Wenn man wie ich seine gesellschaftlichen Hoffnungen auf das institutionell deutlich verbesserbare Gespräch zwischen uns Bürgern setzt, darf man sich sehr viele interessante Dinge anhören.

Eine davon lautet: „Das ist ja naiv. Gespräche verändern nichts. Diese und jene Leute wollen das einfach nicht. Das ist total unrealisitisch.“

Sehr spannend ist es allerdings auch, sich einmal genauer anzuhören, worauf Menschen die so etwas sagen, ihre eigenen Hoffnungen setzen. – Denn der Mensch kann nicht gut ohne Hoffnung leben.

3 Alternativen sind mir bekannt, die erste davon ist eben bereits angeklungen:

1.) Wir können Menschen werden, die derzeit tatsächlich keinerlei Hoffnung haben. Gewordene Zyniker also, die auf irgendetwas ihre Hoffnung gesetzt hatten, das sich nicht erfüllt hat. Und die daraufhin beschlossen haben, sich vor weiteren Enttäuschungen zu schützen, indem sie sich alle Hoffnungen verbieten. – Und dann gerne auch allen anderen Menschen deren Hoffnungen nehmen wollen, denn man will sich ja nicht mehr mit Hoffnung anstecken. Erneute Hoffnung: das könnte nach den so überaus enttäuschenden eigenen Erfahrungen all zu schmerzhaft werden…

2.) Wir können Menschen werden, die glauben, dass sich politischer Verhältnisse nur durch Gewalt ändern lassen. Obwohl es wissenschaftliche Evidenz gibt, dass an dieser Annahme mehr faul sein könnte als nur der Umstand, dass es aus uns etwas macht, was wir nicht sein wollen.

3.) Wir können uns in eine doppelte Ohnmachtsposition gegeben, die darin besteht, „den großen Zusammenbruch“ herbeizuwünschen, nachdem alles irgendwie besser wird. Ohnmächtig einmal, weil wir dann still in die bestehenden Verhältnisse hineinleiden. Und ohnmächtig noch einmal, weil wir glauben, dass wir selbst rein gar nichts tun können, um das, in was wir unsere Hoffnung setzen, aktiv voranzubringen. Okay: Nichts, was aus nicht unmittelbar ein Arschloch machen würde. Über den Realismus solcher „Hoffnung“ breite ich mal lieber den Mantel des Schweigens.

Wenn ich mir diese Alternativen so anschaue, muss ich mich allerdings fragen, wie ich auf die Idee komme, dass ein Fokus auf die verbesserbare Gesprächsqualität zwischen uns Bürgern als „naiv“ eingeschätzt wird. – Denn die Alternativen erscheinen mir viel naiver: Schlechter informiert, weniger Größen in die eigenen Überlegungen einbeziehend, weniger Folgen- und Konsequenzen abwägend. Und vor allem: Sie führen uns auch unmittelbar in einen deutlich schlechteren Zustand als in den, in dem sich naive Demokraten befinden. Die Alternativen sind noch nicht einmal unmittelbar attraktiv. Sie machen einfach nur schlechte Laune. Und das als Dauerzustand.

Transformation durch politische Praxis: Wie der Mensch zum Bürger wird

Widmen wir uns der Äußerung „Gespräche verändern nichts. Diese und jene Leute wollen das einfach nicht“ einmal in aller Ruhe, so fällt auf: Bei diesen Aussagen wird vorausgesetzt, dass das Wollen von uns Menschen in Stein gemeißelt ist, dass es in Gesprächen gleich bleibt.

Die Vorstellung ist also: Da ist ein Wollen, das ist, wie es ist. Und dieses in-sich-unveränderbare Wollen wird nun in politische Prozesse, in politischen Austausch eingespeist. Ohne dass sich dieses Wollen dabei verändert. „Clash of opinions“ als Konzept der Politik.

Diese Vorstellung ist ein direkter Spiegel unserer derzeitigen politischen Institutionen: Unsere derzeitigen Insitutionen fokussieren genau das: Die korrekte „Repräsentation“ außerpolitischer Meinungen im politischen Raum. Ein „Input + Struggle“-Modell, das nicht für Veränderungen und Modifizierung von vorher bestehenden Meinungen sorgt, sondern nur dafür, dass auch alles, was gerade irgendwie kampflustig ist, in die „politische Arena“ findet…

Die ursprünglich politische Vorstellung, dass der politische Raum ein Raum der Transformation ist, wurde von uns nämlich bisher nicht institutionell umgesetzt. Diese Vorstellung von Politik hatte mit „Kampfplatz der Meinungen“ nichts am Hut. Sie setzte einen ganz anderen Fokus, den sie allein als „wirklich politisch“ gelten ließ:

Menschen gehen mit vorhandenen Meinungen in den Raum des Politischen, treffen dort auf Andersmeinende und verändern sich beim wechselseitigen Austausch eben auch wiederum wechselseitig. – „Politik“ entsteht. Das heißt auch: Der Raum des Politischen entsteht überhaupt erst dadurch, dass ihn alle Bürger betreten und in ihm aktiv sind. Vorher besteht dieser Raum gar nicht. Vorher gibt es nur „Herrschaft“, die aber systematisch von „Politik“ zu unterscheiden ist. Die in diesem Punkt deutlichste Politologin in der Moderne war Hannah Arendt, die genau diese Unterscheidung mit großer Klarheit zieht. Sie tut das in der gleichzeitigen Einsicht, dass wir auch heute genau dieser Unterscheidung bedürfen und dass das Fehlen einer Unterscheidung zwischen Politik und Herrschaft uns schmerzhaft fehlt und tausend zwischenmenschliche Grausamkeiten hervorruft.

Dem entspricht die ebenfalls eher antike Ansicht, dass wir nicht einfach per Dekret oder Behauptung „Bürger“ werden. Sondern dass es für die Transformation jedes einzelnen von uns zum „polítes“ wesentlich aufwändigere Voraussetzungen gibt. Nein, nicht „politische Bildung“, wie sie heute gern verstanden wird, nicht „Erziehung der vermeintlich Wenigerwissenden durch die vermeintlich Besserwissenden“. Sondern politische Bildung durch aktive Teilhabe aller an der Politik. Durch das physische Betreten des politischen Raums durch einen jeden. – Das heißt: In der antiken Demokratie war man der Meinung, dass man Bürger durch aktives Teilnehmen wird, nicht dass man einfach Bürger ist, z.B. dadurch dass es irgendwo steht oder irgendjemand große One-way-Reden schwingt. Die sehr bürokratische Ansicht heutiger Tage, dass allein schon ein Pass oder Ausweis einen zum Bürger mache, ist der antiken Demokratie sehr fremd gewesen.

Der Dekretismus eines Rousseau oder Hobbes, der Menschen qua einmaligem Entschluss oder eben per herrschaftlichem Dekret zum Bürger machen will, wäre den praktisch erfahrenen Demokraten der Antike völlig absurd erschienen. Denn das bedeutet völligen Verzicht auf politische Praxis des Bürgers. Etwas, von dem man eben durch Praxis erfahren hatte, dass es genau das braucht, damit aus Menschen Bürger werden. Man kannte den Unterschied zwischen dem praktizierenden Bürger und dem Bürger pro forma. Und das ist leider nicht einmal ansatzweise das Gleiche wie die Rousseau’sche Unterscheidung zwischen bourgeois und citoyen.

Und in diesem Punkt, nur in diesem, tun wir möglicherweise gut daran, uns noch einmal auf die Ursprünge der Demokratie zu besinnen: Bürger-werden besteht in einer Transformation. Der Privatmensch, der wir im vor- und außerpolitischen Alltag sind, ist nicht der gleiche wie der Bürger, der den politischen Raum betritt, in dem er dem Meinen aller seiner Mitbürger ausgesetzt ist. Und diese Transformation ist aufwändig, sie erfordert aktive Beteiligung, sie erfordert physische Präsenz. Sie fordert von uns einen nicht ganz unerheblichem Zeitaufwand. Bürger wird man durch Betätigung als Bürger. Vorher ist man keiner. Vorher ist man ein Peregrinus oder ein Idiot, beides sind wörtliche Übersetzungen für den Nicht-Bürger bzw. den politisch inaktiven Menschen. Im ersten klingt zudem an, dass ein Mensch, der nicht im Vollsinne, also nicht aktiv Bürger ist, im Grunde ein Mensch ist, der auf Erden heimatlos ist. – Man sieht das sehr deutlich in der religiösen Negation von Politik wie wir sie bei Augustinus finden, der dafür den Begriff des „Peregrinus“ für sich bejaht und positiv aufgeladen hat.

Streng genommen sind wir alle derzeit in einem „vor-bürgerlichen“, „un-politischen“ Zustand. Und damit allesamt Heimatlose. Wir müssen nicht dazu sagen „politsch Heimatlose“. Denn wenn man verstanden hat, dass es allein der Raum des Politischen ist, der uns Menschen sich heimisch fühlen machen kann, sind Heimat und Politik ganz einfach Synonyme. – Was die Gleichsetzung blockiert, ist allein das völlig verquere Verständnis von Politik, das sich in der Moderne entwickelt hat und das uns heute anhaltend Probleme bereitet. Und eben auch: Anhaltende Gefühle von Heimatlosigkeit. Übrigens bei allen Menschen. Nicht nur bei bestimmten.

Institutionalisierung von Politik: Ein zeitlicher und emotionaler Aufwand, der uns allen aufgebürdet wird

Politik im antiken Verständnis, ist institutionalisiertes Heraustreten aus den eigenen privaten „Blasen“/“Bubbles“, wie wir heute sagen. – Auch deswegen konnten antike Polittheoretiker wie Aristoteles aus Erfahrung die Ansicht vertreten, dass Politik den Menschen erst frei mache. – Wiederum eine Vorstellung die uns heute, mit unserem sehr reduzierten Politikverständnis, fremd oder absurd vorkommt.

Politik ist also dann am Werk, wenn nicht „irgendwie zugehört“ wird, sondern wenn bestimmte Qualitäten des Zuhörens institutionell etabliert werden.

Einmal, weil das hier ein universelles menschliches Gesetz ist:

Und Politik ist dann am Werk, wenn allen Bürgern gleichermaßen zugehört werden kann, weil alle Bürger gleichermaßen im Raum des Politischen aktiv sind.

Das hat eine weitere interessante Konsequenz: Der Entschluss, den Raum des Politischen zu betreten, darf eben gerade nicht „Privatsache der Bürger“ bleiben. Denn das würde bedeuten, dass gar kein Raum des Politischen entsteht. Dass nur Herrschaft möglich ist. Das, was wir uns angewöhnt haben, „politisches Engagement“ zu nennen, ist im Grunde herzlich unpolitisch. Alles, was rein privater Inititative überlassen bleibt, führt zur Herausbildung eines privilegierten Zugangs zur Politik. Und zerstört so das eigentlich Politische der Politik. Dann bleibt eben wiederum nur: Herrschaft, die pro forma „Politik“ genannt wird, weil das besser klingt. Demgegenüber stehen als ewige Alternative: Möglichkeiten, das Politische wiederzuentdecken. In seiner ursprünglichen Form, nicht in der Schwundform, an die wir uns all zu sehr gewöhnt haben.

Diese Realität: „Herrschaft ist alles, was wir kennen“, ist auch der genau benennbare Grund dafür, warum „gesellschaftlicher Fortschritt durch Demokratisierung“ von vielen für naiv gehalten wird. Denn geht man von dieser heute sehr realen Erfahrung aus, also von der völligen Unkenntnis und Unerfahrenheit im Politischen, dann muss einem das genau so erscheinen. Es kann dann immer nur um Herrschaft gehen. Es kann dann immer nur um Kampf gehen. Das ist gleichbedeutend mit einem sehr aristokratisches Verständnis von Gesellschaft. Aber auch das ist Menschen, die eben nur Herrschaft kennen, denen Politik aber völlig unbekannt ist, weitgehend unbewusst. Sie würden die Aussage, dass sie dadurch automatisch zu Aristokraten werden, weit von sich weisen. Wiederum: Aus einem völligen Unverständnis und einer völlig fehlenden Erfahrung der Unterschiede, die durch die Demokratie gemacht werden.

Demokratie muss erlebt werden, um an ihre transformative Kraft glauben zu können. Die ursprünglichen „Erfinder“ der Demokratie hatten das Glück, dass sie in die demokratische Staatsform beinahe Schritt für Schritt hineingestolpert sind – und so „Wie die Jungfrau zum Kinde“ kamen.

Diese Naivität ist für uns heute unmöglich geworden. Gerade mit Blick auf die antiken Demokratien können wir heute wissen, was die demokratischen Unterschiede macht und wie sie institutionell ins Leben bringen können. Wir können uns die antike Erfahrung „ausleihen“. Und es sind bereits viele Menschen erkennbar, die in unserer Gegenwart genau das tun.

Was mich angeht, so würde ich sagen, dass beim Demokratische-Erfahrungen-Machen ein Fokus auf die Gesprächsqualität und dabei vor allem auch: Die Qualität des Zuhörens ein guter Anfang ist.

Denn Zuhören ist nicht gleich Zuhören. Es gibt ein Zuhören, das uns unberührt lässt, das uns lässt, wie wir auch vor dem Zuhören waren. – Und es gibt ein Zuhören, das uns verändert. Und das gleichzeitig auch den verändert, dem wir zuhören.

Und auch mit dieser Erfahrung bin ich glücklicherweise nicht allein.

Es gibt keinen Menschen, der nicht Bürger werden kann. Es gibt keinen Menschen der durch Demokratie unverändert bleiben kann. Doch um das zu verstehen, muss man es wohl erlebt haben.

Und erlebt.

Und erlebt.

Und erlebt.

Und erlebt.

Und…

…Und wer das nicht gern erleben will, kann ja durchaus Privatmensch bleiben. Die Kosten für seine Entscheidung zur Vorenthaltung seines eigentlich notwendigen politischen Beitrags sollten wir als demokratisches Gemeinwesen ihm dann schon auch in Rechnung stellen. Dafür sind überaus elegante Lösungen denkbar, die uns allen die Freiheit lassen und verschaffen, die wir so sehr wollen.

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