In einer Beziehung, in der der Einsatz von nackter körperlicher Gewalt ausgeschlossen ist, ist immer derjenige Beziehungspartner am längeren Hebel, der weniger auf den anderen angewiesen ist.

Das bedeutet auch: Künstliche Veknappung ist ein Mittel zur Generierung von „Macht“ oder genauer: ein Mittel zur Generierung von Machtungleichheit.

Wir Menschen haben Bedürfnisse. Genau das macht uns überhaupt menschlich. Wir können die Befriedigung unserer Bedürfnisse als erwachsene Menschen zwar gut aufschieben. Aber nicht dauerhaft. Bzw.: Nicht dauerhaft, ohne dabei Schaden zu nehmen und „Leiden“ zu entwickeln.

Nehmen wir anderen Menschen künstlich die Fähigkeit, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern, so erlangen wir „Macht“ über sie. Z.B. indem wir über die Ressourcen verfügen, die sie für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen. Die grundlegendste Operation, mit der wir unbegrenzte Macht über andere Menschen erlangen, sind daher Akte, mit denen wir diese Menschen von aller Selbständigkeit und allen Ressourcen abschneiden, indem wir sie mit Ausschluss aus der menschlichen Gemeinschaft bedrohen.

Da Menschen antizipierende Wesen sind, genügt es, dass jene Menschen wissen, dass wir sie mit Ausschluss bedrohen könnten. Wir müssen das dann oft gar nicht mehr tun, damit sich „unsere Macht entfaltet“ (Am Anfang dieses Artikels hier habe ich versucht, diesen Mechanismus und seine zwischenmenschliche Dynamik zu beschreiben).

Wir können uns weiter gut und unschuldig fühlen, denn wir drohen ja gar nicht. Wir sind ja nett. Unsere Macht bleibt auf diesem Weg für uns unsichtbar und umerklich. Nicht aber für den auf diese Weise versklavten Menschen. Wir können weiterhin denken, wir hätten ja eine „Beziehung auf Augenhöhe“. Aber der, der weiß, dass es nur ein Fingerschnippen unsererseits bräuchte, damit er in große Schwierigkeiten und Bedürftigkeiten geriete, spürt genau: Von Augenhöhe kann keine Rede sein.

So kann es auch ein Mittel im aristokratischen „Spiel der Macht“ sein, sich selbst möglichst „autark“, möglichst „unbedürftig“ zu machen. – „Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf!“ lässt Platon seinen Sokrates sagen, während er ihn durch die Straßen Athens streifen lässt. Wer wenig von anderen braucht, ist der mächtigste Mensch. – Diese solipsistische Strategie einer möglichst weitgehenden Bedürfnislosigkeit haben dann ja auch viele gewählt in ihrer Verzweiflung „angesichts der Verhältnisse“.

Das alles gilt wie erwähnt nur für Beziehungen, in denen direkter Einsatz von körperlicher Gewalt kaum keine Rolle spielt. Für jene Beziehungen, in denen „der längere Hebel“ der Macht durch überlegene Körperkraft, Skrupellosigkeit oder perfiderere Waffenarsenale zustandekommt, gilt eher das, was David Graeber einmal so treffend festgestellt hat: Sie ermöglichen es dem Mächtigeren, sich überhaupt nicht mehr für die Bedürfnisse des Ohnmächtigeren zu interessieren. Denn körperliche Gewalt ist ein sicheres Mittel für mich, andere Menschen zu einem gewünschten Verhalten zu bewegen, ohne dass ich dabei etwas über diesen anderen Menschen wissen muss. Gewalt ermöglicht den völligen Verzicht auf die Entwicklung von Verständnis für die Mitmenschen. Wer über Macht durch Gewaltmittel verfügt, kann sich den Aufwand des „Menschen Verstehens“ sparen. Er kann anordnen und befehlen. Und Kraft der Angst vor dem Einsatz der Gewaltmittel wird diesen Befehlen Folge geleistet werden, unabhängig von der konkreten Lage und Verfassung der Befehlsempfänger. Überlegene Macht und menschliches Desinteresse sind ein Geschwisterpaar, das nur schwer voneinander zu trennen ist.

Inwieweit diese Einsparbarkeit von Verständnis auch für eine Machtungleichheit gilt, die nicht auf eigener körperlicher Gewalttätigkeit, sondern auf künstlicher Verknappung beruht und auf einer mit undemokratischer Staatsgewalt abgesicherten Ressourcenhoheit, das ist ein Feld für die empirische Forschung:

http://www.alltagsforschung.de/ohne-mitgefuhl-wie-geld-den-charakter-verdirbt/

http://www.alltagsforschung.de/die-psychologie-der-armut-menschen-aus-der-unterschicht-zeigen-mehr-mitgefuhl/

https://www.spektrum.de/news/reiche-menschen-sind-sozial-schwaecher/1528307

https://www.spektrum.de/news/was-macht-mit-uns-macht/1416651

https://theorgproject.wordpress.com/2017/11/02/was-macht-mit-uns-macht/

https://www.heise.de/tp/features/Westliche-Demokratie-ist-hohl-Reichtum-regiert-4009334.html?seite=all

 

 

 

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