Fühlen wir uns in einem Gespräch unangenehm, dann beschleicht uns schnell das Gefühl, dass unser Gesprächspartner „einfach keine Ahnung hat“. Und wir können recht sicher sein, dass es unseren Gegenübern in diesen Momenten mit uns recht ähnlich geht.

Woher kommt das? – Ich glaube nicht, dass diese „Reflexe“ in Gesprächen allgemeinmenschlich oder „natürlich“ sind. Mir kommt es eher so vor, als handele es sich um unbewusste Auswirkungen jener alten platonischen Lehre, nach der „Tugend Wissen“ sei: Wir fühlen uns unwohl, der andere kann also nur ein schlechter Mensch sein, und das hängt eben damit zusammen, dass er „Dinge (noch) nicht weiß, die wir aber sehr wohl wissen“. Die Parallelisierung von Tugend und Wissen leistet hier eine Doppeltes: Sie gibt uns ein wohliges Gefühl der Überlegenheit („alles wieder gut!“) und unserem Gegenüber eine Chance auf „Besserung“ („kann er ja noch lernen!“). Die Unterstellung der Ahnungslosigkeit baut also sehr wirksam die bei uns aufkommende emotionale Spannung ab, wenn in einem Gespräch Irritationen aufkommen. Erst einmal.

Denn leider treibt sie uns genau damit auch hinein in eine belehrende Haltung. Und die kommt bei keinem Menschen der Welt gut an. Sie verstärkt vielmehr das Gefühl bei ihm, wir selber seien völlig ahnungslos (nämlich über sein Wissen), denn sonst würden wir ja wohl kaum so agieren. Sonst würden wir ja wohl kaum ihn als Wissenden wie einen Ahnungslosen behandeln…

Die Haltung: Tugend = Wissen und die mit ihr reflexhaft verbundene Annahme, Irritationen im Gespräch seien ausschließlich der Ahnungslosigkeit unseres Gegenübers zuzuschreiben, führen also sehr systematisch in dann unauflösbare Konfliktstellungen hinein, die schnell eskalieren und zum wechselseitigen Verständnis und gemeinamen Lernen kaum etwas beitragen.

Konsequent in so einer Ausgangslage ist eigentlich das generelle Niederbrüllen des Gegenübers, oder ein Gesprächsverhalten, in dem er „mit seinen Dummheiten“ möglichst gar nicht mehr zu Wort kommt.

Unsere Gesprächskultur

Demgegenüber geradezu schon revolutionär ist die Haltung einer pauschalen Ahnungsunterstellung im Gespräch. Wann immer jemand uns irritiert, verstört oder sonstwie unangenehm ist, „weiß er etwas, das wir in diesem Moment nicht wissen“. – Und sei es im Zweifelsfall den überaus gesprächsrelevanten Umstand, wie er sich fühlt und was hinter diesen Gefühlen steckt.

In dieser pauschalen Positiv-Unterstellung kann Deeskalation und Zuhören stattfinden.

Und, diese pauschale Wissensunterstellung gegenüber unseren Dialogpartnern bedeutet keineswegs, dass wir aufhören darauf zu bestehen, dass auch wir selber „Wissende“ sind, dass wir etwas beizutragen haben und dass wir von unserem Gesprächspartner ebenfalls gehört werden wollen. – Es gibt hier überhaupt keinen Widerspruch. Nur weil wir dem Anderen in einem Moment der Irritation einfach mal Ahnung unterstellen, werden wir selber noch lange nicht zu „Ahnungslosen“. Wir werden nicht dulden, dass unsere eigene Stimme verstummt oder einfach überhört wird. Aber um das zu tun, müssen wir beim Anderen nichts in Abrede stellen. Er kann ein Wissender bleiben. Denn im Reich des Wissens gibt es kein Ende und keinen Widerspruch, nur Ergänzungen, nur Komplemente. Es gibt kein „Aber“, es gibt nur „Und“. – Ein „Und“, das wir mit dem schlechten alten Platonismus sehr wirksam ausschließen. Diese unsere immer noch platonische Bevorzugung des „Aber“ vor dem „Und“ führt uns mitten hinein in eine überaus uneffiziente und unbefriedigende Gesprächskultur.

Wir können also aussteigen aus den ganzen Gesprächs-Frontstellung, aus den „Debatten“ und den „Kämpfen, die mit Worten ausgetragen werden“. Wozu kämpfen? Mit Menschen, über die wir in solchen Kämpfen kaum etwas Neues erfahren; außer eben, dass sie ganz genauso wie wir ziemlich angepisst sind, wenn man ihnen kaum zuhört. – Das sind wirklich großartige Neuigkeiten!

Wir nutzen in einer demokratischen Gesprächskultur aus guten Gründen und vorsätzlich die „Waffe“ der Unterstellung von Ahnungslosigkeit nicht. Wir sprechen unserem Gegenüber Wissen und Kompetenz nicht ab. Wir gehen davon aus, dass der andere etwas zu sagen hat, das neu für uns ist; etwas, das Aufmerksamkeit und Resonanz und ehrliche Antwort verdient. Allerdings eben eine „Antwort“ und keinen Reflex. Wir etablieren von unserer Seite Dialog anstelle von marktschreierischen, lern-immunen Debatten.

Irritation ist uns ein Anzeichen dafür, dass gerade eine stärkere oder eine ganz andere Form von Zuwendung nötig geworden ist. Die demokratische Gesprächskultur ist getragen von einem Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Gesprächspartner. Einem Gefühl, das sich durch keine Irritation der Welt in Frage stellen lässt. Anstelle von Aussagen, die für sie veränderlich sind und bleiben dürfen, ist in der demokratischen Gesprächskultur dieses Gefühl apodiktisch:

„Wir sind beide Teil dieser einen, gleichen Gesellschaft, wir sind Freie und Gleichwertige und wollen daher miteinander auskommen, einander zuhören und einander verstehen. Magst Du auch als Nächstes sagen, was Du willst…“

Die goldene Regel eine guten Gesprächskultur ist: Wenn Du mit dem, was bei Dir raus muss, was gehört sein will, wirklich gehört werden willst, musst Du erst mal selber aktiv und erkennbar zuhören. Zumindest dann, wenn Dein Gesprächpartner selber gerade in diesem Moment nicht völlig cool, gelassen und souverän ist. Sondern ebenfalls auf etwas sitzt, das raus und gehört sein will.

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