Ich wundere mich oft über mich. Eigentlich noch öfter als ich mich über die Welt und all die Menschen wundere, denen ich begegne.

Z.B. habe ich viele Phasen des Wunderns darüber durch, dass ich immer wieder in den Oberlehrermodus verfalle, obwohl mir viel lustvollere und wirksamere Formen der sozialen Interaktion bekannt sind. – Nicht nur, aber gerade auch mit Kunden. Das wirksamste und lustigste, das ich in dieser Hinsicht kenne, sind die Methoden, Vorgehens- und Daseinsweisen der provokativen Schule.

Oberlehrertum und provokatives Dasein vertragen sich sagen wir mal ungefähr so gut wie der Versuch, einen Witz dadurch lustiger zu machen, dass man seine Pointe in aller Breit- und Langatmigkeit erklärt.

Dennoch finde ich mich regelmäßig in der Lehrerrolle wieder. „Ich erklär Dir die Welt, Baby!“ ist eine Haltung, die ich nicht nur gegenüber all den für mich attraktiven Frauen dieses Planeten an den Tag lege, sondern gegenüber jedem halbwegs menschlichen Wesen, das nicht bei 3 auf den Bäumen ist und so unvorsichtig war, mir eine Frage zu stellen. Kurz: Ich bin einer jener Zeitgenossen, von denen man vielleicht nur die Uhrzeit wissen wollte oder nach dem Weg gefragt hat, und die einen daraufhin mit der neuesten Nachrichten, interessanten psychologischen Studien dazu, historischen Erläuterungen sowie quantenmechanischen Querverweisen vollschwallen, Aufklärung über die Weltformel und den Sinn des Lebens inklusive, verseht sich…

Warum mache ich das?

Höre ich mich gern reden? Möchte all dieses unnütze, gefährliche Halbwissen einfach nur aus mir raus und nutzt jene armen, unvorsichtigen menschlichen Gegenüber nur als willkommene Halbwissen-Blitzableiter? Geht es mir um Selbstausdruck? Selbtvergewisserung? Um eine ungeeignete Form der menschlichen Kontaktaufnahme und Herstellung von Verbundenheit?

Eins ist sicher: Da mir durchaus andere Formen des Umgangs wohlbekannt sind und sogar gut erprobt wurden, muss der Belehrmodus sein Lüstchen für mich haben. Und da ich ihn derart häufig und intensiv wähle, muss es sich um ein ganz gewaltiges Lüstchen handeln…

Lustvolles Belehren also. Lang hab ich mich ja für ziemlich doof gefunden, dass ich das mache. Und es hat mich – ob man es glaubt oder nicht – schwer irritiert, dass ich regelmäßig „willige Opfer“ finde, das heißt Menschen, die sich allem äußeren Anschein nach gerne von mir belehren lassen. „Die sind bestimmt bloß höflich und nett zu mir und zeigen mir einfach nicht, wie sehr sie das ankotzt“, habe ich mir gedacht.

Ich selber hasse es nämlich, belehrt zu werden. In 9 von 10 Fällen findet man in mir das, was man hartnäckige Beratungsresistenz nennt. Lange Zeit noch nicht mal in gleichgültiger „Du kannst mir mal den Buckel runterrutschen“-Manier vorgetragen, sondern in einem pubertär-trotzigen „Na dann mach ich mit Vorsatz genau das Gegenteil von dem, was Du mir da gerade aufschwatzen willst!“

In letzter Zeit allerdings, nach ein paar Jahren lehrerhaftem Austoben und positive Rückmeldungen darauf Bekommen, fällt es mir zunehmend schwerer, mein Oberlehrertum dumm zu finden. Und es fällt mir auch immer schwerer, ihm zu widerstehen. Es macht einfach zu viel Spaß und die Reaktionen darauf machen süchtig.

Es ist so ziemlich genau das, wovor die provokative Schule immer warnt und woraus sie überaus vernünftige Schlüsse gezogen hat:

„Mit Lehrern haben Kunden leichtes Spiel. Sie schieben ihnen die Verantwortung für ihr Leben rüber, machen weiterhin ihr Ding und ändern gar nichts. – Mit um so mehr Nachdruck Du eine Sache vertrittst, um so größer der Impuls bei Menschen, das gerade Gegenteil zu tun!“

Allerdings sagen die Lehrer der provokativen Wege und Mittelchen auch: Vernunft und Einsicht helfen bei fixiertem Verhalten keinen Meter weiter. In den Emotionen liegt die Kraft der Veränderung und/oder Beibehaltung von Verhalten.

Ich kann in Bezug auf mich selbst zu 100% bestätigen, dass da was dran ist…

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