Gefühle, Selbstwert, Politik

Unter den mehreren tausend Kunden und Klienten, mit denen ich in den letzten Jahren intensiv arbeiten durfte, kann man ohne Übertreibung sagen, dass ca. 4 von 5, also 80% an einem geschädigten Selbstwertgefühl litten, das weitreichende Folgen für ihr Verhalten, ihre Möglichkeiten, ihre Entscheidungen und ihr Leben hat.

Das wiegt aus meiner Sicht um so schwerer, als ich mit einem guten Durchschnitt durch die Bevölkerung arbeiten darf, also z.B. mit Menschen aller Vermögens- und Einkommensklassen, vielleicht bis auf das oberste 1-5% meiner Mitbürger.

Einige, im Grunde viele haben diese Schädigung ihrer Selbstschätzung bereits relativ früh erlitten. Einige aber auch erst im Laufe der Jahre oder an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben. Die Arten und Formen dieser Schädigung sind so vielfältig wie das heutige menschliche Leben selbst. Die Folgen sind aber meist sehr ähnlich: Das eigene Gewicht, die eigenen Möglichkeiten, die eigenen Handlungsspielräume werden grob unterschätzt, es ist schwer, neue Beziehungen aktiv anzusteuern und noch schwerer, vorhandene Beziehungen dauerhaft befriedigend zu gestalten. Das Selbstverhältnis: „Ich bin ja eigentlich nicht wichtig, meine Bedürfnisse sind vernachlässigenswert, meine Gefühle unwichtig, nach meinem Wollen wird nicht gefragt, frage ich mich nicht mal selbst“ ist in meinem ziemlich repräsentativen Kundenkreis der Normalfall, ein gesundes Selbstbewusstsein die Ausnahme. Allerdings immer noch häufiger als ein wirklich überzogenes Selbstwertgefühl. Auch das kommt vor, ist aber viel seltener, als man manchmal meinen könnte. Spätestens im vertraulichen, empathischen Gespräch zeigen sich eben ca. 80% der Menschen selbstbewusstseinstechnisch als akut oder chronisch angeschlagen.

Wie wir fehlendes Selbstwertgefühl systematisch erzeugen

Für mich ist es mittlerweile auch nicht mehr sonderlich rätselhaft, wie diese große Verbreitung eines geschädigten Selbstwertempfindens zustande kommt. Der zugrundeliegende psychische Mechanismus ist so einfach, dass man für die Erklärung tatsächlich mit einer alltäglichen Küchenpsychologie auskommt, die jeder leicht nachvollziehen kann:

Auf Gefühlsäußerungen wird nicht eingegangen. Vorhandene Gefühle werden bagatellisiert, ignoriert oder sogar direkt verurteilt und diskreditiert. Da unsere Gefühle aber sehr eng mit unseren Bedürfnissen gekoppelt sind, ist die Botschaft, die aus der allgemeinen gesellschaftlichen Geringschätzung unserer Gefühle bei uns ankommt:

„Meine Bedürfnisse sind unwichtig. Sie sind es nicht wert, dass andere auf sie eingehen oder sie in ihrem Handeln berücksichtigen. Ich bin unwichtig.“

Wir leben in einer Gesellschaft, in der angemessenes Eingehen auf Gefühlsäußerungen so selten ist, in einer Gesellschaft, die „Gefühlsinkompetenz“ zu so einer weit verbreiteten Norm gemacht hat, dass die Krankheit der Selbstwertschädigung von Generation zu Generation ungebrochen weiter gegeben wird. – Das lässt sich auch im Alltag gut wahrnehmen: Ich kann kaum angemessen beziffern, wie häufig ich Eltern-Kind-Kommunikation auf der Straße, im Café, in der U-Bahn, etc. mitbekomme, bei der es mich vor Mitgefühl halb zerreißt, während ich wahrnehme, was da gerade in emotionaler Hinsicht passiert. Egal, ob es der Elternteil ist, der nicht versteht, dass sein Kleinkind gerade einfach nur auf den Arm genommen und durch die Wärme und den Geruch und das Mitempfinden der Atmungsbewegungen des Elternteils beruhigt werden will. Stattdessen wird versucht, es mit irgendwelchen Spielsachen „abzulenken“. Ergebnis: Das Kind schreit über einen Zeitraum von einer Viertelstunde die U-Bahn zusammen. Der emotionale Stress, den alle empfinden ist mit den Händen zu greifen. Dennnoch: Der „natürliche“ Impuls, das Kind einfach mal auf den Arm zu nehmen, kommt nicht zum Zug. Aus welchen Gründen auch immer. Als die Mutter mit dem weiter wie am Spieß schreienden Kind aussteigt, erleichtern sich die U-Bahn-Gäste durch Kommentare über Mutter und/oder Kind. Die meisten dieser Kommentare sind bemerkenswert verurteilend und unempathisch. Sie sagen vor allem etwas aus über den aktuellen Gefühlswasserstand der Sich-Äußernden, wenn nicht über ihre ererbten kleinkindlichen Beziehungsmuster. Oder man trifft auf dem Weg zum Müllcontainer den nachbarschaftlichen Vater, der sein 2-jähriges Kind im Buggy alle 10 Sekunden mit einem nachdrücklich „pscht“! zum Verstummen bringen will. Ein Kind, das aus einem Grund schreit, den dieser Vater nicht einmal versucht herauszufinden. Oder wenn beim Biergartenbesuch ein Elternteil auf der öffentlichen Toilette seine 5-jährige Tochter beschimpft, bedroht und demütigt, weil sie gerade zum 5. Mal auf’s Klo musste „aber nichts kommt“. Die Tochter gibt ihm noch einen Hinweis, was ihr gerade mehr helfen würde: „Geh weg. Lieber allein“. Also: „Nimm den Druck raus. Wenn Du nur Druck machst, kann ich nicht loslassen und dann kommt eben nichts. Dann ist es sogar besser, wenn Du mich allein lässt.“ Stattdessen bleibt jener Elternteil stur daneben und unterstellt seiner Tochter abwechselnd „mangelndes Bemühen“ und „bösen Willen“. Geäußerter Grund: „Mein Essen ist kalt. Du machst hier ja nur Zickenterror!“

Überhaupt: Die Neigung von Erwachsenen, den Gefühls- und Bedürfnisäußerungen von Kindern sehr schnell zu unterstellen, es handele sich um „Machtkämpfe“ ist derart krankhaft verbreitet, dass ich immer nur spekulieren kann, was diese Erwachsenen in ihren eigenen Kindheiten alles zu Hören und zu Spüren bekommen haben – und in was für empathiebefreiten sozialen Räumen sie wohl auch ihr Erwachsenenleben fristen. Ausgewachsene Kampfzonen voller Machtkämpfe vermutlich. Gefühlsäußerungen sind da nur Schwäche und müssen schon im Ansatz unterdrückt werden, um nicht ganz schlecht da zu stehen im strategischen Hauen und Stechen, das ach so erwachsen ist…

Das alles kommt erkennbar aus erlernter Hilflosigkeit: Die allermeisten erwachsenen Menschen unserer Gesellschaft haben eben weder einen guten Zugang zu eigenen Gefühlen und Bedürfnissen (inklusive angemessenem Eingehen darauf im eigenen Verhalten), noch wissen sie „was man machen kann“, wenn ein anderer Mensch offen seine Gefühle und Bedürfnisse zeigt. Typischerweise ist diese emotionale Offenheit bei Kindern gegeben, die eben noch nicht das „Gefühlszucht und -unterdrückungsprogramm“ bis zum bitteren Ende absolviert haben. Aber eben nicht nur bei Kindern. Ich kann gar nicht sagen, wie häufig Menschen bei mir im Coaching in Tränen ausbrechen, die erkennbar sonst niemals weinen, denen dieser Durchbruch von Gefühlen ins eigene Bewusstsein im ersten Schritt auch sehr unangenehm ist und deren größte Sorge zu sein scheint, „mich mit ihren Gefühlen nicht zu belästigen“. Da ich das eben nun schon ein paar Jahre mache, macht mir das allerdings kaum noch etwas. Ja, manchmal habe ich eher den Eindruck: Ich bin mittlerweile sogar „zu abgebrüht“. Oder anders gesagt: Am Anfang meiner kleinen Coach-Karriere war ich wohl noch empathischer, falls da bei mir keine rückblickende Selbstverklärung am Werkt ist. – Bei vielen ist es aber dann im zweiten Schritt erleichternd für den Gesprächsprozess und eben durchaus auch für das Menschenwesen, das ich nebenberuflich auch noch bin, wenn die Gefühle mal durchgebrochen sind, selbst dann, wenn das nur eine kurze Zwischensequenz war. Viele kommunikative Eiertänze enden genau da, wo die Gefühle gezeigt werden konnten und erkennbar angenommen oder zumindest nicht verurteilt oder bagatellisert wurden.

Ein emotional nachdrückliches „Ja, es ist schlimm“ kann weitaus hilfreicher sein, als viele zu meinen scheinen. Und von da an geht es anders weiter…

Interessant ist dabei auch der regelmäßige Effekt meiner Coaching-Arbeit. Was auch immer ich „bewirken“ mag oder woran ich wahrscheinlich eher „am Rande beteiligt bin“: ziemlich deutlich ist wahrnehmbar und wird oft auch offen geäußert, dass die meisten meiner Kunden den Raum der Arbeit mit mir sagen wir mal einen halben Zentimeter größer verlassen als sie ihn betreten haben.

Der Zusammenhang zwischen Gefühlsäußerungen, unserem sozialen Umgang mit ihnen und unseren Reaktionen auf sie einerseits, und dem sich-etablierenden Selbstbewusstsein von uns Menschen andererseits ist für mich daher so eindeutig, dass ich für mich nicht mal mehr weitreichende psychologische Forschungen brauche, um zu glauben: Das ist eine praktische Wahrheit. Und sie scheint menschlich universell zu sein. Zumindest ist mir der Kunde noch nicht begegnet, der diesen meinen Denkrahmen gesprengt hätte. Und das, obwohl es mir nach wie vor ständig passiert, dass Kunden meine Denkrahmungen sprengen und mich zu Verhaltensanpassungen bewegen.

Der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz schreibt in seinem Buch „Die Liebesfalle“ zur Funktion von Gefühlsäußerungen, dass sie zwei Dimensionen hat

„Gefühle haben zwei wesentliche Bedeutungen:

1. eine psychosoziale Bedeutung

Mit dem Gefühlsausdruck signalisiert das Kind sein Befinden, es will auf diese Weise gehört und verstanden werden, es sucht mit Hilfe seiner emotionalen Möglichkeiten nach Bestätigung, Beruhigung und Befriedigung, Gefühle sind wesentliche Kommunikationsmittel und in der vorsprachlichen Entwicklungszeit die wichtigsten Ausdrucksmöglichkeiten.

2. eine psychophysiologische Bedeutung:

Mit dem Gefühlsausdruck wird aber immer auch vorhandene Spannung abgeführt, etwas vermittelt über Bewegungen, die mit Entladung von muskulären Anspannungen oder über vertiefte Atmung und stimmliche Entäußerungen. Die Entladung bringt ein lustvolles Entspannungsgefühl, deshalb stellt es auch nach sehr belastenden Schmerz- und Trauergefühlen eine wohlige Erleichterung ein. In diesem Zusammenhang werden auch die oftmals rätselhaften Orgasmusstörungen verständlich. Bei Angst und Unsicherheit – die Kontraktion bedeuten -, bei Stress und Anspannung mit (in den Muskeln!) aufgestauter Wut und zurückgehaltenem Schmerz kann sich die sexuelle Entladung kaum lustvoll ausdehnen, so dass auch das Orgasmusgefühl häufig kläglich bleibt oder gar nicht zustande kommt.“

(Hans-Joachim Maaz, Die Liebesfalle, S. 78)

Zu diesen beiden Funktionen – erfolgreiche Verhaltenskoordination zwischen Menschen und unmittelbare Erleichterung –  kommt nach meinen Erfahrungen noch eine dritte Funktion von offenen Gefühlsäußerungen hinzu: Offener Gefühlsausdruck erleichtert es uns ganz wesentlich, unsere eigenen Gefühle selber als Information über vorhandene eigenen Bedürfnisse wahnehmen zu können und dadurch sinnvolle Orientierung im eigenen Handeln zu gewinnen. Wer keinen Zugang zu seinen Gefühlen hat, handelt im Grunde ohne inneren Kompass. Er tappt blind und taub in seinem Leben herum. Es bleibt dann als Orientierung in der Welt nur noch die Orientierung an den Erwartungen anderer. Enfremdung von den eigenen Gefühlen ist die allerbeste psychologische Basis für Selbstversklavung, für einen lebenslänglichen Dienst am Anderen, also für von Anfang bis Ende völlig fremdbestimmtes Leben. Wer dagegen seine Gefühle offen äußern konnte und dafür nicht „gedeckelt“ wurde, behält lebenlang einen guten Zugang zu seinen Bedürfnissen. Über solche Menschen sagen wir dann: „Sie/er hat Charakter!“. Glücklicherweise kann ein verlorgegangener Gefühlszugang auch wieder freigelegt werden. Offene Gefühlsäußerungen und gute Freunde und andere Beziehungspartner, die „damit umgehen können“, sind dabei überaus hilfreich. – Aber das nur am Rande.

Ein politisches Problem

Nach meinem Empfinden hat der Zusammenhang zwischen einem gesunden Selbstbewusstsein, offenem Gefühlsausdruck und sozialen Reaktionen darauf vor allem auch eine politische Dimension:

Da es derart verbreitet ist, dass hier etwas im Argen liegt, hat es eine absurde Note, das Problem in einem Sinne zu „psychologisieren“, die dem Einzelnen die volle und alleinige Verantwortung zuschiebt, dafür zu sorgen, doch bitteschön seine Gefühle offen auszudrücken und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Das kommt der Privatisierung eines durchaus politischen Problems gleich, das nur gemeinschaftlich und institutionell gelöst werden kann, und eben gerade nicht durch die heroischen Anstrengungen einzelner, die sich sisyphosartig gegen Strukturen stemmen, die diese Probleme immer wieder neu erzeugen.

Wir verhalten uns als Gesellschaft zu diesen Problemen so, als handele es sich um seltene Einzelfälle, für die dann eben ein Therapeut oder Coach aufzusuchen sei, der den betreffenden Menschen dann wieder „aufzumöbeln“ habe – Und weiter geht’s!

Das könnte man als das Modell „Autoreparatur“ bezeichnen in Bezug auf fehlendes menschliches Selbstbewusstsein und fehlenden Gefühlsausdruck: „Da ist was kaputt, dann schicken wir’s halt zum Profi, der repariert das dann schon…“

Selbst wenn wir für einen Moment mal davon absehen, dass ein naives technisches Bild von der menschlichen Seele und von therapeutischen Vorgängen wahrscheinlich ziemlich daneben ist, müsste es uns eigentlich stutzig machen, dass das Problem gesellschaftlich so verbreitet ist, dass es als „der Normalfall“ betrachtet werden kann.

Die Tendenz, genuin politische Probleme zu privatisieren durchzieht unsere Gesellschaft derzeit insgesamt. Sie ist spürbar in unserer Präferenz für „Erziehung“ und „Bildung“. Sie zeigt sich in unserer Reaktion auf solche Probleme, die häufig in „moralische Appelle“ mündet, ungeachtet der Kosten, die das erwünschte Verhalten für den Einzelnen in seiner subjektiven Lebenswirklichkeit bedeutet. Wenn auf einer Strecke regelmäßig Staus entstehen, neigen wir dazu, große Reden darüber zu schwingen, dass es doch für alle besser sei, wenn alle mal etwas in sich gehen und dann etwas langsamer fahren würden, anstatt die Spielregeln zu ändern, so dass sich alle leicht entsprechend verhalten können. Wir führen also in solchen Situationen keine Geschwindigkeitsbegrenzungen ein, wir bauen keine neue Fahrbahnspur und wir suchen auch keine wirklich innovativen Lösungen, die ohne Appelle auskommen würden.

Der Grund unserer systematischen Politikvermeidung ist ebenfalls nicht sonderlich rätselhaft und kommt ganz ohne Schwarzen Peter oder Verschwörungstheorien aus: Wir leben derzeit in einer politisch hilflosen Gesellschaft. In einer Gesellschaft, die sich politisch selbst nicht zu helfen weiß, die keinen institutionellen Zugang zu Gesetzesänderungen und politischen Maßnahmen geschaffen hat und daher in einem Politik-Innovations-Stau ersäuft.

Weil wir in unserer Demokratie derzeit allein auf Wahlen von Parteien und Berufspolitikern setzen, für die aber viele notwendigen institutionellen Veränderungen viel zu riskant sind, erzeugen wir künstlich einen allgemeinen Problemstau, dessen Überdruck wir dann „ins Private“ abzuleiten versuchen: Der arme, überforderte Einzelne soll richten, was wir politisch verunmöglicht haben: Institutionelle Reformen, wenn sie erkennbar notwendig geworden sind.

Institutionalisiertes Mitbürgertum

Eine funktionierende Demokratie ist dagegen immer innovativ in ihren institutionellen Anpassungen: Sie hat solche Privatisierungen gesellschaftlicher Probleme gar nicht nötig. Sie kann auch sehr gut unterscheiden zwischen dem, was der Einzelne verantworten kann und was gemeinsam von allen verantwortet werden muss. Keineswegs lullt sie den einzelnen Bürger „mütterlich“ ein und nimmt ihm alle Entscheidungen ab. Ganz im Gegenteil: Sie bindet ihn ein, sie halst ihm Verantwortung für das Gemeinwesen auf, an dem ja schließlich – wie der Name schon sagt – faktisch alle beteiligt sind. Eine funktionierende Demokratie nimmt alle Bürger für voll und behandelt sie als das, was sie sind: Als Erwachsene, die mit entscheiden können und müssen.

Sollten wir wieder dahin kommen, neben der privaten Verantwortung für das eigene Leben auch die gemeinschaftlich getragene, politische Verantwortung für das Gemeinwesen institutionell anzuerkennen und mit politischem Leben zu füllen, so können wir fest damit rechnen, dass das auch Folgen für das Problem des absurd niedrigen Selbstbewusstseins der allermeisten Menschen in unserer Gesellschaft hat.

Nicht nur, dass die Einbindung in politisches Entscheiden und die Aufladung der Identität als „mündiger Bürger“ uns allen ein anderes Gefühl der Wertigkeit und Wichtigkeit gibt. Sondern wir werden auf diesem Wege sehr wahrscheinlich auch schnell dahin gelangen, diejenigen institutionellen Reformen zu beschließen, die in unserem Alltag den Bedarf „Arschbacken zusammenkneifen“, „auf die Zähne beißen“ und „Augen zu und immer immer weiter durch“ spürbar reduzieren dürften.

Die künstliche Anspannung, unter der unsere Gesellschaft steht, ist institutionell und politisch viel wirksamer und dauerhafter aufzulösen als durch „therapeutische Interventionen“ bei jedem Einzelnen von uns.

Es braucht tatsächlich so etwas wie eine „Selbsttherapie unserer Gesellschaft“. Und soweit ich es erkennen kann, liegen die Mittel dazu längst bereit. Die deliberative Demokratie ist, wenn sie fest institutionalisiert, regelmäßig durchgefüht und verfassungsmäßig verankert ist, eine permanente Auflösung politischen Innovationsstaus.

Eines Staus, der uns alle unter emotionalen Stress setzt, den alle Therapeuten und Coaches dieser Welt nicht „wegarbeiten“ oder „auflösen“ können. Wir können – wie Maaz schreibt – „nicht die ganze Welt auf die Couch legen“. Denn es wird gerne vergessen, v.a. von Therapeuten und Coaches selbst: Auch Therapeuten und Coaches sind nur Menschen. Und oftmals Menschen mit selbst überaus begrenzten emotionalen und empathischen Ressourcen.

Was wir stattdessen tun können: Wir können uns selbst wechselseitig weitaus bessere Zuhörer und Mitbürger werden als wir es derzeit sind. – Doch dazu braucht es eben andere politische Institutionen als diejenigen, an die wir uns derzeit gewöhnt haben. Dazu braucht es eine deliberative Demokratie, oder, wie manche sagen: Die feste Institutionalisierung einer „4. Gewalt: Der Konsultative“.

Hilfreich für die Motivation zu diesem technisch sehr leicht umsetzbaren politischen Schritt in Richtung einer noch demokratischeren Gesellschaft könnte es sein, wenn wir anerkennen, dass der Raum des Politischen ein Raum ist, in dem emotionale Resonanz eine fundamentale Rolle spielt.

Oder anders gesagt: Dass die Gefühle der Bürger durchaus Sache der Politik sind und in der Politik sehr viel zu suchen haben. Und dass ein vormodernes Konzept der menschlichen Psyche, das Gefühlsunterdrückung idealisiert und glaubt in einer Art politischem Stoizismus Ordnung, Wohlstand und Befriedigung finden zu können, schlicht ein naives Bild der menschlichen Natur und der zwischenmenschlichen Interaktionen zeichnet. Emotionale Resonanz ist für uns Menschen zu wichtig, als dass es eine gute Idee sein könnte, sie systematisch auszublenden. Auch und gerade in unserer Politik.

Ich glaube, dass es unserer Demokratie – und damit uns allen – sehr gut tun würde, wenn wir uns von diesem vormodernen Bild unserer menschlichen Verfassung allmählich lösen und die menschlichen Realitäten institutionell anerkennen.

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Was ist ein Demokrat? (II)

Beim Begriff der „Demokratie“ oder des „Demokraten“ gibt es nach meinem Empfinden erschreckend häufig eine ziemliche Verwirrung. Vielleicht wird eine Abgrenzung des Begriffs zumindest von einigen als hilfreich empfunden, um das Wortknäuel rund um Demokratie ein klein wenig zu entwirren.

Hier also mein philosophisches Service-Angebot in Sachen Begriffsklärung zu „Was ist ein Demokrat? / Was ist kein Demokrat?“:

Ein Demokrat ist jemand, der politische Entscheidungen akzeptiert, auch wenn sie ihm persönlich nicht in den Kram passen, sofern diese Entscheidungen unter aktiver Beratung und gleicher Teilnahme aller Bürger zustande kamen.

Eine Demokrat ist jemand, der daher sehr genau darauf schaut, ob er bei politischen Entscheidungen aktiv involviert wird, und der Entscheidungen als „nicht politisch“ oder „nicht demokratisch“ empfindet, bei denen er oder Menschen wie er nicht in die Beratungs- und Entscheidungsprozesse involviert wurden.

Ein Demokrat ist jemand, der auch sehr genau darauf schaut, ob auch alle anderen Bürger außer ihm aktiv involviert wurden. Dem es also keineswegs ausreicht, wenn er selbst sich einbringen, seine Stimme erheben konnte und gehört wurde, dem es politisch nicht genügt, wenn er sich selbst auf diese Weise in der betreffenden politischen Entscheidung wiederfindet. Ein Demokrat ist jemand der explizit will, dass alle teilnehmen und gehört werden.

Ein Demokrat ist jemand, der sogar will, dass Menschen, die so ganz anders sind als er selbst, aktiv an politischen Beratungen und Entscheidungen teilnehmen, mit dem exakt gleichen Beteiligungsgrad wie er selbst. Er will wissen, was diese Menschen bewegt, weil sie seine „Mitbürger“ sind und er mit ihnen in einer politischen Gemeinschaft zusammenlebt, – und das eben auch dann, wenn das diese Menschen Bewegende zunächst unangenehm oder hart mitanzuhören für ihn ist. Unter der Voraussetzung, dass auch er selbst sicher sein kann, in gleicher Weise gehört zu werden, glaubt er, diese Verschiedenheit auszuhalten zu können. – Daher ist ein Demokrat strikt dagegen, seine „politischen Feinde“ aus den politischen Beteiligungsprozessen auszugrenzen. Strenggenommen kennt ein Demokrat so etwas wie „politische Feinde“ gar nicht, weil er nicht in Freund-/Feind-Kategorien denkt, sondern in dem Muster Verschiedenheit/Ähnlichkeit, die für ihn durch die übergeordneten Kategorien des Mitbürgertums und der gleichen Teilhabe am gemeinsamen Staat überlagert sind (Isonomie). Ein Demokrat kann Verschiedenheit deswegen gut aushalten, weil für ihn die politischen Ebene gerade dazu da ist, bürgerschaftliche Gemeinsamkeit überhaupt erst entsteht zu lassen und bewusst zu kultivieren.

Kein Demokrat ist jemand allein schon dadurch

  • dass er brav „wählen“ geht
  • dass er selbst in eine Partei eintritt
  • dass er sich selbst „wählen“ lässt
  • dass er demonstrieren geht
  • dass er Online-Petitionen unterschreibt
  • dass er an Volksabstimmungen teilnimmt
  • dass er sich „öffentlich“ äußert, sei es am Stammtisch oder in den virtuellen Social Media Foren seiner Wahl

Ich hoffe, dass diese Unterscheidung von einigen als hilfreich empfunden wird, um etwas Klarheit in den eigenen Demokratiebegriff zu bekommen.

Wer noch etwas mehr dazu lesen will, mit ausführlicherem historischem und gegenwartsbezogenem Anschauungsmaterial, findet das hier.

Bitte sehr. Wirklich sehr gern geschehen…!

Die Demokratie als Gesellschaft ohne Helden

Die Aristokratie liebt Heldengeschichten. Ja, man könnte sie geradezu als diejenige Gesellschaftsform charakterisieren, die Märchen, Sagen und Legenden wörtlich nimmt und ohne Umwege über irgendwelchen Psychokram in die politische Wirklichkeit zu übersetzen versucht.

Die Aristokratie teilt uns Menschen in Helden und ihre Bewunderer, Retter und Gerettete, und das vielleicht sogar, noch bevor sie uns in Sieger und Besiegte unterteilt.

Im Vergleich dazu wirkt die Demokratie wie eine Gesellschaft ohne Helden. Und damit auch: Wenig verlockend, wenig attraktiv. Wie eine Gesellschaft ohne Glanz und Gloria.

Hans Joachim-Maaz schreibt zu dieser Beziehungsstruktur in seinem Buch „Die Liebesfalle“:

„An andere gerichtete hohe Erwartungen, die Hoffnung auf Führung, die geschürte Angst vor Feinden, die Verehrung von <<Stars>> und die Verachtung Andersdenkender oder Fremder sind wesentliche Merkmale einer Störung der Beziehung zu sich selbst infolge eines frühen Liebesmangels.

Ein großer Teil unserer Kultur basiert auf Verehrung und Erlösungshoffnung gegenüber hervorgehobenen Menschen, auf Erwartungen an die jeweilige Obrigkeit, auf Liebe durch den Partner, auf unberechtigten Optimismus für die Zukunft, auf Projektion der Schuld auf Sündenböcke und Delegation der Verantwortung. Wir wählen Politiker, die Freunde und den Partner, von denen eine gewisse Verheißung ausgeht, die aber keineswegs dazu in der Lage sind, die vorhandenen Sehnsüchte auch wirklich zu erfüllen. Sei gestatten das <<Spiel>> von Hoffnung und Enttäuschung, ohne an das eigentliche Liebesdefizit zu erinnern. Das betrifft sogar unsere politische Wahl. Den meisten Menschen ist jener Politiker lieber, der die Phrasen des gescheiterten Vorgängers aufs Neue drischt, sie höchstens in Nuancen abwandelt, statt die Politiker mit dem Mut zu notwendigen Veränderungen zu belohnen.“ (Hans-Joachim Maaz, Die Liebesfalle, S. 99 f.)

Wir lassen an dieser Stelle nur leise die Frage anklingen, ob es angesichts der Analyse nicht der naheliegendere Schluss wäre, politische Strukturen zu schaffen, die solche Projektionen gar nicht mehr triggern, anstatt sich über „die meisten Menschen“ und ihre vermeintliche demokratische Unreife zu beklagen? – Denn eine Gesellschaft, die gar keine solchen hervorgehobenen Positionen mehr institutionalisiert, könnte gerade aus eine psychologischen Perspektive als die reifere, erwachsenere und vernünftigere Gesellschaft erscheinen, ohne den Umweg über einen demokratischen Heroismus der „mutigeren Wahl“.

Denn mit einem etwas durchdachteren und auch historisch korrekteren Demokratiebegriff ist es möglich, bei der Frage nach politischen Heroismus eine sehr klare Linie zwischen Aristokratie und Demokratie zu ziehen:

Die Aristokratie hat ein Problem mit Nüchternkeit. Nüchternkeit und Streben nach Großartigkeit, Nüchternkeit und das Streben danach, sich in einem formellen oder informellen Wettstreit „als der Beste auszuzeichnen“, vertragen sich einfach schlecht.

Und das heißt, dass selbst dort, wo aristokratische Geisteshaltung und Nüchternkeit eine Verbindung eingehen – im Stoizismus -, das Streben nach Nüchternkeit zu einem Wettbewerb wird. Der philosophische Stoizismus ist ein blinder, stiller Rausch, mit dem sich der Stoiker selbst adeln und über die Massen erheben möchte, die in seiner Beschreibung „Sklaven ihrer Gefühle“ sind. Und an der unmenschlichen Unerfüllbarkeit der stoischen Haltung können dann ganze Generationen „heldenhaft scheitern“, erfüllt vom Zorn und von der Angst, die dauerhafte Lieblosigkeit zuverlässig in uns aufstauen, bis die Verzweiflung, die der Stoizismus in uns kultiviert, sich eruptiv Bahn bricht. Am Ende jedes Strebens nach Übermenschlichkeit steht zuverlässig immer die Unmenschlichkeit.

Die Demokratie, wenn wir sie konsequent institutionalisieren, hat keinen Bedarf an Helden. In ihr bleiben wir Menschen, auch wenn wir gerade mal stark sind, wenn wir geben, wenn wir gerade mal andere stützen. Und in ihr bleiben wir auch dann würdige Bürger, wenn wir gerade mal schwach sind, wenn wir nehmen, wenn wir die Unterstützung anderer brauchen. Die Demokratie nimmt uns in unserer Stärke und unserer Bedürftigkeit zugleich ernst. Sie unterteilt uns nicht in Menschen, die immer stark sein müssen, und Menschen, die niemals stark sein dürfen. Nur in der Demokratie bleiben wir alle menschlich. Nur in der Demokratie können wir einander so wahrnehmen, wie wir als Menschen wirklich sind.

Die Demokratie ist diejenige Staatsform, in der der Satz: „Meine Größe macht Dich nicht klein, und Deine Größe macht mich nicht klein.“ zu einer allgemeinen, institutionell abgesicherten Realität wird.

Weil die Demokratie keine Gesellschaft ist, die Wettbewerbe zwischen Menschen zu ihrer Basisoperation macht. Wohl kann es in einer Demokratie auch Wettbewerb geben; aber er wird nicht sonderlich ernst genommen. Zumindest nicht so sehr, dass über Versuche, in irgendetwas besser zu sein als andere, der bewusste Kontakt zu den vorhandenen menschlichen Bedürfnissen verlorengeht. Und auch nicht so ernst, dass darüber das innere Wertgefühl eines Menschen verletzt wird.

In einer Demokratie, die allgemeinen, unmittelbaren Austausch, authentische Rede und aufmerksames Zuhören zur grundlegenden gesellschaftlichen Basisoperation macht, bleibt aller Wettbewerb stets spielerisch.

Und das heißt auch: Es gehen weder übermenschliche Halbgötter aus ihm hervor, noch kompetenzlose, hilflose, mit offenem Mund bewundernde, völlig passiv bleibende „Untermenschen“.

Ihre Menschen sind der Demokratie schlicht zu wichtig, als dass sie – wie die Aristokratie – im großen Stil menschliche Kompetenz und menschliches Glück zunichte machen würde.

 

 

Gesellschaft ohne Gemeinschaft

Wir alle sind Teil eines groß angelegten gesellschaftlichen Experiments: Wir sind die erste Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit, die versucht, Gesellschaft ohne Gemeinschaft zu leben.

Dieses Experiment geht auf das Konto eines privatistischen Liberalismus, der par tout (noch) nicht verstehen will, dass es zwei Arten gibt und nicht nur eine einzige Weise, in einer Gesellschaft Gemeinschaft herzustellen:

Gemeinschaft durch Anpassung und Ähnlichkeit

Einmal wie gehabt über Konformismus: Man verhindert aktiv, dass die Unterschiede zwischen den Bürgern all zu groß werden. Man legt wert auf „Ähnlichkeit“ zwischen den Bürgern. – Das sind die vormodernen Lösungen zum Problem der Gemeinschaft in der Gesellschaft. Sie kommen heute oft im Gewand des Traditionalismus daher, indem sie behaupten, die Gemeinschaften „seien einfach da“, müssten also gar nicht politisch hergestellt werden. Das sind erkennbar Konstruktionen. Denn vieles, was scheinbar uralt und „traditionell“ ist, gehört nachweislich zu politischen Herstellungen und Erfindungen jüngeren Datums.

Gelegentlich kommt der Konformismus auch in einer noch gewalttätigen Form daher: Als finanzielle oder pseudobiologische Gleichmacherei: Als Kommunismus oder Faschismus. – Gegen beide wendet sich der privatistische Liberalismus explizit. Der privatistische Liberalismus versteht sich sozusagen als Anti-These zum gesellschaftlichen Konformismus. Also zu der Vorstellung, dass man heute noch Gemeinschaft über mögliche Ähnlichkeit der Bürger im Privaten, die aber politisch herzustellen sei, erreichen könne. Er verteidigt die privaten Freiheiten gegen Zumutungen der Anpassung. Er setzt die private Freiheit und sagt: „Sie ist jeden Preis wert! Wir wollen keine kuschlige Nestwärme des Sozialen. Das wäre unerwachsen! Wir wollen selbst entscheiden, selbst bestimmen, wie wir leben! Und wenn es uns darüber sozial noch so kalt ums Herz wird!“

Leider schießt der privatistische Liberalismus dabei bisher (seit etwas mehr als 200 Jahren) über das Ziel hinaus. Über die völlig berechtigte Negation des privaten Konformismus und seiner politischen Herstellung negiert er nicht nur diesen Konformismus, sondern auch die andere Form von Gemeinschaft. Eine Form von Gemeinschaft, die sehr gut mit privater Unterschiedlichkeit der Bürger leben kann. Der privatistische Liberalismus geht von einem unaufhebbaren Gegensatz von Freiheit und Verbundenheit aus – und entscheidet sich in tragisch-heroischem Gestus für die Freiheit unter völligem Verzicht auf Verbundenheit und Gemeinschaft.

Der privatistische Liberalismus geht also soweit zu behaupten: „Weil uns keine gute Art der Gemeinschaft einfällt, verzichten wir doch einfach darauf! Gesellschaft kommt auch sehr gut ohne Gemeinschaft aus! Wir leben alle einfach irgendwie nebeneinander her und das gute Zusammenleben stellt sich dann schon einfach irgendwie ein…! Ein politisches Thema braucht man daraus nicht machen. Man darf daraus sogar kein politisches Thema machen!“

Gemeinschaft durch gleiches politisches Gewicht, durch gleiche politische Mitbestimmung

Diese zweite mögliche Form von Gemeinschaft kommt gar nicht erst auf den Tisch, wenn man die Setzung eines unaufhebbaren Gegensatz von Freiheit und Gemeinschaft gekauft hat.

Denn in der modernen Gesellchaft wäre es durchaus möglich, auf privater Ebene Unterschiedlichkeit zuzulassen, während man Gemeinschaft so herstellt, dass man auf politischer Ebene gleichen Aktivitäts- und Einflussgrad setzt. Dies ist diejenige Lösung für das Problem der Herstellung von „Gemeinschaft“, die im klassischen Griechenland nach und nach, über mehrere Zwischenschritte entstand. Und sie hat darum auch einen klassischen Namen: Man nennt diese Lösung „Demokratie“.

In einer Demokratie – wenn sie denn diesen Namen verdient hat – haben alle Bürger aus guten Gründen (= unmittelbarem Erleben) den Eindruck, dieser Staat, in dem sie leben, sei „ihr Staat“. Die Gemeinschaft stellt sich also politisch her, nicht privat. Das Politische wird begriffen als eine zweite, vom Rest der Gesellschaft völlig abgetrennte und auch sehr bewusst separat gehaltene Ebene, auf der Gleichheit herrscht, während im Rest der Gesellschaft Ungleichheit ebenso bewusst zugelassen und erwünscht ist.

Durch das Einführen einer zweiten Ebene der Gesellschaft, also einer sehr bewussten gemeinschaftlichen „Parallelgesellschaft der Gesellschaft“, an der aber eben alle gleichermaßen teilhaben (anders als an all den anderen Teilgesellschaften einer liberalen, modernen Gesellschaft) ensteht zugleich eine Möglichkeit, den Freiheitsbegriff deutlich weiter zu fassen, als es der privatistische Liberalismus tut:

Man nimmt den Wunsch der Menschen, über sich selbst zu bestimmen ernst. Und weil man es in der Demokratie mit der Freiheit als Selbstbestimmung so ernst nimmt, überlässt man sie eben gerade nicht einer besonderen Kaste oder Berufsgruppe von Menschen, sondern besteht darauf, dass diese „Selbstbeherrschung“ gemeinschaftlich erfolgen muss: Unter aktivem Einschluss aller in den Raum des Politischen.

Dabei bleibt der Raum des Privaten völlig unberührt: In einer Demokratie in diesem Sinen herrscht kein privater Konformitätsdruck, sondern private Liberalität. Es gibt nur einen Druck, den die Demokratie auf alle gleichermaßen ausübt: Alle müssen an der Politik wirksamen Anteil nehmen, alle müssen gleichermaßen aktive Bürger sein. In einer wirklichen Demokratie gibt es einen Zwang oder eine Selbstverständlichkeit der allgemeinen politischen Teilnahme und Verantwortungsübernahme.

Dieser politische Konformismus ist der Preis, den die Demokratie dafür erhebt, den privaten Liberalismus wirksam vor Sehnsuchtsrückfällen in modernen Anti-Liberalismus und privaten Konformismus zu bewahren.

Wir können daher formelhaft sagen:

Der privatistische Liberalismus negiert die Demokratie. – Die Demokratie negiert den privaten Liberalismus nicht.

Vielmehr ist Demokratie sogar Seinsbedingung für dauerhaften privaten Liberalismus. Demokratie ist das, was private Freiheit dauerhaft möglich, erträglich und lustvoll für uns Menschen macht. Weil sie eine neuartige, andere Form erfindet, Gemeinschaft herzustellen. Eine Gemeinschaft, die uns nicht unsere Freiheit und Selbstbestimmung kostet. Sondern die uns zusätzlich zur privaten Selbstbestimmung sogar noch eine weitere, eine politische Freiheit schenkt: Die gemeinschaftliche, demokratische Selbstbestimmung.

Demokratie als Gemeinschaft gemeinsamer politischer Anstrengung und Leistung

Demokratie ist damit auch das, was den sonst unüberwindlichen Trade-Off zwischen Freiheit und Gemeinschaft aus der Welt schafft. Freiheit und Gemeinschaft werden durch Demokratie gleichzeitig möglich, und das nicht einmal als fauler Kompromiss, sondern in voller Erfüllung beider menschlichen Bedürfnisse.

Und dabei hat eben auch diese Demokratie ihren Preis, den sie von allen Bürgern verlangen muss: Ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit, ihr Mitdenken, ihr Mitberaten, ihr Mithören, ihr Mitsprechen. – Ohne diesen Preis zu erheben, gibt es keine Demokratie und gibt es dann eben einen unüberwindlichen, tragischen Gegensatz zwischen Freiheit und Verbundenheit, zwischen Liberalismus und Gemeinschaft.

Dass Demokratie anstrengend ist für uns als Bürger, ist denke ich jedem unmittelbar klar, sobald man anfängt über die konkreten institutionellen Umsetzungsmöglichkeiten zu sprechen. Dass Demokratie die allgemeine Anstrengung durchaus wert ist, ist derzeit eher wenigen Menschen klar.

Daher wird derzeit entlang des Gegensatzes Freiheit-Gemeinschaft diskutiert, mit schwankenden Präferenzen mal mehr für die eine, mal mehr für die andere Seite. Dass der ganze Gegensatz auflösbar ist, wird dagegen kaum thematisiert. Wir können dabei von einem vor-demokratischen Politikbewusstsein, einem vor-demokratischen Diskussionsnvieau und einer vor-demokratischen Gesprächsgrundlage sprechen:

Privatistischer Liberalismus und Anti-moderner Konformismus sind in der Grundannahme geeint, dass es so etwas wie Demokratie gar nicht gibt und dass es sich auch gar nicht lohnt, an Demokratie einen Gedanken zu verschwenden. Stattdessen versucht man sich beinahe schon pathologisch-obsessiv „gegen den politischen Gegner durchzusetzen“.

Das alles geschieht freilich vor dem Hintergrund der Annahme, wir lebten bereits in einer Demokratie. Darum ist es sinnvoll, zunächst einmal diese Annahme in Frage zu stellen. Und klar zu machen, worin Demokratie besteht, wenn wir sie nur einen kleinen Hauch ernster nehmen als bisher.

Die Gemeinschaft der Demokratie ist auch eine Gemeinschaft des Stolzes auf die gemeinsame politische Anstrengung, auf die gemeinsame politische Leistung, die täglich von allen Bürgern erbracht wird und so „die Gemeinschaft herstellt und erhält“.

Dass es in der Moderne eine Gemeinschaft ohne bewusste und aktive Anstrengung aller geben kann, ist das, was die Demokratie als unmöglich anerkennt. Weder ist sie so naiv, zu glauben, „das wird schon irgendwie“ und Gesellschaften könnten ohne hergestellte Gemeinschaft stabil bleiben, also ganz auf Gemeinschaft verzichten, noch ist sie so naiv zu glauben, dass man heutzutage noch Gemeinschaft gegen private Unterschiedlichkeit herstellen könne, anstatt mit der Hilfe privater Unterschiedlichkeit.

Schwächen zu Kriterien: Wie wir gute Arbeitsehen anbahnen und erhalten können

In vielen Bewerbungscoachings besteht ein wesentlicher Teil meiner Arbeit darin, meine Kunden dabei zu unterstützen, für sich vermeintliche „Schwächen“ wieder in Kriterien zurück zu verwandeln.

Nach meinem Verständnis dient das allen Beteiligten.

Denn das Allermeiste von dem, was Bewerber im Kopf haben, wenn es um „Schwächen“ geht, hat nicht die Form: „Ich beherrsche diese oder jene technische Sache im Moment (noch) nicht in dem Ausmaß, wie es vermutlich viele andere Bewerber tun, die sich auch für diese Rolle in diesem Unternehmen interessieren.“

Das, was Bewerber für sich selbst „Schwächen“ nennen, wird von ihnen oft als viel fundamentaler erlebt und daher auch auf Nachfrage viel fundamentaler beschrieben. Oft handelt es sich um unveränderliche oder nur schwer veränderliche persönliche Eigenschaften. Und ein Bewusstsein über diese Eigenheiten in der Form einer „Schwäche“ ist immer mal wieder sehr gut geeignet dafür, einen Menschen in seinem natürlichen Selbstbewusstsein zu schwächen.

Diese sogenannten „Schwächen“ werden in meinen Bewerbungscoachings also keineswegs deswegen zum Thema, weil ich als durchgeknallter Bewerbungscoach obsessiv die „Und was ist mir ihren Schwächen?“-Frage mit meinem Kunden durchgehe (wie die meisten anderen Coaches auch arbeite ich völlig ohne eigene Agenda), und sie wird auch nicht Thema, weil etwa allen meinen Kunden diese Frage in Vorstellungsgesprächen gestellt worden wäre oder gar Probleme bereitet hätte. „Schwächen“ werden zum Coaching-Thema, weil sie sich in vielen Fällen zu tiefgreifenden und gut gepflegten Selbstzweifeln ausgewachsen haben. – In die Angst, deswegen „abgelehnt“ zu werden.

Und in genauso vielen Fällen ist diese Befürchtung – aus der komfortablen Rolle des Außenstehenden gesehen – derart absurd, dass sie zum Lachen wäre, wenn sie nicht auch zum Weinen wäre…

Aus Können folgt nicht Wollen

Als hilfreich, um diesen Schatz zu bergen, erlebe ich seit Jahren die strikte Unterscheidung von „Können“ und „Wollen“ im Coaching. – Wir alle können unendlich vieles tun, wovon wir vieles nicht beruflich und manches gar nicht tun wollen. Es reicht, gerade für eine täglich ausgeübte Erwerbstätigkeit, eben nicht aus, dass sie anderen (den Kunden, dem Chef, den Kollegen, den Investoren…) etwas gibt, wenn mir selbst diese Erwerbstätigkeit nichts gibt, wenn sie mir sinnlos erscheint, wenn keine emotionale Energie zu mir zurückfließt, ganz gleich, wie gut oder erfolgreich ich in ihr bin. Von einem rein emotionalen Standpunkt aus wahrgenommen bin ich als Berufstätiger an allererster Stelle selbst davon betroffen, ob eine Rolle in einem Unternehmen für mich „passt“. – Und erst sekundär mein Chef, meine Kollegen, meine Kunden, und ja auch mein persönliches oder gesellschaftliches Umfeld, das den meisten Bewerbern deutlich mehr im Nacken sitzt als für sie bei ihren Berufswahlentscheidungen gut ist.

Neben dieser kategorischen Unterscheidung von Können und Wollen bei der Beziehungsanbahnung mit einem Unternehmen erlebe ich die von mir dogmatisch gesetzte Annäherung an das Thema über das eigene Wollen der Erwerbstätigkeitssuchenden als hilfreich. Im Grunde könnte ich hier noch viel weitergehen: Ich könnte sagen, ich erlebe den Zugang über das authentische Wollen des betreffenden Menschen als die einzig sinnvolle Vorgehensweise.

Denn so gut wie kein „Bewerber“, auch die viel verschrieenen sich selbst überschätzenden jungen Männer nicht, möchte eine Rolle ausüben, von der er selbst glaubt, sie überfordere ihn, er könne ihr dauerhaft nicht gerecht werden, wäre in ihr ständig erfolglos und frustriert von ihr. – Denn nochmal: In erster Linie sind die, die Rolle ausfüllen, emotional von der Rolle betroffen. Erst sekundär alle anderen.

Formelhaft lässt sich das so ausdrücken:

Aus Wollen folgt in den allermeisten Fällen Können – Zumindest sobald man etwas Zeit und Übungsmöglichkeit zum Wollen dazurechnet.

Aus Können folgt keineswegs zwingend Wollen – Gerade wenn man Zeit und frustrierende Erfahrungen, die damit bereits gemacht wurden, zum Können dazurechnet.

Was genau braucht aber nun ein Mensch, um eine bestimmte Verantwortung in einem bestimmten Unternehmen wollen zu können?

Let’s talk about needs, baby!

Die Antwort auf die Frage nach dem „was braucht es, um wollen zu können“ ist eben so einfach wie Bewerbungswelt-erschütternd:

Menschen brauchen, dass ganz bestimmte ihrer eigenen Bedürfnisse in dieser Verantwortlichkeit bei diesem Unternehmen erfüllt sind.

Wie ist das zu verstehen?

Gegebene Bedürfnisse eines Menschen, der sich auf Aufgaben-Suche befindet, sind das Scharnier der Transformation sowohl von Kriterien in „Schwächen“, als auch umgekehrt der Rückverwandlung von vermeintlichen „Schwächen“ in Kriterien bei der Wahl der nächsten Aufgabe, des nächsten Unternehmens.

Denn beide: Schwächen wie Kriterien sind, bevor sich aus ihnen „Schwächen“ wie „Kritereien“ machen lassen, zunächst einfach mal menschliche Bedürfnisse.

Und die Bedürfnisse von Menschen auf Unternehmenspartnersuche sind hochgradig verschieden – und damit auch hochgradig informativ in der Flirtsituation mit Unternehmen.

Nehmen wir, um das greifbarer zu machen, mal bewusst eine „Schwäche“, die ganz besonders schwer zu beseitigen ist (nämlich gar nicht); nehmen wir das die Jahreszahl, die im Lebenslauf unter „Geburtsdaten“ zu finden ist; nehmen wir als Beispiel das weit forgeschrittene „Alter“ eines Bewerbers. – Und ich möchte gleich vorab schicken, dass die ältesten Menschen, die ich in ihrer eigenen Bewertung richtig gute Arbeit habe finden sehen, 64 Jahre alt waren.

Irgendein Mensch auf Aufgabensuche, auf der Suche nach einem zu ihm passenden Unternehmen hat nun also das Gefühl, als „zu alt“ angesehen zu werden.

Fokussiert man nun das Beziehungswollen dieses Menschen, gibt es zwei Fälle, die man sinnvollerweise als allererstes unterscheidet:

a) Einmal den Fall des von Außen induzierten „Wollen Sollens“, d.h. der betreffende Mensch will im Moment gar keine Beziehung zu einem Unternehmen, sondern unterliegt nur der Macht eines anderen, einer dritten Partei, die – absurderweise – ein Wollen von ihm „verlangt“. Als ob Wollen induzierbar sei. In der Regel ist dann durch diese dritte Partei die Möglichkeit zu drastischer Belohnung und Bestrafung von Nicht-Wollen im Spiel, wie immer beim Thema „Macht“.

In diesem Fall dient die „Schwäche“ des Alters der erfolgreichen Abwehr eines übergriffigen Dritten, ist also bewährte Technik zur Bewahrung des eigentlichen Wollens, der Autonomie dieses Menschen, der gerade durch Heteronomie bedroht ist.

Das genau Gleiche gilt im Grunde für jede solche „Schwäche“. Genauso kann es sich um Jugend/Berufsanfängertum handeln, um das Fehlen einer „formellen“ Qualifikation „auf dem Papier“, um die Tatsache, dass es sich um eine möglicherweise gebärfähige Frau im Alter irgendwas zwischen 20 und 45 handelt, wie in meinem Fall um einen Menschen mit offenbar ausländischem Namen, oder um das Vorhandensein einer chronischen Krankheit oder Behinderung, um eine überdurchschnittliche Sensibilität in irgendeinem Bereich, etc.

Die vermeintliche „Schwäche“ lässt sich immer auch nutzen, um fatale Heteronomie, um jenes „Wollen Sollen“ effektiv abzuwehren. Daher ist es eine Sache der Klugheit, zunächst das tatsächliche Beziehungswollen zu prüfen und bestehende Fremdbestimmung auszuschließen, bevor man sich an die einvermehmliche Rückverwandlung von Schwächen in Kriterien macht.

Wer auch immer da jemanden etwas „Wollen machen“ will: Es ist nicht diese Person, die jene Rolle in jenem Unternehmen dann Tag für Tag, Stunde für Stunde, Woche für Woche, Jahr um Jahr ausüben und die weiteren Folgen davon tragen muss.

Mit den angedeuteten Folgen solcher Heteronomie, solches Fremdbestimmt-Worden-Seins bei der Berufswahl habe ich leider ebenfalls täglich zu tun. Offen gesprochen: Man kann es mit ein wenig Übung sofort sehen, wenn ein Mensch sich solcher beruflicher Fremdbestimmung längere Zeit ausgesetzt hat. Berufliche Femdbestimmung hinterlässt psychische Spuren, die sich auch physisch überdeutlich ausdrücken. Nach Vollzeit-Fremdbestimmung etwas stärker als nach Teilzeit-Fremdbestimmung.

b) Der andere Fall ist für unser Thema hier der relevante. Er ist nach meinen Erfahrungen im Bewerbunscoaching auch der weitaus häufigere. Und er liefert uns eben das Anschauungsmaterial dafür, wie genau die Rück-Transformation von „Schwäche“ über die Grundsubstanz „Bedürfnisse“ in am Ende gut kommunizierbare „Kriterien“ vor sich gehen kann:

Kommt über die Fokussierung des gegebenen Beziehungswollens eines Menschen heraus, was er wirklich nach seinen eigenen Erfahrungen braucht, um dauerhaft gerne eine bestimmte Verantwortlichkeit in einem Unternehmen auszufüllen, so tritt z.B. „das Alters-Thema“ schlagartig in den Hintergrund: Es wird völlig unwichtig bzw. es ist geborgen in sehr konkreten Bedarfen, die gut bei der Beziehungsanbahnung kommunizierbar sind:

Z.B.:

„Ich brauche/will einen Job, bei dem ich 50% der Zeit sitze und 50% der Zeit unterwegs bin, organisiere, mit bespreche, andere berate…“

Oder:

„Ich brauche/will eine Tätigkeit, bei der ich sehr selbständig agieren und in meinem Verantwortungsbereich vollkommen frei entscheiden kann, solange die Erwartungen klar sind und von mir erfüllt werden. Und das in Teilzeit, 30 Std./Woche, am besten verteilt über 4 Tage/Woche.“

Oder:

Ich brauche/will einen Chef, der von seiner persönlichen Reife her so souverän ist und im Unternehmen so fest im Sattel sitzt, dass er meine Erfahrung aushält, sich durch sie nicht bedroht oder in seiner persönlichen Autorität geschmälert fühlt. Und der auch meine Ideen und auch Problemansprachen gut aufnimmt, weil er sich entweder generell leicht tut, Menschen unmittelbar gut einzuschätzen, oder weil er relativ nah dran an seinem Team ist, so dass er unmittelbar merkt, wem es gerade wirklich um die gemeinsame Sache geht und wem gerade nur um Vorteile für sich selbst.“

Ich könnte noch unzählige weitere Fälle und Beispiele aufführen – für das Alters-Thema wie für alle anderen – , gehe aber mal davon aus, dass die aufgeführten ausreichen, um das allgemeine Prinzip zu verdeutlichen:

Es entstehen Kriterien, hinsichtlich derer nun das Unternehmen selbst prüfen kann, ob es ihnen gerecht werden kann oder nicht. Wenn man hier noch unbedingt in der Kategorie „Schwäche“ denken will, müsste man nun eigentlich sagen: Das Unternehmen hat eine Schwäche. Es kann den Bedürfnissen dieses Bewerbers nicht gerecht werden. Es könnte sich bei ihm entschuldigen (oder: zu sich stehen) und sagen: „Es tut uns Leid, aber wir können ihnen leider im Moment nicht bieten, was sie im Moment vor allem anderen zu brauchen scheinen.“

Eine Frage der strukturellen Macht, aber auch des Macht-Erlebens

Auf diese Weise kommt auch der entscheidende Aspekt in Beziehungsanbahnungen auf den Tisch: Der Macht-Aspekt.

Denn es ist ja einigermaßen rätselhaft, warum überhaupt Menschen auf der Suche nach geeigneten beruflichen Beziehungspartnern ihre eigenen Bedürfnisse als „Schwächen“ begreifen. Und sie dann auch meist genau so kommunizieren, mindestens unbewusst und körpersprachlich. Oft sogar verbal. – Anstatt ihre Bedürfnisse als eigene Kriterien an ihren nächsten Job, an ihr nächstes Unternehmen aufzufassen und auch genau so zu äußern. Denn Letzteres wäre ja eigentlch viel naheliegender.

Der Grund für die Verkehrung von vorhandenen Bedürfnissen in Schwächen anstatt in Kriterien ist für uns allerdings alles andere als rätselhaft. Beinahe jeder, der Kontakt zum Arbeitsleben hat, dürfte ihn kennen: Wer sich in einer Ohnmachtsposition glaubt, „hat keine Kriterien zu haben“. Er muss froh sein, „wenn er eine(n) abkriegt“.

Menschen nähern sich Unternehmen all zu oft aus einer von ihnen angenommenen Macht-Ungleichheit heraus. Sie glauben, kaum alternative Möglichkeiten zu haben, während das Unternehmen als ihr potentieller Beziehungspartner über beinahe unendliche Wahlmöglichkeiten verfüge. Sie glauben sich also am kürzeren Hebel einer Machtasymmetrie zu sitzen, während sie an ihre „Bewerbungen“ gehen.

Die Folge ist: Eigene Bedürfnisse werden nicht nur nicht klar und deutlich als Anforderungen kommuniziert, nach denen sich nun die Unternehmen strecken müssen, „wenn sie einen haben wollen“, die vorhandenen Bedürfnisse werden auch für sich selbst entschieden verdrängt. – Und kehren dann als Angst vor „Schwächen, die vom Unternehmen angesprochen werden könnten“ wieder. Solche „Schwächen“ sind die wiedergängerische Untote eines Bewusstseins, das vorher seine Bedürfnisse ins Unbewusste verdrängt hat. Aus Angst davor, überhaupt Bedürfnisse zu haben. Aus Angst davor, damit „viel zu anspruchsvoll“ zu sein. Aus Angst davor, „es sich ja nicht aussuchen zu können“. Aus der Annahme einer sklavischen Ohnmachtsposition beim Bewerben.

Gutes Bewerbungscoaching unterstützt dabei, diesen perversen Umgang mit eigenen Bedürfnissen wieder rückgängig zu machen, indem zunächst die vorhandenen Bedürfnisse bewusst gemacht werden und dann eine gute, angstfrei kommunizierbare Sprache für sie gefunden wird, um diese Bedürfnisse auszudrücken, so dass sie als Kriterien erkennbar werden. Kriterien, die beiden Beziehungspartnern helfen, auf Augenhöhe zusammen zu finden:

„Du brauchst was – ich brauche was. Du hast was zu bieten – ich habe was zu bieten. – Lass uns gemeinsam schauen, ob wir beide den Eindruck haben, dass das hier eine wirklich glückliche Arbeitsehe werden könnte: Eine Partnerschaft, in der sich beide mit ihren Bedürfnissen wiederfinden.“

Um zu so einem ausgeglichenen, kooperativen Verhältnis schon bei der Beziehungsanbahnung, beim „beruflichen Flirt“ zu finden, ist nach meinen bisherigen Erfahrungen nur eines nötig:

Nachzuschauen, ob sich ein wenig an der wahrgenommenen Machtasymmetrie schrauben lässt. – Und dazu gibt es beinah unendliche Möglichkeiten. Auch für Unternehmen übrigens.

 

Wie therapiert man eine Gesellschaft?

Die einzig korrekte Antwort auf diese Frage lautet natürlich: gar nicht.

Aber das nicht etwa deswegen, weil Gesellschaften als ganze keinen Therapiebedarf hätten. Gesellschaften kennen durchaus so etwas wie kollektiv angestaute, unverarbeitete Emotionen, die keineswegs dem Konto der Einzelnen, die ihre Träger sind, zuzuschreiben sind.

Und Gesellschaften kennen durchaus so etwas wie „schlechte Gewohnheiten“ und „Verrücktheiten“, und zwar in der Form von Institutionen, die Anpassungen an Situtionen sind, die längst nicht mehr in die Gegenwart passen. Früher einmal nannte man so etwas „neurotisch“. Heute hat man dafür ausgefeiltere Bezeichnungen. Der Sachverhalt bleibt aber der Gleiche: Gesellschaften sind durchaus anfällig für so etwas wie „Innovationsstau“, der sich dann oft gewalthaft entlädt, bis dahin aber reihenweise „ihre“ Menschen krank macht, physisch wie psychisch. Manchmal könnte man meinen, solche kollektive Verrücktheit ist eher die Regel als die Ausnahme.

Untherapierbarkeit von Gesellschaften

Der Grund dafür, warum „man“ keine Gesellschaften „therapieren“ kann, liegt nicht etwa darin, dass sie es nicht nötig hätten. Sondern vielmehr darin, dass es – anders als bei menschlichen Individuen – schlicht kein Subjekt oder Objekt gibt, das als „therapeutisches Gegenüber“ von Gesellschaften wirken kann.

Wenn ich als einzelner Mensch heute nicht weiter komme, mich von einer erkennbar schlechten Gewohnheit trennen will, mit der ich schon seit geraumer Zeit mir selbst und meinen Mitmenschen schade, dann kann ich mir heute einen Therapeuten oder Coach meiner Wahl suchen, jemandem dem ich zutraue, „den Raum zu halten“, „mit mir in Beziehung zu bleiben“, während er mich (genauer: ich mich) mit den Emotionen konfrontiert, die „feststecken“ und es mir in so an ein Verhalten gebundener Form erschweren, mich von diesem Verhalten zu trennen oder es umzuwandeln. Und das auch dann, wenn ich in Bezug auf dieses Verhalten schon längst rational eingesehen habe, „dass es nicht gut ist für mich“. – Möglichkeiten zu solchen therapeutischen „Interventionen“ sind bekannt. Es gibt in diesem Bereich eigentlich kaum noch große Rätsel, was hier funktioniert, wie es funktioniert, sogar warum es funktioniert. Eher eine Überfülle an Methoden, die aber alle diese beiden Elemente gemeinsam haben: 1.) Achtung auf die therapeutische Beziehung. 2.) Einbezug von körperlich fühlbaren Emotionen, so, dass sie weder „überkochen“, noch dass der Prozess emotional unterkühlt bleibt, die Einsichten also nur gedanklicher Art bleiben, das Verhalten sich aber dennoch nicht verändern kann.

Die naheligende Parallelisierung wäre ja: Gesellschaften können für andere Gesellschaften „therapeutische Sparrings-Partner“ sein. – Alle solchen Versuche, die wir bisher beobachten konnten (z.B. „Land x führt jetzt in Land y Demokratie ein“) führten allerdings zu einer Kolonialisierung. – Und das ganz einfach deswegen, weil in diesen pseudo-therapeutschen Beziehungen zwischen Gesellschaften immer ein wichtiges Moment fehlte, das für eine gute therapeutische Beziehung grundlegend ist: Der Therapeut darf dabei keine eigene Agenda haben, keine eigenen Interessen verfolgen.

Nun wäre das – theoretisch – durchaus denkbar: Eine Gesellschaft, die der anderen uneigennützig zur Seite steht. Im momentanen Zustand, ohne eine bestehende politische Weltordnung, ohne einen wirksamen, allgemein anerkannten Weltstaat, scheitert solches inter-gesellschaftliches „Therapieren“ jedoch schlicht am Problem, wie man es „den eigenen Leuten“ erklären soll, dass man für andere, „Fremde“ einfach so  Ressourcen verwendet, die doch dringend eben die eigenen Leute ebenso brauchen könnten.

So kann bei Therapie von Gesellschaft zu Gesellschaft immer nur offener oder verkappter Kolonialismus herauskommen: Man gibt vor, das Beste für den anderen zu wollen, beutet den anderen aber letztlich nur in irgendeiner Hinsicht aus (eine Hinsicht, die man „zu Hause“ eben braucht, um den Ressourceneinsatz zu rechtfertigen). Im individuellen therapeutischen Feld würden wir so etwas „Missbrauch“ nennen.

Die gleiche Analyse, die Hobbes für das Verhältnis von Individuen anstellte, gilt auch heute noch: Altruismus wird erst möglich, wenn es ein politisches Verhältnis zwischen diesen Individuen gibt. – In Bezug auf Gesellschaften hielt Hobbes dies für unmöglich, weswegen für ihn das Verhältnis zwischen Gesellschaften bleibend durch „den Kriegszustand“ bestimmt war.

Demokratie als institutionalisierte Selbstherapie der Gesellschaft

Nun stehen wir aber, mangels bestehendem Weltstaat und angesichts angenommenem Therapiebedarf von Gesellschaften, etwas verloren in der Gegend herum. Wenn weder einzelne Individuen noch andere Gesellschaften dafür sorgen können, dass sich Gesellschaften auf sinnvolle Weise wandeln, sich von alten Mustern lösen und neue Institutionen, Gesetze, Praktiken ins Leben bringen – Institutionen, Gesetze und Praktiken, die sich aber eben nicht „von alleine“ ergeben, sondern durch emotionale Ladungen ihre natürliche Evolution blockiert ist (= Therapiebedarf) -, dann könnte man an dieser Stelle auch einfach politisch verzweifeln und stattdessen „höhere Mächte“ um ihr Eingreifen anbeten…

Es gibt jedoch glücklicherweise eine weitere Antwort auf die Frage nach dem Therapiebedarf von Gesellschaften. Und diese Antwort trägt einen, in diesem Kontext, vielleicht überraschenden Namen: Sie lautet „Demokratie“.

Denn Demokratie, wenn man sie in ihrem ursprünglichen Sinne versteht, nicht in der Schwundform, die sich am Ende des 18. Jahrhunderts vorläufig etabliert und ausgebreitet hat, ist eben genau das: Selbstherapie der Gesellschaft, sinnvolle Ersetzung alter Gesetze durch neue, jetzt passender Gesetze, sachorientierte, konsensuelle Reform schlecht gewordener gesellschaftlicher Gewohnheiten aka „Institutionen“.

Demokratie ist eine dauerhafte selbstherapeutische Ordnung, die genau darauf abzielt: Sich als Gesellschaft aus sich selbst heraus selbst verändern zu können, wann immer irgendwo ein Veränderungsbedarf auftritt. Demokratie ist ein auf Dauer geschalteter Anti-Traditionalismus, der nur behält, was im Moment funktioniert und der alle anderen Institutionen als veränderlich behandelt. Und das gilt auch für diejenigen Institutionen, die noch gestern als großartig und „untouchable“ galten, wenn es eben diese Institutionen sind, die heute menschliches Leid hervorrufen. Die Demokratie gewinnt diese Kraft, indem sie die Verschiedenheit ihrer Bürger systematisch nutzt und zusammenführt. Sie gewinnt die Innovationskraft aus sich selbst heraus. – Ungefähr so, wie es ein psychisch gesunder Mensch tut mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen und seinen sich verändernden Praktiken, ihnen gerecht zu werden.

Eine demokratische Gesellschaft, wenn sie denn eine ist, ist in der Lage, sich selbst zu therapieren, wann und wo immer das nötig werden mag. Sie braucht keine Therapeuten. Und wenn wir uns Therapie ohne Therapeuten nicht denken können, so könnten wir sagen: Alle ihre Bürger – gemeinsam – sind die Therapeuten einer demokratischen Gesellschaft.

Doch wie entsteht so eine Institutionalisierung permanenter gesellschaftlicher Selbsttherapie? Wie entsteht Demokratie?

All das lässt allerdings offen, wie eine solche Demokratisierung selbst entsteht. Also wie eine Gesellschaft dazu gelangt, zu einem dauerhaften selbstherapeutischen Verhältnis zu finden. Technischer: Wie diejenigen Institutionen aufkommen oder eingeführt werden, die demokratische Selbsttherapie auf Dauer stellen. – Das einzige mir näher bekannte Beispiel für eine solche Demokratisierung war jedenfalls nicht von außen eingeführt, sondern entstand nach und nach, über mehrere Reformschritte hinweg (Solon, Kleisthenes, Themistokles). – Möglicherweise ohne dass dabei „Demokratie“ je das Ziel gewesen wäre. Man achtete einfach „auf die Sache“ und hatte am Ende etwas, das man dann rückblickend anfing, „Demokratie“ zu nennen. Allerdings war man sich spätestens zum Zeitpunkt dieser Benennung der absoluten Besonderheit jenes gesellschaftlichen Verhältnisses bewusst, die man da aus Versehen geschaffen hatte.

Man wusste, dass eine Gesellschaft, die sich selbst willkürlich formen kann, eine noch nie dagewesene, eine großartige Sache ist, eine gesellschaftliche Leistung. Und man war stolz auf diese gemeinsame therapeutische Leistung.

Wir haben heute den Vorteil oder Nachteil (?), dass wir nicht die ersten sind, die so etwas entwickeln können. Wir haben nicht mehr die Naivität und politische Unschuld der antiken Griechen Athens. So wird heute Demokratie nur noch „absichtsvoll“ entstehen können.

Was aber heute die gesellschaftlichen Kräfte sein können, die bewusst eine Demokratisierung vorantreiben, ist offen. Selbst wenn diese Kräfte unbewusst und absichtslos wären, würde heute schnell erkannt und ins allgemeine Bewusstsein gehoben, worauf die Entwicklung hinausläuft. Es würden mit der Demokratisierung rein egoistische, partikuläre Absichten verbunden, selbst dort, wo die Absichten ganz andere sind. Den Berufspolitikern, die Demokratisierung vorantreiben, würde reiner Eigennutz und strategisches Kalkül unterstellt. Und genauso den Bürgerinitiativen, die sich für Demokratisierungsprojekte einsetzen. Beides würde hervorrufen, was Demokratie nicht brauchen kann: politische Feindschaft. Eben weil es einen Vorläufer gibt. Weil es das Wort „Demokratie“ bereits gibt, selbst wenn diese Bezeichnung seitdem vielfach missbraucht wurde.

Denn im Grunde ist permanente gesellschaftliche Selbsttherapie, permanente Infragestellbarkeit liebgewonnener gesellschaftlicher Gewohnheiten nichts, das für irgendwen erst einmal verlockend klingt. Erst wenn sie als Institution gegeben ist, kann rückwirkend Stolz und Affirmation entstehen. Stolz auf eine Institution, die man so nie haben wollte, als man sie noch nicht hatte.

Die Entstehung von Demokratie erscheint heute mehr denn je als ein gesellschaftliches „Wunder“.

Vielleicht sollten wir doch anfangen zu beten…

An der Entwicklung der Demokratie im klassischen Athen können wir jedenfalls sehen: Es waren sehr konkrete Probleme und Situationen, die schrittweise zur Herausbildung immer noch demokratischerer Institutionen geführt haben. Es war kein demokratischer Idealismus. Demokratie war nicht das Ziel, als Demokratie entstand. Der Begriff der Demokratie wurde nachträglich erfunden als es die Institutionen der Demokratie schon längst gegeben hatte.

Diese demokratischen Institutionen: Nutzung des Losverfahrens, bewusste Politisierung der Bürger, bewusste Durchmischung der verschiedenen Bürgergruppen bei den politischen Beratungen, sowie physische Direktheit des politischen Austauschs („Parlamentarismus“) wurden erfunden als Mittel zum Zweck der Lösung konkreter gesellschaftlicher Probleme, denen man anders nicht mehr gerecht werden konnte. Als Mittel der Gesellschaft, sich selbst von ihren eigenen schlechten Gewohnheit lösen zu können. Als Mittel der Gesellschaft sich selbst therapieren zu können, wann immer das nötig ist.

Demokratiekompetenz

Es gibt da diese Vorstellung, nach der es bei einer Regierung darum ginge, die kompetentesten Menschen in politische Ämter zu bekommen. Und Wahlen werden dadurch gerechtfertigt, dass sie eben dies leisten sollen. Bzw.: Dass wir kein besseres Verfahren kennen, die Kompetentesten unter uns auszuwählen.

Diese Vorstellung könnte man zunächst einmal fragen: Glauben wir das wirklich? Glauben wir ernsthaft, dass die Menschen, die wir in politische Ämter wählen, die Kompetentesten unter uns sind? – Ich persönlich glaube ja, dass das heutzutage so gut wie keiner von uns glaubt…

Aber das Fragen könnte noch viel weiter gehen. Wir könnten nämlich fragen, was das eigentlich sein soll: „Politische Kompetenz“? Oder, noch schöner: „Demokratische Kompetenz“? Geht es dabei darum, „gut reden zu können“? Oder darum, gut auszusehen? – immerhin sagen irgendwelche Studien dass man allein am Aussehen auf Wahlplakaten bis zu einem gewissen Grad voraussagen kann, wer gewählt werden wird! Oder geht es bei demokratischer Kompetenz darum, wer am besten netzwerken oder Allianzen schmieden kann? Oder wer am treuesten zu seiner Partei steht, wer all die Jahre durchhält, durch alle innerparteilichen Machtkämpfe hindurch dabei bleibt? Oder vielleicht geht es schlicht um Skrupellosigkeit? Um „die letzte Härte der Ellenbogen“? Oder darum, wer am schönsten und geschicktesten Lügen kann? Oder seine Meinung ändern, ohne dass man ihm das übel nimmt? – Vielleicht geht es bei demokratischer Kompetenz aber auch einfach darum, wer das meiste Geld hat? Oder ins richtige Elternhaus geboren worden zu sein, schön akademisch, mit finanziellem Rückhalt und guten Kontakten von Anfang an?

Man sieht: Demokratische Kompetenz, wenn sie denn ein Begriff wäre, scheint ein recht schillernder Begriff zu sein.

Was Kompetenz ist und wie sie entsteht

Aber wir könnten auch noch weiter gehen und fragen: Was ist das denn eigentlich überhaupt: „Kompetenz“? Und dann auch noch im Bereich des Politischen?

Kompetenz, so könnte man kurz schließen, sei die Kombination aus „Talent und Erfahrung“. Oder vielleicht auch „Talent und Übung“. Oder „Talent und“ – schlicht – „Durchhaltevermögen“, aka „Wille“.

Man muss nicht lang recherchieren, um zu Studien zu gelangen, die heute behaupten: „Talent ist überschätzt“.

Vieles, was heute unter so todschicken Bezeichnungen wie „Neuroplastizität“ zu finden ist, deutet darauf hin, dass Sinnsprüche wie „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ oder „Der Wille kann Berge versetzen“ zumindest dann wahr ist, wenn es um die Herausbildung von eigenen Kompetenzen geht.

Ich arbeite nun schon viele Jahre mit allen möglichen Menschen. Ich würde ja immer sagen: Mit einem guten Ausschnitt aus der Gesamtbevölkerung. – Und, was soll ich sagen? Über die Jahre fiel es mir bei dieser Arbeit immer schwerer, noch irgendetwas auf die angebliche so wichtigen Faktoren Talent, Können und Erfahrung zu geben. Denn meine eigene Erfahrung bei dieser Arbeit führte paradoxerweise zu der Einsicht: Dass das Wollen entscheidend ist dafür, was den meisten Menschen möglich ist.

Sicher, es gibt Grenzen. Wenn jemand z.B. ein 1,90m großer Schlacks ist, tut er sich deutlich schwerer mit Turnsportarten. Und ein Einbeiniger hat beim Profifußball große Nachteile, die nur sehr schwer wegzudiskutieren sind. Auch hat man nur selten Menschen ohne Kopf regieren sehen. Also ja: Es gibt Grenzen der Gleichheit von Kompetenz. Diese Grenzen sind selbst jedoch viel begrenzter als wir oft meinen. Die allermeisten Kompetenzunterschiede lassen sich viel eher auf eine verschiedene Motivationslage und oft auch auf zwischen uns sehr verschieden verteilte äußere Ressourcen zurückführen.

Ich möchte sogar behaupten, dass bei der angeblich so großen Talentabhängigkeit z.B. in der Mathematik große Vorurteile und Unwissenheit darüber im Spiel sind, wie wir Menschen wirklich funktionieren, wie wir lernen, wann wir lernen. Und eben auch: Wie „Kompetenz“ entsteht. Die Grenzen scheinen mir hier nämlich nur zu einem sehr geringen Anteil kognitiver Natur zu sein. – Den meisten Menschen fehlen schlicht geduldige Lehrer, die anspruchsvollere Formen von Mathematik so erklären, dass sie auch gelernt werden können. Lehrer, die Zeit haben zu verstehen, woran es wirklich hakt. Was genau nicht verstanden wird, wo genau die Unsicherheit liegt. Und die v.a. jedem „Ich kann halt Mathe einfach nicht“ von Anfang an einen sehr entschiedenen Riegel vorschieben. – Und den meisten Menschen fehlt etwas anderes noch viel mehr: Ein echter, für sie selbst stimmiger Grund zu lernen, was aus sich selbst heraus nicht immer unmittelbar interessant ist. Ein inneres Motiv. Manchen von uns werden eben Lehrer zu diesem inneren Motiv. Gute Lehrer, die eher Mentoren für uns sind. Menschen, bei denen wir das Gefühl haben, dass wir auch jenseits aller Kompetenz für sie irgendwie wichtig sind. – Und auch das ist natürlich paradox, weil die Frage offen bleibt, wie den ein „äußerer“ Anderer uns zu einem „inneren Grund“ werden kann.

Nichtsdestotrotz hat jeder von uns schon erlebt, dass ihm andere Menschen die Tür zu Themen geöffnet haben, die ihm ansonsten vielleicht für immer verschlossen geblieben wären. – Über das Interesse für einen Menschen kam das Interesse für eine Sache, „die man lernen wollte“. Das umgekehrte kennen wir sehr gut: Dass unsere vorhandenen Interessen uns mit Menschen zusammenbringen, die sich für das Gleiche interessieren. Aber viel spannender ist eben der Vorgang, bei dem uns das vorher Uninteressante plötzlich interessant erscheint. Und wir plötzlich motiviert sind. Und mehr darüber erfahren wollen.

Die Grenzen des Lernens und damit auch die Grenzen der „Kompetenz“ scheinen viel weniger kognitiver Natur zu sein als motivationaler oder genauer: emotionaler Natur. Im richtigen Gefühlscocktail entstehen in unserem wunderbar formbaren und veränderlichen Hirn Nervenverbindungen, dass es nur so prickelt und fizzelt. Oder, um mit Gerald Hüther zu sprechen: „Begeisterung ist Dünger für’s Gehirn“. – Und wenig begeistert uns mehr als für uns bedeutungsvolle Beziehungskonstellationen mit anderen Menschen.

Wenn wir also den alten Spruch vom Willen, der Berge versetzen kann, herauskramen, können wir hinzufügen, dass Wollen in Beziehung überhaupt erst entsteht. Dass unser Wollen selbst, so gut wie immer einen subjektiv bedeutungsvollen „Beziehungs-Bezug“ hat. Noch der letzte Eigenbrötler hegt Anerkennungsfantasien durch all die anderen Menschen, von denen er enttäuscht ist oder abgelehnt wurde.

Dass wir Beziehungswesen sind, scheint uns einfach nicht auszutreiben zu sein.

Politische Lust führt zu politischer Kompetenz – zuverlässig

Was hat das nun alles mit „Demokratiekompetenz“ zu tun?

Der Witz an der Demokratiekompetenz ist: Es gibt sie nicht. Oder, wenn wir diesen unsinnigen Begriff, doch beibehalten wollen, so müssten wir sagen: Jeder Mensch ist, ausnahmslos, demokratiekompetent.

Was es stattdessen gibt: Menschen, die kein Interesse haben, sich in die Politik einzubringen. Weil sie die Verfassung, in der die Politik ist, abstößt und anwidert. Oder was es auch gibt: Menschen, die mehr Interesse haben, „in die Politik zu gehen“ als andere. Menschen, bei denen man dann fast schon geneigt sein könnte zu fragen, was mit diesen Menschen eigentlich nicht stimmt. Also warum sie anders als die meisten nicht von der derzeitigen Verfassung der Politik abgestoßen sind.

Meistens sind das Menschen mit den entsprechenden Beziehungen. Nein, nicht was Sie jetzt denken. Ich meine damit: Mit genau denjenigen Beziehungen, die nötig waren, um so ein Interesse an „politischem Engagement“ auszubilden. Ein politisches Wollen.

Was dabei ausgeblendet bleibt: Dass man darüber nachdenken könnte, wie politische Verfahren beschaffen sein müssten, damit alle Menschen, alle Bürger ein solches Interesse an eigener Beteiligung an Politik entwickeln können.

Wenn wir über das Verhältnis von „Können“ und „Politik“ sprechen, wäre es weitaus sinnvoller nicht über das Können von Personen zu sprechen, sondern über das Wollen-Können von eigener Beteiligung an Politik. Also über die Leistung und Nicht-Leistung unserer politischen Institutionen.

Berücksichtigen wir nämlich die fundamentale Sache der Neuroplastizität und der emotionalen und der Beziehungskomponente von Interesse und Lernen, dann müsste unsere eigentliche Frage sein:

Wie müssen unsere Institutionen gestaltet sein, damit sich alle Bürger für Politik interessieren können? Damit bei allen ein lebendiges, emotionales Interesse an Politik entsteht?

Und wir müssten so fragen, weil wir begriffen haben, dass über echtes Interesse belastbare Kompetenz entsteht. Und dann eben auch: dass über echtes politisches Interesse auch belastbare politische Kompetenz entsteht.

Also wenn wir Demokraten sind, dann müssen wir so fragen.

Wenn wir keine Demokraten sind, können wir uns das sparen.

Denn wenn wir keine Demokraten sind, dann sind uns Bürger lieber, die von sich selber denken, sie seien demokratieinkompetent und es sei eigentlich eine ganz gute Sache, sie von politischer Verantwortung: Mitberaten und Mitentscheiden zu verschonen. „Da kann ja nichts gutes herauskommen, wenn wir mitentscheiden. Nehmt uns das bitte ab.“ – Das politische Äquivalent zu „Ich kann einfach kein Mathe, bitte verschone mich mit weiteren Qualen. Ich möchte nur ein bisschen jammern und schimpfen und lebe ansonsten ganz gut mit dem Handicap meiner erlernten Inkompetenz.“

Die Rede von angeblich von Natur aus sehr verschiedener Verteilung von politischer Kompetenz unter uns Menschen scheint im Grunde nur einem Zweck zu dienen: Unserer Bequemlichkeit.

Und Bequemlichkeit war schon immer ein vergleichsweise sicherer Weg zur Hölle. Und wird es wohl auch bleiben.

Demokratie ist unbequem. Sie ist anstrengend. Denn es gibt tausend, heutzutage eher zehntausend gute Gründe für jeden von uns, Politik zu meiden.

Und daher ist es eine institutionelle, eine gemeinsame, eine gesellschaftliche Aufgabe, uns aktive politische Beteiligung bekömmlich und attraktiv zu machen. Der Reiz der Politik muss für alle größer sein als der Impuls, sich ihre Anstrengungen zu ersparen.

Doch Interesse kann geweckt werden. Wir Menschen sind extrem anfällig für das Interessante. Mit dem ermöglichten Interesse aller an Politik kommt die Kompetenz aller zur Politik. Dessen dürfen wir uns sicher sein.

Gleiche Kompetenz zur Politik, die absolute Grundlage dafür, Demokratie nicht für eine absolut hirnrissige Idee zu halten, kann nicht vorausgesetzt werden. Sie muss institutionell überhaupt erst erzeugt werden. Aber eben nicht in Form von „Belehrungen“, weil ein Großteil der Bürger ach so dumm wäre. Wir brauchen keine politische Bildung, die etwas anderes ist als „Learning on the job“: Lernen durchs machen. Praxislernen. Wir brauchen politische Strukturen und Verfahren, die alle Bürger gleichermaßen in die Politik hineinsaugen. Weil wir Politik so organisiert haben, dass sie uns eine Lust ist.

Dass Politik eine Last ist, steht außer Frage. Dass sie aber eine Lust werden kann, und das auch noch für alle Bürger, ist eine Aufgabe. Noch einmal: Eine Aufgabe, die nur durch Institutionen zu leisten ist, die eben genau das leisten: Uns Lust auf Politik zu machen. Uns nicht politisch frustrieren, sondern bei uns begeisterte Teilnahme und lebendiges Interesse an Politik und Mitbestimmung hervorrufen.

Nach allem, was man so hört, soll es solche Institutionen doch tatsächlich geben. Institutionen, die uns systematisch Lust machen auf Politik und die uns für die aktive Teilnahme an unserer Demokratie begeistern.

Und in denen sich die Bürger regelmäßig – zur allgemeinen Überraschung, oft auch der eigenen – als ausgesprochen verantwortungsvoll und „demokratiekompetent“ erweisen. Nicht einige wenige. Sondern so gut wie alle Bürger.

Politische Entscheidungen brauchen unmittelbares gesellschaftliches Feedback

Im Grunde können wir jedes nur denkbare politische Thema nehmen. Wenn es ein politisches Thema ist, dann betrifft es unterschiedliche Bürger. Wahrscheinlich auf unterschiedliche Weise. Und es betrifft sie so, dass eine politische Entscheidung in diese oder jene Richtung unterschiedliche Folgen für sie hat, die aber alle eins gemeinsam haben: Sie lösen Gefühle aus. Oftmals starke Gefühle, weil fundamentale Bedürfnisse der jeweiligen Bürger betroffen sind.

Stellen wir uns nun ein politisches System vor, in dem diese Betroffenheit nicht in das politische Entscheiden einfließt. Was wird passieren? – Die Bürger, die von so einem politischen Entscheiden betroffen sind, werden wütend sein, werden verzweifelt sein, aber sie werden sich irgendwann auch daran gewöhnen. Politische Fremdbestimmung wird „normal“ sein in so einer Gesellschaft. Man wird auf „die Politiker“ schimpfen. Man wird irgendwie mit den alltäglichen Folgen eines solchen emotional uninformierten politischen Entscheidens leben. Vielleicht wird man gelegentlich seinem Frust Luft machen. Z.B. auf Demonstrationen. Oder durch Online-Petitionen. Oder durch Äußerungen auf den von einem bevorzugten Social-Media-Kanälen. Oder indem man sein Kreuzchen bei irgendeiner „Protestpartei“ macht. Aber im Grunde wird man sich nicht wirklich erwarten, dass sich dadurch irgendetwas ändert, so dass es einem davon im Alltag besser geht. Man lässt nur emotionalen Dampf ab, der durch eine Politik erzeugt wird, die kaum mit dem in Kontakt steht, was einen bewegt, beunruhigt, betrifft. Der Bürger in einem solchen politischen System wird vollkommen passiv, wird bloßer Konsument, wird reiner Zuschauer und verantwortungsbefreiter Kommentator des Politgeschehens.

Stellen wir uns nun auch ein politisches System vor, in dem diese Betroffenheit einfließt. Bürger können vorher Rückmeldung geben, was verschiedene politische Entscheidungen für sie, ganz subjektiv, bedeuten würden. Sie können sich auch wechselseitig darüber informieren und austauschen. Sie kriegen durch die Unmittelbarkeit, die entsteht, wenn man gemeinsam in einem Raum ist und sich offen bespricht, emotional zu spüren, was diese oder jene Entscheidung für den anderen in seinem Alltag bedeuten würde. Und das alles, bevor sie gemeinsam entscheiden, wie die verbindliche Entscheidung aussieht. Z.B. eine Gesetzesänderung. Oder eine konkrete politische Maßnahme, die mit der Macht der staatlichen Exekutive umgesetzt wird oder mit von allen erhobenen finanziellen Steuermitteln. – Hier werden sich die Bürger in einem völlig anderen Ausmaß als „Autoren“ der Politik erleben und verstehen. Sie werden sich auch auf völlig andere Weise mit Politik beschäftigen. Und sie werden auf völlig andere Weise das Gefühl haben „dazuzugehören“. Und auch: Dass dieser Staat „ihr Staat“ ist.

Letzteres leisten Bürgerkonvente, bei denen die sich beratenden Bügern durch Zufall, im Losverfahren ausgewählt wurden. Die vorab mit Expertenwissen ausgestattet werden. Die sich in zufällig durchmischten Kleingruppen jeweils zu den politischen Fragen austauschen, die entschieden sein wollen. Respektvoll. Aufmerksam. Zuhörend. Wirken lassend. Die auch das, was sie da von ihren Mitbürgern zu hören bekommen, ganz anders auf sich wirken lassen können, weil sie keine Parteiräson vertreten müssen. Sondern nur sich selbst. Als Menschen. Als Mitbürger. Als Menschen mit einem natürlichen Verantwortungsgefühl sowohl für ihr persönliches Umfeld im Alltag als auch für ihr politisches Gemeinwesen.

Ich halte es nicht für sonderlich gewagt anzunehmen, das solche Bürgerkonvente zu deutlich besseren politischen Entscheidungen kommen als die Verfahren, die wir bisher nutzen. Und ich halte es auch nicht für sonderlich gewagt anzunehmen, dass eine Gesellschaft, die sich durch die regelmäßige Nutzung von Bürgerkonventen auf allen politischen Ebenen sozusagen „selbst politisiert“, eine Gesellschaft ist, in der man um einiges zufriedener ist. Mit sich. Mit der Gesellschaft. Und mit den Mitbürgern, mit denen man in einer Gesellschaft zusammenlebt. Mit denen zusammen man eine Gesellschaft bildet.

Was unseren derzeitigen politischen Verfahren fehlt, ist unmittelbares Feedback. Feedback das wirkt. Feedback aus dem gesellschaftlichen Alltag, das in der Politik Spuren hinterlässt, das unsere politische Entscheidungen formt. Das die Entscheider verändert, bevor sie entscheiden. Das uns nicht im Modus des Privatmenschen politische Entscheidungen treffen lässt. Feedback, das aus Menschen überhaupt erst Bürger macht.

Über die Illusion, dass Apartheid dauerhaft möglich sei

Viele moderne Dystopien haben eine Gemeinsamkeit: Sie zeichnen das Bild von einer Gesellschaft, in der eine fundamentale Trennung zwischen Menschen fest etabliert wurde: Zwischen „wertvolleren“ und „weniger wichtigen“ Menschen. Zwischen Menschen, die Ahnung haben, und Menschen, die in einem dauerhaften Zustand der Unwissenheit gehalten werden. –  Man kann gern mal alle Horrozukunftsszenarien, die einem aus Filmen und Büchern einfallen, daraufhin gedanklich durchgehen, ob sie dieses Motiv benutzen.

Alle diese Szenarien einer dauerhaften Apartheid haben auch das gemein: Sie sind irreal. Nicht nur in dem Sinn, „dass sie noch nicht sind“. Sondern auch in dem Sinn, dass sie niemals sein können.

Es zeichnet zwar die Moderne Gesellschaft aus, dass sie sich in viele Milieus und Teil-Gruppen aufspaltet, die kaum eine Selbstverständlichkeit miteinander teilen, aber eine fundamentale Trennung aller Menschen, die sie in zwei oder mehr völlig miteinander unverbundene Gesellschaften unterscheidet, von denen eine „wertvoller“ ist als die andere – das kann sich nicht dauerhaft etablieren.

Es gibt heutzutage viele, die das nicht verstehen. Und auch nicht die Gründe, warum das nicht möglich ist. – Ich könnte es mir leicht machen und dazu einfach auf die bisherige Geschichte verweisen. Darauf, dass bisher noch jede solche Apartheids-Ordnung zuverlässig erodiert ist. Oder auf die nebulöse Kraft des „Eros“, der uns Menschen zuverlässig im Griff hat. Ich könnte auf die natürliche menschliche Neugier verweisen, die sich nicht aufhalten lässt. Auch die zahlreichen soziologischen Ansätze zu dem Thema sind bemerkenswert. Und wir können auf die nüchterne Tatsache hinweisen, dass heutzutage auch Menschen im hinterletzten Weltghetto Smartphones und Bildschirme besitzen, mit denen sie den Reichtum „der anderen“ begutachten können. Dass informationelle Vermögenstrennung, dass heimlicher Reichtum heutzutage unmöglich geworden ist. Wenn andere Menschen deutlich mehr haben, dürfen sie zeitgleich immer davon ausgehen, dass die, die weniger haben, von dieser Ungleichheit wissen und sich fragen, warum genau eigentlich der eine so viel mehr Vermögen hat als sie selbst.

Die Lüge vom lachenden, gut gelaunten Reichen

Spannender als all das ist aber ein Hintergrundgedanke, der mir eher aus unseren fantastischen Erzählungen zu kommen scheint, und der die Vorstellung trägt, dass ein dauerhafter Apartheids-Weltstaat möglich sei:

Die Vorstellung, dass es reichen Menschen gut geht, während es armen Menschen schlecht geht.

Viele unserer Filme und Romane zeichnen genau so ein Bild. Und wir haben uns daher daran gewöhnt, dieses greifbare Bild „von den Verhältnissen“ für bare Münze zu nehmen. Für subjektive Realität.

Wäre dieses Bild: Lachende vermögende Menschen und darbende unvermögende Menschen real, hätten wir Menschen heutzutage tatsächlich alle ein riesiges Problem: Wir wären in einem dauerhaften Krieg miteinander gefangen. In einem erbarmungslosen, ewigen Krieg darum, „oben zu sein“, zu den Vermögenden zu zählen. Gesellschaft wäre ein gnadenloser Kampf aller gegen alle.

In der Tat hat dieses Bild prominente Fans. – Das ändert jedoch nichts daran, dass es völlig irreal ist, mehr ein Traumbild als menschliche Wirklichkeit.

Ich habe zur Auflösung dieses Bilds und zu seiner Ersetzung durch einen deutlich empathischeren Blick schon einiges zusammengetragen:

Einmal eine Darstellung des Welttouristen-Daseins, zu dem vermögende Menschen heutzutage verurteilt sind. Und man muss schon sehr fest die Augen schließen, um nicht mitzubekommen, dass das keine angenehme Lage ist.

Dann durch eine Darstellung des fast unvermeidlichen Beziehungsunglücks, das es für uns Menschen bedeutet, wenn wir uns in einer stabilen, einseitigen Machtposition gegenüber den meisten anderen Menschen wiederfinden.

Sowie ein Beitrag zur Würdigung der fundamentalen Unfreiheit, die privater Reichtum für uns Menschen bedeutet, wenn er so weit geht, den Raum des Politischen zu betreten und dadurch sich selbst ganz genauso wie allen anderen die Freiheit zu nehmen.

Freiheit und Glück der Wenigen auf dem Rücken der Vielen ist eine dramaturgische Illusion. Aus ihr lässt sich ein guter Plot machen, eine spannende Geschichte schreiben, mit großem Bedarf an Helden und Märtyrern.

Die menschliche Wahrheit der Modernen Weltgesellschaft hat aber glücklicherweise eher etwas vom langweilig-spannenden Glück und Unglück einer Ehe oder jeder sonstigen zwischenmenschlichen Langzeitbeziehung:

Es ist zwar möglich, dass ein menschlicher Beziehungspartner kurze Zeit, vorübergehend glücklich sein kann, während der andere menschliche Beziehungspartner zutiefst unglücklich ist. Aber niemals dauerhaft.

Idealerweise ist es auch so, dass der momentan Glücklichere dem momentan Unglücklicheren in jenen Phasen zur Seite steht. Und dass sich das über die Zeit abwechselt und ausgleicht. – Für diese Beziehungsdynamik auf weltgesellschaftlicher Ebene gibt es bereits erste, deutlich erkennbare Anzeichen.

Und richtig hart sind in einer Ehe immer genau diejenigen Zeiten, in denen es den beteiligten menschlichen Beziehungspartnern gleichzeitig schlecht geht: Wenn der eine sich gern an den anderen anlehnen würde, und der andere an den einen. – Dies nennen wir dann oft „Krise“. Und wann immer eine solche Krise ohne fundamentale Trennung durchlebt wurde, kann man beobachten, sind Paare danach noch verbundener. – Aber das nur am Rande.

Entscheidend für das Bild von der untrennbaren menschlichen Schicksalsgemeinschaft auf dem Planeten Erde ist allein die Anerkennung der unaufhebbaren emotionalen Verbundenheit zwischen uns Menschen. – Und die ist noch lange nicht hinreichend in unserem Bewusstsein angekommen. Von institutionellen Konsequenzen ganz zu schweigen.

Warum es hilfreich ist, dass es in der Politik um subjektive, gefühlte Wahrheiten geht

Viele glauben nun wiederum, dass dieses Bild von der Ehe oder Langzeitpartnerschaft schief oder ungeeignet ist, um das Verhältnis von vermögenderen und unvermögenderen Menschen auf unserem Planeten zu erfassen. Sie sagen dann Dinge wie: „Ja, aber das Leiden der unvermögenderen Menschen ist viel größer“. Oder: „Die Bedürfnisse der Armen sind viel existentieller.“

Abgesehen davon, dass ich persönlich den Vergleich von menschlichem Leiden prinzipiell für einen unproduktiven Akt halte, weil er systematisch in unlösbare Konflikte hineinführt, glaube ich, dass die wichtigere Frage nicht die nach „Gerechtigkeit“ ist, z.B. in der Form: Wer braucht  mehr Zuwendung von uns? Wer hat eher den Zufluss menschlicher Ressourcen verdient?

Die wichtigere Frage scheint mir eher die nach der relativen subjektiven Verbesserung für alle beteiligten Gruppen zu sein. Relativ zum jetzigen Ist-Zustand wohlgemerkt.

Diese Bewertung ist himmelweit entfernt von einem „neoliberalen“ Standpunkt, der glaubt, dass es allein um „objektive“ Verbesserungen gehe, also um Verbesserungen, die man in irgendwelchen finanziellen Größen messen kann, ungeachtet davon, wie es den Menschen in ihrer eigenen subjektiven Wahrnehmung dabei geht.

Diese häufige Verwechslung ist kein Zufall: Dass die Politik ganz generell der Raum der gefühlten Wahrheiten ist, der subjektiven Realitäten, die in ihrer ganzen Subjektivität und Zwischenmenschlichkeit zusammen kommen, ist derzeit nur wenig anerkannt.

Genau diese Anerkennung öffnet uns aber hinsichtlich des Problems der immensen Vermögensungleichheit zwischen uns Menschen auf unserem gemeinsamen Planeten eine sehr reale Hoffnungsperspektive:

Nimmt man das derzeitige Leiden aller betroffenen Menschengruppen ernst und führt sie in ihrer Subjektivität zusammen, ist es möglich, gemeinsam nach institutionellen Veränderungen zu suchen, mit denen sich auch sehr vermögende Menschen subjektiv besser stellen.

Das mag im ersten Hören absurd klingen, weil wir eben das Bild geschluckt haben, nach dem es sehr vermögenden Menschen ja an nichts fehlt. „Was können die schon wollen? Denen geht es doch spitzenmäßig!“

Allerdings ist das eben ein sehr unrealistisches Menschenbild, das wir da von den Reichen unter uns zeichnen.

Es lohnt sich also, Räume zu schaffen, in denen nicht – wie gewohnt – im Namen oder Auftrag von sehr vermögenden Menschen agiert wird, sondern in denen auch sehr vermögenden Menschen ernsthaft zugehört wird. Nicht nur ihnen. Aber auch ihnen.

Und beim Hören dieser ihrer subjektiven Wahrheiten wird es für viele einige Überraschungen geben. Das halte ich für gewiss.

Das ist alles freilich schwer zu glauben, wenn man selbst keinen freien Gesprächszugang zu sehr vermögenden Menschen hat. Was einen aber doch etwas stutzig machen kann, wenn man doch eher glaubt, dass die Andeutungen vom sehr realen Leiden der Vermögenden reine Fanstastereien sind, frei ausgedacht von einem naiven Demokraten, habe ich hier mal zusammen getragen:

https://www.zeit.de/2016/43/erbe-gerechtigkeit-soziale-ungleichheit-erbschaftsteuer-enterben/komplettansicht

https://perspective-daily.de/article/399/H0w13x7S

https://www.zeit.de/2012/30/Erbenrepublik/komplettansicht

https://www.zeit.de/wirtschaft/2017-11/ise-bosch-reichtum-spd-ungleichheit/komplettansicht

Von der Naivität der Demokraten

Wenn man wie ich seine gesellschaftlichen Hoffnungen auf das institutionell deutlich verbesserbare Gespräch zwischen uns Bürgern setzt, darf man sich sehr viele interessante Dinge anhören.

Eine davon lautet: „Das ist ja naiv. Gespräche verändern nichts. Diese und jene Leute wollen das einfach nicht. Das ist total unrealisitisch.“

Sehr spannend ist es allerdings auch, sich einmal genauer anzuhören, worauf Menschen die so etwas sagen, ihre eigenen Hoffnungen setzen. – Denn der Mensch kann nicht gut ohne Hoffnung leben.

3 Alternativen sind mir bekannt, die erste davon ist eben bereits angeklungen:

1.) Wir können Menschen werden, die derzeit tatsächlich keinerlei Hoffnung haben. Gewordene Zyniker also, die auf irgendetwas ihre Hoffnung gesetzt hatten, das sich nicht erfüllt hat. Und die daraufhin beschlossen haben, sich vor weiteren Enttäuschungen zu schützen, indem sie sich alle Hoffnungen verbieten. – Und dann gerne auch allen anderen Menschen deren Hoffnungen nehmen wollen, denn man will sich ja nicht mehr mit Hoffnung anstecken. Erneute Hoffnung: das könnte nach den so überaus enttäuschenden eigenen Erfahrungen all zu schmerzhaft werden…

2.) Wir können Menschen werden, die glauben, dass sich politischer Verhältnisse nur durch Gewalt ändern lassen. Obwohl es wissenschaftliche Evidenz gibt, dass an dieser Annahme mehr faul sein könnte als nur der Umstand, dass es aus uns etwas macht, was wir nicht sein wollen.

3.) Wir können uns in eine doppelte Ohnmachtsposition gegeben, die darin besteht, „den großen Zusammenbruch“ herbeizuwünschen, nachdem alles irgendwie besser wird. Ohnmächtig einmal, weil wir dann still in die bestehenden Verhältnisse hineinleiden. Und ohnmächtig noch einmal, weil wir glauben, dass wir selbst rein gar nichts tun können, um das, in was wir unsere Hoffnung setzen, aktiv voranzubringen. Okay: Nichts, was aus nicht unmittelbar ein Arschloch machen würde. Über den Realismus solcher „Hoffnung“ breite ich mal lieber den Mantel des Schweigens.

Wenn ich mir diese Alternativen so anschaue, muss ich mich allerdings fragen, wie ich auf die Idee komme, dass ein Fokus auf die verbesserbare Gesprächsqualität zwischen uns Bürgern als „naiv“ eingeschätzt wird. – Denn die Alternativen erscheinen mir viel naiver: Schlechter informiert, weniger Größen in die eigenen Überlegungen einbeziehend, weniger Folgen- und Konsequenzen abwägend. Und vor allem: Sie führen uns auch unmittelbar in einen deutlich schlechteren Zustand als in den, in dem sich naive Demokraten befinden. Die Alternativen sind noch nicht einmal unmittelbar attraktiv. Sie machen einfach nur schlechte Laune. Und das als Dauerzustand.

Transformation durch politische Praxis: Wie der Mensch zum Bürger wird

Widmen wir uns der Äußerung „Gespräche verändern nichts. Diese und jene Leute wollen das einfach nicht“ einmal in aller Ruhe, so fällt auf: Bei diesen Aussagen wird vorausgesetzt, dass das Wollen von uns Menschen in Stein gemeißelt ist, dass es in Gesprächen gleich bleibt.

Die Vorstellung ist also: Da ist ein Wollen, das ist, wie es ist. Und dieses in-sich-unveränderbare Wollen wird nun in politische Prozesse, in politischen Austausch eingespeist. Ohne dass sich dieses Wollen dabei verändert. „Clash of opinions“ als Konzept der Politik.

Diese Vorstellung ist ein direkter Spiegel unserer derzeitigen politischen Institutionen: Unsere derzeitigen Insitutionen fokussieren genau das: Die korrekte „Repräsentation“ außerpolitischer Meinungen im politischen Raum. Ein „Input + Struggle“-Modell, das nicht für Veränderungen und Modifizierung von vorher bestehenden Meinungen sorgt, sondern nur dafür, dass auch alles, was gerade irgendwie kampflustig ist, in die „politische Arena“ findet…

Die ursprünglich politische Vorstellung, dass der politische Raum ein Raum der Transformation ist, wurde von uns nämlich bisher nicht institutionell umgesetzt. Diese Vorstellung von Politik hatte mit „Kampfplatz der Meinungen“ nichts am Hut. Sie setzte einen ganz anderen Fokus, den sie allein als „wirklich politisch“ gelten ließ:

Menschen gehen mit vorhandenen Meinungen in den Raum des Politischen, treffen dort auf Andersmeinende und verändern sich beim wechselseitigen Austausch eben auch wiederum wechselseitig. – „Politik“ entsteht. Das heißt auch: Der Raum des Politischen entsteht überhaupt erst dadurch, dass ihn alle Bürger betreten und in ihm aktiv sind. Vorher besteht dieser Raum gar nicht. Vorher gibt es nur „Herrschaft“, die aber systematisch von „Politik“ zu unterscheiden ist. Die in diesem Punkt deutlichste Politologin in der Moderne war Hannah Arendt, die genau diese Unterscheidung mit großer Klarheit zieht. Sie tut das in der gleichzeitigen Einsicht, dass wir auch heute genau dieser Unterscheidung bedürfen und dass das Fehlen einer Unterscheidung zwischen Politik und Herrschaft uns schmerzhaft fehlt und tausend zwischenmenschliche Grausamkeiten hervorruft.

Dem entspricht die ebenfalls eher antike Ansicht, dass wir nicht einfach per Dekret oder Behauptung „Bürger“ werden. Sondern dass es für die Transformation jedes einzelnen von uns zum „polítes“ wesentlich aufwändigere Voraussetzungen gibt. Nein, nicht „politische Bildung“, wie sie heute gern verstanden wird, nicht „Erziehung der vermeintlich Wenigerwissenden durch die vermeintlich Besserwissenden“. Sondern politische Bildung durch aktive Teilhabe aller an der Politik. Durch das physische Betreten des politischen Raums durch einen jeden. – Das heißt: In der antiken Demokratie war man der Meinung, dass man Bürger durch aktives Teilnehmen wird, nicht dass man einfach Bürger ist, z.B. dadurch dass es irgendwo steht oder irgendjemand große One-way-Reden schwingt. Die sehr bürokratische Ansicht heutiger Tage, dass allein schon ein Pass oder Ausweis einen zum Bürger mache, ist der antiken Demokratie sehr fremd gewesen.

Der Dekretismus eines Rousseau oder Hobbes, der Menschen qua einmaligem Entschluss oder eben per herrschaftlichem Dekret zum Bürger machen will, wäre den praktisch erfahrenen Demokraten der Antike völlig absurd erschienen. Denn das bedeutet völligen Verzicht auf politische Praxis des Bürgers. Etwas, von dem man eben durch Praxis erfahren hatte, dass es genau das braucht, damit aus Menschen Bürger werden. Man kannte den Unterschied zwischen dem praktizierenden Bürger und dem Bürger pro forma. Und das ist leider nicht einmal ansatzweise das Gleiche wie die Rousseau’sche Unterscheidung zwischen bourgeois und citoyen.

Und in diesem Punkt, nur in diesem, tun wir möglicherweise gut daran, uns noch einmal auf die Ursprünge der Demokratie zu besinnen: Bürger-werden besteht in einer Transformation. Der Privatmensch, der wir im vor- und außerpolitischen Alltag sind, ist nicht der gleiche wie der Bürger, der den politischen Raum betritt, in dem er dem Meinen aller seiner Mitbürger ausgesetzt ist. Und diese Transformation ist aufwändig, sie erfordert aktive Beteiligung, sie erfordert physische Präsenz. Sie fordert von uns einen nicht ganz unerheblichem Zeitaufwand. Bürger wird man durch Betätigung als Bürger. Vorher ist man keiner. Vorher ist man ein Peregrinus oder ein Idiot, beides sind wörtliche Übersetzungen für den Nicht-Bürger bzw. den politisch inaktiven Menschen. Im ersten klingt zudem an, dass ein Mensch, der nicht im Vollsinne, also nicht aktiv Bürger ist, im Grunde ein Mensch ist, der auf Erden heimatlos ist. – Man sieht das sehr deutlich in der religiösen Negation von Politik wie wir sie bei Augustinus finden, der dafür den Begriff des „Peregrinus“ für sich bejaht und positiv aufgeladen hat.

Streng genommen sind wir alle derzeit in einem „vor-bürgerlichen“, „un-politischen“ Zustand. Und damit allesamt Heimatlose. Wir müssen nicht dazu sagen „politsch Heimatlose“. Denn wenn man verstanden hat, dass es allein der Raum des Politischen ist, der uns Menschen sich heimisch fühlen machen kann, sind Heimat und Politik ganz einfach Synonyme. – Was die Gleichsetzung blockiert, ist allein das völlig verquere Verständnis von Politik, das sich in der Moderne entwickelt hat und das uns heute anhaltend Probleme bereitet. Und eben auch: Anhaltende Gefühle von Heimatlosigkeit. Übrigens bei allen Menschen. Nicht nur bei bestimmten.

Institutionalisierung von Politik: Ein zeitlicher und emotionaler Aufwand, der uns allen aufgebürdet wird

Politik im antiken Verständnis, ist institutionalisiertes Heraustreten aus den eigenen privaten „Blasen“/“Bubbles“, wie wir heute sagen. – Auch deswegen konnten antike Polittheoretiker wie Aristoteles aus Erfahrung die Ansicht vertreten, dass Politik den Menschen erst frei mache. – Wiederum eine Vorstellung die uns heute, mit unserem sehr reduzierten Politikverständnis, fremd oder absurd vorkommt.

Politik ist also dann am Werk, wenn nicht „irgendwie zugehört“ wird, sondern wenn bestimmte Qualitäten des Zuhörens institutionell etabliert werden.

Einmal, weil das hier ein universelles menschliches Gesetz ist:

Und Politik ist dann am Werk, wenn allen Bürgern gleichermaßen zugehört werden kann, weil alle Bürger gleichermaßen im Raum des Politischen aktiv sind.

Das hat eine weitere interessante Konsequenz: Der Entschluss, den Raum des Politischen zu betreten, darf eben gerade nicht „Privatsache der Bürger“ bleiben. Denn das würde bedeuten, dass gar kein Raum des Politischen entsteht. Dass nur Herrschaft möglich ist. Das, was wir uns angewöhnt haben, „politisches Engagement“ zu nennen, ist im Grunde herzlich unpolitisch. Alles, was rein privater Inititative überlassen bleibt, führt zur Herausbildung eines privilegierten Zugangs zur Politik. Und zerstört so das eigentlich Politische der Politik. Dann bleibt eben wiederum nur: Herrschaft, die pro forma „Politik“ genannt wird, weil das besser klingt. Demgegenüber stehen als ewige Alternative: Möglichkeiten, das Politische wiederzuentdecken. In seiner ursprünglichen Form, nicht in der Schwundform, an die wir uns all zu sehr gewöhnt haben.

Diese Realität: „Herrschaft ist alles, was wir kennen“, ist auch der genau benennbare Grund dafür, warum „gesellschaftlicher Fortschritt durch Demokratisierung“ von vielen für naiv gehalten wird. Denn geht man von dieser heute sehr realen Erfahrung aus, also von der völligen Unkenntnis und Unerfahrenheit im Politischen, dann muss einem das genau so erscheinen. Es kann dann immer nur um Herrschaft gehen. Es kann dann immer nur um Kampf gehen. Das ist gleichbedeutend mit einem sehr aristokratisches Verständnis von Gesellschaft. Aber auch das ist Menschen, die eben nur Herrschaft kennen, denen Politik aber völlig unbekannt ist, weitgehend unbewusst. Sie würden die Aussage, dass sie dadurch automatisch zu Aristokraten werden, weit von sich weisen. Wiederum: Aus einem völligen Unverständnis und einer völlig fehlenden Erfahrung der Unterschiede, die durch die Demokratie gemacht werden.

Demokratie muss erlebt werden, um an ihre transformative Kraft glauben zu können. Die ursprünglichen „Erfinder“ der Demokratie hatten das Glück, dass sie in die demokratische Staatsform beinahe Schritt für Schritt hineingestolpert sind – und so „Wie die Jungfrau zum Kinde“ kamen.

Diese Naivität ist für uns heute unmöglich geworden. Gerade mit Blick auf die antiken Demokratien können wir heute wissen, was die demokratischen Unterschiede macht und wie sie institutionell ins Leben bringen können. Wir können uns die antike Erfahrung „ausleihen“. Und es sind bereits viele Menschen erkennbar, die in unserer Gegenwart genau das tun.

Was mich angeht, so würde ich sagen, dass beim Demokratische-Erfahrungen-Machen ein Fokus auf die Gesprächsqualität und dabei vor allem auch: Die Qualität des Zuhörens ein guter Anfang ist.

Denn Zuhören ist nicht gleich Zuhören. Es gibt ein Zuhören, das uns unberührt lässt, das uns lässt, wie wir auch vor dem Zuhören waren. – Und es gibt ein Zuhören, das uns verändert. Und das gleichzeitig auch den verändert, dem wir zuhören.

Und auch mit dieser Erfahrung bin ich glücklicherweise nicht allein.

Es gibt keinen Menschen, der nicht Bürger werden kann. Es gibt keinen Menschen der durch Demokratie unverändert bleiben kann. Doch um das zu verstehen, muss man es wohl erlebt haben.

Und erlebt.

Und erlebt.

Und erlebt.

Und erlebt.

Und…

…Und wer das nicht gern erleben will, kann ja durchaus Privatmensch bleiben. Die Kosten für seine Entscheidung zur Vorenthaltung seines eigentlich notwendigen politischen Beitrags sollten wir als demokratisches Gemeinwesen ihm dann schon auch in Rechnung stellen. Dafür sind überaus elegante Lösungen denkbar, die uns allen die Freiheit lassen und verschaffen, die wir so sehr wollen.