Viele moderne Dystopien haben eine Gemeinsamkeit: Sie zeichnen das Bild von einer Gesellschaft, in der eine fundamentale Trennung zwischen Menschen fest etabliert wurde: Zwischen „wertvolleren“ und „weniger wichtigen“ Menschen. Zwischen Menschen, die Ahnung haben, und Menschen, die in einem dauerhaften Zustand der Unwissenheit gehalten werden. –  Man kann gern mal alle Horrozukunftsszenarien, die einem aus Filmen und Büchern einfallen, daraufhin gedanklich durchgehen, ob sie dieses Motiv benutzen.

Alle diese Szenarien einer dauerhaften Apartheid haben auch das gemein: Sie sind irreal. Nicht nur in dem Sinn, „dass sie noch nicht sind“. Sondern auch in dem Sinn, dass sie niemals sein können.

Es zeichnet zwar die Moderne Gesellschaft aus, dass sie sich in viele Milieus und Teil-Gruppen aufspaltet, die kaum eine Selbstverständlichkeit miteinander teilen, aber eine fundamentale Trennung aller Menschen, die sie in zwei oder mehr völlig miteinander unverbundene Gesellschaften unterscheidet, von denen eine „wertvoller“ ist als die andere – das kann sich nicht dauerhaft etablieren.

Es gibt heutzutage viele, die das nicht verstehen. Und auch nicht die Gründe, warum das nicht möglich ist. – Ich könnte es mir leicht machen und dazu einfach auf die bisherige Geschichte verweisen. Darauf, dass bisher noch jede solche Apartheids-Ordnung zuverlässig erodiert ist. Oder auf die nebulöse Kraft des „Eros“, der uns Menschen zuverlässig im Griff hat. Ich könnte auf die natürliche menschliche Neugier verweisen, die sich nicht aufhalten lässt. Auch die zahlreichen soziologischen Ansätze zu dem Thema sind bemerkenswert. Und wir können auf die nüchterne Tatsache hinweisen, dass heutzutage auch Menschen im hinterletzten Weltghetto Smartphones und Bildschirme besitzen, mit denen sie den Reichtum „der anderen“ begutachten können. Dass informationelle Vermögenstrennung, dass heimlicher Reichtum heutzutage unmöglich geworden ist. Wenn andere Menschen deutlich mehr haben, dürfen sie zeitgleich immer davon ausgehen, dass die, die weniger haben, von dieser Ungleichheit wissen und sich fragen, warum genau eigentlich der eine so viel mehr Vermögen hat als sie selbst.

Die Lüge vom lachenden, gut gelaunten Reichen

Spannender als all das ist aber ein Hintergrundgedanke, der mir eher aus unseren fantastischen Erzählungen zu kommen scheint, und der die Vorstellung trägt, dass ein dauerhafter Apartheids-Weltstaat möglich sei:

Die Vorstellung, dass es reichen Menschen gut geht, während es armen Menschen schlecht geht.

Viele unserer Filme und Romane zeichnen genau so ein Bild. Und wir haben uns daher daran gewöhnt, dieses greifbare Bild „von den Verhältnissen“ für bare Münze zu nehmen. Für subjektive Realität.

Wäre dieses Bild: Lachende vermögende Menschen und darbende unvermögende Menschen real, hätten wir Menschen heutzutage tatsächlich alle ein riesiges Problem: Wir wären in einem dauerhaften Krieg miteinander gefangen. In einem erbarmungslosen, ewigen Krieg darum, „oben zu sein“, zu den Vermögenden zu zählen. Gesellschaft wäre ein gnadenloser Kampf aller gegen alle.

In der Tat hat dieses Bild prominente Fans. – Das ändert jedoch nichts daran, dass es völlig irreal ist, mehr ein Traumbild als menschliche Wirklichkeit.

Ich habe zur Auflösung dieses Bilds und zu seiner Ersetzung durch einen deutlich empathischeren Blick schon einiges zusammengetragen:

Einmal eine Darstellung des Welttouristen-Daseins, zu dem vermögende Menschen heutzutage verurteilt sind. Und man muss schon sehr fest die Augen schließen, um nicht mitzubekommen, dass das keine angenehme Lage ist.

Dann durch eine Darstellung des fast unvermeidlichen Beziehungsunglücks, das es für uns Menschen bedeutet, wenn wir uns in einer stabilen, einseitigen Machtposition gegenüber den meisten anderen Menschen wiederfinden.

Sowie ein Beitrag zur Würdigung der fundamentalen Unfreiheit, die privater Reichtum für uns Menschen bedeutet, wenn er so weit geht, den Raum des Politischen zu betreten und dadurch sich selbst ganz genauso wie allen anderen die Freiheit zu nehmen.

Freiheit und Glück der Wenigen auf dem Rücken der Vielen ist eine dramaturgische Illusion. Aus ihr lässt sich ein guter Plot machen, eine spannende Geschichte schreiben, mit großem Bedarf an Helden und Märtyrern.

Die menschliche Wahrheit der Modernen Weltgesellschaft hat aber glücklicherweise eher etwas vom langweilig-spannenden Glück und Unglück einer Ehe oder jeder sonstigen zwischenmenschlichen Langzeitbeziehung:

Es ist zwar möglich, dass ein menschlicher Beziehungspartner kurze Zeit, vorübergehend glücklich sein kann, während der andere menschliche Beziehungspartner zutiefst unglücklich ist. Aber niemals dauerhaft.

Idealerweise ist es auch so, dass der momentan Glücklichere dem momentan Unglücklicheren in jenen Phasen zur Seite steht. Und dass sich das über die Zeit abwechselt und ausgleicht. – Für diese Beziehungsdynamik auf weltgesellschaftlicher Ebene gibt es bereits erste, deutlich erkennbare Anzeichen.

Und richtig hart sind in einer Ehe immer genau diejenigen Zeiten, in denen es den beteiligten menschlichen Beziehungspartnern gleichzeitig schlecht geht: Wenn der eine sich gern an den anderen anlehnen würde, und der andere an den einen. – Dies nennen wir dann oft „Krise“. Und wann immer eine solche Krise ohne fundamentale Trennung durchlebt wurde, kann man beobachten, sind Paare danach noch verbundener. – Aber das nur am Rande.

Entscheidend für das Bild von der untrennbaren menschlichen Schicksalsgemeinschaft auf dem Planeten Erde ist allein die Anerkennung der unaufhebbaren emotionalen Verbundenheit zwischen uns Menschen. – Und die ist noch lange nicht hinreichend in unserem Bewusstsein angekommen. Von institutionellen Konsequenzen ganz zu schweigen.

Warum es hilfreich ist, dass es in der Politik um subjektive, gefühlte Wahrheiten geht

Viele glauben nun wiederum, dass dieses Bild von der Ehe oder Langzeitpartnerschaft schief oder ungeeignet ist, um das Verhältnis von vermögenderen und unvermögenderen Menschen auf unserem Planeten zu erfassen. Sie sagen dann Dinge wie: „Ja, aber das Leiden der unvermögenderen Menschen ist viel größer“. Oder: „Die Bedürfnisse der Armen sind viel existentieller.“

Abgesehen davon, dass ich persönlich den Vergleich von menschlichem Leiden prinzipiell für einen unproduktiven Akt halte, weil er systematisch in unlösbare Konflikte hineinführt, glaube ich, dass die wichtigere Frage nicht die nach „Gerechtigkeit“ ist, z.B. in der Form: Wer braucht  mehr Zuwendung von uns? Wer hat eher den Zufluss menschlicher Ressourcen verdient?

Die wichtigere Frage scheint mir eher die nach der relativen subjektiven Verbesserung für alle beteiligten Gruppen zu sein. Relativ zum jetzigen Ist-Zustand wohlgemerkt.

Diese Bewertung ist himmelweit entfernt von einem „neoliberalen“ Standpunkt, der glaubt, dass es allein um „objektive“ Verbesserungen gehe, also um Verbesserungen, die man in irgendwelchen finanziellen Größen messen kann, ungeachtet davon, wie es den Menschen in ihrer eigenen subjektiven Wahrnehmung dabei geht.

Diese häufige Verwechslung ist kein Zufall: Dass die Politik ganz generell der Raum der gefühlten Wahrheiten ist, der subjektiven Realitäten, die in ihrer ganzen Subjektivität und Zwischenmenschlichkeit zusammen kommen, ist derzeit nur wenig anerkannt.

Genau diese Anerkennung öffnet uns aber hinsichtlich des Problems der immensen Vermögensungleichheit zwischen uns Menschen auf unserem gemeinsamen Planeten eine sehr reale Hoffnungsperspektive:

Nimmt man das derzeitige Leiden aller betroffenen Menschengruppen ernst und führt sie in ihrer Subjektivität zusammen, ist es möglich, gemeinsam nach institutionellen Veränderungen zu suchen, mit denen sich auch sehr vermögende Menschen subjektiv besser stellen.

Das mag im ersten Hören absurd klingen, weil wir eben das Bild geschluckt haben, nach dem es sehr vermögenden Menschen ja an nichts fehlt. „Was können die schon wollen? Denen geht es doch spitzenmäßig!“

Allerdings ist das eben ein sehr unrealistisches Menschenbild, das wir da von den Reichen unter uns zeichnen.

Es lohnt sich also, Räume zu schaffen, in denen nicht – wie gewohnt – im Namen oder Auftrag von sehr vermögenden Menschen agiert wird, sondern in denen auch sehr vermögenden Menschen ernsthaft zugehört wird. Nicht nur ihnen. Aber auch ihnen.

Und beim Hören dieser ihrer subjektiven Wahrheiten wird es für viele einige Überraschungen geben. Das halte ich für gewiss.

Das ist alles freilich schwer zu glauben, wenn man selbst keinen freien Gesprächszugang zu sehr vermögenden Menschen hat. Was einen aber doch etwas stutzig machen kann, wenn man doch eher glaubt, dass die Andeutungen vom sehr realen Leiden der Vermögenden reine Fanstastereien sind, frei ausgedacht von einem naiven Demokraten, habe ich hier mal zusammen getragen:

https://www.zeit.de/2016/43/erbe-gerechtigkeit-soziale-ungleichheit-erbschaftsteuer-enterben/komplettansicht

https://perspective-daily.de/article/399/H0w13x7S

https://www.zeit.de/2012/30/Erbenrepublik/komplettansicht

https://www.zeit.de/wirtschaft/2017-11/ise-bosch-reichtum-spd-ungleichheit/komplettansicht

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