Ich persönlich bin ein großer Fan des „Johari-Fensters“. Es veranschaulicht wunderbar die soziale Einbettung unserer Psyche. Und nicht nur, dass es in seinen Quadranten Klarheit darüber schafft, welche Verhältnisse möglich sind:

„Mir über mich bekannt/Anderen über mich bekannt“ = Öffentliche Person

„Mir über mich bekannt/Anderen über mich nicht bekannt“ = Geheimnis

„Anderen über mich bekannt/Mir selbst über mich nicht bekannt“ = Blinder Fleck

„Anderen über mich nicht bekannt/Mir selbst über mich nicht bekannt“ = Das unentdeckte Land

Ein noch größerer Mehrwert des Johari-Fensters ist es in meinen Augen, dass es sehr schön veranschaulicht, worin eine Verbesserung unserer psychologischen Situation in sozialer Hinsicht besteht: In der Ausweitung des Felds der „Öffentlichen Person“.

Damit ist nun keineswegs gemeint, dass wir alle Rockstars und Berühmtheiten werden (obwohl vielleicht auch das eine interessante Zielvorstellung ist…), sondern eine viel nüchternere Wahrheit über unser Seelenleben:

Dass es nicht gesund für uns ist, wenn wir „aus unserem Herzen eine Mördergrube machen“. Gesund und das erkennbare Ziel unserer psychischen Prozesse ist eine Verschiebung der Linien des Johari-Fensters nach rechts und nach unten:

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Ausweitung unserer öffentlichen Person geht einher mit dem Abbau der Bereiche des „Geheimnis“ und des „Blinden Flecks“ – und damit unter der Hand auch einher mit der niemals endenden Entdeckung unbekannten Territoriums unserer eigenen Seele.

Es sind aber soziale Verhältnisse, die darüber bestimmen, inwieweit wir blinde Flecke kultivieren, inwieweit Geheimis-Krämerei guter Selbstschutz ist und inwieweit wir unsere Identität so fixieren, dass wir vieles an uns niemals entdecken, geschweige denn mit Leben füllen werden.

Was auch immer die Gründe dafür sind, dass wir in falschen Selbstbildern ertrinken und glauben, uns durch entschiedenes Auf-die-Zunge-beißen schützen zu müssen, eins steht fest: Gesund oder „natürlich“ ist das nicht für uns Menschen.

Wenn wir sagen, „dass die Wahrheit befreit“, dann meinen wir im Grunde vor allem das: Offener Selbstausdruck und die damit einhergehende Chance, in anderen Menschen angemessene Reaktionen auf unseren Selbstausdruck zu finden, haben eine befreiende Wirkung auf uns.

In guten Beziehungen zu anderen Menschen finden wir überhaupt erst zu uns selbst.

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