Unter den mehreren tausend Kunden und Klienten, mit denen ich in den letzten Jahren intensiv arbeiten durfte, kann man ohne Übertreibung sagen, dass ca. 4 von 5, also 80% an einem geschädigten Selbstwertgefühl litten, das weitreichende Folgen für ihr Verhalten, ihre Möglichkeiten, ihre Entscheidungen und ihr Leben hat.

Das wiegt aus meiner Sicht um so schwerer, als ich mit einem guten Durchschnitt durch die Bevölkerung arbeiten darf, also z.B. mit Menschen aller Vermögens- und Einkommensklassen, vielleicht bis auf das oberste 1-5% meiner Mitbürger.

Einige, im Grunde viele haben diese Schädigung ihrer Selbstschätzung bereits relativ früh erlitten. Einige aber auch erst im Laufe der Jahre oder an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben. Die Arten und Formen dieser Schädigung sind so vielfältig wie das heutige menschliche Leben selbst. Die Folgen sind aber meist sehr ähnlich: Das eigene Gewicht, die eigenen Möglichkeiten, die eigenen Handlungsspielräume werden grob unterschätzt, es ist schwer, neue Beziehungen aktiv anzusteuern und noch schwerer, vorhandene Beziehungen dauerhaft befriedigend zu gestalten. Das Selbstverhältnis: „Ich bin ja eigentlich nicht wichtig, meine Bedürfnisse sind vernachlässigenswert, meine Gefühle unwichtig, nach meinem Wollen wird nicht gefragt, frage ich mich nicht mal selbst“ ist in meinem ziemlich repräsentativen Kundenkreis der Normalfall, ein gesundes Selbstbewusstsein die Ausnahme. Allerdings immer noch häufiger als ein wirklich überzogenes Selbstwertgefühl. Auch das kommt vor, ist aber viel seltener, als man manchmal meinen könnte. Spätestens im vertraulichen, empathischen Gespräch zeigen sich eben ca. 80% der Menschen selbstbewusstseinstechnisch als akut oder chronisch angeschlagen.

Wie wir fehlendes Selbstwertgefühl systematisch erzeugen

Für mich ist es mittlerweile auch nicht mehr sonderlich rätselhaft, wie diese große Verbreitung eines geschädigten Selbstwertempfindens zustande kommt. Der zugrundeliegende psychische Mechanismus ist so einfach, dass man für die Erklärung tatsächlich mit einer alltäglichen Küchenpsychologie auskommt, die jeder leicht nachvollziehen kann:

Auf Gefühlsäußerungen wird nicht eingegangen. Vorhandene Gefühle werden bagatellisiert, ignoriert oder sogar direkt verurteilt und diskreditiert. Da unsere Gefühle aber sehr eng mit unseren Bedürfnissen gekoppelt sind, ist die Botschaft, die aus der allgemeinen gesellschaftlichen Geringschätzung unserer Gefühle bei uns ankommt:

„Meine Bedürfnisse sind unwichtig. Sie sind es nicht wert, dass andere auf sie eingehen oder sie in ihrem Handeln berücksichtigen. Ich bin unwichtig.“

Wir leben in einer Gesellschaft, in der angemessenes Eingehen auf Gefühlsäußerungen so selten ist, in einer Gesellschaft, die „Gefühlsinkompetenz“ zu so einer weit verbreiteten Norm gemacht hat, dass die Krankheit der Selbstwertschädigung von Generation zu Generation ungebrochen weiter gegeben wird. – Das lässt sich auch im Alltag gut wahrnehmen: Ich kann kaum angemessen beziffern, wie häufig ich Eltern-Kind-Kommunikation auf der Straße, im Café, in der U-Bahn, etc. mitbekomme, bei der es mich vor Mitgefühl halb zerreißt, während ich wahrnehme, was da gerade in emotionaler Hinsicht passiert. Egal, ob es der Elternteil ist, der nicht versteht, dass sein Kleinkind gerade einfach nur auf den Arm genommen und durch die Wärme und den Geruch und das Mitempfinden der Atmungsbewegungen des Elternteils beruhigt werden will. Stattdessen wird versucht, es mit irgendwelchen Spielsachen „abzulenken“. Ergebnis: Das Kind schreit über einen Zeitraum von einer Viertelstunde die U-Bahn zusammen. Der emotionale Stress, den alle empfinden ist mit den Händen zu greifen. Dennnoch: Der „natürliche“ Impuls, das Kind einfach mal auf den Arm zu nehmen, kommt nicht zum Zug. Aus welchen Gründen auch immer. Als die Mutter mit dem weiter wie am Spieß schreienden Kind aussteigt, erleichtern sich die U-Bahn-Gäste durch Kommentare über Mutter und/oder Kind. Die meisten dieser Kommentare sind bemerkenswert verurteilend und unempathisch. Sie sagen vor allem etwas aus über den aktuellen Gefühlswasserstand der Sich-Äußernden, wenn nicht über ihre ererbten kleinkindlichen Beziehungsmuster. Oder man trifft auf dem Weg zum Müllcontainer den nachbarschaftlichen Vater, der sein 2-jähriges Kind im Buggy alle 10 Sekunden mit einem nachdrücklich „pscht“! zum Verstummen bringen will. Ein Kind, das aus einem Grund schreit, den dieser Vater nicht einmal versucht herauszufinden. Oder wenn beim Biergartenbesuch ein Elternteil auf der öffentlichen Toilette seine 5-jährige Tochter beschimpft, bedroht und demütigt, weil sie gerade zum 5. Mal auf’s Klo musste „aber nichts kommt“. Die Tochter gibt ihm noch einen Hinweis, was ihr gerade mehr helfen würde: „Geh weg. Lieber allein“. Also: „Nimm den Druck raus. Wenn Du nur Druck machst, kann ich nicht loslassen und dann kommt eben nichts. Dann ist es sogar besser, wenn Du mich allein lässt.“ Stattdessen bleibt jener Elternteil stur daneben und unterstellt seiner Tochter abwechselnd „mangelndes Bemühen“ und „bösen Willen“. Geäußerter Grund: „Mein Essen ist kalt. Du machst hier ja nur Zickenterror!“

Überhaupt: Die Neigung von Erwachsenen, den Gefühls- und Bedürfnisäußerungen von Kindern sehr schnell zu unterstellen, es handele sich um „Machtkämpfe“ ist derart krankhaft verbreitet, dass ich immer nur spekulieren kann, was diese Erwachsenen in ihren eigenen Kindheiten alles zu Hören und zu Spüren bekommen haben – und in was für empathiebefreiten sozialen Räumen sie wohl auch ihr Erwachsenenleben fristen. Ausgewachsene Kampfzonen voller Machtkämpfe vermutlich. Gefühlsäußerungen sind da nur Schwäche und müssen schon im Ansatz unterdrückt werden, um nicht ganz schlecht da zu stehen im strategischen Hauen und Stechen, das ach so erwachsen ist…

Das alles kommt erkennbar aus erlernter Hilflosigkeit: Die allermeisten erwachsenen Menschen unserer Gesellschaft haben eben weder einen guten Zugang zu eigenen Gefühlen und Bedürfnissen (inklusive angemessenem Eingehen darauf im eigenen Verhalten), noch wissen sie „was man machen kann“, wenn ein anderer Mensch offen seine Gefühle und Bedürfnisse zeigt. Typischerweise ist diese emotionale Offenheit bei Kindern gegeben, die eben noch nicht das „Gefühlszucht und -unterdrückungsprogramm“ bis zum bitteren Ende absolviert haben. Aber eben nicht nur bei Kindern. Ich kann gar nicht sagen, wie häufig Menschen bei mir im Coaching in Tränen ausbrechen, die erkennbar sonst niemals weinen, denen dieser Durchbruch von Gefühlen ins eigene Bewusstsein im ersten Schritt auch sehr unangenehm ist und deren größte Sorge zu sein scheint, „mich mit ihren Gefühlen nicht zu belästigen“. Da ich das eben nun schon ein paar Jahre mache, macht mir das allerdings kaum noch etwas. Ja, manchmal habe ich eher den Eindruck: Ich bin mittlerweile sogar „zu abgebrüht“. Oder anders gesagt: Am Anfang meiner kleinen Coach-Karriere war ich wohl noch empathischer, falls da bei mir keine rückblickende Selbstverklärung am Werkt ist. – Bei vielen ist es aber dann im zweiten Schritt erleichternd für den Gesprächsprozess und eben durchaus auch für das Menschenwesen, das ich nebenberuflich auch noch bin, wenn die Gefühle mal durchgebrochen sind, selbst dann, wenn das nur eine kurze Zwischensequenz war. Viele kommunikative Eiertänze enden genau da, wo die Gefühle gezeigt werden konnten und erkennbar angenommen oder zumindest nicht verurteilt oder bagatellisert wurden.

Ein emotional nachdrückliches „Ja, es ist schlimm“ kann weitaus hilfreicher sein, als viele zu meinen scheinen. Und von da an geht es anders weiter…

Interessant ist dabei auch der regelmäßige Effekt meiner Coaching-Arbeit. Was auch immer ich „bewirken“ mag oder woran ich wahrscheinlich eher „am Rande beteiligt bin“: ziemlich deutlich ist wahrnehmbar und wird oft auch offen geäußert, dass die meisten meiner Kunden den Raum der Arbeit mit mir sagen wir mal einen halben Zentimeter größer verlassen als sie ihn betreten haben.

Der Zusammenhang zwischen Gefühlsäußerungen, unserem sozialen Umgang mit ihnen und unseren Reaktionen auf sie einerseits, und dem sich-etablierenden Selbstbewusstsein von uns Menschen andererseits ist für mich daher so eindeutig, dass ich für mich nicht mal mehr weitreichende psychologische Forschungen brauche, um zu glauben: Das ist eine praktische Wahrheit. Und sie scheint menschlich universell zu sein. Zumindest ist mir der Kunde noch nicht begegnet, der diesen meinen Denkrahmen gesprengt hätte. Und das, obwohl es mir nach wie vor ständig passiert, dass Kunden meine Denkrahmungen sprengen und mich zu Verhaltensanpassungen bewegen.

Der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz schreibt in seinem Buch „Die Liebesfalle“ zur Funktion von Gefühlsäußerungen, dass sie zwei Dimensionen hat

„Gefühle haben zwei wesentliche Bedeutungen:

1. eine psychosoziale Bedeutung

Mit dem Gefühlsausdruck signalisiert das Kind sein Befinden, es will auf diese Weise gehört und verstanden werden, es sucht mit Hilfe seiner emotionalen Möglichkeiten nach Bestätigung, Beruhigung und Befriedigung, Gefühle sind wesentliche Kommunikationsmittel und in der vorsprachlichen Entwicklungszeit die wichtigsten Ausdrucksmöglichkeiten.

2. eine psychophysiologische Bedeutung:

Mit dem Gefühlsausdruck wird aber immer auch vorhandene Spannung abgeführt, etwas vermittelt über Bewegungen, die mit Entladung von muskulären Anspannungen oder über vertiefte Atmung und stimmliche Entäußerungen. Die Entladung bringt ein lustvolles Entspannungsgefühl, deshalb stellt es auch nach sehr belastenden Schmerz- und Trauergefühlen eine wohlige Erleichterung ein. In diesem Zusammenhang werden auch die oftmals rätselhaften Orgasmusstörungen verständlich. Bei Angst und Unsicherheit – die Kontraktion bedeuten -, bei Stress und Anspannung mit (in den Muskeln!) aufgestauter Wut und zurückgehaltenem Schmerz kann sich die sexuelle Entladung kaum lustvoll ausdehnen, so dass auch das Orgasmusgefühl häufig kläglich bleibt oder gar nicht zustande kommt.“

(Hans-Joachim Maaz, Die Liebesfalle, S. 78)

Zu diesen beiden Funktionen – erfolgreiche Verhaltenskoordination zwischen Menschen und unmittelbare Erleichterung –  kommt nach meinen Erfahrungen noch eine dritte Funktion von offenen Gefühlsäußerungen hinzu: Offener Gefühlsausdruck erleichtert es uns ganz wesentlich, unsere eigenen Gefühle selber als Information über vorhandene eigenen Bedürfnisse wahnehmen zu können und dadurch sinnvolle Orientierung im eigenen Handeln zu gewinnen. Wer keinen Zugang zu seinen Gefühlen hat, handelt im Grunde ohne inneren Kompass. Er tappt blind und taub in seinem Leben herum. Es bleibt dann als Orientierung in der Welt nur noch die Orientierung an den Erwartungen anderer. Enfremdung von den eigenen Gefühlen ist die allerbeste psychologische Basis für Selbstversklavung, für einen lebenslänglichen Dienst am Anderen, also für von Anfang bis Ende völlig fremdbestimmtes Leben. Wer dagegen seine Gefühle offen äußern konnte und dafür nicht „gedeckelt“ wurde, behält lebenlang einen guten Zugang zu seinen Bedürfnissen. Über solche Menschen sagen wir dann: „Sie/er hat Charakter!“. Glücklicherweise kann ein verlorgegangener Gefühlszugang auch wieder freigelegt werden. Offene Gefühlsäußerungen und gute Freunde und andere Beziehungspartner, die „damit umgehen können“, sind dabei überaus hilfreich. – Aber das nur am Rande.

Ein politisches Problem

Nach meinem Empfinden hat der Zusammenhang zwischen einem gesunden Selbstbewusstsein, offenem Gefühlsausdruck und sozialen Reaktionen darauf vor allem auch eine politische Dimension:

Da es derart verbreitet ist, dass hier etwas im Argen liegt, hat es eine absurde Note, das Problem in einem Sinne zu „psychologisieren“, die dem Einzelnen die volle und alleinige Verantwortung zuschiebt, dafür zu sorgen, doch bitteschön seine Gefühle offen auszudrücken und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Das kommt der Privatisierung eines durchaus politischen Problems gleich, das nur gemeinschaftlich und institutionell gelöst werden kann, und eben gerade nicht durch die heroischen Anstrengungen einzelner, die sich sisyphosartig gegen Strukturen stemmen, die diese Probleme immer wieder neu erzeugen.

Wir verhalten uns als Gesellschaft zu diesen Problemen so, als handele es sich um seltene Einzelfälle, für die dann eben ein Therapeut oder Coach aufzusuchen sei, der den betreffenden Menschen dann wieder „aufzumöbeln“ habe – Und weiter geht’s!

Das könnte man als das Modell „Autoreparatur“ bezeichnen in Bezug auf fehlendes menschliches Selbstbewusstsein und fehlenden Gefühlsausdruck: „Da ist was kaputt, dann schicken wir’s halt zum Profi, der repariert das dann schon…“

Selbst wenn wir für einen Moment mal davon absehen, dass ein naives technisches Bild von der menschlichen Seele und von therapeutischen Vorgängen wahrscheinlich ziemlich daneben ist, müsste es uns eigentlich stutzig machen, dass das Problem gesellschaftlich so verbreitet ist, dass es als „der Normalfall“ betrachtet werden kann.

Die Tendenz, genuin politische Probleme zu privatisieren durchzieht unsere Gesellschaft derzeit insgesamt. Sie ist spürbar in unserer Präferenz für „Erziehung“ und „Bildung“. Sie zeigt sich in unserer Reaktion auf solche Probleme, die häufig in „moralische Appelle“ mündet, ungeachtet der Kosten, die das erwünschte Verhalten für den Einzelnen in seiner subjektiven Lebenswirklichkeit bedeutet. Wenn auf einer Strecke regelmäßig Staus entstehen, neigen wir dazu, große Reden darüber zu schwingen, dass es doch für alle besser sei, wenn alle mal etwas in sich gehen und dann etwas langsamer fahren würden, anstatt die Spielregeln zu ändern, so dass sich alle leicht entsprechend verhalten können. Wir führen also in solchen Situationen keine Geschwindigkeitsbegrenzungen ein, wir bauen keine neue Fahrbahnspur und wir suchen auch keine wirklich innovativen Lösungen, die ohne Appelle auskommen würden.

Der Grund unserer systematischen Politikvermeidung ist ebenfalls nicht sonderlich rätselhaft und kommt ganz ohne Schwarzen Peter oder Verschwörungstheorien aus: Wir leben derzeit in einer politisch hilflosen Gesellschaft. In einer Gesellschaft, die sich politisch selbst nicht zu helfen weiß, die keinen institutionellen Zugang zu Gesetzesänderungen und politischen Maßnahmen geschaffen hat und daher in einem Politik-Innovations-Stau ersäuft.

Weil wir in unserer Demokratie derzeit allein auf Wahlen von Parteien und Berufspolitikern setzen, für die aber viele notwendigen institutionellen Veränderungen viel zu riskant sind, erzeugen wir künstlich einen allgemeinen Problemstau, dessen Überdruck wir dann „ins Private“ abzuleiten versuchen: Der arme, überforderte Einzelne soll richten, was wir politisch verunmöglicht haben: Institutionelle Reformen, wenn sie erkennbar notwendig geworden sind.

Institutionalisiertes Mitbürgertum

Eine funktionierende Demokratie ist dagegen immer innovativ in ihren institutionellen Anpassungen: Sie hat solche Privatisierungen gesellschaftlicher Probleme gar nicht nötig. Sie kann auch sehr gut unterscheiden zwischen dem, was der Einzelne verantworten kann und was gemeinsam von allen verantwortet werden muss. Keineswegs lullt sie den einzelnen Bürger „mütterlich“ ein und nimmt ihm alle Entscheidungen ab. Ganz im Gegenteil: Sie bindet ihn ein, sie halst ihm Verantwortung für das Gemeinwesen auf, an dem ja schließlich – wie der Name schon sagt – faktisch alle beteiligt sind. Eine funktionierende Demokratie nimmt alle Bürger für voll und behandelt sie als das, was sie sind: Als Erwachsene, die mit entscheiden können und müssen.

Sollten wir wieder dahin kommen, neben der privaten Verantwortung für das eigene Leben auch die gemeinschaftlich getragene, politische Verantwortung für das Gemeinwesen institutionell anzuerkennen und mit politischem Leben zu füllen, so können wir fest damit rechnen, dass das auch Folgen für das Problem des absurd niedrigen Selbstbewusstseins der allermeisten Menschen in unserer Gesellschaft hat.

Nicht nur, dass die Einbindung in politisches Entscheiden und die Aufladung der Identität als „mündiger Bürger“ uns allen ein anderes Gefühl der Wertigkeit und Wichtigkeit gibt. Sondern wir werden auf diesem Wege sehr wahrscheinlich auch schnell dahin gelangen, diejenigen institutionellen Reformen zu beschließen, die in unserem Alltag den Bedarf „Arschbacken zusammenkneifen“, „auf die Zähne beißen“ und „Augen zu und immer immer weiter durch“ spürbar reduzieren dürften.

Die künstliche Anspannung, unter der unsere Gesellschaft steht, ist institutionell und politisch viel wirksamer und dauerhafter aufzulösen als durch „therapeutische Interventionen“ bei jedem Einzelnen von uns.

Es braucht tatsächlich so etwas wie eine „Selbsttherapie unserer Gesellschaft“. Und soweit ich es erkennen kann, liegen die Mittel dazu längst bereit. Die deliberative Demokratie ist, wenn sie fest institutionalisiert, regelmäßig durchgefüht und verfassungsmäßig verankert ist, eine permanente Auflösung politischen Innovationsstaus.

Eines Staus, der uns alle unter emotionalen Stress setzt, den alle Therapeuten und Coaches dieser Welt nicht „wegarbeiten“ oder „auflösen“ können. Wir können – wie Maaz schreibt – „nicht die ganze Welt auf die Couch legen“. Denn es wird gerne vergessen, v.a. von Therapeuten und Coaches selbst: Auch Therapeuten und Coaches sind nur Menschen. Und oftmals Menschen mit selbst überaus begrenzten emotionalen und empathischen Ressourcen.

Was wir stattdessen tun können: Wir können uns selbst wechselseitig weitaus bessere Zuhörer und Mitbürger werden als wir es derzeit sind. – Doch dazu braucht es eben andere politische Institutionen als diejenigen, an die wir uns derzeit gewöhnt haben. Dazu braucht es eine deliberative Demokratie, oder, wie manche sagen: Die feste Institutionalisierung einer „4. Gewalt: Der Konsultative“.

Hilfreich für die Motivation zu diesem technisch sehr leicht umsetzbaren politischen Schritt in Richtung einer noch demokratischeren Gesellschaft könnte es sein, wenn wir anerkennen, dass der Raum des Politischen ein Raum ist, in dem emotionale Resonanz eine fundamentale Rolle spielt.

Oder anders gesagt: Dass die Gefühle der Bürger durchaus Sache der Politik sind und in der Politik sehr viel zu suchen haben. Und dass ein vormodernes Konzept der menschlichen Psyche, das Gefühlsunterdrückung idealisiert und glaubt in einer Art politischem Stoizismus Ordnung, Wohlstand und Befriedigung finden zu können, schlicht ein naives Bild der menschlichen Natur und der zwischenmenschlichen Interaktionen zeichnet. Emotionale Resonanz ist für uns Menschen zu wichtig, als dass es eine gute Idee sein könnte, sie systematisch auszublenden. Auch und gerade in unserer Politik.

Ich glaube, dass es unserer Demokratie – und damit uns allen – sehr gut tun würde, wenn wir uns von diesem vormodernen Bild unserer menschlichen Verfassung allmählich lösen und die menschlichen Realitäten institutionell anerkennen.

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