Solange man nicht klar vor Augen hat, was hierarchische Beziehungen in Menschen und zwischen Menschen anrichten, wird man gar nicht erst anfangen, nach Lösungen suchen, um die Vorteile, die hierarchische Beziehungen unbestreitbar haben, durch andere Lösungen zu ersetzen.

Man wird stattdessen sagen: „Das liegt in der Natur des Menschen“. Oder: „Das ist eben so.“ Oder auch: „Das kann eben gar nicht anders sein. War schon immer so und wird immer so sein.“ Oder man wird eine Liste der Funktionen und Vorteile hierarchischer Beziehungsformen herunterbeten.

Die klarste Darstellung der Folgen hierarchischer Beziehungen für uns habe ich bei Thomas Gordon gefunden. In seinem Alterswerk „Gute Beziehungen“ fasst er seine Erfahrungen aus vielen Jahren Praxis zusammen – Und macht dabei sozusagen die „Gegenliste“ auf: Eine Liste der Reaktionen, die sich auf das Vorhandensein hierarchischer Beziehungen mit trauriger Zuverlässigkeit bei uns einstellen. Wen das wirklich interessiert, liest es am besten beim ihm selbst nach.

Missverständnisse, Zerrbilder, Projektionen

Mein eigenes größtes Problem mit hierarchischen Beziehungen besteht darin, dass sie unvermeidlich den Effekt hat, den natürlichen Kommunikationsfluss zwischen uns zum Erliegen zu bringen: Keine der beiden Seiten einer hierarchischen Beziehungen kommuniziert noch „frei“ oder „offen“, wenn eine hierarchische Beziehung fest etabliert ist. Stattdessen wird die Kommunikation „strategisch“, „vorzensiert“, zu einer verkappten Form von Kriegsführung gegen den anderen, mit dem man kommuniziert.

Die Folge sind nicht nur ständige Missverständnisse, die für beide Seiten sehr schmerzhafte Folgen haben, sondern auch die Herausbildung völlig verzerrter Bilder über den anderen, über seine Motive, über seine Natur, über seine Möglichkeiten.

Die in meinem Empfinden schlimmste Folge hierarchischer Beziehungen besteht darin, dass sie uns andere Menschen abwechselnd als „böse“ oder als „dumm“ erscheinen lässt. – Ein Eindruck, der niemals entsteht, wenn die Kommunikation offen ist und sich direkt auf das für die Beziehungspartner subjektiv gerade Wichtige bezieht.

In hierarchischen Beziehungen beginnen beide Seiten sozusagen „ihr Inneres vor dem anderen zu schützen“, sie spalten einen privaten Innenbereich des Wissens über sich ab und genauso einen „öffentlichen“ Außenbereich des Wissens über sich. – Manchmal sagen wir dazu: „Er/sie/ich trägt eine Maske“.

Nun habe ich persönlich nichts gegen lustvolle Maskenspiele. Sie gehören zum Spielerischen unserer Natur, Schauspielerei ist menschlich. – Doch die Maskenspiele hierarchischer Beziehungen sind in der Regel sehr eindimensional, um nicht zu sagen „dumm“. Es handelt sich um die Art von Show, die wir meinen, wenn wir sagen, jemand verhalte sich „angepasst“. – Aus rein psychologischer Sicht, die v.a. unser unmittelbares Wohlergehen im Blick hat, ist das Problem hierarchischer Maskenspiele, dass die Maske mit dem Gesicht zu verwachsen beginnt. „The mask I wear is one“. Es ist kein lustvoller, spielerischer Wechsel, bei dem die verschiedenen Seiten der menschlichen Persönlichkeit auf die Bühne können, je nach Situation und aktuellem Interaktionspartner. Sondern es ist ein angestrengtes Sich-in-ein-emotionales-Korsett-Zwingen, das aber in hierarchischen Beziehungen zu einer zweiten Natur wird. Das geht in der Regel so weit, dass die ursprüngliche Natur vergessen wird.

Nach einem längeren Aufenthalt in hierarchischen Beziehungen haben Menschen meist den Zugang zu jenen Empfindungen und Bedürfnissen verloren, die in ihrer hierarchisch erforderlichen Rolle eben nicht vorgesehen sind, nicht gelebt werden und daher abgespalten werden.

Das heißt: Nicht nur der andere Mensch gewinnt in einer hierarchischen Beziehung ein Zerrbild von mir, sondern nach einer – oft erschreckend kurzen – Weile, entwickle ich auch selbst ein Zerrbild von mir: Ich glaube, meine Maske zu sein. Ich kenne meine Gesichter hinter der hierarchischen Rollen-Maske nicht mehr.

Doch damit ist die Geschichte hierarchischer Beziehungen noch nicht zu Ende. Denn das, was da dauerhaft „in den Untergrund des Theaterbodens gedrängt ist“, hört nicht einfach auf zu sein, nur weil es kaum mehr auf die Bühne darf. Es lebt ein eigenes, pervertiertes Leben in jenem Untergrund und platzt dann regelmäßig – heimlich oder unheimlich – als eine Art „Phantom der Oper“ heraus.

Es ist eine beobachtbare Tatsache, dass hierarchische Beziehungssysteme regelmäßig kompensatorische Ausbrüche dessen hervorbringen, was nicht gelebt werden durfte, was ursprünglich durchaus „unschuldig“ oder „unproblematisch“ war, was im Untergrund des ungelebten und unausdrückbaren Lebens sich nun aber in einer Weise äußert, die keiner Verhandlung oder Vernunft mehr zugänglich ist. Was nicht geäußert werden konnte, weil es in hierarchischen Beziehungen keine Anerkennung finden kann und andere Beziehungen nicht zur Verfügung stehen, unterliegt dem Bereich der „Scham“. Hierarchische Beziehungssysteme beschämen Menschen für das, was sich in ihnen regt: Für Gefühle, Bedürfnisse, Wahrnehmungen, die nicht in die hierarchisch vorgeschriebene Rolle passen.

Daher kann man eine „schamlose Gesellschaft“ als durchaus erstrebenswertes psychologisches Ziel verstehen.

Was die Anhänger und Verteidiger hierarchischer Beziehungen nach meinen Erfahrungen unterschätzen, ist das Ausmaß, in dem wir Menschen auf die Spiegelung unseres Innenlebens durch andere Menschen angewiesen sind. Und das durchaus nicht nur als kleine Kinder. Sondern unser ganzes Leben lang. Diese Spiegelung von körperlich wahrnehmbaren Empfindungen, Gefühlen und Bedürfnissen durch ein menschliches Außen ist für uns Voraussetzung dafür, dass wir diese Empfindungen, Gefühle und Bedürfniss als „uns zugehörig“ erleben und mit ihnen verantwortlich umgehen können.

Entgegen dem äußeren Anschein führen daher gerade hierarchische Beziehungssysteme aus zwingender psychologischer Notwendigkeit direkt hinein in eine allgemeine Verantwortungslosigkeit: Die Impulse, die weiterhin vorhanden sind, das ursprünglich völlig unproblematische Menschliche wird zu einer Art „Monster“, zu der es erst durch seine systematische Nicht-Anerkennung in hierarchisch geprägten Beziehungen gemacht wurde.

Hierarchien machen uns unfähig, Verantwortung für unser menschliches Selbst zu übernehmen. Stattdessen wird projiziert: Man findet unkontrolliert im Außen wieder, was im Inneren nicht sein darf. – Wann immer Sie einen Menschen vor sich haben, der auf die Faulheit anderer schimpft, wissen Sie sofort, welche eigene Bedürfnisse dieser Mensch in hierarchischen Verhältnissen gelernt hat, nicht mehr als seine eigenen wahrzunehmen. Wann immer Sie einen Menschen vor sich haben, der auf die Bosheit der anderen schimpft, wissen Sie sofort, welche eigenen Gefühle dieser Mensch in hierarchischen Verhältnissen gelernt hat, bei sich selbst gar nicht mehr wahrzunehmen.

Wo unser Innenleben nicht sozial anerkannt wird, spalten wir es ab – und finden es dann auf ungute, bewertende Weise bei anderen wieder. Die soziale Welt wird für uns dann zu einer Art „bösem Spiegel“. Wir sehen in anderen, was wir in uns nicht sehen wollen, weil wir es in uns nicht sehen durften, um unseren hierarchisch zugewiesenen Rollen gerecht zu werden; – den Erwartungen von Menschen, die qua Hierarchie „Macht über uns hatten“.

Wenn wir glauben, dass Hierarchien zwischen uns „natürlich“ oder „eben einfach notwendig“ sind, werden wir diesen bösen Spiegel naiverweise ebenfalls „einfach für eine Realität“ halten. Wir glauben dann: „Das ist so. Andere sind so.“ – Wir sehen den psychologischen Herstellungsprozess nicht mehr, der uns zu jenen Eindrücken führt, die uns dann als „soziale Realität“ ins Gesicht springen.

Fehlwahrnehmungen von hierarchiefreien Beziehungen

Nur in sehr weitgehend hierarchiefreien Beziehungen fließt die Kommunikation frei, weil keiner Macht über uns hat, uns einseitig zu belohnen und zu bestrafen, weil wir nichts zu befürchten haben, weil wir uns selbst in der Fülle unseres Seins wahrnehmen können und genauso den anderen in der Fülle seines Seins anerkennen können. – Abspaltungen sind hier unnotwendig und werden als kontraproduktiv erlebt.

Fällt die Hierarchie weg, werden Beziehungen: Anstrengend. Wir prallen dann umgebremst aufeinander, ohne das Ausweichmanöver der verschiedenen Hierarchieebenen, die uns einander emotional verpassen lässt: „Du da oben auf Deiner Linie – Ich da unten auf meiner Linie.“ – Hierarchie, das ist v.a. auch: Beziehungsvermeidung, Reduktion der Kommunikation auf das vermeintlich „Notwendigste“, wobei die Festlegung, was dieses „Notwendigste“ sei, ohne irgendwelchen Bezug zu subjektiven inneren Vorgängen von Menschen erfolgt, die den Dingen erst ihren Wert, eine als sinnvoll erlebte Bewertung geben können.

Auch in dieser Hinsicht befinden sich hierarchische Systeme mit hoher Zuverlässigkeit im Blindflug: Ihre Wertungen sind sinnfrei. Denn sie sind eben vom menschlichen Innenleben völlig entkoppelt. Weil Hierarchie in psychologischer Hinsicht eben genau das bedeutet: Entkopplung vom menschlichen Innenleben.

Der nächste psychologische Irrtum, dem wir regelmäßig erliegen, wenn wir glauben, dass „Hierarchie unvermeidlich“ sei, besteht nun darin, dass wir das offene Aufeinanderprallen nicht nur als bedrohlich und beängstigend erleben, sondern auch als unproduktiv und unlösbar. Wir sehen nicht die Schätze, die im offenen emotionalen Konflikt liegen, z.B. für das systematische Hervorbingen von sinnvollen Innovationen und Veränderungen.

Hierarchie ist eben auch das: Konfliktvermeidung als System. Wenn immer klar ist, dass „Ober den Unter sticht“, sind Konflikte systemisch unmöglich. Zumindest offiziell. Immer kann eine hierarchisch von oben nach unten durchgegebene „Anweisung“ den Konflikt auflösen und beenden. – Der Fehler der Fans von Hierarchie ist, dass sie das als rein positiven Vorgang beschreiben. Sie handeln sich damit ein, dass sie umständlichste Anstrengungen unternehmen müssen, um „Innovation“, „Motivation“, „Verhaltenskoordination“ wieder zurückzuholen ins System. Occam’s Razor halten hierarchische Verhältnisse daher so gut wie niemals stand.

Die Horrorversion von hierarchiefreien Verhältnissen, die dann gemalt wird, ist eine Vision von „Chaos“, von „unproduktiven Debattierclubs, die sich ohne Ergebnis im Kreis drehen“, und davon, dass sich dann einfach die stärksten Durchsetzen, etc.

Doch in diesen Visionen werden nicht hierarchiefreie Beziehungen beschrieben, sondern Projektionen: Dass, was in hierarchischen Systemen selbst der Fall ist, was aber nach der offiziellen Selbstbeschreibung hierarchischer Systeme, die ihre menschlich Seite aus dem Bewusstsein ausgrenzt, eben „nicht der Fall sein darf“.

Hierarchie zeichnet ein Bild von hierarchiefreien Beziehungen, die ziemlich genau den „Schatten“ von Hierarchie umreisst. – Das ist zwar in psychisch Hinsicht „logisch“ und unmittelbar entlastend. Mir der Realität wirklich hierarchiefreier Beziehungen hat das jedoch nichts zu tun. Es ist ungefähr so, als würde man jemanden, der eine pathologische Angst vor Spinnen hat, beschreiben lassen, was passieren wird, wenn er sich einer Spinne nähert – Und man das dann für „die Realität“ hält.

Einige der Menschen, die derzeit behaupten, „dass Hierarchie eben einfach notwendig ist“, glauben, sie hätten bereits hierarchiefreie Beziehungen erlebt – und das sei eben furchtbar gewesen oder hätte nicht funktioniert. – Doch wenn man näher hinsieht und nachfragt, kann man leicht erkennen, dass es sich keineswegs um hierarchiefreie Verhältnisse handelte, sondern nur um klassische „Umstürze“, bei denen alte Obere durch neue Obere ersetzt wurden, die Hierarchie selbst aber voll erhalten blieb…

Das gleiche Missverständnis findet sich im heute verbreiteten Verständnis von „Demokratie“: Man glaubt, bereits Demokratie zu haben, wenn man die Staatsführung weitgehend gewaltfrei austauschen kann, wenn also die Hierarchie voll intakt bleibt, und man nur immer wieder das Führungspersonal wechselt. Mit Demokratie im ursprünglichen Sinne des Wortes hat das freilich wenig bis gar nichts zu tun.

Vielen fehlt heute schlicht die Vorstellung, wie Hierarchiefreiheit überhaupt aussieht und vor allem wie sie sich anfühlt. Auch dazu findet man bei Thomas Gordon die klarste Schilderung, die ich kenne.

Bei Gordon wird auch deutlich, was für uns nach längerem Aufenthalt in hierarchischen Beziehungen so schwierig ist, dass wir oft wieder „zurückfallen“, auch wenn wir es ernsthaft versuchen, hierarchiefreie Beziehungen miteinander zu etablieren. Man könnte es „das Umschalten“ nennen: Hierarchiefreie Beziehungen leben von der Fähigkeit, sehr schnell zwischen Aufmerksamkeit für meine Bedürfnisse/Probleme und Aufmerksamkeit für Deine Bedürfnisse/Probleme hin- und herzuschalten, in Gesprächen, in Interaktionen. Diese psychische Umschaltfähigkeit ist bei Menschen sehr weitgehend unkultiviert, die über einen längeren Zeitraum nur hierarchische Beziehungen erlebt haben. Sie kleben entweder bei der Aufmerksamkeit für sich oder bei der Aufmerksamkeit für den anderen fest – ein scheinbar unversöhnlicher Gegensatz zwischen „Altruismus“ und „Egoismus“ ist dann die psychologische Folge. Auch das wird dann für „Realität“ gehalten: Dass es gar keine Wege und Mittel gäbe, Aufmerksamkeit für beides gleichzeitig zu finden und aus dieser Aufmerksamkeit für alle Beteiligten sinnvolle Handlungspläne zu gewinnen.

Hierarchie aus Beziehungsangst und Beziehungsfaulheit

Hierarchiefreie Beziehungen bürden uns also eine Menge „Beziehungsarbeit“ auf, von denen hierarchische Beziehungssysteme behaupten, uns entlasten zu können.

Doch dass wir uns davon entlasten können ist ein Irrtum. Beziehungsarbeit ist nicht delegierbar und kann durch Hierarchie und Bürokratie nicht ersetzt werden. Weil wir Menschen sind: Soziale Wesen mit einem psychischen Bedürfnis nach sozialer Spiegelung unseres Innenlebens durch andere Menschen. Immer und überall.

Hierarchie bringt diese Beziehungsarbeit: die wechselseitige Konfrontation mit vorhandenen Gefühlen und Bedürfnissen der Beziehungspartner systematisch zum Erliegen. Das ist der eigentliche Grund, warum sich „Hierarchien scheiße anfühlen“. Sie sind zwar erst einmal furchtbar bequem für uns, aber sie bringen uns aus einem als sinnvoll erlebbaren Kontakt miteinander. Aus einem Kontakt, den wir nicht nur brauchen, um uns selbst richtig wahrzunehmen und den anderen richtig wahrzunehmen, sondern den wir auch brauchen, um sinnvoll gemeinsam zu handeln.

Verhaltenskoordination durch Hierarchie funktioniert nicht. Es handelt sich bei hierarchischen Beziehungen um eine Scheinordnung, die psychologisch gesehen nichts anderes bedeutet als verkappter Krieg und unter den Teppich gekehrtes Chaos.

Das ist mein Problem mit Hierarchie.

 

 

 

 

 

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