Es macht heute viel Sinn, privaten und politischen Liberalismus zu unterscheiden. Denn viel Verwirrung und auch viel überflüssiges Leid entstehen dadurch, dass wir genau diese Unterscheidung nicht treffen.

Wenn wir näher hinsehen, müssen wir sogar drei verschiedene Formen von Liberalismus unterscheiden: Den privaten, den politischen und den privaten Liberalismus, der sich irrtümlich auf den politischen Raum erstreckt, weil er eben diese Unterscheidung nicht trifft und nicht versteht, dass privater und politischer Liberalismus zwei kategorisch sehr verschiedene Dinge sind.

Die Nicht-Unterscheidung von privatem und politischen Liberalismus ist uns dadurch möglich, dass beide durchaus im gleichen, „natürlichen“ Freiheitsbegriff wurzeln: In der Freiheit von Fremdbestimmung. Also die Freiheit, nicht von anderen Menschen versklavt zu werden. Sowohl privater als auch politischer Liberalismus können verstanden werden als „institutionalisierte Selbstbestimmung“.

Privater Liberalismus: Zulassen von Unterschieden

Privater Liberalismus ist die Übereinkunft einer Gesellschaft, im Privaten, also außerhalb des Politischen Raums völlige Unterschiedlichkeit zwischen den Menschen dieser Gesellschaft zu dulden. Und zwar genau so wie diese Unterschiede aus uns selbst hervorgehen, in dem jeder „für sich“ Entscheidungen trifft und handelt. Verirrungen, Verwirrungen und Selbstverletzungen aka „Erfahrungen“ inklusive. In Bezug auf diese private Freiheit sagen wir oft, dass „sie dort endet, wo die Freiheit eines anderen beginnt“.

Diese Freiheit soll uns ein liberal verstandener „Staat“ garantieren, dem wir unser Gewaltmonopol übertragen und der eingreifen soll, wenn wir selbst anfangen, im Genuss unserer privaten Freiheit die private Freiheit und das selbstgesuchte Wohlergehen anderer Menschen (unserer Mitbürger) zu schädigen. „Wir nehmen uns zu viel heraus.“ Ansonsten soll uns dieser Staat in Ruhe lassen und uns unser Leben nach unserer Façon leben lassen. Er soll sich möglichst wenig einmischen. Nur dort, wo er als „Nachtwächterstaat“ = als Gewaltschutzstaat gefragt ist, dort soll er „Präsenz zeigen“ und eingreifen.

Die Frage nach der Kontrolle über diesen Staat sieht der private Liberalismus, der nun damit in den politischen Raum vordringt, mit Wahlen und der Gewaltenteilung und wechselseitigen Kontrolle dieser Gewalten (Legislative, Exekutive, Judikative, manchmal auch: Öffentlichkeit) abgegolten. – Dass damit auf lange Sicht, wenn nicht sogar von Anfang an einige Bürger einen privilegierten Zugriff auf die Staatsgewalt erhalten, blendet der schlechte politische Liberalismus aus. Er sieht hier einfach kein Problem.

Das einzig Problematische am privaten Liberalismus ist also, dass er so von sich begeistert, so von sich berauscht ist, dass er sich selbst für völlig unproblematisch hält. Er verkennt seine eigene aggressive Seite, die darin besteht, dass er das Politische zu Privatisieren droht. Er kann sich nicht selbst begrenzen. Ja, er sieht auch gar keine Notwendigkeit, sich selbst zu begrenzen. Denn er sieht ganz weg von der Not und der Unfreiheit derjenigen Menschen, die durch einen privaten Liberalismus von wirksamer politischer Beteiligung ausgegrenzt sind. – In diesem Sinne waren die Aristokraten aller Gesellschaften seit jeher „liberal“. Beim aristokratischen Liberalismus handelt es sich eben um einen sehr exklusiven Liberalismus, der formell zwar Freiheit für alle behauptet, in dem sich aber die allermeisten Bürger in zahlreichen völlig fremdbestimmten, unfreien, sklavenhaften Verhältnissen wiederfinden.

Politische Freiheit: Freiheit als gleiche Mitbestimmung aller

Politische Freiheit enthält neben jener Bestimmung, dass sie die Freiheit nicht nur für einige wenige Privilegierte behauptet, sondern für alle Bürger, noch ein zweites Moment: Sie nimmt an, dass der privaten Freiheit, selbst dann wenn sie allgemein wäre, etwas fehlt. Die Politische Freiheit nimmt an, dass die freie Begegnung von Freien und Gleichrangigen den Einzelnen von sich selbst befreit. Denn in diesem Sinne ist auch der Freieste aller privat Freien: ist selbst der Tyrann immer noch unfrei.

Auch der Tyrann ist fremdbestimmt. Denn die Ebene des Sozialen, der Interdependenz, des Politischen lässt sich aus der Freiheit nicht „herausdenken“. Der Tyrann mag in den anderen Menschen seiner Gesellschaft keine Grenze mehr finden, aber findet sich genau deswegen in lauter unfreien Beziehungen wieder: In Beziehungen zu Unfreien. Und nicht nur, dass ihm durch seine eigene Tyrannei also die befriedigendste und befreiendste aller Beziehungsformen vorenthalten ist (Beziehungen auf Augenhöhe zu Freien und Gleichen): er muss auch ständig fürchten, seine Macht zu verlieren. Das  Empfinden, Denken und Verhalten des Tyrannen ist also doppelt unfrei: Er findet keine befriedigenden Beziehungen, die ihn angemessen spiegeln und dadurch von sich selbst befreien. Und stattdessen findet er Angst vor dem Verlust seiner Macht, die ihn regiert, während er über alle anderen regiert.

In der Grenzfigur des Tyrannen macht sich der Politische Liberalismus klar, dass Freiheit eines jeden die Freiheit aller anderen voraussetzt.

Was wir auf privater Ebene noch völlig ignorieren können, wird auf politischer Ebene essentiell wichtig für uns. Privat interessiert uns nur: Können wir wirklich unmittelbar tun, wonach es uns innerlich verlangt, wozu wir uns für uns selbst entschließen? Hindert uns auch keiner daran? – Und vielleicht noch: Schädigen wir damit unmittelbar einen anderen / einen anderen in seiner Freiheit?

Doch auf der politischen Ebene muss der Freiheitsanspruch des Liberalismus ein totaler sein: Die politischen Institutionen des Liberalismus müssen garantieren, dass sich alle Bürger auch auf politischer Ebene begegnen. Als Freie und Gleichwertige. Erst das macht all die privaten Unterschiede erträglich und wirklich genussreich. Das politische Bewusstsein der gemeinsamen Bürgerwürde dominiert derart, dass alle durch den privaten Liberalismus ermöglichten Unterschiede bloß „spannend“, „interessant“ und „produktiv“ sind, nicht aber bedrohlich und niederdrückend.

Dem antiken politischen Denken war das völlig klar. Wie Christian Meier in seinen Studien zur „Entstehung des Politischen bei den Griechen“ sehr deutlich gezeigt hat, konnten die griechischen Demokratien deswegen eine absolute private Liberalität zwischen den Bürgern zulassen, weil sie von einem gemeinsamen politischen Freiheitsbewusstsein getragen wurde. „Private Ungleichheit“ war in der „Politischen Gleichheit“ aufgehoben.

Demokratie: Private Ungleichheit, Politische Gleichheit

Diese Klarheit ist dem modernen politischen Denken leider weitgehend abhanden gekommen. Obgleich die Moderne dem antiken Denken darin weit überlegen ist, indem sie die privaten und politischen Freiheitsbegriffe nicht auf einige wenige Privilegierte anwendet, sondern auf alle Menschen ausgeweitet hat, hat sie dabei die Klarheit darüber verloren, dass die Ebenentrennung zwischen „Privat“ und „Politisch“ fundamental dafür ist, wenn man Fremdbestimmung wirksame institutionelle Riegel vorschieben will.

Demokratie ist daher kein Gegensatz zu Liberalismus. Demokratie ist im Kern Selbstbestimmung. Nur eben Selbstbestimmung aller, nicht nur einiger weniger. Nur eben politische Selbstbestimmung anstatt nur privater.

Wenn heute Oppositionsbildungen zwischen „Liberalismus“ und „Demokratie“ aufkommen, so sind sie erkennbar diesen fehlenden Unterscheidungen von privatem Liberalismus und politischem Liberalismus geschuldet.

Was man als entschiedener Demokrat daher an den Missverständnissen von „Liberalismus“ vermisst, die derzeit sehr verbreitet sind, ist daher auch nicht ihre „zu große Liberalität“, sondern vielmehr ihre sehr unvollständige Liberalität.

Unvollständiger Liberalismus und unvollständige Demokratie gehen ganz genauso Hand in Hand wie Vollständiger Liberalismus und Vollständige Demokratie.

Diejenige Freiheit, die Demokratie und Politik nur in ihrem antiken Verständnis bieten können, ist Fundament und Dach zugleich für jene private Freiheit, die wir völlig zu Recht so sehr wollen und so sehr genießen.

Doch fehlt einer Gesellschaft dieses Verständnis politischer Freiheit, geht auch ihre private Freiheit über kurz oder lang zugrunde.

Insofern hat es für mich eine reichlich absurde Note, einen Gegensatz zwischen Liberalismus und Demokratie herbeizukonstruieren. Demokratie ist diejenige Freiheit, die sich ihrer selbst in allen ihren Konsequenzen bewusst ist. Demokratie ist die höchste und vollständigste Form menschlicher Selbstbestimmung. Diejenige Form menschlicher Selbstbestimmung, die das Zwischenmenschliche und Interdependente der menschlichen Existenz aktiv mitdenkt und aktiv mitinstitutionalisiert.