Das Interessante am Wort „Begegnung“ ist ja, dass das Wort „Gegnerschaft“ bereits angedeutet und enthalten ist…

Wenn sich zwei Menschen begegnen, begegnen sich im Grunde zwei Welten. Gerade heute gilt das, da kaum ein Mensch noch mit einem anderen in einer homogenen Gruppe lebt, in der jeder Beziehungen zu den gleichen anderen (dritten) Menschen hat wie derjenige Mensch, dem man gerade begegnet. Das gilt selbst noch für unsere engsten und intimsten Menschen, denen wir im Alltag ständig begegnen.

Die Frage jeder Begegnung zwischen zwei Menschen ist nun vor allem, ob beide in der Begegnung den vollen Reichtum ihrer eigenen Welt behalten. Oder ob einer von beiden diesen Reichtum in der Begegnung mit dem anderen verliert (und dann ist sofort die Frage: wer von beiden?). Oder ob sogar beide gleichzeitig den ihnen innewohnenden Reichtum in ihrer Begegnung verlieren.

Wir neigen in Begegnungen zu unmittelbarer Komplexitätsreduktion: Sowohl unserer eigenen. Als auch der des anderen Menschen, dem wir gerade begegnen. Der Erhalt der Komplexität, der inneren Vielfalt und des Reichtums an Möglichkeiten in einer Begegnung, bei beiden sich begegnenden Menschen scheint anspruchsvoll und (bisher noch?) die Ausnahme zu sein.

Doch allein solche Begegnungen sind demokratisch. In ihnen wird die innere Komplexität nicht durch die äußere Begegnung reduziert, sondern zusätzlich bereichert, ergänzt und erweitert.

Demokratie ist im Grunde menschliche Emergenz. Oder genauer: Die systematische Herbeiführung und Kultivierung menschlicher Emergenz.

Tyrannei, Despotie und Sklaverei sind dagegen Vernichtung menschlicher Vielfalt, menschlichen Reichtums und menschlicher Komplexität: Wir sehen ineinander nur sehr reduzierte Aspekte jener „Welten, die wir selber sind“, wir nehmen nur lächerliche „Ausschnitte“ voneinander wahr. Z.B. um sie „zu benutzen“. Wir machen Subjekte zu Objekten. Die Tyrannei hat Angst vor der Vielfalt. Die Despotie fürchtet menschliche Komplexität und weiß mit ihr nichts anzufangen. Verklavung und Selbstversklavung sehen nur die „Gegnerschaft“ in der menschlichen Begegnung. – Und zieht aus dieser Reduktion ihre theoretischen Schlüsse und handelnden Konsequenzen.