Könnte ich zwei Dinge korrigieren an unserer Wahrnehmung und unseren Annahmen darüber, „wie der Mensch so ist“, dann beträfen diese Änderungen vor allem unsere Annahmen über die Änderungsfähigkeit von uns Menschen und unsere Annahmen über unsere Bedürftigkeit.

Veränderungsfähigkeit

Nach meiner Auffassung und meinen Erfahrungen sind wir Menschen weitaus „veränderlicher“ als wir uns in unserem Denken und Reden erscheinen. Selbst Menschen, von denen wir das niemals vermuten würden oder denen wir die Fähigkeit zur Veränderung pauschal absprechen, können unter geeigneten Umständen plötzlich die unglaublichsten Veränderungen an den Tag legen, alte Gewohnheiten und Aktivitäten abstreifen, neue Aktivitäten und Gewohnheiten annehmen.

Das ist nicht nur positiv: Viele grundsätzliche Vertrauensverluste „in die Menschheit“ oder Enttäuschungen gehen auf die genau gleiche Fähigkeit, „sich den Umständen anzupassen“ zurück. Und vieles, was wir „Psychopath“ oder „Arschloch“ nennen, sind einfach optimale Anpassungen an bestimmte Rahmenbedingungen. Die personale Zuschreibung von Verhalten auf „innere Eigenschaften“ des jeweiligen Menschen geht in solchen Fällen fehl. Auch das zeit- und gesellschaftsübergreifende Phänomen, dass Menschen, die eben noch friedlich „Tür an Tür“ zusammenlebten, plötzlich mit allem, was ihnen zur Verfügung steht, aufeinander losgehen („Bürgerkrieg“), ist auf diese unsere Anpassungsfähigkeit zurückzuführen. Unsere Anpassungsfähigkeit ist die biologisch-psychologische Basis für „Konfliktdynamiken“, die völlig aus dem Ruder laufen, wenn wir sie nicht durch geeignete Gespräche oder Institutionen gezielt stoppen: Ich stelle mich auf Deine Feindseligkeit ein. Und Du stellst Dich auf meine Feindseligkeit ein. Fertig ist eine „unaufhaltsame“ Konfliktdynamik.

Die meiste Zeit hilft uns aber unsere Veränderungsfähigkeit. Und sie ermöglicht es uns, uns nicht nur auf neue Situationen, sondern vor allem auch im Alltag aufeinander einzustellen. So ist im Grunde jeder von uns ein Spiegel für alle anderen und ein Spiegel von allen anderen, mit denen er in einer Gesellschaft zuammenlebt. – Den meisten von uns macht eben dies große Angst. Obwohl es die Grundlage von Gesellschaft an sich ist. Und auch die Basis davon, dass sich Gesellschaft immer wieder in Gemeinschaft transformieren kann: Also dass echte Verbundenheit oder „Bürgerfreundschaft“ zwischen uns entsteht.

Die Feststellung, „ein Mensch sei nun mal so“, ist im Grunde nur eine bequeme und faule Entlastung. In jedem von uns steckt weit mehr Fähigkeit, produktives und destruktives zu tun, als es unsere singuläre Erfahrung miteinander vermuten lässt. Und auch wesentlich mehr als regelmäßige Interaktionen unter gleichen, unveränderlichen Bedinungen vermuten lassen. – Deswegen wechseln viele Menschen gern die Rahmenbedingungen oder eben „die Umstände“, wenn sie einander neu erleben wollen. – Die Kunst, die Rahmenbedinungen unseres Alltags dauerhaft umzustellen und so neues Erleben voneinander im Alltag zu ermöglichen, nennt man „Politik“.

Bedürftigkeit

Über unsere Bedürfnisnatur gibt es gleich zwei sehr verbreitete Vorurteile, die mich persönlich in den Wahnsinn treiben.

Das eine besteht in reinen Verdrängung menschlicher Bedürftigkeit. Vor allem bei bestimmten Menschen. Oder in Bezug auf bestimmte Menschen. Wir tun so, als hätten bestimmte Menschen gar keine Bedürftigkeit an sich (Mitarbeiter, Chefs, Eltern, Pflegekräfte, Ärzte, Lehrer, Superhelden, Politiker, etc.). Das führt zur systematischen Fehlinterpretation von absolut nachvollziehbarem Verhalten des jeweiligen Personenkreises als wahlweise „dumm“ oder „bösartig“. Sieht man allerdings die Bedürftigkeit, so wird deutlich, dass sich in der Regel gerade die verdrängte Bedürftigkeit der Personengruppen an anderer Stelle Bahn gebrochen hat. Dass das unerwünschte Verhalten also eine „verschobene Bedürftigkeit“ ist, wobei der Grund für die Verschiebung der Bedürftigkeit die genau auf der Annahme beruht, man „kriege da ja schon hin“ oder „man brauche ja nicht so viel“. Die Personengruppe nimmt das unrealistische Heldenbild, das von ihr gezeichnet wird, innerlich an und bleibt dann dauerhaft auf Bedürfnissen hocken, die deswegen ja noch lange nicht verschwinden, nur weil sie verleugnet werden. – „Passt schon“ ist auf diese Weise oft die Vorhut von „Jetzt geht gar nichts mehr“ oder von „Das steht mir aber zu! Und darum hab ich mir das einfach herausgenommen!“ Fehlende Selbstempathie ist eine zuverlässige Grundlage für fehlende Empathie mit anderen Menschen. Zumindest auf die Dauer.

Die zweite Fehlannahme bei Bedürfnissen besteht darin, dass sie „unersättlich“ seien. Bei unseren Basis-Bedürfnissen wie Hunger oder Schlaf ist es uns einigermaßen klar, dass das Unsinn ist. Allerdings gilt das ganz genauso für alle anderen menschlichen Bedürfnisse. Kein einziges menschlichen Bedürfnis schreit auch dann noch weiter, wenn es in passender Form beantwortet und versorgt wird. Manchmal ist es wohl ein Wunsch- oder Traumbild, dass Bedürfnisse „unersättlich“ sein sollen. Manchmal eher eine unrealistische Horrorphantasie. Es stimmt zwar, dass einem subjektiv eigene Bedürfnisse aus dem Zustand akuter oder chronischer Unbefriedigtheit unersättlich vorkommen, in der Realität ihrer Befriedigung aber sehr schnell an ein sehr menschliches Ende kommen. – Kurz: Wir sind weitaus leichter zufrieden zu stellen als wir von uns selber denken.

Beide Fehlannahmen über unsere Bedürfnisse gehen oft eine Art „unheilige Allianz“ ein, indem die Annahme, Zufriedenheit sei ja ohnehin nicht zu erreichen, gar nicht mehr – durch keinerlei bedürfnisbezogenes Handeln – der Versuch unternommen wird zu prüfen, wie sich das denn in der Realität verhält. Stattdessen wird eigene Bedürftigkeit von uns verdrängt und ein „Heldenbild“ von uns aufgebaut, indem wir auch ganz gut auskommen, ohne auf unsere durchaus vorhandenen und drängenden Bedürfnisse einzugehen. – Das geht so gut wie immer schief. Und es ist in der Regel einfach eine Frage der Zeit, bis dieses Schiefgehen an die Oberfläche drängt und für alle offensichtlich wird.

Menschlicher Realismus

Realismus heißt für mich daher vor allem: Veränderlichkeiten und Veränderungsfähigkeit bei Menschen (auch bei sich selber) annehmen. Und zwar in alle nur denkbaren Richtungen. Und die Rolle von Rahmenbedingungen für unsere mögliche und begrenzte Veränderungsfähigkeit anzuerkennen und daher auch den Wandel von Rahmenbedingungen in die Handlungsoptionen miteinbeziehen, anstatt unerwünschtes menschliches Verhalten auf „innere Eigenschaften“ zuzuschreiben.

Und Realismus heißt auch, die universelle menschliche Bedürftigkeit wahrzunehmen, anzuerkennen und diese Bedürftigkeit daher offensiv mit hinein zu nehmen in unsere Interaktionen und in unsere Veränderungsprozesse. Über Bedürfnisse zu sprechen und in Bezug auf sie zu handeln lohnt sich für uns selbst dann, wenn wir gerade nicht wissen, wie wir ihnen gerecht werden können. Denn auf eines können wir dabei sicher zählen: Wenn es sich um ein Bedürfnis handelt, dann ist es nicht unersättlich. Es gibt eindeutige, wahrnehmbare, körperliche Anzeichen dafür, wann wir unseren Bedürfnissen gerecht werden und wann nicht. Wir müssen dafür nur hinschauen und hinhören. Und hinfühlen.