In seinem Aufsatz „Aischylos‘ Eumeniden und das Aufkommen des Politischen“ beschreibt der Althistoriker Christian Meier ein zentrales und besonders bemerkenswertes Element von Politik und Demokratie. Meier betont mit Rückgriff auf den antiken Geschichtsschreiber Thukydides die Fähigkeit der Stadt Athen, sich von alten, überkommenen Gewohnheiten zu lösen (S. 147 f.). Dabei nimmt er Bezug auf den „unerhörten“ Schritt des Themistokles, angesichts der Bedrohung durch die überlegene Landmacht der feindlichen Perser die ganze Stadt „auf die Schiffe zu verlagern“.

In diesem Schritt Athens sieht bereits der antike Historiker Thukydides eine Fähigkeit, die so noch nie dagewesen war: Nämlich als Gesellschaft mit Blick „auf die Sache selbst“ das „Notwendige“ zu tun. Und das eben auch dann, wenn dieses Notwendige den bisherigen Traditionen einer Gesellschaft völlig widerspricht. Also die Fähigkeit zum sinnvollen Traditionsbruch – Unterschieden von der „Mode“ als permanentem Traditionsbruch, der Selbstzweck ist, wie wir ihn heute in einigen gesellschaftlichen Bereichen kennen; auch hier lässt sich allerdings ein „Sinn“ erkennen: Die institutionalisierte Erfüllung des universellen menschlichen Bedürfnisses nach Abwechslung.

Die historische Leistung der antiken Demokratie

Um zu verstehen, wie groß dieser Schritt für das antike Athen war, muss man wissen, a) dass die Kultstätten für die athenische Bürgergemeinschaft nach wie vor eine große Bedeutung hatten. Sie waren weiterhin mindestens ein Symbol für den gesellschaftlichen Zusammenhang. Und wahrscheinlich auch nach wie vor Teil der lokalen Organisationsformen ihrer Gesellschaft und damit ihres Zusammengehörigkeitsgefühls. Diese Orte einfach aufzugeben, war tatsächlich ein unerhörter, existentiell beängstigender Schritt für die Athener Bürger, denn sie gaben damit in ihrer eigenen Sicht ihre Verbundenheit mit den Göttern auf, die sich daraufhin durchaus ungnädig zeigen konnten. b) Zudem war das Prinzip, „die Alten“ zu ehren und das Überkommene zu würdigen, anstatt das Neue als Neues zu umarmen nach wie vor ein fester Bestandteil der athenisch-griechischen Kultur. Daran hat – anders als in der Moderne – auch die philosophische Neigung der Griechen nichts geändert. Auch die griechische Philosophie begründete sich selbst, indem sie sich nicht als Bruch, sondern als ein Zusammenhang mit der Tradition sah. Zunächst mit der Tradition der Dichter, dann mit den vorsokratischen Denkern. Abstammung, Herkommen und Ungebrochenheit der Tradition waren also rein positiv bewertet. Und diese rein positive Wertung tradierter Zusammenhänge war common sense.

Mit diesem bisherigen common sense bricht die athenische Demokratie, indem sie dem Rat des Themistokles folgt und die Stadt aufgibt. Darüber hinaus löst sie damit die Identität der Polis von der reinen Örtlichkeit: Die „künstliche“ Entität des politischen Gemeinwesens besteht nun dadurch auch objektiv und offiziell unabhängig von äußeren Gegebenheit: Der Stadtstaat besteht in ihren Bürgern und in der besonderen, politischen Weise ihres Zusammenlebens.

Hier ist ein allgemeines Prinzip zu erkennen: Menschliche Gesellschaften können an ihrer „Kultur“ zugrunde gehen. Indem die bestehenden Traditionen, objektiv geworden in den äußeren Verfahren und Institutionen dieser Gesellschaft, dem menschlichen Gemeinschaftshandeln Grenzen setzen, wird es „normalerweise“ schwierig bis unmöglich für eine Gesellschaft auch angesichts drohender Gefahr angemessen „auf die Sache selbst zu schauen“ und „notwendige“ Entscheidungen zu treffen, die diese Gefahr zu bewältigen.

Damit dieses Prinzip der fatalen Selbstbegrenzung der eigenen Handlungsfähigkeit auftritt braucht es nicht zwingend religiöse Bindungen oder kultische Zusammenhänge, wie wir heute wissen. Jede Gesellschaft besteht in ihren Institutionen und in der Gewohnheit der Menschen dieser Gesellschaft, diese Institutionen für „gegeben“ zu halten, sich auf ihr Vorhandensein einzustellen und durch diese Institutionen auch die eigenen, subjektiven Vorstellungen, Glaubenssätze, Einstellungen und Handlungsweisen formen zu lassen. Institutionen sind das, was „die Kultur“ einer Gesellschaft prägt. Denn in ihren Institutionen pflegt und kümmert sich eine Gesellschaft um sich selbst.

Institutionen zu ändern bedroht also in gewisser Weise immer „die Identität“ einer Gesellschaft. Sie zu ändern ist wie der Umbau eines Schiffs auf hoher See. Oder wie fundamentale Änderungen am IT-Betriebssystem, während die Prozesse nicht heruntergefahren werden können, sondern weiterlaufen müssen – Also eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

An dieser Stelle gibt es nun eine interessante Parallele zu Prozessen, wie wir sie aus Psychotherapien und Coachings kennen: Auch einzelne Menschen tun sich extrem schwer, Gewohnheiten zu ändern, die zum Kernbestand der eigenen „Identität“ eines Menschen gehören. Also Verhalten, das auf Glaubenssätzen beruht, von denen der jeweilige Mensch denkt und sagt: „Ich bin halt einfach so.“ oder „Das bin ich.“

Wozu wir uns heute von der antiken Demokratie anregen lassen können

Spannend ist vor allem: Dass solche Änderungen überhaupt möglich sind. Wir verfügen heutzutage über ein weit gefächertes Set an Möglichkeiten, solche Veränderungen zu begünstigen, auszulösen und zu fördern – Vorausgesetzt, es gibt aus der Perspektive des Sich-Ändernden eben eine „Notwendigkeit“ dazu.

Wir können daran mehrere Dinge ablesen:

  • „Die Sache selbst“, die die Notwendigkeit zur Gewohnheitsänderung auslöst, ist keine rein objektive Gegebenheit, auch wenn sie uns möglicherweise so erscheint. Die Sache selbst hat eine starke subjektive, auch stark emotional aufgeladene Komponente. Ja, man kann so weit gehen zu sagen, dass es gerade die damit verbundenen menschlichen Emotionen sind, die „die Sache selbst“ bilden und binden.
  • Das Problem der Gewohnheitsänderung besteht subjektiv-individuell und objektiv-institutionell gleichermaßen. In beiden Fällen können wir von Anpassungen sprechen, die unter veränderten Umständen als „Fehlanpassungen“ erscheinen, sofern sie notorisch aufrecht gehalten werden, obwohl Menschen unter ihnen zu leiden beginnen. – Klassischerweise spricht man hier von „neurotischem Verhalten“. Verhalten, das einst sinnvoll war, wird nicht angepasst, obwohl die neuen Umstände neue Möglichkeiten hergeben und das gewohnte Verhalten zugleich anhaltendes Leiden verursacht. Die Institutionen einer Gesellschaft können mit den Gewohnheiten eines einzelnen menschlichen Individuums gleichgesetzt werden. In diesem Sinne gibt es: Neurotische Institutionen und neurotische Gesellschaften. Gesellschaften also, die ihre Institutionen nicht anpassen, obwohl Menschen unter dieser fehlenden Anpassungsänderung anhaltend zu leiden begonnen haben.
  • Die bereits in der Antike, heute von Christian Meier betonte Leistung der Athener, ihre überkommenen Institutionen in Frage zu stellen, kann daher tatsächlich gar nicht hoch genug geschätzt werden. Sie entspricht der Fähigkeit eines seelisch „gesunden“ Menschen, der sein Verhalten anpasst und sich von alten Gewohnheiten löst, wenn sie ihm und den ihn umgebenden Mitmenschen zu schaden beginnen. Die Demokratie Athens kann vor diesem Hintergrund als die erste nicht-neurotische Gesellschaft der Menschheitsgeschichte betrachtet werden. Die athenische demokratische Gesellschaft wurde sich dieses Umstands und ihrer Besonderheit auch selbst bewusst, wie der letzte Teil der Orestie des Dramatikers Aischylos überdeutlich zeigt. (Christian Meier, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, S. 144 – 246)

Für unsere heutige Situation hat das zwei interessante Konsequenzen:

Erstens können wir festhalten, dass wir uns dieser grundsätzlichen Möglichkeit heute überraschenderweise deutlich weniger bewusst sind als die antike demokratische Gemeinschaft. Obgleich die Neuzeit eine ganz andere Präferenz für den Traditionsbruch und eben „das Neue“ hegt, in einer Form, die für Menschen in der Antike noch völlig undenkbar gewesen wäre, ist das Wissen um die „gesellschaftliche Tugend der Institutionenänderung“ weitgehend verlorengegangen. Obgleich oder vielleicht auch weil von vielen Traditionszusammenhängen weitgehend emanzipiert, pflegen wir erkennbar etwas, das man „die Ontologisierung unserer Institutionen“ oder die „Vergötterung unserer Institutionen“ nennen könnte. Wir haben scheu davor, unsere gewohnten Institutionen in Frage zu stellen, auch dann, wenn sie Menschen zu schaden beginnen, auch dann, wenn ihre Änderung eigentlich eine „Notwendigkeit“ wäre. Das kann sich auf Gesetze, auf Verfahren, auf Rechtsformen, auf gemeinschaftliche Zusammenschlüsse wie z.B. Unternehmen oder „Prozesse“ in ihnen beziehen: Wir halten es – anders als die athenische Demokratie in ihrer Blütezeit – nicht für eine Tugend, mit klarem Blick auf menschliches Wohl- und Wehe institutionelle Anpassungen vorzunehmen, wo sie eben notwendig sind. Stattdessen haben wir zwar einen Kult der Optimierung und der „Disruption“; aber beide sind wiederum völlig losgelöst vom Blick auf menschliches Wohlergehen und Schlechtergehen, und damit selbst verabsolutierte Institutionen. Wir haben kein gesundes Verhältnis zu „Change“, weil wir uns unverbunden mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen zu Institutionen verhalten. Weder ändern wir sie, wo es für uns notwendig ist. Noch behalten wir sie bei, wo es für uns wohltuend ist. In diesem Sinne leben wir heute in einer „neurotischen Gesellschaft“.

Zweitens unterschreiten wir mit dieser neurotischen Haltung das Demokratie-Niveau des antiken Athens. Demokratie selbst ist eine Haltung, die besagt: „Wir hier können gemeinsam jederzeit beschließen, unsere Institutionen, also unsere gemeinschaftlichen Gewohnheiten selber zu ändern. Und zwar mit Blick auf unser gemeinsames Wohlergehen.“ – Eine weitere Demokratisierung unserer Gesellschaft ist also kein fakultatives, mögliches, unklares Erfordernis, das so oder auch so passieren könnte, das stattfinden oder auch nicht stattfinden kann. Demokratisierung ist eine menschliche Notwendigkeit, indem sie in der Meta-Fähigkeit besteht, eigene Institutionen sinnvoll zu verändern, wo diese Institutionen selbst sinnlos geworden sind und uns alle gemeinsam verrückt machen.

Demokratie als die uns angemessene Zusammen-Lebensform

Erst in der Demokratie kommen wir als menschliche Gemeinschaft zu uns selbst. Nur eine völlig demokratische Gesellschaft kann in vollumfänglichen Sinne als „lebensförderlich und gesund für den Menschen“ bezeichnet werden. Demokratie besteht in der Fähigkeit einer Gesellschaft, sich selbst gezielt verändern zu können, wo es „dran“ ist. Vermittelt über Reformen ihrer eigenen Institutionen, die ihre Gewohnheiten bilden. Demokratie ist eine offene Bejahung der universalen menschlichen Fähigkeit zur gezielten Veränderung der eigenen Identität.  Als Gesellschaft.

Demokratie ist Gesellschaft, wenn sie gesund ist, und sie nicht über ihren Zweck, menschliches Leben zu fördern, zu nähren und zu stärken, selbst unbeabsichtigt zu einem Übel wird, indem sie ihre liebgewonnenen Gewohnheiten aka „Institutionen“ nicht mehr sinnvoll in Frage stellt.

Auf jenes „sinnvoll“ kommt alles an. Und auch dafür gibt es institutionelle Lösungen. Institutionelle Lösungen über die wir derzeit nur in kleinem Umfang verfügen. Die wir aber einführen, ausbauen und stabilisieren können, um unsere Gesellschaft zu einer Demokratie zu entwickeln. Denn wie bei einzelnen Menschen, so gilt auch für ganze menschliche Gesellschaften: Es gibt auch „gute Gewohnheiten“.

Demokratie als Invest in eine Verbundenheit, die Innovation aushaltbar und verhandelbar macht

Diese guten Gewohnheiten der Demokratie fördern vor allem die authentische emotionale Verbundenheit zwischen uns als Bürgern. Denn nur diese Verbundenheit macht es für uns als Menschen aushaltbar, wenn Institutionen, die uns Sicherheit geben, infrage gestellt werden, ohne dass über solche „Angriffe auf vertraute Institutionen“ kriegerische Reflexe gegeneinander bestimmend werden. Die guten Gewohnheiten der Demokratie verschaffen uns, wenn sie als Institutionen bestehen, die spürbare Sicherheit, dass wir gehört werden und politischen Einfluss haben. Egal, was auch sonst alles gerade infrage stehen mag…

Die eigentliche Leistung der Demokratie ist es also, eine tragfähige Verbundenheit zwischen den Bürgern zu kultivieren, die permanente institutionelle Innovation überhaupt erst möglich macht. – Das ist heutzutage, im Zeitalter ständiger unglaublicher technischen und sozialer Veränderungen, möglicherweise noch wichtiger als es das im klassischen, antiken Athen war.

Wir sind es heute leider gewohnt, Verbundenheit und Innovation als Gegensätze zu verstehen, weil wir Verbundenheit oft so gestalten, dass sie Innovation tatsächlich blockiert oder verunmöglicht. Gerade soziale Innovationen (z.B. Gesetzesänderungen) sind aber mehr noch als technische Innovationen darauf angewiesen, dass sie keine „Kriege“ zwischen uns auslösen, sich keine Lager bilden und sich also kein unproduktives, emotional aufgeladenes „Dafür und Dagegen“ stabilisieren kann.

Mit anderen Worten: Ständige Innovation ist ein psycho-soziales Problem, das mit Blick auf unsere menschlichen Grenzen institutioneller Lösungen bedarf. Die Demokratie war ursprünglich einmal gedacht als Antwort auf genau dieses Problem: Sie sollte mittels Losverfahren, bewusster Durchmischung der Bürger in politischen Gremien und Präsenz der Bürger in den Ratsversammlungen jene Verbundenheit und jenes Vertrauen zwischen den Bürger stiften, die nötig sind, um alte gesellschaftliche Gewohnheiten (=Institutionen) infrage stellen zu können, ohne dass das Gemeinwesen darüber im Bürgerkrieg versinkt.

Es ist daher sehr bedauerlich, dass wir vergessen haben, dass es in der Demokratie um die aktive, durch staatliche Institutionen getragene Kultivierung von Verbundenheit und Verständnis der Bürger füreinander geht. Es kommt mir so vor, als hätten wir derzeit kaum einen Zugang zum eigentlichen Sinn von Demokratie.

Stattdessen glauben wir, dass wir Demokratie, gesellschaftliche Innovation und gesellschaftlichen Frieden haben könnten, ohne auf die demokratisch bewährten Mittel der Förderung einer allgemeinen Bürgerfreundschaft zurückzugreifen. Wir scheinen zu glauben, dass permanente Innovation und gesellschaftlicher Friede auch ohne Losverfahren und Bürgerkonvente zu haben seien.

Dieser Glaube – den wir gegen alle Evidenz aufrecht erhalten – unterscheidet uns sehr von den Demokraten der Antike.

Und es gibt ein Stadium, in der „Glaube“ nichts mehr mit Mut zu tun hat. Sondern nur noch damit, dass wir vor dem Offensichtlichen ängstlich die Augen verschließen: Dass es uns bei unserem enormes Veränderungstempo an der dafür nötigen Verbundenheit mangelt, dass wir die nötige Verbundenheit einfach blind voraussetzen, anstatt zu begreifen, dass wir sie durch geeignete politische Institutionen kultivieren müssen.

Denn ohne die demokratische Kultivierung von bürgerschaftlicher Verbundenheit haben wir dann schnell nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera: Die Wahl zwischen einem menschliche Nöte bagatellisierenden, politischen Innovationsstau und einem offen ausgetragenen Bürgerkrieg. Wir brauchen eine emotionale und nicht nur gedachte Verbundenheit zwischen uns als Bürgern, um angesichts ständiger Veränderungen auf kooperative Weise neue Gesetze, Regeln, Maßnahmen und Institutionen miteinander aushandeln zu können.

Wir brauchen gerade heute eine echte, lebendige Beteiligungs-Demokratie. Nicht jenen blutleeren Papiertiger, den wir derzeit für „Demokratie“ halten.