Die Frage, ob wir uns „ganz gewöhnlichen Bürgern“ zutrauen, entscheidend mitzusprechen, ist zur wichtigsten Frage unserer Demokratie geworden.

Also ob wir glauben, dass „politische Nicht-Spezialisten“ sich unter ganz bestimmten, institutionell herstellbaren Umständen sich selbst regieren können.

Im Grunde meint „Demokratie ja eben das: Selbstregierung der Bürger durch die Bürger für die Bürger. – Nur dass wir es damit bisher nicht ganz so ernst nehmen. Aus „Angst vor dem Bürger“, der wir selber sind.

Wir fürchten also den aktiven Einbezug der Bürger in „ihre“ Demokratie. Und wundern uns dann, dass die Politik und dass auch die Demokratie uns als Bürgern fremd bleibt. Das heißt: Erst setzen wir unsere Entfremdung von der Politik und dann entsetzen wir uns über genau die gleiche Entfremdung, die wir selbst willkürlich gesetzt haben.

Wir wollen unsere Angst vor dem Mitregieren nicht so richtig wahrhaben. Wir wollen auch nicht wahrhaben, dass es nicht „die bösen Berufspolitiker“ sind (oder auch wahlweise: „dummen“ Berufspolitiker, das nimmt sich nichts), die Politik für uns zu so einer unangenehmen und dysfunktionalen Sache machen, sondern genau jenes Fernbleiben von der Politik, dass wir verfassungsmäßig selbst bestimmt haben.

Wir sind selber schuld an schlechter Politik insofern, als wir dulden, institutionell von der Politk ferngehalten zu werden. Das ist uns im Grunde ganz recht. Denn es ist bequem für uns. Wir müssen keine Verantwortung übernehmen. Wir können – in politischer Hinsicht – Kinder bleiben. Dadurch haben wir mehr Zeit „für’s Private“.

Aber all das hat mit „Demokratie“ nichts zu tun. Es ist das willkürliche Wählen einer politischen Unmündigkeit, in der andere die politische Agenda für uns setzen, andere politische Entscheidungen in Hinterzimmern unter sich beraten müssen und andere politische Entscheidungen für uns treffen müssen, in völliger Unkenntnis darüber, was uns in unserem Alltag wirklich bewegt, was wir daraus heraus in politischer Hinsicht wirklich erwarten und wollen. Auch darüber, welche Kosten wir durchaus bereit sind zu tragen und welche nicht.

Wir haben uns selbst enmündigt. Durch Institutionen, die wir zu genau diesem Zweck geschaffen haben: „Wahlen“, „Parteien“, reines „Berufspolitikertum“.

Redet man heute mit Berufspolitikern genauso wie mit „dem ganz gewöhnlichen Bürger“ (den es natürlich nicht gibt, niemand von uns ist gewöhnlich, dafür sind wir viel zu verschieden. „Gewöhnlicher Bürger“ heißt einfach: Alle Bürger, die nebenher nicht auch noch Berufspolitiker sind), dann ist beim Thema Bürgerbeteiligung vor allem eins zu spüren: Angst vor dem „egoistischen“, „verantwortungslosen“ und „ahnungslosen“ Bürger, der, würden wir ihn mitberaten und mitentscheiden lassen, die Konsequenzen seines eigenen Mitentscheidens gar nicht erfassen und absehen könne. Der also „politisch dumm“ sei.

Man gelangt dann zum Immgergleichen: Einer Staatsform, die den Bürger vor sich selber beschützen soll und dafür professionelle Wächter einsetzt. Auf die Frage „wer aber bewacht die Wächter?“ wird dann geantwortet: Die Wächter sollen sich gegenseitig in Schach halten („Gewaltenteilung“).

Dass Berufspolitiker unserer Exekutive sich direkt vor einer Zufallsauswahl aus „ganz gewöhnlichen Bürgern“ verantworten müssen, scheint uns demgegenüber vergleichsweise unzweckmäßig, weil ja eben diese Bürger gar keine Ahnung hätten, was eigentlich in ihrem politischen Interesse ist. Kurz: Wir denken über sie wie über Kinder, die ihre eigenen Bedürfnisse nicht gegeneinander abwägen und schon gar nicht ihr kurzfristiges Interesse gegen ihr langfristigeres Interesse halten können.

Wir denken also schlecht „von den Bürgern“. Wir denken schlecht von uns selbst.

Wir denken SO schlecht von uns selbst, dass wir nicht einmal glauben, dass wir zu guten, verantwortungsvollen Entscheidungen kommen würden, wenn wir Zeit bekommen, uns im Live-Kontakt miteinander auseinanderzusetzen. – Und damit uns selbst wechselseitig „in Schach zu halten“, statt dass das andere für uns tun müssen.

Wir denken SO schlecht von uns, dass wir uns uns für unbelehrbar halten, sowohl durch unsere Mitbürger, als auch durch Experten, die man ja durchaus auch uns Bürgern zur Seite stellen kann, ebenso wie sie derzeit unsere Berufspolitiker beraten.

Kurz: Wir glauben, wir seien politisch nicht lernfähig. Nicht einmal unter den besten Umständen, die wir uns selbst verschaffen könnten.

Zu all dem muss man ganz nüchtern feststellen: Mit einer so schlechten Meinung von den Bürgern, mit einer so schlechten Meinung von uns selbst ist einfach keine Demokratie zu machen.

Ob man das, was wir bekommen, wenn wir uns selbst systematisch aus dem politischen Spiel nehmen, dann „Oligarchie“, „Parteienherrschaft“, „Aristokratie“ oder schlicht „Tyrannei“ nennen, oder ob wir einen Etikettenschwindel vornehmen und das merkwürdige Gebilde „Demokratie“ nennen, obwohl der Demos in ihm keine aktive Rolle spielt, ist dann am Ende auch egal.

Alle Etikettiererei ändert nichts daran, dass Politik ihre positive, ein Gemeinwesen belebende und befriedende Kraft nicht entfalten kann, wenn wir Menschen, von denen und für die diese Politik ist, aus dieser Politik heraushalten. – Denn das kann nur zu einer fremdbestimmten, entfremdeten Politik führen.

Ohne aktive Beteiligung aller Bürger ensteht weder eine Demokratie noch etwas, das man „gute Politik“ nennen kann.

Denn wir unterschätzen grob das Ausmaß, in dem Menschen durch unmittelbaren Kontakt ihre Meinung ändern. Wir unterschätzen die Lernfähigkeit, die wir an den Tag legen, wenn wir uns als Bürgern die Möglichkeit geben, uns ernsthaft miteinander und mit folgenreichen Fragen der Politik unmittelbar auseinanderzusetzen.

Wir unterschätzen auch das Ausmaß der Befriedigung, die Politik uns verschaffen kann, wenn wir sie eben systematisch und absichtsvoll NICHT als Kampf zwischen Parteien organisieren, sondern als Austausch und wechselseitige Beratung, als Dialog der Gesellschaft mit sich selbst.

Wir unterschätzten das Ausmaß und die Anerkennung, die der Status „Bürger“ für uns bereithalten kann, indem wir uns damit selbst sagen: „Ich achte Dich und ich will von Dir geachtet werden“. Und: „Ich will mitsprechen und ich will auch Dich mitsprechen hören. Ich will Deine Stimme auf mich wirken lassen und mit meiner Stimme auf Dich wirken können.“

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