht?

Ich selber bin in der überaus privilegierten Position, mit Menschen aus den erwähnten gesellschaftlichen Gruppen in intensivem persönlichem unmittelbarem Kontakt zu stehen, auf einer wöchentlichen, wenn nicht täglichen Basis. Dieses Privileg genieße ich „berufsbedingt“. Ich treffe Kinderlose wie Kinderbetreuende. Ich treffe Menschen mit und Menschen ohne Studium. Ich treffe sehr vermögende Menschen und Menschen völlig ohne Vermögen. Mit allen habe ich intensive Gespräche über ihre Wünsche, ihre Situation und ihre bisherigen Erfahrungen.

Und ich kann nur meine daraus entspringende Erfahrung teilen: ich persönlich glaube nicht, dass eine dieser Menschengruppen die jeweils andere Menschengruppe „politisch repräsentieren“ kann.

Liege ich in diesem Punkt richtig, wäre also unsere Vorstellung von Repräsentierbarkeit von Bürgern durch Bürger in ganz anderen Lebenslagen völlig irreal, dann müssten wir uns die Frage stellen:

Ist das die Demokratie, die wir uns vorstellen? – Eine Staatsform, in der kinderlose Bürger kinderbetreuende Bürger vertreten? Und Vermögende Unvermögende? Und studierte Menschen Menschen ohne Studium?

Ich finde, es gibt gute Gründe anzunehmen, dass ein Staatswesen, das so organisiert ist, allerhöchstens eine Art „Proto-Demokratie“ oder „Prä-Demokratie“ ist.

In einer vollständigen Demokratie würden wir ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass Menschen einer Lebenssituations-Gruppe in der Gesellschaft nur durch Ihresgleichen politisch vertreten werden können.

Und dass daher alle Bürger zu gleichen Teilen aktiv in politische Beratungen und Entscheidungen einbezogen sein müssen. Und dass nur Institutionen und Verfahren, die das ermöglichen, wirklich „demokratisch“ genannt werden können.

Da wir aus guten Gründen auf den parlamentarischen Live-Austausch nicht verzichten sollten, wenn wir gemeinsam zu guten Entscheidungen kommen wollen, gibt es für dieses Problem: „Wie bekommen wir Demokratie?“ tatsächlich nur eine Lösung: Losverfahren und Bürgerkonvente. Nicht auf Zuruf und gelegentlich, sondern regelmäßig, fest institutionalisiert und verankert in unserer demokratischen Verfassung. Auf allen politischen Ebenen.