Emotionserhaltungssatz: Nichts geht verloren im Zwischenmenschlichen, alles ist geborgen

Ihr kennt ja alle diese komischen Weisheitslehren, nach denen Ego, Persönlichkeit und Individuation Illusionen sind.

Nehmen wir das mal für einen Moment ganz handfest und praktisch:

Ich z.B. habe jahrelang daran gearbeitet, Menschen beim Thema Arbeitssuche zu helfen, ihnen (weitere) gute Erfahrungen mit Arbeit, Unternehmen und sich selbst zu ermöglichen, und ihnen (weitere) ungute Erfahrungen mit Arbeit, Unternehmen und sich selbst zu ersparen.

Wenn wir dabei kurz den eher spirituell-metaphysischen Aspekt beiseite lassen, „dass sich die menschliche Seele nach Erfahrungen sehnt“, dann könnte man diese Arbeit naiverweise so auffassen, als ginge es bei ihr darum, alle meine Kunden „guten Unternehmen“ zuzuführen.

Doch was wäre damit gewonnen?

Jeder Kunde, den ich dazu bewegen kann, sich systematisch auf die Suche nach „guten Unternehmen“ zu machen, und der dadurch nicht in einem jener Läden landet, die ich „Zitronenpressen“ nenne (frische Zitronen vom Markt holen, auspressen, wegwerfen, sich neue frische Zitronen vom Markt holen), macht damit nur eine „Stelle“ frei für einen anderen armen Menschen, der an seiner Stelle in einem jener Läden anheuert.

Es ist vom Prinzip her eine ähnliche Absurdität wie die, die der ganzen „Arbeitsförderung“ und „Bewerbungstrainings“ anhaftet: Nur weil man Heerscharen von einzelnen Menschen individuell trainiert, entstehen deswegen noch lange nicht mehr Jobs.

Und selbst wenn man eben auf „Beziehungsqualität“ achtet, also nicht nur um „Arbeit haben oder Arbeit nicht haben“, sondern auf die Stiftung „guter Arbeitsehen“, werden dadurch ja nicht die guten Unternehmen mehr und die schlechten Unternehmen weniger.

Nur das Ego des Bewerbungscoachs wird befriedigt: Seine Kunden landen eher bei „den Guten“. Dafür landen die Kunden anderer – durch die genau gleiche Arbeit – eher bei den Zitronenpressen, den Hire&Fire-Burnout-Unternehmen. Weil jeder der eigenen Kunden eben „den Platz frei macht“ für all jene, die weiterhin ermutigt werden, sich einen Job zu suchen, egal wie er für sie ist, Hauptsache irgendeinen. Weil ja alles besser ist – angeblich! – als Arbeitslosigkeit.

In sozialen Systemen geht keine Erfahrung verloren. Und mit „Erfahrung“ meine ich: Ereignisse, Vorgänge, die in Menschen Gefühle auslösen. – Man könnte also auch sagen: In sozialen Systemen geht kein Gefühl verloren, das jemals von irgendeinem von uns empfunden wurde.

Wir kennen das aus Teams: Du wirfst einen Menschen aus dem Team; vermeintlich den, der für die negative Teamdynamik verantwortlich ist. Also „den Schuldigen“. Und schwups: Wandert das Problem zu jemandem anderen. Oder von Wahlen: Du wählst jemand anderen. Und schwups: Macht der genau das Gleiche wie jener, den man „abgewählt“ hat. Personen scheinen in emotionaler Hinsicht sehr weitgehend austauschbar zu sein. Emotionen suchen sich „ihre Träger“. Und finden sie immer. Wenn nicht in Dir, dann in mir. Wenn nicht in mir, dann in jemand anderem…

Man könnte geradezu einen „Emotionserhaltungssatz“ für soziale Systeme postulieren.

Und doch gibt es erkennbare „Fortschritte“ und „Rückschritte“, was das Zwischenmenschliche angeht: Bessere Umgangsformen miteinander und schlechtere Umgangsformen miteinander. Positive Sozialdynamiken zwischen uns und negative Sozialdynamiken zwischen uns. Dinge, die im Miteinander besser werden, und Dinge, die im Miteinander schlechter werden.

– Wie ist das möglich, wenn doch jede Emotion und jede Erfahrung, gute wie schlechte, in unseren sozialen Systemen gespeichert und geborgen ist?

„Naiv“ ist wohl nur unsere pauschale Rede von „guten Unternehmen“ oder „schlechten Unternehmen“. Was gut oder schlecht ist im Zwischenmenschlichen liegt eben nicht in diesem oder jenem Individuum (egal ob Mensch oder Unternehmen), sondern im zwischen.

In einer Beziehung zu einem andern, in der der eine von uns die Hölle auf Erden erlebt, erlebt der andere seine Berufung, eine geeignete Herausforderung oder eben eine „Erfahrung“, die ihn vielleicht zunächst überfordert, aber auch weiterbringt für eine nächste, andere Beziehung, die er nur aufgrund dieser Erfahrung „positiver gestalten“ kann.

Die in sozialen Systemen gespeicherten Emotionen warten im Grunde auf die Menschen, die mit ihnen umgehen können. Und dabei ist die Individualität hilfreich: Was der eine kann, kann der andere nicht; und umgekehrt. Positive Dynamiken entstehen, „wenn die richtigen Menschen zusammenkommen“, negative Dynamiken entstehen zwischen uns, „wenn die falschen Menschen zusammenkommen“. – Über die entscheidende Bedeutung von Rahmenbedingungen des Zusammenkommens für die Qualität der Beziehungsdynamiken zwischen uns Menschen schweigen wir uns an dieser Stelle mal aus.

Was „richtig“ und was „falsch“ ist in Beziehungen, ist so individuell, dass Prognosen beinahe unmöglich sind: Es ist ein ständiges Ausprobieren, nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“, wobei sich auch noch ständig verändert, was „Irrtum“ und was „gerade genau richtig“ ist. Das Geschehen zwischen uns ist so dynamisch, dass man noch nicht einmal verlässliche Schlüsse „für alle Zeit“ ziehen kann. Man ist noch nicht einmal „hinterher schlauer“, höchstens „um eine Erfahrung reicher“, die idealerweise eine „in dieser Form neue Erfahrung“ ist. – Soziale Erfahrungen sind folgen also einem sehr anderen Prinzip als die Naturwissenschaften, die von wiederholbaren Versuchsaufbauten leben und die daher ewige Wahrheiten finden können, die für alle Zeit gültig sind. Die Erkenntnisgewinne im Raum des Zwischenmenschlichen sind von völlig anderer Art.

Für den Raum des Sozialen, Zwischenmenschlichen, für unser ständiges Miteinander-Experimentieren gilt:

Die negativen Emotionen in uns sind wie sie sind.

Die positiven Emotionen in uns sind wie sie sind.

Die negativen Emotionen da draußen sind wie sie sind.

Die positiven Emotionen da draußen sind wie sie sind.

Aber sie warten auf uns als denjenigen, die möglicherweise richtig für sie sind. Denn es ist durchaus möglich, negative Emotionen aufzulösen und dauerhaft zu befrieden (wenn es passt). Und es ist durchaus möglich, positive Emotionen hervorzurufen und spielerisch zu werden (wenn es passt).

Wir suchen diejenigen Beziehungen, denen wir gewachsen sind. Und wir suchen diejenigen Beziehungen, die uns gewachsen sind. – Verzweifelt sind wir, wenn wir sie gerade nicht finden können. Hoffnungslos, wenn wir den Glauben aufgeben, dass es sie gibt.

Das alles ist viel gewöhnlicher und verbreiteter als es möglicherweise klingt. Es sind alltägliche Erfahrungen, die jeder von uns täglich macht.

Beziehungen verändern sich, haben Anfang und Ende, wir finden jenes „emotional passende“ nicht in einer bestimmten Person für alle Zeit, sondern in einer bestimmten Konstellation, in denen unsere spezifischen emotionalen Ladungen „geborgen“ sind. Und in denen wir emotionale Ladungen anderer gut auffangen und spiegeln können.

Wir sind, kurz gesagt, emotionale Resonanzkörper füreinander. Und dabei gibt es Harmonien und Disharmonien, die sich ständig verändern. Unsere Gefühle springen vom einen zum anderen, drücken sich hinterrücks oder direkt aus, beim richtigen oder beim falschen, mal rein körperlich, mal verbal, mal in Handeln, mal in Nichthandeln.

Unsere Gefühle gehören nicht „uns“. Sie gehören „der Gesellschaft“, an der wir partizipieren. Wir sind jeweils nur ihre momentanen Träger. Oder wir könnten stattdessen sagen: Unsere Gefühle gehören nicht uns, sondern der jeweiligen sozialen Situation, an der wir Anteil nehmen. Oder wir könnten sagen: Sie gehören sehr wohl uns. Aber keinem von uns allein. Sondern uns allen gemeinsam. Es gibt eine „Allmende“ der Emotionen.

Die Zuordnung von Gefühlen auf Personen ist ein all zu billiger Ausweg, mit dem wir uns selbst etwas vormachen und das fundamentale emotionale Kontinuum ausblenden, in das wir als Menschen immer schon eingebettet sind. Diese Illusion lässt uns glauben, dass wir Probleme dauerhaft lösen könnten, indem wir bestimmten Menschen aus dem Weg gehen oder sie bekämpfen. Doch schon hinter der nächsten Ecke warten schon wieder andere menschliche Spiegel genau jener Gefühle auf uns, deren Träger wir gerade sind. „Unsaubere“ Spiegel: Denn auch diese Spiegel sind selbst Träger gespeicherter Gefühle. Und das sorgt für immer neue, spannende Konstellationen, die befriedigender oder weniger befriedigend sein können. Es gibt für uns Menschen kein Entkommen aus der eigenen Einbettung in die allgemeine emotionale Verbundenheit. Glücklicherweise!

„Dein“ und „Mein“ bilden sich nicht gegen diese allgemeine emotionale Verbundenheit heraus. Sondern durch sie hindurch. Gefühle sind neben dem, dass sie das Medium der Geborgenheit stellen, zugleich auch das Medium menschlicher Individuation. Das übersehen wir heute gerne, und manchmal verleugnen wir das auch offensiv. Das ändert aber nichts daran, dass „an unseren Gefühlen vorbei“ kein Land zu gewinnen ist. Allenfalls Aufschub. Und meist ist das dann ein Aufschub, den man später bereut. „Lösungen“ liegen für uns nur in der Anerkennung und passenden Spiegelung vorhandener Gefühle, egal, ob es „unsere eigenen“ Gefühle oder die Gefühle „anderer Menschen“ sind.

Der praktische Gegenwert der Annahme, dass „alles Ego nur Schein ist“, besteht darin, mit Gefühlen zu experimentieren und zu spielen. Achtungsvoll in dem Sinne, dass wir mit unserer Wahrnehmung stets bei dem bleiben, was in emotionaler Hinsicht gerade jeweils geschieht.

Menschliche Gefühle sind die Welt für uns. Und es spielt keine wirkliche Rolle, ob es unsere eigenen oder die Gefühle anderer Menschen sind. Denn wir sind eben nur „Durchgangsstationen“ für Gefühlszustände. Allerdings manchmal bessere und manchmal schlechtere Durchgangsstationen. Wie wir in unseren Beziehungen zu anderen Menschen auf vorhandene Gefühle reagieren, zeigt uns, welcher Erfahrung wir derzeit besser aus dem Weg gehen und welche Erfahrungen wir gerade suchen sollten. Darauf kann man achten.

Advertisements

Schulen der Freiheit

Was ist Freiheit für uns?

Wir sind körperliche Wesen. Und das heißt auch: Wir werden immer Bedürfnisse aller Art haben und entwickeln. Wenn wir nicht sagen wollen: „der Mensch an sich ist immer unfrei, denn er ist immer ein von Bedürfnissen Getriebener“, dann wird unser Freiheitsbegriff einen Bedürfnisbezug haben.

In der Tat erleben wir uns im Alltag mal als „freier“ und mal als „unfreier“. Doch woran liegt das?

Nach meinen Eindrücken macht den entscheidenden Unterschied für uns nicht, ob wir gerade bedürftig sind oder nicht (denn wir sind so gut wie in jedem Augenblick in irgendeiner Hinsicht bedürftig), sondern wie unsere mitmenschliche Umwelt mit unserer Bedürftigkeit umgeht. – Und wie in der Folge auch wir selbst lernen, mit unserer Bedürftigkeit umzugehen.

Ich neige dazu, dass klassisch-antike Freiheitsverständnis geradewegs umzukehren: Unfrei fühlen wir uns, wenn unsere Bedürfnisnatur verachtet, ignoriert oder verleugnet wird. Wenn wir uns anfangen müssen zu verstellen, um uns von unseren Mitmenschen akzeptiert fühlen zu können. Wenn wir uns von unseren Bedürfnissen und ihren Äußerungen: unserem Gefühlsausdruck innerlich wie äußerlich distanzieren müssen, „um dazu zu gehören“.

Nicht der Mensch ist frei, der sich von seinen Gefühlen und Bedürfnissen frei machen kann, sondern der, der keinerlei Impuls zur Selbstverleugnung verspürt, der mit dem gehen kann, „was ist“, der zu „sich“ stehen kann und der zu authentischer Selbstwahrnehmung und authentischem Selbstausdruck in der Lage ist. Zu einem „Handeln aus dem eigenen Sein heraus“.

Es ist also die Aufwertung oder Abwertung unserer Bedürfnisnatur, die menschliche Freiheit oder menschliche Unfreiheit konstituiert.

Wer maximale Unfreiheit in einem einzelnen Menschen oder in einer ganzen Gesellschaft von Menschen herstellen möchte, muss dafür nichts anderes tun, als Gefühlsäußerungen und vorhandene Bedürfnisse ständig verbal abzuwerten und die offene Bezugnahme auf menschliche Bedürfnisse und Gefühle drastisch zu sanktionieren.

Schon nach kurzer Zeit kommt es dann zu den üblichen Abspaltungs-/Dissoziationsvorgängen, mit denen wir als Menschen anfangen zu verleugnen, was in uns ist und was mit uns ist. Erst gegenüber anderen. Und dann, nur kurz darauf, auch uns selbst gegenüber. Wir verlieren den Kontakt zu uns.

Unsere Bedürfnisse und Impulse zu Gefühlsäußerungen verschwinden darüber nicht. Sie „gehen in den Untergrund“. Es entsteht eine Scheinpersönlichkeit an der Oberfläche, die das eigentliche Sein des Menschen nicht anerkennen und in sich integrieren kann. – Bedürfnisbefriedigung wird dann heimlich, über Umwege und Ersatzhandlungen gesucht.

Das ist der unfreie und unbefriedigte Zustand des Menschen, der sozial systematisch hergestellt werden kann.

In diesem Sinne sind viele unserer sozialen Systeme auch heute noch „Schulen der Unfreiheit“: Wir lernen, uns von uns abzuspalten und fremden Interessen zu dienen, in denen wir uns nicht wiederfinden. Dass diese Interessen anderer Menschen ebenfalls oft Ergebnis von Abspaltungsprozessen, also selbst uneigentlich und unauthentisch sind, ist dabei zentral für die Herstellung unserer Unfreiheit.

Denn wir können uns in unmittelbar geäußerten Bedürfnissen anderer Menschen sehr wohl wiederfinden, ohne dadurch selber unfrei zu werden. Wir können darüber auch unsere eigene Bedürftigkeit in einer positiven Bewertung wiederentdecken. Wir können durch andere Menschen, die freier handeln und sprechen als wir selbst, inspiriert werden (um nicht zu sagen: wiederbelebt werden). Wir können durch empathische Reaktion von Menschen, die mit sich selbst gut verbunden sind, eigene Gefühle und Bedürfnisse besser wahrnehmen und ausdrücken. Andere Menschen können für uns eine „Quelle der Freiheit“ sein.

Mit menschlichen Bedürfnissen gut verbunden zu sein, macht uns frei. Und dabei spielt es nur eine nebensächliche Rolle, ob es nun gerade Dein oder mein Bedürfnis ist, um dass es sich handelt, wenn die allgemeine Kultur, in der wir uns beide bewegen, eine Kultur der Freiheit ist: Wenn es allgemein sozial akzeptiert ist, dass Bedürfnisse natürlich und wichtig sind. Dass vorhandene Bedürfnisse ein legitimer Handlungsgrund aus sich selbst heraus sind, wenn nicht die Legitimation von Handeln überhaupt. Dass „Mensch A braucht X“ die Letztbegründung alles menschlichen Handelns ist, über die hinaus es keine Begründung geben kann und über die hinaus auch gar keine weitere Begründung versucht werden sollte.

Verstehen wir Freiheit auf diese Weise, so wird auch klarer, wie unsere sozialen Systeme beschaffen sein müssen, um „Schulen der Freiheit“ werden zu können:

Sie müssen ihre eigenen Handlungsgründe durch direkte Bezugnahme auf vorhandene menschliche Bedürfnisse gewinnen. Schulen der Freiheit werden unsere Familien, Schulen, Universitäten, Unternehmen, staatlichen und halbstaatlichen Institutionen, wenn Sie die Kommunikation, aus der sie bestehen, klar und direkt auf bestimmte Bedürfnissen bestimmter Menschen fokussieren.

Um das zu können, müssen diese Institutionen „Gefühlskommunikation“ zulassen können. Denn weil sich Bedürfnisse über Gefühle äußern, müssen soziale Systeme, die Gefühlsäußerungen abwerten (z.B. als „unprofessionell“ oder „nicht zur Sache gehörig“), blind werden dafür, ob sie die Zwecke, zu denen sie existieren, überhaupt erfüllen. Sie laufen dann leer bzw. täuschen die Erfüllung von menschlichen Bedürfnissen nur vor. Das eigentliche Kriterium für die Erfülltheit/Unerfülltheit menschlicher Bedürfnisse in und durch diese Institutionen sind dann durch diese Institutionen selbst sozusagen „ausgeschaltet“:

Die sozialen Systeme setzen sich dann selbst als (von Menschen dann als sinnlos erlebten) Zweck. Sie werden unreformierbar – Zumindest nicht auf sinnvolle Weise, weil es dann gar kein Kriterium mehr gibt, an der sich eine Reform orientieren könnte. Unsere Zufriedenheit oder Unzufriedenheit ist das „Außen“ zu gesellschaftlichen Institutionen, an denen diese sich in ihrer inneren Form orientieren können. Aber eben nicht müssen. Die regelmäßige Einspeisung menschlicher Gefühle „ins System“ ist das, was eine reformfähige Institution von einer leerlaufenden, sich zum Selbstzweck machenden Institution unterscheidet. Chaotische soziale Systeme ignorieren, bagatellisieren und diffamieren die Gefühle der Menschen (Kunden, Mitarbeiter, Nachbarn, etc.), die mit ihnen in Berührung kommen. Wohlgeordnete soziale Systeme nehmen offensiv Bezug auf vorhandene menschliche Gefühle und sorgen dafür, dass sie authentisch zum Ausdruck kommen – und damit auch systematisch genutzt werden können.

Herrscht Konsens darüber, dass menschliche Gefühle und Bedürfnisse unerheblich sind, so herrscht bald allgemeine Entfremdung und Sinnlosigkeit („Bürokratismus“, „Willkürherrschaft“, „Chaos“, „Beliebigkeit“) und damit ebenso bald allgemeine Unfreiheit.

Wir finden die Freiheit nicht in einer Abstandnahme vom Menschlich-Allzumenschlichen. Sondern in einer gezielten Hinwendung dazu.

Geschieht dies gemeinschaftlich, institutionell, innerhalb von sozialen Systemen, die diese Zuwendung unterstützen, so haben wir „Schulen der Freiheit“ vor uns.

 

 

Wenn es um Menschen geht, führt uns „ein Teil für das Ganze“ direkt in zwischenmenschliche Höllen

Wir scheinen große Probleme damit zu haben, die Bedürftigkeit und Stärke von Menschen gleichzeitig wahrzunehmen: Zeigt sich ein Mensch uns einmal bedürftig, so schließen wir schnell darauf, dass er immer und in jeder Hinsicht bedürftig ist. Und zeigt sich ein Mensch uns einmal stark und belastbar, so schließen wir schnell darauf, dass er immer und in jeder Hinsicht stark ist.

Wir vereindeutigen die natürliche menschliche Ambivalenz und Vielschichtigkeit und Situationsgebundenheit von uns Menschen also gerne. Das gilt sowohl für andere Menschen als auch für uns selbst.

Die Konsequenz dieses unseren Hangs zur Auflösung sozialer Ambivalenzen sind Statusfixierungen, die das natürliche Spiel mit Status auflösen und blockieren.

Für diese Blockade nutzen wir eine Denkfigur, die in der Rhetorik „pars pro toto“ heißt: Ein Teil wird für das Ganze genommen. „Dach“ für „Haus“. „Berlin“ für „Deutschland“, usw.

Bezieht sich pars pro toto jedoch auf die Ressourcenfülle und Bedürftigkeit von Menschen, führt uns dieses Denken direkt in zwischenmenschliche Höllen. Wir überfordern dann die, die wir fixiert als „Starke“ gebrandmarkt haben, und wir unterfordern die, die wir mit unseren gedanklichen Schubladen auf Bedürftigkeit und Hilflosigkeit fixieren.

Dennoch wenden wir dieses Denken nur all zu gerne an:

Wenn es um Führende und Geführte geht.

Wenn es um Gesunde und Kranke geht.

Wenn es Herrschende und Beherrschte geht.

Generell: Wenn es darum geht, dass sich irgendwelche Menschen um irgendwelche andere Menschen „kümmern“ sollen.

Und  natürlich auch: Wenn es um Politiker und Bürger geht.

In all diesen Verhältnissen denken wir uns „die Starken“ viel stärker als sie sind. Und „die Bedürftigen“ viel hilfloser als sie sind.

Dennoch kommen wir in Großgesellschaften nicht ohne das Prinzip aus, dass „ein Teil für das Ganze“ sprechen muss. Wir können einfach nicht über 70 Millionen Menschen auf einem Platz versammeln und dann sinnvolle Austausch- und Beratungsprozesse zwischen ihnen organisieren. Von Parlamenten mit über 7 Milliarden Menschen ganz zu schweigen.

Nehmen wir aber das Prinzip ernst, nachdem die Kraft Einzelner niemals zu überschätzen ist und die Bedürftigkeit Einzelner genausowenig, dann werden wir die Auswahl anders organisieren als sich das aristokratische Gesellschaften immer vorgestellt haben.

Wir werden „pars pro toto“ politisch anders mit Leben füllen als durch das Prinzip, dass wir „die Stärksten“ auswählen und ihnen den ganzen politischen Mist auf ihre schmalen Schultern aufbürden. Und wir werden die vermeintlich ach so ahnungslos-schwach-inkompetenten unter uns nicht von ihren natürlichen politischen Pflichten entlasten.

Wenn im Bereich des Zwischenmenschlichen ein Teil nicht für das Ganze sprechen kann, und zwar prinzipiell nicht, dann werden wir für eine beständige gute Durchmischung der „sprechenden Teile“ einer Gesellschaft sorgen, damit die ganze Wahrheit der Gesellschaft auf den Tisch kommt und für uns alle gut zu hören ist.

Die Demokratie ist jene menschliche Klugheit, die die Bedürftigkeit und Stärke aller Menschen gleichzeitig in den Blick nimmt und diesen realistischeren Blick auf uns als Menschen institutionalisiert. Mit der Demokratie als Verfassung helfen wir uns selbst, die Stärke und Bedürftigkeit der Menschen unserer Gesellschaft nicht zu überschätzen und nicht zu unterschätzen. Und damit: Auch nicht unsere eigene.

 

Krisen anzetteln als nützliche Methode

Im psychiatrischen und therapeutischen Umfeld ist es bereits seit Jahrzehnten gut bekannt: Das Phänomen der „nützlichen Krise“ bzw. des „sekundären Krankheitsgewinns“. Es hat sich im Grunde zeitgleich mit dem Ausbau eines Systems der psychischen Gesundheitsversorgung ausgebreitet. Die Grundmechanismen dürften aber bereits vorher existiert haben, sind wohl menschlich universell und daher in allen Sozialsystemen anzutreffen.

Krisen können viele nützliche Aspekte für den haben, der die Krise anzettelt. Nicht an letzter Stelle dieses Krisennutzens stehen v.a. zwei: 1) Die Vereinfachung und Vereindeutung sozialer Konstellationen, die ansonsten „komplex“, „ambivalent“ und „verwirrend“ bleiben und sonst zu ihrem Umgang viel Aufmerksamkeit und zeitaufwändigen Umgang bräuchten. Durch die Krise ist klar, wer das Problem hat und wer es zu lösen hat. „Gesundheit“ und „Krankheit“ sind in wunderbarer, aber auch etwas lebensferner Eindeutigkeit verteilt.

Und zum anderen 2) Die Sicherung von liebevoller oder gar nicht so liebevoller, aber in jedem Fall von Aufmerksamkeit für die eigene Person. Also etwas, das in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit DIE knappe Ressource überhaupt ist, immer hoch attraktiv ist. So steht der Gesundung von so manchem chronisch Kranken vor allem der drohende Liebesentzug im Weg, der sich leider automatisch einstellt, sobald die Krankheit als „geheilt“ gilt.

Was im kleinen, persönlichen Kreis gilt, scheint mittlerweile auch die Gesellschaft als Ganze und damit das Feld der Politik erfasst zu haben: Krisen sind nützlich und organisieren das Soziale. Wer „seine“ Krise möglichst dramatisch inszeniert und ins öffentliche Licht rückt, bekommt die meiste öffentliche Aufmerksamkeit. Der Wettlauf darum, die schönsten Krisen anzuzetteln, hat also längst begonnen. Und manche stellen sich dabei natürlich etwas geschickter an als andere.

Auch dieser Mechanismus ist keineswegs neu. Schon lange müssen sich die Grünen heimlich wünschen, dass es irgendwo ein AKW katastrophal zerlegt, die CDU, dass irgendwelche Ereignisse Ängste vor Werteverfall triggern, die LINKE (und früher die SPD), dass irgendwo ein großes Werk öffentlichkeitswirksam abgebaut wird und die FDP, dass irgendeine Behörde auf skandalisierbare Weise „Steuergelder verschwendet“. Dass nun mit der AfD eine Partei hinzugekommen ist, die sich über jeden einzelnen nach Deutschland migrierten Menschen freuen kann, der ein Kapitalverbrechen begeht, ist also nur Teil eines allgemeinen politischen Musters, nachdem der Retter die Katastrophe braucht, um ein vermeintlich gebrauchter Retter sein zu können.

Die Alternative zu so einem Täter-Opfer-Retter-System liegt eigentlich auf der Hand und unterscheidet sich im politischen, öffentlichen Bereich kaum von dem, was im privaten, kleineren Bereich nützlich ist, um Täter-Opfer-Retter-Kreisläufe aufzulösen:

Man hält für alle beteiligten Menschen stets genügend Aufmerksamkeit bereit, so dass Kriseninszenierungen unnotwendig werden, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der „Krisengewinn-Effekt“ fällt weg, wenn Aufmerksamkeit der Normalfall wird und nicht mehr der Ausnahmefall bleibt.

In kleinen, überschaubaren Sozialsystemen bedeutet das, dass man den Effizienz- und Termindruck etwas zurückschraubt, so dass man „einfach Zeit füreinander hat“, wo sie eben gerade benötigt wird. Egal von wem sie gerade benötigt wird. Auf Zuruf. Und man kann dem auf „natürliche Weise“ nachkommen, weil der eigene Kalender nicht übervoll ist und die To-Do-Listen nicht ständig überquellen. Immerhin sind wir Menschen „hypersoziale Wesen“, die dem Ruf des „Gebraucht-Werdens“ liebend gerne nachkommen, wenn wir nicht grade selbst unter akutem oder chronischem Stress stehen.

In halb-anonymen Großgesellschaften braucht es dagegen institutionelle Lösungen für die allgemeine Bereithaltung von Aufmerksamkeit für alle, die einen Wettbewerb um die bessere Kriseninszenierung erübrigt. Institutionen und politische Verfahren, die Aufmerksamkeit als allgemein bereitgehaltene Ressource zirkulieren lassen und nicht auf einige wenige Personen und einige wenige Themen konzentrieren, so dass sie alle zwingt, sich selbst zur Krise zu machen, um „auch etwas Aufmerksamkeit zu bekommen“.

Denn die Krise hat zwar hohes Potential der Aufmerksamkeitsgenerierung. Und ist daher durchaus immer eine menschliche Versuchung. Nur leider lenkt sie die Aufmerksamkeit hinsichtlich ihrer Lösung so gut wie immer in unproduktive Kanäle. Meist in solche, die die Krise künstlich auf Dauer stellen, anstatt das zu tun, was die Krise eigentlich soll: Ganz gewöhnliche zwischenmenschliche Zuwendung hervorzurufen.

Eine Gesellschaft, die klug genug ist, Krisen überflüssig zu machen, um Aufmerksamkeit zu ermöglichen, ist zugleich auch eine Gesellschaft, die sich selbst allgemein politisiert. Regelmäßig und mit Vorsatz. Und eben nicht als krisenhafte Ausnahme.

In einem entspannten System fragen wir uns: „Okay, was ist los? Erzähl mal, worum es Dir eigentlich geht?“ – Wir fragen das in Ruhe. Wir fragen das sachlich. Wir fragen das mit einer Offenheit für die Erfahrungen des anderen. Und wir fragen uns das wechselseitig.

Nach meinen Eindrücken ist dieser Zustand „der Natürliche für den Menschen“.

Und die ständige künstliche Inszenierung von Krisen und Drama zum Zweck des Aufmerksamkeitgewinns etwas, das uns Menschen krank und verrückt macht.

 

 

 

Sich zum Bürger machen

Man könnte heute ja meinen, „sich zum Bürger machen“ hätte eine gewisse innere Verwandtschaft mich „sich zum Affen machen“. Und vielleicht hat das ja sogar einen wahren Aspekt.

Ich für mich habe in den letzten 2 Jahren gelernt, „sich zum Bürger machen“ etwas anders zu verstehen:

Zunächst handelt es sich um etwas, das man eben gerade nicht individuell beschließen und aus privater Aktivität vorantreiben kann, sondern nur gemeinschaftlich. Und das auch nicht nur „mit irgendeiner Gemeinschaft“, also mit einer beliebigen Gruppe von „Gleichgesinnten“, mit denen man sich zusammentut, eben weil man gleichgesonnen ist. Der Bürgerschaftliche Zusammenschluss ist kein Zusammenschluss von Ähnlichen, sondern von Unterschiedlichen.

Die Gemeinschaft der Bürger ist ein Zusammenschluss, der die Multiperspektivität von uns Menschen maximal schätzt und der es vorsätzlich forciert, dass sich alle aktiv einbringen und zu Gehör bringen, weil das gemeinsame Zusammenleben es zwingend erfordert, dass die Perspektiven und Lebenssituationen aller gleichrangig einfließen und gehört werden können. Der bürgerschaftlich-politische Zusammenschluss ist daher eine Gemeinschaftsbildung, die ganz und gar einzigartig ist und die sich von allen anderen menschlichen Zusammenschlüssen prinzipiell unterscheidet.

Parteibildung und Bildung zum Bürger verstehe ich als einander ausschließende Vorgänge. Parteien beruhen auf Ähnlichkeit. Bürgertum beruht auf Unterschiedlichkeit.

Für mich ist die Haltung des Bürgers diejenige, die beschließt, sich mit allen Menschen des eigenen Gemeinwesens zusammenzutun, ganz unabhängig von deren Gesinnung. Und die sich auf die Transformation einlässt, die dieser Beschluss unweigerlich für einen zufolge hat, wenn man ihn gemeinsam in die Tat umsetzt.

Bürger müssen Bürgern begegnen können, ungeachtet ihrer privatweltlichen Hintergründe, um Bürger werden und sein zu können.

Daher sind für mich geloste Bürgerräte, Bürgergutachten, Bürgerkonvente, Zukunftsräte der Ort, die Institution und das Verfahren, über die vermittelt wir uns überhaupt erst „zu Bürgern machen“. Und zwar wechselseitig. Kein anderer und nichts anderes kann uns zu Bürgern machen. Niemand kann uns den Bürgerstatus „verleihen“ und auch wir selbst können nicht plötzlich aus einer individuellen Haltung oder Laune beschließen, Bürger zu sein.

Die Transformation in einen Bürger ist ein Prozess, der Begegnung, Beratung und gemeinsame Beschlüsse aus der bürgerschaftlichen Präsenz heraus benötigt, um sich vollziehen zu können. „Bürgerliche Gegenwärtigkeit“ hat der Althistoriker Christian Meier das mal mit Blick auf die attische Demokratie genannt. Im rein virtuell und medial vermittelten Raum bleiben wir immer nur Privatpersonen mit privaten Meinungen. Wir können dort niemals Bürger sein und niemals Bürger werden. Denn die Prozesse, in denen wir uns zu Bürger machen brauchen unsere gemeinschaftliche Präsenz. Ohne geht es nicht.

Ohne aktive politische Beteiligung aller erlangt keiner von uns den Bürgerstatus. Dann kann es für uns in der Politik nur um etwas gehen, das eigentlich unpolitisch ist: Um Herrschaft. Also darum, wer wen beherrscht. Bürger beherrschen einander nicht. Sie begegnen und beraten sich. Sie erkennen ihre prinzipielle Gleichrangigkeit und Gleichwichtigkeit wechselseitig an. Herrschaft und Politik, Herrschaft und Demokratie, Herrschaft und Bürgertum schließen einander aus.

In den Prozessen, in denen wir uns selbst zu Bürgern machen, spüren wir unmittelbar, was das bedeutet. Erst dort kommt die Wahrheit des Politischen, die Wahrheit der Demokratie zur Geltung.

Bürgerkonvente als Orte der Kultivierung zwischenmenschlicher Empathie

Bürgerkonvente sorgen nicht nur dafür, dass wir politische Entscheidungen in einem informierteren Zustand treffen als uns dies bei Volksabstimmungen oder anderen Wahlen möglich ist, sie sorgen vor allem dafür, dass wir unsere politischen Entscheidungen in einem empathischeren Zustand treffen.

Man kann das möglicherweise noch einmal eigens betonen. Ist man sich völlig im Klaren darüber, dass wir Menschen „hypersoziale Lebewesen“ sind, wie der Emotions- und Stressforscher Ad Vingerhoets in seinem Ted Talk betont, so wird auch deutlich, dass eine so große und differenzierte Gesellschaft wie die unsere einen erhöhten Empathiebedarf hat – Und damit auch an Orten regelmäßiger politischer Zusammenkunft:

Es macht einen großen Unterschied, ob wir politische Gespräche in einem Zustand der Zugewandtheit führen oder im Modus verbaler oder ritueller Kriegsführungen gegeneinander.

Traditionell wurde Politik immer als Antithese zu einem feindschaftlichen und kriegerischen Verhältnis zwischen uns Menschen gesehen: Politik als Institution, die wir uns selbst schaffen, um uns anders als feindselig begegnen zu können und stattdessen unsere natürlich angelegten Fähigkeiten zur empathischen Verbindung zum Einsatz zu bringen und zu kultivieren.

Wir scheinen diese ursprüngliche Wurzel und diesen ursprünglichen Zweck von Politik heute zwischenzeitlich vergessen oder in den Hintergrund gedrängt zu haben. Denn unsere sogenannten „politischen“ Institutionen gleichen eben mehr rituellem Lagerdenken und symbolischer Kriegsführung, mit „Sieg und Niederlage“, „Strategien“ und „Durchsetzung“. Alles Qualitäten, die der Politik eigentlich fremd sein sollten, weil sie Zugewandtheit, Zuhören und Kultivieren wechselseitiger Empathie zwischen den Bürgern systematisch blockieren und erschweren.

Bürgerkonvente sind daher aus meiner Sicht ein überaus vielversprechendes Element einer Demokratie, die sich auf die friedliebende Wurzel von Politik zurückbesinnen möchte. Und das vor allem dann, wenn sie wirklich alle Bürger aktiv einschließt, wie es möglich wird, wenn wir diese Bürgerkonvente wirklich repräsentativ gestalten, das heißt, wenn wir das Losverfahren einsetzen, um zu bestimmen, wer genau dort gerade zusammenkommt.

Emotionalität in der Politik hat einen schlechten Ruf, weil wir die negativen Effekte von emotionaler Verbundenheit in der Politik falsch zurechnen: Wir nehmen an, es Läge an der emotionalen Verbundenheit selbst, was wir an „Korruption“ oder „Voreingenommenheit“ in der Politik erleben, wenn Emotionen im Spiel sind. Doch der eigentliche Grund ist ein ganz anderer: Bisher gestalten wir Politik exklusiv, bestimmte Gruppen der Gesellschaft systematisch exkludierend. – Und unter diesen Bedingungen ist emotionale Verbundenheit dieser politischen In-Group tatsächlich ein Problem, weil sie Unverbundenheit mit allen anderen triggert. Und damit Parteibildung und Feindseligkeiten in der Politik. Politik wird dann ein System von „Herrschaft und Ohnmacht“. Doch der Grund dafür ist eben nicht die emotionale Verbundenheit an sich, sondern gerade die institutionell begrenzte Verbundenheit, die nicht alle Bürger einschließt, sondern nur bestimmte, während andere zuverlässig außen vor bleiben.

Politische Entscheidungen, bei denen „die Entscheider“ sich vorher emotional miteinander verbunden haben, sind dann besser als Entscheidungen ohne solche emotionale Erdung, wenn die Entscheider nicht bestimmte-beliebige Bürger sind (also keine bestimmte Gruppe der Gesellschaft, die dann andere aus der politischen Entscheidungsfindung ausschließt), sondern systematisch-repräsentativ alle Bürger.

Denn dann kommt die Gesellschaft als Gesellschaft bei Bürgerkonventen in Kontakt mit sich selbst: Niemand wird von dieser Verbindung, von diesem Verband ausgeschlossen. Das politische Gemeinwesen ist dann nicht exklusiv. Wir erkennen den Menschen als Bürger an und sagen: „Auch Du sollst eine hörbare Stimme haben. Wir wollen, dass auch Du über unser gemeinsames Schicksal mitbestimmst.“

Diese institutionelle Setzung hat eine transformative Kraft. – Nach meiner Auffassung wird diese transformative Kraft, die durch Losverfahren und Bürgerkonvente in unsere Gesellschaft und in unsere Politik kommen würde, derzeit noch systematisch unterschätzt.

Bürgerkonvente sind Orte, an denen „Bürgerfreundschaft“ überhaupt erst entsteht. Und ohne solche Institutionen entsteht sie nicht. Ein Fehlen von Institutionen, in denen wir unsere Bürgerfreundschaft miteinander kultivieren können, bedeutet für uns, dass wir mit „Feinden dealen“ müssen und Politik für uns nur zu einer verkappten oder offenen Form von Kriegsführung gegeneinander wird. Mit allen desaströsen Folgen, die das für uns hat.

Ich persönlich habe wenig Vergnügen daran, in einer Gesellschaft zu leben, in der Feindseligkeit die Regel und ein Gefühl der Verbundenheit die Ausnahme ist. – Aber möglicherweise ist das einfach nur meine private Meinung. Eine Meinung, mit der ich allein bin.

Allerdings darf ich mir dabei zugute halten, dass ich bisher noch keine Gelegenheit erhalten (oder mir verschafft) habe, diese meine private Meinung mit anderen meiner Mitbürgern abzustimmen. Also von einer privaten zu einer wirklich politischen Meinung zu machen.

Ich möchte hier also die möglicherweise zunächst verstörende Meinung vertreten, dass Meinungen, die nicht in allgemeiner Verbundenheit der Bürger entstehen, gar keine politischen Meinungen sind. Politik setzt, um Politik zu sein, Empathie voraus. Und das heißt auch: Sie setzt die Möglichkeiten voraus, dass bürgerschaftliche Empathie zwischen uns überhaupt entstehen und von uns miteinander gepflegt werden kann.

Das ist der Grund, aus dem ich Bürgerkonvente und Losverfahren für absolut unverzichtbar halte, um den Raum des Politischen zwischen uns aufzuspannen und dem Wort „Bürger“ eine wirkliche Bedeutung zu geben.

Wie politische Meinungen entstehen

Ich habe keine politische Meinungen. Und, ob Sie’s glauben oder nicht: Auch Sie haben keine politische Meinungen, nur private Meinungen.

Wie komme ich zu dieser dreisten Behauptung?

Wir können uns fragen: „Was trennt eigentlich das private Meinen und Wollen vom politischen Meinen und Wollen?“

„Privat“ lässt sich übersetzen mit „beraubt“. Wenn es um unser Meinen und Wollen geht, so sind wir im Privaten vor allem des Austauschs beraubt. Nicht irgendeines Austauschs, den gibt es im Privaten durchaus. Sondern des Austauschs mit allen anderen Bürgern.

Ohne diesen Austausch bleibt alles Meinen und Wollen privat. Ja, man könnte sagen: Ohne diesen Austausch bleiben wir Privatpersonen. Erst die Möglichkeit der Beratung aller mit allen macht aus uns Bürger. Die Beratung selbst ist das Vehikel einer Transformation von der Privatperson zum Bürger.

Denn ich weiß zwar hier und jetzt sehr genau, was ich als Privatperson meine und will. Was ich aber strukturell über mich selbst nicht wissen kann, ist, was ich als Bürger meine und will:

Was ich meine und will, nachdem ich mich mit Menschen aus allen möglichen Milieus und in allem möglichen Lebenssituationen über eine Sachfrage beraten habe. Ich weiß z.B. nicht, welche klimapolitische Maßnahme ich für die staatlich zu ergreifende halte, nachdem ich gehört habe, was diese Maßnahme unterschiedliches für meine unterschiedlichen Mitbürger in ihrem Alltag und ihren Lebensvollzügen bedeuten würde. Und nachdem ich mich ihnen gegenüber selbst dazu äußern konnte, was diese Maßnahme für mich selbst in meinem Alltag und Lebensvollzügen bedeutet. Nachdem ich selbst erkennbar gehört wurde.

Solche Beratung verändert uns, wen sie live, in einem Raum passiert und nicht nur als hin- und her von Texten im virtuellen Raum. Sie öffnet den Meinungskokon, in den wir uns im Privaten unweigerlich und durchaus zulässigerweise einspinnen. Solche Beratung unter Bürgern sorgt dafür, dass wir uns überhaupt auf für uns bedeutungsvolle Weise begegnen. Denn im Privaten begegnen wir uns häufig gar nicht mehr. Dort begegnen wir vorwiegend „Unseresgleichen“. Und auch all unsere bedeutungsvollen Beziehungen haben wir im Privaten mit Menschen, die uns eher ähnlich sind. – Nur der Politische Raum kann leisten, dass wirklich alle Bürger allen Bürgern auf bedeutungsvolle Weise begegnen. Nur der Raum des Politischen kann eine bürgerschaftliche Beziehung entstehen lassen, die alle Menschen einer Gesellschaft spürbar verbindet.

Ohne Meinungsbildungsprozesse, an denen alle Bürger aktiv beteiligt sind und eine von allen anderen Bürgern gut hörbare Stimme haben, bleibt alles Meinen und Wollen in einer Gesellschaft unweigerlich „privat“.

Wir mögen dieses Meinen – in Ermangelung von Institutionen, die diese Vollinklusion aller Menschen ins Politische – zwar „politisch“ nennen. Aber es bleibt doch privat. Es handelt sich um ein Sich-in-die-Tasche-Lügen, im Grunde aus reiner Verlegenheit.

Unser Meinen und Wollen bleibt sich nicht gleich und unberührt, wenn wir uns von Mensch zu Mensch –> von Bürger zu Bürger begegnen, und hören und spüren dürfen, welche Konsequenzen unser gemeinsames Entscheiden jeweils für uns hat. Wir Menschen sind, so gut wir es auch manchmal kaschieren, im Kern soziale Wesen, die Resonanz nicht vermeiden können, wenn wir gemeinsam live in einem Raum sind und den „emotionalen Schwingungen“ ausgesetzt sind, die bei uns durch bestimmte Aussichten ausgelöst werden. – Es ist die Leistung der Demokratie, dass dieses Sich-Aussetzen jeweils wechselseitig ist und eben nicht einseitig. Nicht einer oder wenige lässt die anderen wie Puppen tanzen. Sondern alle haben Einfluss auf alle. In einer Demokratie ist der Einfluss, den wir als Menschen haben, in einem absoluten Sinne wechselseitig und gleichwertig. Und erst dadurch wird die Transformation zum Bürger allgemein.

Es ist die Leistung eines ausgelosten Bürgerrats, politisches Meinen überhaupt erst entstehen zu lassen. Denn durch die absolute Repräsentativität, die das Losen herstellt, und durch die Präsenz in einem Raum, die die Ratsversammlung herstellt, kommt es unweigerlich zur Transformation unseres Wollens und Meinens. Es kommt zur politischen Willensbildung.

Ohne den regelmäßigen Einsatz von Losverfahren und Bürgerkonventen bleibt all unser Wollen und Meinen privat. Wir können es noch so oft „politisch“ nennen. Dieses Etikett bleibt ohne solche Institutionen ein Schwindel, mit dem wir uns selbst etwas vormachen. Und das nicht zu unserem Besten. Denn wir spiegeln derzeit nur unsere jeweiligen Vorurteile hinein in einen allgemeinen Kampf darum, welche staatlichen Maßnahmen ergriffen werden sollen. Wechselseitige Abstimmung und politische Beratung findet nicht statt. Und wenn solche Beratung doch einmal stattfindet, so ist doch nur wieder privat, indem sie die allermeisten sehr wirkungsvoll von sich ausschließt.

Das einzige Wollen, das mir daher bezogen auf’s Politische derzeit sinnvoll erscheint, ist der Einsatz dafür, dass wir flächendeckend, auf allen politischen Ebenen das Losverfahren und Bürgerkonvente einführen und fest als Bestandteil unserer Verfassung institutionalisieren. – Und auch dieses Wollen ist derzeit notwendigerweise privat. Denn es hat sich ohne eine Beratung aller mit allen herausgebildet.

 

Politische Aufmerksamkeit als bürgerschaftliches Gemeingut

Wir haben die Wahl, wie wir die knappe Ressource unserer Tage verteilen wollen: Politische Aufmerksamkeit.

Im Moment haben wir ein verfassungsmäßiges Politsystem geschaffen (und halten es durch unsere Zustimmung und Akzeptanz am Leben), das darin besteht, dass sich derjenige diese knappe Ressource unter den Nagel reissen kann, der am dreistesten polarisiert, andere verletzt, Dramen inszeniert – und der dann am geschicktesten zurückrudert, so dass an ihm dabei möglichst wenig hängen bleibt.

„Herrschaft der Dreistesten“. Man muss wohl ein ganz neues Wort mit -kratie am Ende dafür bilden…

Es gibt jedoch für unsere heutige Situation bereits gut ausgearbeitete institutionelle Lösungen, die darauf hinauslaufen, die knappe Ressource Politische Aufmerksamkeit anders zwischen uns Bürgern zu verteilen: Gleichmäßiger, demokratischer, konstruktiver.

Diese Lösungen findet man in den Büchern von David van Reybrouck, Ute Scheub und Patrizia Nanz detailreich und faktenorientiert beschrieben.

Wie gesagt: Verfassungen wachsen nicht auf Bäumen. Sie werden von Menschen geschaffen. Und sie werden von ihren Bürgern – die eigentlich die Verfassung sind, zumindest im antiken Verständnis von Politik – am Leben gehalten. Die „Verfassung“ ist nicht nur ein niedergeschriebenes Stück Text, sie ist sehr wörtlich zu nehmen als die Verfassung, in die wir uns als Bürger selbst bringen.

Politik und vor allem Demokratie bedeuten, dass wir uns selbst dafür verantwortlich fühlen (können), in welcher alltäglichen Verfassung wir sind. Dass wir uns dabei nicht fremdbestimmt fühlen (können). Dass wir sagen: „Ob gut, ob schlecht – wir sind selber dafür verantwortlich, wie es uns geht. Und auch dafür verantwortlich, wie es uns miteinander geht. Wir sind mündige Bürger!

Wie gesagt: Wir haben die Wahl. – Idealerweise nicht die Wahl zwischen Politikern oder Parteien. Denn dann ist die Wahl, von der hier die Rede ist, bereits (vor-)entschieden und damit gar nicht erst gestellt. Sondern die Wahl zwischen politischen Verfassungen.

Ich persönlich bin ja überzeugt, dass ausnahmslos jeder Bürger politische Aufmerksamkeit verdient hat. Und dass jeder dieser Bürger, die qua Verfassung politische Aufmerksamkeit verdient haben, im Gegenzug politische Verantwortung übernehmen muss.

Das mag sich heute wie ein „radikaler“ Standpunkt anhören. Aber dann ist die Demokratie selbst eine radikale Staatsform.

Politik als aktive Sorge für gute Beziehungen

In einem der ganz frühen Artikel auf diesem Blog, kurz nachdem mich David Graeber’s Buch „Bürokratie“ dazu gebracht hat, mich überhaupt wieder mit Politik und Politiktheorie zu beschäftigen, war davon die Rede, dass das „politische“ Problem der Gewalt nur ein Sonderfall des allgemeineren Problems guter Beziehung zwischen uns Menschen sei.

Entwickelt man diesen Gedanken systematisch weiter, können wir sagen, dass „gute Politik“ Politik ist, die uns die alltägliche, private Arbeit erleichtert, miteinander gute Beziehungen einzugehen und zu kultivieren.

Und „schlechte Politik“ eben solche, die uns diese alltägliche, private Arbeit der Beziehungspflege überflüssigerweise erschwert.

Das wirft die Frage auf, was wir überhaupt als „gute Beziehungen“ empfinden, wenn ihre Erleichterung/Erschwernis denn der Maßstab für gute/schlechte Politik ist.

Da „Politik“ mittlerweile selbst ein „System“ ist, nach meiner Auffassung nach wie vor das Metasystem der Gesellschaft (Luhmann-Fans müssen hier bitte aufhören zu lesen), stellt sich darüber hinaus die Frage, welche Form von Verfassung, mit welchen politischen Verfahren und welchen politischen Institutionen, eine solche Erleichterung des Aufbaus guter Beziehungen leisten kann?

Oder anders formuliert: Mit welcher politischen Verfassung sich systemische Beziehungsblockaden am zuverlässigsten, schnellsten und gründlichsten beseitigen lassen?

Nach meiner Einschätzung leistet genau das eine voll ausgebildeten Demokratie. Genau das ist ihr eigentlicher Vorzug: Dauerhaft gute Politik. Allerdings gilt das eben nur für eine Demokratie, die sich selbst ernstnimmt und daher diejenigen Institutionen schafft, die uns als Bürgern diejenige Resonanz verschafft, die wir brauchen, um gemeinsam Beziehungsblockaden abzuarbeiten, Gesetze zu verändern und mit gemeinsam ausgeübter Staatsgewalt politische Maßnahmen zu treffen. Die insitutionelle, regelmäßige Herstellung von bürgerschaftlicher Resonanz ist daher der Kern der Demokratie und der Grund, warum ihre Politik „besser“ ist als die aller anderen politischen Verfassungen.

Die Demokratie ist dann diejenige Gesellschaftsform, die es möglich macht, ihre eigenen Institutionen im offenen Dialog in Frage zu stellen. Alle ihre Institutionen. Wenn auch nur irgendein Bürger den Eindruck hat, dass diese Institutionen den Aufbau und Erhalt guter Beziehungen zwischen den Bürgern mehr im Wege stehen als dass sie sie unterstützen.

Menschliche Bedürfnisse, menschliches Leiden – Und wer von uns die Verantwortung dafür trägt

Bei einem erwachsenen Menschen scheint es für uns klar zu sein, wer für die Befriedigung seiner Bedürfnisse verantwortlich zeichnet: Natürlich er selbst!

Beim näheren Hinsehen wird jedoch häufig schnell erkennbar: Auch als erwachsene Menschen können wir uns über ein großes Spektrum der bei uns auftretenden Bedürfnisse nicht selbst kümmern. Das meint nicht nur die in der Modernen Gesellschaft selbstverständliche Arbeitsteilung, dass also nur die allerwenigsten Menschen noch „autark“ in dem Sinne sind, dass sie eine Subsistenzwirtschaft betreiben. Es meint auch die konkreten, alltäglichen Lebensvollzüge, in denen wir ständig darauf angewiesen sind, dass sich andere Menschen „kooperativ verhalten“, damit es uns gut geht.

Denn der einfache, menschliche Zusammenhang ist bei jedem von uns: Werden Bedürfnisse, die wir als „hard facts“ des menschlichen Lebens betrachten sollten, dauerhaft nicht befriedigt, dann beginnen wir zu „leiden“. Wir werden krank, wir werden in unseren Fähigkeiten gemindert, wir müssen umständliche Wege gehen und einen Teil unserer Energie darein investieren, mit dem Leiden selbst und seinen Folgen umzugehen.

Wir könnten also auch einfach sagen: Das Ziel menschlichen Zusammenlebens, und das Ziel der bewussten Einflussnahme auf dieses Miteinander: der Politik, ist es, „menschliches Leiden zu verringern“.

Das Paradoxe, für uns nur schwer Begreifliche ist nun, dass dennoch die Logik des „jeder ist erst mal selbst für sich und sein Wohlergehen verantwortlich“ dennoch intakt bleibt.

In der Ausgangssituation: Es gibt hier ein unbefriedigtes Bedürfnis, und zwar in einem Ausmaß, dass (ein) Mensch(en) zu leiden beginnt(/en) ist es häufig strukturell unklar, ob nun jene leidenden Menschen selbst, ihre unmittelbaren Mitmenschen oder die politische Gemeinschaft mit ihren gemeinsam festgelegten Institutionen und Verfahren („die Politik“) dafür verantwortlich sind, dass dieses Leiden aufgelöst wird oder fortbesteht.

Aufgrund dieser strukturellen Unklarheit ist das in den allermeisten Situationen fortbestehenden Leidens möglich, was wir „Verantwortungsverschiebung“ nennen. Wobei auch das unklar und häufig eben auch strittig bleibt, von wo nach wo nun genau gerade die Verantwortung „verschoben“ wurde, d.h. wer „ursprünglich“ verantwortlich ist und es nun aber nicht sein will.

Interessanter als Einstiege in jenen Streit um „wer es nun nicht sein will, der verantwortlich ist“, ist ein ganz anderer Punkt des menschlichen Lebens und Zusammenlebens:

Wir Menschen sind im Grunde gern einander hilfreich. Wir sind gern verantwortlich. Sowohl für uns selbst, als auch für andere, als auch für unser miteinander geteiltes Gemeinwesen.

Insofern ist es zunächst einmal bemerkenswert, dass solche Strittigkeiten zwischen uns darum, „es nicht zu sein, wer verantwortlich ist“ überhaupt aufkommen können. Denn das ist weitaus weniger selbstverständlich als es unsere Alltagserfahrung vielleicht manchmal erscheinen lässt. Es ist vielmehr eine Frage, der man nachgehen kann:

Warum also kommen solche Streitereien und Verantwortungsverschiebereien überhaupt auf, wenn es doch zugleich wahr ist, dass wir Menschen es lieben, verantwortlich zu sein und verantwortlich zu handeln?

Die einfachste Antwort, die ich auf diese Frage für mich finden kann, ist die Anerkennung der allgemeinen menschlichen Bedürftigkeit und ihrer Folgen für uns als Menschen: Wir alle haben unsere Grenzen. Grenzen der Kraft, Grenzen der Zeit, Grenzen der Aufmerksamkeit und auch Grenzen der Leidensfähigkeit.

Wir sind alle nicht ständig in „verantwortungsfähigem“ Zustand. Gerade deswegen, weil wir gern verantwortlich sein wollen (und dies auch anderen demonstrativ unter Beweis stellen wollen), kaschieren wir alle unsere eigene Bedürftigkeit, unsere eigenen Grenzen immer wieder: Wir „gehen über unsere Grenzen“. Und damit beginnt ein allgemeines Leiden, das wiederum auf unsere Fähigkeiten, Kräfte, Aufmerksamkeit, etc. durchschlägt und uns weniger verantwortungsfähig macht als wir eigentlich sein könnten.

Was uns dann wiederum von anderen Menschen zum Vorwurf gemacht werden kann.

Paradoxerweise ist es unsere Liebe zur Verantwortung und unsere Verachtung unserer eigenen, ganz natürlichen Bedürftigkeit, die uns regelmäßig in eine Situation bringt, „in der wir unserer Verantwortung nicht gerecht werden“.

Viele von uns müssten viel früher nach Unterstützung rufen oder Grenzen eigener Kraft signalisieren – und würden in diesen Fällen schnell und leicht Hilfe von anderen bekommen, sofern diese anderen nicht selbst gerade völlig ausgelaugt, ausgepowert und jenseits von Gut und Böse sind.

Es ist unser Ehrgeiz, nicht bedürftig zu sein, der Verantwortungsverschiebereien, der Unlust auf Verantwortung in uns auslöst. – Denn das Natürliche für den Menschen ist „Lust auf Verantwortung“. – An unseren Kindern können wir das manchmal noch sehr deutlich sehen.

Wenn wir allerdings in sozialen Systemen agieren, in der das Ausgelaugt-Sein allgemein wird, in denen also niemand mehr von niemandem Hilfe erwarten kann, wenn er sie mal braucht, dann kann man nur sagen:

„Verlass dieses System. Denn es ist für niemanden gut.“

Oder:

„Lasst uns gemeinsam dieses System verändern. Und zwar so, dass wir alle wieder unsere natürliche Lust auf Verantwortung leben können. Und zwar weil wir unser aller Bedürftigkeit und Grenzen offensiv anerkennen, anstatt sie aus falschem Ehrgeiz verleugnen und verdrängen.“

Letzteres würde ich ja immer „gute Politik“ nennen. Und mit einem Metasystem, das dauerhaft gute Politik, also die ständige Veränderbarkeit schlechter sozialer Systeme ermöglicht, werden lustvolle Verantwortungsspiele zur Regel.

Dass es auch solche lustvolle Spiele um das hin und her von Verantwortung gibt, muss man ja nicht ganz verschweigen.