Entgegen aller politischen Erfahrung ist auch heute noch eine Einschätzung sehr weit verbreitet, die ich für mich „politischer Rationalismus“ nenne: Die Einschätzung, dass sich „das bessere Argument“ ohne Weiteres im öffentlichen Raum durchsetzen wird, wenn man es nur entschieden, laut oder geschickt genug vertritt.

Entgegen aller Erfahrung heißt hier: In gefühlten 9 von 10 Fällen geschieht genau das nicht. Und wir ignorieren diesen Umstand lieber als Schlüsse aus ihm zu ziehen. Teils, weil wir uns hilflos und ratlos fühlen, wenn wir diese Realität anerkennen. Wenn wir also anerkennen, dass die Vernunft keineswegs von alleine „siegt“. Teils, weil wir befürchten, daraus solche Schlüsse zu ziehen, wie sie Politische Rationalisten aus ihnen gezogen haben. Weil wir also fürchten, was die Anerkennung dieser Erfahrung aus uns selber machen könnte…

Der berühmteste Politische Rationalist war Platon. Er personalisierte diese Realität und dadurch auch unsere Wahrnehmung des Problems. Er ging davon aus, dass 9 von 10 Menschen einfach „politisch dumm“ seien und darum der Führung durch die „Vernünftigeren“ bedürften, die daher systematisch in Herrschaftspositionen zu bringen seien. Die „Philosophen“ eben.

Diese „Lösung“ hat leider zwei Pferdefüße, wie wir über 2400 Jahre politischer Geschichte hindurch beobachten dürfen:

1.) Die Sicht, dass es sich um ein rein „personales“ Problem handelt, ist für Interpretationen offen. Es ist leicht missbrauchbar. Denn von nun an konnte sich jeder, auch noch der maligneste Narzisst, zu den Chosen Few rechnen, denen allein die politische Herrschaft zustand. Dagegen hat der Politische Rationalismus kein wirksames Mittel. Dementsprechend oft ist seit Platon dann auch genau das passiert.

Sobald der Gedanke einmal anerkannt ist, dass es Menschen gibt, die mehr für die Politik befähigt seien als andere, ist dieser Gedanke kaum mehr aus der Welt zu schaffen. Aus „Politik“ wird dann ganz schnell „Herrschaft“. Aus dem gemeinsamen Beraten und gemeinsamen Entscheiden wird ganz schnell: Politik darstellen und verkaufen.

Es ist kein Zufall, dass der Politische Rationalismus anti-demokratisch daherkommt. Es ist die logische, stringente Folge seiner Grundannahmen.

2.) Das zweite Problem, dass der Politische Rationalismus zugleich aufwirft und strukturell nicht lösen kann, betrifft die Frage, worum es bei Politik im Kern überhaupt geht.

Wenn wir davon ausgehen, dass es in der Politik nicht um „Wissen“ im wissenschaftlichen Sinne geht, sondern um ein mit Vorsatz herbeigeführtes Resonanzgeschehen, dann kommen wir nicht umhin zu bemerken, dass jene nüchternen Naturen, die Platon wohl im Auge hatte, als er von der „Philosophenherrschaft“ faselte, erkennbar schlechte Politiker sind. Zwischenmenschliche Resonanz ist ihre spezifische „Super-Power“ gerade nicht. Sie sind häufig „nerdig“, haben Tendenzen zur Besserwisserei, zur Übergriffigkeit, zu emotionalem „Autismus“. Sie schwingen deutlich schlechter mit als der Durchschnittsbürger. Ich würde sagen: Die meisten Menschen misstrauen solchen Menschen aus gutem Grund. Platon würde sagen: Genau deswegen sollen jene Menschen ja „herrschen“, eben weil sie unempfänglicher sind für das Phänomen zwischenmenschlicher Resonanz.

Es ist also ein Streit, worum es in der Politik überhaupt geht: Um die Durchsetzung von Erkenntnissen aus im Wissenschaftlichkeits-Modus erworbenen Wissen, oder um ein Miteinander, in dem jeder sich einbringen und als politisches Wesen anerkannt wird, mit der ihm eigenen Vernunft, die sich bei jedem Menschen zeigt, wenn die Rahmenbedingungen des Austauschs und Gesprächs stimmen.

Aus meiner Sicht sind die tieferliegenden Probleme, aus denen der Politische Rationalismus derart erfolglos ist also ebenfalls zwei-fältig:

A) Die Personalisierung der Probleme der Politik blockiert die viel wirksamere Institutionalisierung der Probleme der Politik. Statt zu fragen, „wie können wir unsere Institutionen so ändern, dass die Vernunft in uns allen zum Tragen kommt?“, fragen wir dann nur noch: „Wer soll herrschen?“ – Und es ist dann schon fast gleichgültig, ob wir diese Frage mittels gewalttätigen Kämpfen oder weitgehend gewaltfreien, ritualisierten Wahlkämpfen beantworten. Denn die Frage selbst ist unproduktiv. Sie führt uns mitten hinein in strukturelle Gewalt und in Herrschaftsformen, die immer nur Fremdbestimmung hervorbringen können, niemals aber Demokratie, in der alle aktive Bürger sind, in der sich alle gleichermaßen einbringen und in der die natürliche Vernunft aller Menschen sichtbar und anerkannt wird.

B) Weil der Politische Rationalismus es als einen überaus sinnvollen, für das Gemeinwohl besseren Akt erscheinen lässt, 9/10-tel aller Bürger von aktiver politischer Bestimmung auszuschließen, wird die Vernunft aller auch für kaum jemanden noch erkennbar. Die Vernunft aller wird unsichtbar, die politische Aufmerksamkeit verlagert sich exklusiv auf die vermeintlich wenigen „politisch Klugen“. Der politische Platonismus immunisiert sich praktisch selbst gegen seine praktische Widerlegung. Es kommt kaum mehr dazu, dass sich die politische Vernunft auch der 9/10-tel zeigen kann, weil „es ja viel zu gefährlich wäre, das auch nur auszuprobieren“. – Denn wir „wissen“ ja, vermeintlich aus Erfahrung: „Die Masse ist dumm“. Der politische Rationalismus erzeugt selbst die Illusion des „dummen Bürgers“, der zu seinem Besten aus dem Raum des Politischen ausgeschlossen wird.

Wir können also sagen: Vorläufig hat sich Platon mit seinen ziemlich schrägen Ansichten durchgesetzt. Nur dass dieses „vorläufig“ nun halt eben schon 2400 Jahre andauert…

Da Argumente im öffentlichen Raum aber keine Macht haben, jedenfalls nicht die Macht, tiefsitzende Vorurteile aufzulösen, kann der Politische Rationalismus selbst nicht dadurch „entmachtet“ werden, dass man ihn einfach nur „argumentativ widerlegt“. Das ist bereits unzählige Male geschehen. Und der Autor dieser Zeilen ist dabei ganz besonders lernresistent.

Die einzige Art, wie der Politische Rationalismus als herrschendes Paradigma unserer Sicht auf die Politik abgelöst werden kann, ist Praxis: Praktische Erfahrungen mit politischer Mitbestimmung, in denen wir unsere eigene Klugheit entdecken und erleben können. Oft zur eigenen Überraschung. Wieder und wieder und wieder.

Der stete Tropfen hölt den Stein. Es geht nicht um Besserwissen. Sondern um hartnäckiges Bessermachen. Um einen sehr physischen politischen Dauerlauf, nicht um den sehr bequemen argumentativen Kurzschluss, der denkt: „Lösung erkannt, Lösung bereits so gut wie umgesetzt“.

Nicht Gedanken verändern die Welt, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die dabei oft viel aushalten müssen. Und denen es dabei – zumindest wenn es nach mir geht – auch noch selbst gut gehen sollte. Die dabei nicht zu sehr leiden müssen sollten. Die sich nicht aufopfern müssen sollten, „damit sich was verändert“. Denn niemand braucht Helden und Märtyrer in der Politik. Sie sind auch nur eine Variante von jener „Herrschaft der Besten“, von denen auch der Platonismus eine Abart ist.

Wir brauchen heute ganz sicher keine „gütigen, vernünftigen“ Herrscher mehr, die uns davor bewahren, in unsere politisches Unglück zu laufen. Wir sind keine Schafe, die Schäferhunde brauchen, bei denen wir uns dann fragen müssen, wie wir sicherstellen, dass die Hunde sicher im Sinne der Schafe entscheiden. Was wir stattdessen brauchen, sind klügere politische Institutionen, die die Vernunft aller deutlich besser zur Geltung kommen lassen als es unsere bisherigen, nur halb-demokratischen Institutionen und politischen Verfahren tun.

Vielleicht macht das alles auch etwas klarer, was das demokratische Losverfahren eigentlich leistet:

1.) Das demokratische Losverfahren ermöglicht die Erfahrung der Allgemeinheit der politischen Vernunft. Also die Erfahrung, dass alle Menschen politisch vernünftig sind, wenn man geeignete Rahmenbedinungen schafft, in der diese Vernunft sich zeigen kann.

2.) Das demokratische Losverfahren ermöglicht, dass wir uns gegenseitig als Menschen aus Fleisch und Blut begegnen. Dass wir miteinander diese Erfahrung wechselseitiger Korrektur des Meinens machen, anstatt dass eine aristokratische politische Klasse uns „belehren“ muss, womit sie völlig überfordert ist. Und womit sie übrigens auch schon immer überfordert war.

3.) Das demokratische Losverfahren ermöglicht es uns, die Last des politischen Austauschs, der Beratung und die Verantwortung des Entscheidens auf viel mehr Schultern zu verteilen. Genauer: Auf die Schultern aller Bürger. So dass „politisch Engagierte“, also Märtyrer und Helden des Politischen verzichtbar werden.

Das ist zwar dann sehr undramatisch. Aber für „Drama, baby!“ brauchen wir heute die Politik nicht mehr. Dafür haben wir Netflix.

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