Auf Deutschlandfunkkultur ist eine sehr treffende Darstellung der Marx’schen Sichtweise auf „Ideologie“ erschienen. – Ich finde für mich nichts in dieser Darstellung, was mich zum Widerspruch reizt.

Und sie hat mich auch wieder darauf hingeführt – oder mir auch noch einmal ein wenig klarer vor Augen geführt – aus welchem Grund ich mit Marx kaum etwas anfangen kann. Was ich vor Augen zu haben glaube und was Marx in seiner Zeit möglicherweise noch gar nicht sehen konnte.

Dieses nebulöse „Was“ betrifft – wie immer, wenn man eine pragmatistische Haltung pflegt – die praktischen Konsequenzen aus einer theoretischen Sichtweise: „Wenn etwas im Handeln keinen produktiven Unterschied macht, warum machen wir dann in der Theorie diesen Unterschied? Wozu? Was erwarten wir uns davon?“

Obwohl ich also Marx verstehen zu können glaube, ist für mich die wichtigere Frage, wohin es mich selber (und vielleicht auch: wohin es uns) bringt, wenn ich die Dinge durch die Brille betrachte, die Marx gezimmert hat und mir nun freundlich anbietet.

Erkennbar hierhin: Ich kritisiere dann die Hegelsche Kritik*, die ihrerseits diejenigen, ebenfalls schlauen Menschen kritisiert, die kritisieren, „dass die meisten Menschen sich falsche Vorstellungen von sich machen“ und die das nun bitteschön mal eben einfach abstellen sollen, nachdem ich ihnen diese meine kritische Einsicht jetzt ja mal ganz freundlich mitgeteilt, detailliert dargelegt und verklickert habe…

Na, auch schon einen Knoten im Hirn?

Wem hilft dieser Knoten im Hirn? Wem hilft dieser Vorwurf vom Typ: „Vor mir waren alle anderen ja ziemlich dumme Menschen – und ihr übrigens auch, meine lieben Leser!“? – Nach meinem Eindruck: Niemandem. Keinem von uns. Wenn man davon ausgeht, dass der Raum des Politischen von Beziehungsangeboten lebt, kann man sagen: Das ist kein sonderlich attraktives oder kooperatives Beziehungsangebot. Keines, das ohne Feinde auskommt.

Denn die Schritte vom „Ich hab’s Euch doch ganz klar gesagt“ über das „Warum ändert ihr alle Euch denn nicht?“ bis hin zum „Ich werde Euch das jetzt einbläuen, denn bist Du nicht einsichtig, so gebrauche ich Gewalt!“ sind nicht gar so weit, sondern es sind kleine, nah beieinander liegende Trippelschritte. Und natürlich kann man solche Schritte auch leicht vor sich selbst rechtfertigen, indem man sich einfach erklärt, warum diese anderen Menschen gar nicht einsichtig sein können und daher notwendigerweise mit Gewalt gezwungen werden müssen. – Politisch produktiv ist anders.

Was Marx mit seinen Vorwürfen eigentlich erreichen will, gibt Dietmar Dath, der Autor jenes Deutschlandfunk-Artikels sehr klar wieder: Er will die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen umlenken. Vom reinen Denken auf die Produktionsverhältnisse:

„Falsch ist ihrer Ansicht nach eine Gesellschaftskritik, die nur angreift, was im Gemeinwesen so geredet, geschrieben und gedacht wird, statt die Art und Weise anzugreifen, wie die Menschen ihre Lebensgrundlagen produzieren und reproduzieren.“

Das entspricht dem gängigen Marx-Verständnis, „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, „Vom Kopf auf die Füße stellen“, usw. usf.

Das setzt freilich voraus, dass es allen anderen Menschen vor und neben Marx um reines Denken gegangen sei. Kann man machen und ist recht hilfreich, wenn man sich als erster „tatkräftiger Denker“ in der abendländischen Geschichte zu inzenieren versucht. Es sei ihm gegönnt.

Wichtiger noch ist aber eben jenes „Was“, das Marx möglicherweis noch nicht vor Augen hatte: Jene „Entfremdung“ die Marx von Hegel entlehnt, und die er zu einem zentralen Diagnosewerkzeug seines eigenen Denkens macht, ist eine Kategorie, die ohne Bezug auf körperlich-kommunikative Vorgänge zwischen Menschen nicht begriffen werden kann.

Fehlende Körperkommunikation ist der Mangel, der mit der un- und vorpolitischen Bürgerlichen Gesellschaft als allgemeines Prinzip in die Weltgeschichte tritt, wie Hegel gesagt hätte.

Die Aufmerksamkeitsumlenkung auf die Produktionsverhältnisse hat daher auch nachweislich (und man darf nie vergessen, dass sich Marx durchaus an den Ergebnissen seines Denkens messen lassen will, also ebenfalls philosophischer Pragmatist ist) – hat also nachweislich nicht dazu geführt, dass jene Entfremdung sich aufgelöst hätte. Auch im vom Marx inspirierten Realexistierenden Sozialismus war jene Entfremdung spürbar schlecht „aufgehoben“.

Das kann uns heute zu denken geben.

Wir dürfen uns für diese menschliche Erfahrung mit uns selber bei Marx bedanken. Allem Anschein nach hatten wir sie nötig.

Die Konsequenz, die ich für mich aus den beiden zusammen, aus Hegel wie Marx, heute ziehen kann, besteht darin, dass wir politische Institutionen brauchen, die die politische Notwendigkeit körperlich-kommunikativer Vorgänge zwischen uns systematisch würdigen und die daher diese politischen Prozesse zwischen uns überhaupt erst etablieren und sie auf Dauer stellen.

Ich für mich verstehe das nicht als „Kritik“ an irgendeinem Denken. Nur als praktische Konsequenz aus bisherigen politischen Erfahrungen, die wir bereits miteinander machen durften.

 


Hegel selber ist ja nicht so blöde, wie ihn Marx und Engels machen, um aus ihm eine gute Startplattform und einen guten Aufbaugegner zu gewinnen. Der Gebrauch von Strohmann-Verfahren ist in der Philosophie weithin bewährt. Man kann sich diese rhetorische Vorgehensweise beispielsweise schon vom ersten Philosophen im engeren Sinne abschauen, von Platon nämlich, konkret von seinem Umgang mit den vermeintlich ach so blöden „Sophisten“.

 

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