Es gibt da diese Vorstellung, nach der es bei einer Regierung darum ginge, die kompetentesten Menschen in politische Ämter zu bekommen. Und Wahlen werden dadurch gerechtfertigt, dass sie eben dies leisten sollen. Bzw.: Dass wir kein besseres Verfahren kennen, die Kompetentesten unter uns auszuwählen.

Diese Vorstellung könnte man zunächst einmal fragen: Glauben wir das wirklich? Glauben wir ernsthaft, dass die Menschen, die wir in politische Ämter wählen, die Kompetentesten unter uns sind? – Ich persönlich glaube ja, dass das heutzutage so gut wie keiner von uns glaubt…

Aber das Fragen könnte noch viel weiter gehen. Wir könnten nämlich fragen, was das eigentlich sein soll: „Politische Kompetenz“? Oder, noch schöner: „Demokratische Kompetenz“? Geht es dabei darum, „gut reden zu können“? Oder darum, gut auszusehen? – immerhin sagen irgendwelche Studien dass man allein am Aussehen auf Wahlplakaten bis zu einem gewissen Grad voraussagen kann, wer gewählt werden wird! Oder geht es bei demokratischer Kompetenz darum, wer am besten netzwerken oder Allianzen schmieden kann? Oder wer am treuesten zu seiner Partei steht, wer all die Jahre durchhält, durch alle innerparteilichen Machtkämpfe hindurch dabei bleibt? Oder vielleicht geht es schlicht um Skrupellosigkeit? Um „die letzte Härte der Ellenbogen“? Oder darum, wer am schönsten und geschicktesten Lügen kann? Oder seine Meinung ändern, ohne dass man ihm das übel nimmt? – Vielleicht geht es bei demokratischer Kompetenz aber auch einfach darum, wer das meiste Geld hat? Oder ins richtige Elternhaus geboren worden zu sein, schön akademisch, mit finanziellem Rückhalt und guten Kontakten von Anfang an?

Man sieht: Demokratische Kompetenz, wenn sie denn ein Begriff wäre, scheint ein recht schillernder Begriff zu sein.

Was Kompetenz ist und wie sie entsteht

Aber wir könnten auch noch weiter gehen und fragen: Was ist das denn eigentlich überhaupt: „Kompetenz“? Und dann auch noch im Bereich des Politischen?

Kompetenz, so könnte man kurz schließen, sei die Kombination aus „Talent und Erfahrung“. Oder vielleicht auch „Talent und Übung“. Oder „Talent und“ – schlicht – „Durchhaltevermögen“, aka „Wille“.

Man muss nicht lang recherchieren, um zu Studien zu gelangen, die heute behaupten: „Talent ist überschätzt“.

Vieles, was heute unter so todschicken Bezeichnungen wie „Neuroplastizität“ zu finden ist, deutet darauf hin, dass Sinnsprüche wie „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ oder „Der Wille kann Berge versetzen“ zumindest dann wahr ist, wenn es um die Herausbildung von eigenen Kompetenzen geht.

Ich arbeite nun schon viele Jahre mit allen möglichen Menschen. Ich würde ja immer sagen: Mit einem guten Ausschnitt aus der Gesamtbevölkerung. – Und, was soll ich sagen? Über die Jahre fiel es mir bei dieser Arbeit immer schwerer, noch irgendetwas auf die angebliche so wichtigen Faktoren Talent, Können und Erfahrung zu geben. Denn meine eigene Erfahrung bei dieser Arbeit führte paradoxerweise zu der Einsicht: Dass das Wollen entscheidend ist dafür, was den meisten Menschen möglich ist.

Sicher, es gibt Grenzen. Wenn jemand z.B. ein 1,90m großer Schlacks ist, tut er sich deutlich schwerer mit Turnsportarten. Und ein Einbeiniger hat beim Profifußball große Nachteile, die nur sehr schwer wegzudiskutieren sind. Auch hat man nur selten Menschen ohne Kopf regieren sehen. Also ja: Es gibt Grenzen der Gleichheit von Kompetenz. Diese Grenzen sind selbst jedoch viel begrenzter als wir oft meinen. Die allermeisten Kompetenzunterschiede lassen sich viel eher auf eine verschiedene Motivationslage und oft auch auf zwischen uns sehr verschieden verteilte äußere Ressourcen zurückführen.

Ich möchte sogar behaupten, dass bei der angeblich so großen Talentabhängigkeit z.B. in der Mathematik große Vorurteile und Unwissenheit darüber im Spiel sind, wie wir Menschen wirklich funktionieren, wie wir lernen, wann wir lernen. Und eben auch: Wie „Kompetenz“ entsteht. Die Grenzen scheinen mir hier nämlich nur zu einem sehr geringen Anteil kognitiver Natur zu sein. – Den meisten Menschen fehlen schlicht geduldige Lehrer, die anspruchsvollere Formen von Mathematik so erklären, dass sie auch gelernt werden können. Lehrer, die Zeit haben zu verstehen, woran es wirklich hakt. Was genau nicht verstanden wird, wo genau die Unsicherheit liegt. Und die v.a. jedem „Ich kann halt Mathe einfach nicht“ von Anfang an einen sehr entschiedenen Riegel vorschieben. – Und den meisten Menschen fehlt etwas anderes noch viel mehr: Ein echter, für sie selbst stimmiger Grund zu lernen, was aus sich selbst heraus nicht immer unmittelbar interessant ist. Ein inneres Motiv. Manchen von uns werden eben Lehrer zu diesem inneren Motiv. Gute Lehrer, die eher Mentoren für uns sind. Menschen, bei denen wir das Gefühl haben, dass wir auch jenseits aller Kompetenz für sie irgendwie wichtig sind. – Und auch das ist natürlich paradox, weil die Frage offen bleibt, wie den ein „äußerer“ Anderer uns zu einem „inneren Grund“ werden kann.

Nichtsdestotrotz hat jeder von uns schon erlebt, dass ihm andere Menschen die Tür zu Themen geöffnet haben, die ihm ansonsten vielleicht für immer verschlossen geblieben wären. – Über das Interesse für einen Menschen kam das Interesse für eine Sache, „die man lernen wollte“. Das umgekehrte kennen wir sehr gut: Dass unsere vorhandenen Interessen uns mit Menschen zusammenbringen, die sich für das Gleiche interessieren. Aber viel spannender ist eben der Vorgang, bei dem uns das vorher Uninteressante plötzlich interessant erscheint. Und wir plötzlich motiviert sind. Und mehr darüber erfahren wollen.

Die Grenzen des Lernens und damit auch die Grenzen der „Kompetenz“ scheinen viel weniger kognitiver Natur zu sein als motivationaler oder genauer: emotionaler Natur. Im richtigen Gefühlscocktail entstehen in unserem wunderbar formbaren und veränderlichen Hirn Nervenverbindungen, dass es nur so prickelt und fizzelt. Oder, um mit Gerald Hüther zu sprechen: „Begeisterung ist Dünger für’s Gehirn“. – Und wenig begeistert uns mehr als für uns bedeutungsvolle Beziehungskonstellationen mit anderen Menschen.

Wenn wir also den alten Spruch vom Willen, der Berge versetzen kann, herauskramen, können wir hinzufügen, dass Wollen in Beziehung überhaupt erst entsteht. Dass unser Wollen selbst, so gut wie immer einen subjektiv bedeutungsvollen „Beziehungs-Bezug“ hat. Noch der letzte Eigenbrötler hegt Anerkennungsfantasien durch all die anderen Menschen, von denen er enttäuscht ist oder abgelehnt wurde.

Dass wir Beziehungswesen sind, scheint uns einfach nicht auszutreiben zu sein.

Politische Lust führt zu politischer Kompetenz – zuverlässig

Was hat das nun alles mit „Demokratiekompetenz“ zu tun?

Der Witz an der Demokratiekompetenz ist: Es gibt sie nicht. Oder, wenn wir diesen unsinnigen Begriff, doch beibehalten wollen, so müssten wir sagen: Jeder Mensch ist, ausnahmslos, demokratiekompetent.

Was es stattdessen gibt: Menschen, die kein Interesse haben, sich in die Politik einzubringen. Weil sie die Verfassung, in der die Politik ist, abstößt und anwidert. Oder was es auch gibt: Menschen, die mehr Interesse haben, „in die Politik zu gehen“ als andere. Menschen, bei denen man dann fast schon geneigt sein könnte zu fragen, was mit diesen Menschen eigentlich nicht stimmt. Also warum sie anders als die meisten nicht von der derzeitigen Verfassung der Politik abgestoßen sind.

Meistens sind das Menschen mit den entsprechenden Beziehungen. Nein, nicht was Sie jetzt denken. Ich meine damit: Mit genau denjenigen Beziehungen, die nötig waren, um so ein Interesse an „politischem Engagement“ auszubilden. Ein politisches Wollen.

Was dabei ausgeblendet bleibt: Dass man darüber nachdenken könnte, wie politische Verfahren beschaffen sein müssten, damit alle Menschen, alle Bürger ein solches Interesse an eigener Beteiligung an Politik entwickeln können.

Wenn wir über das Verhältnis von „Können“ und „Politik“ sprechen, wäre es weitaus sinnvoller nicht über das Können von Personen zu sprechen, sondern über das Wollen-Können von eigener Beteiligung an Politik. Also über die Leistung und Nicht-Leistung unserer politischen Institutionen.

Berücksichtigen wir nämlich die fundamentale Sache der Neuroplastizität und der emotionalen und der Beziehungskomponente von Interesse und Lernen, dann müsste unsere eigentliche Frage sein:

Wie müssen unsere Institutionen gestaltet sein, damit sich alle Bürger für Politik interessieren können? Damit bei allen ein lebendiges, emotionales Interesse an Politik entsteht?

Und wir müssten so fragen, weil wir begriffen haben, dass über echtes Interesse belastbare Kompetenz entsteht. Und dann eben auch: dass über echtes politisches Interesse auch belastbare politische Kompetenz entsteht.

Also wenn wir Demokraten sind, dann müssen wir so fragen.

Wenn wir keine Demokraten sind, können wir uns das sparen.

Denn wenn wir keine Demokraten sind, dann sind uns Bürger lieber, die von sich selber denken, sie seien demokratieinkompetent und es sei eigentlich eine ganz gute Sache, sie von politischer Verantwortung: Mitberaten und Mitentscheiden zu verschonen. „Da kann ja nichts gutes herauskommen, wenn wir mitentscheiden. Nehmt uns das bitte ab.“ – Das politische Äquivalent zu „Ich kann einfach kein Mathe, bitte verschone mich mit weiteren Qualen. Ich möchte nur ein bisschen jammern und schimpfen und lebe ansonsten ganz gut mit dem Handicap meiner erlernten Inkompetenz.“

Die Rede von angeblich von Natur aus sehr verschiedener Verteilung von politischer Kompetenz unter uns Menschen scheint im Grunde nur einem Zweck zu dienen: Unserer Bequemlichkeit.

Und Bequemlichkeit war schon immer ein vergleichsweise sicherer Weg zur Hölle. Und wird es wohl auch bleiben.

Demokratie ist unbequem. Sie ist anstrengend. Denn es gibt tausend, heutzutage eher zehntausend gute Gründe für jeden von uns, Politik zu meiden.

Und daher ist es eine institutionelle, eine gemeinsame, eine gesellschaftliche Aufgabe, uns aktive politische Beteiligung bekömmlich und attraktiv zu machen. Der Reiz der Politik muss für alle größer sein als der Impuls, sich ihre Anstrengungen zu ersparen.

Doch Interesse kann geweckt werden. Wir Menschen sind extrem anfällig für das Interessante. Mit dem ermöglichten Interesse aller an Politik kommt die Kompetenz aller zur Politik. Dessen dürfen wir uns sicher sein.

Gleiche Kompetenz zur Politik, die absolute Grundlage dafür, Demokratie nicht für eine absolut hirnrissige Idee zu halten, kann nicht vorausgesetzt werden. Sie muss institutionell überhaupt erst erzeugt werden. Aber eben nicht in Form von „Belehrungen“, weil ein Großteil der Bürger ach so dumm wäre. Wir brauchen keine politische Bildung, die etwas anderes ist als „Learning on the job“: Lernen durchs machen. Praxislernen. Wir brauchen politische Strukturen und Verfahren, die alle Bürger gleichermaßen in die Politik hineinsaugen. Weil wir Politik so organisiert haben, dass sie uns eine Lust ist.

Dass Politik eine Last ist, steht außer Frage. Dass sie aber eine Lust werden kann, und das auch noch für alle Bürger, ist eine Aufgabe. Noch einmal: Eine Aufgabe, die nur durch Institutionen zu leisten ist, die eben genau das leisten: Uns Lust auf Politik zu machen. Uns nicht politisch frustrieren, sondern bei uns begeisterte Teilnahme und lebendiges Interesse an Politik und Mitbestimmung hervorrufen.

Nach allem, was man so hört, soll es solche Institutionen doch tatsächlich geben. Institutionen, die uns systematisch Lust machen auf Politik und die uns für die aktive Teilnahme an unserer Demokratie begeistern.

Und in denen sich die Bürger regelmäßig – zur allgemeinen Überraschung, oft auch der eigenen – als ausgesprochen verantwortungsvoll und „demokratiekompetent“ erweisen. Nicht einige wenige. Sondern so gut wie alle Bürger.

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