Eigentlich ist es ganz einfach:

In einer Gesellschaft, in der 80 – 90% der Menschen* in ihrer Kindheit nicht die Art von Beziehungen angeboten bekommen haben, die sie eigentlich gebraucht hätten, werden Beziehungen anstrengend. – Sie werden nicht das, was sie „von Natur aus“ sein könnten: Ein haltgebendes, schützendes Moment im Leben von Wesen, die hochgradig schutz- und beruhigungsbedürftig sind, weil sie über kognitive Voraussicht und damit auch über die Gabe der Angst verfügen.

Beziehungen werden dann nicht nur gelegentlich oder in besonderen Situationen oder Bereichen anstrengend, sondern beinahe immer und überall: Private Beziehungen sind dann anstrengend. Berufliche Beziehungen sind dann anstrengend. Politische Beziehungen sind dann anstrengend.

Und wir dürfen dabei immer dazu denken: „anstrengend und beängstigend“.

Komplexer als die Gründe und die Analyse ist wie so oft die Therapie. Denn um bei einer solchen Ausgangslage „Verbesserungen“ herbeizuführen, die auch wirklich als solche empfunden werden könnten, müssten auch jene „Therapeuten“ über gute Beziehungsfähigkeiten verfügen. Doch auch unter jenen Menschen, die sich berufen fühlen, in die allgemeine Beziehungsunfähigkeit hinein zu „intervenieren“, sind zu viele zu beziehungsgeschädigte Menschen, um gegen die große Masse an übertriebenen Erwartungen und untertriebenen eigenen Fähigkeiten hinein zu verändern. Paartherapeuten können davon ein Lied singen.

Mehr noch als in anderen Bereichen des Lebens gilt für Beziehungen: „Von nix kommt nix“. Und woher eben das Gute in Sachen „Verbesserung unserer Beziehungsskills“ kommen soll, wenn der Bedarf so groß und die Fähigkeiten so gering sind, ist ein ungelöstes Rätsel.

Was ist „realistisch“ angesichts einer solchen Ausgangslage? Was sind „realistische Erwartungen an Beziehungen“, wenn ein Großteil von uns niemals wirklich befriedigende Beziehungen erlebt hat – und schon gleich gar nicht in den Verhaltensmuster-prägenden Jahren?

Das erste ist vielleicht: Eben diese Ausgangslage anzuerkennen und anzunehmen.

Das zweite: Nicht zu viel von sich und von anderen Menschen zu erwarten.

Beides ist viel leichter gesagt als getan.

Natürlich ist viel Veränderung möglich, auch im Bereich der aktiven, bewussten Gestaltung von Beziehungen.

Doch solche Interventionen können sich nie gegen das Bestehende richten. Sie müssen mit dem gehen, was ist, was war – und so zu dem kommen, was durchaus werden kann.

Und wer so „intervenieren“ will, tut gut daran, sehr gut auf sich selbst zu schauen und sich selbst mit den besten Beziehungen zu umgehen, die er auftun und aufrecht erhalten kann. – Das ist nahezu ein Vollzeitjob.

Denn wie gesagt: Von nix kommt nix in Beziehungen. Ohne ständigen Invest gibt es in Beziehungen nichts Gutes. Gute Beziehungen laufen nicht von alleine. Sie werden nicht einmal etabliert und sind dann Selbstläufer, so als wären es selbstölende Maschinen vom Typ Perpetuum Mobile. Gute Beziehungen müssen permanent neu aufgetankt werden: Mit menschlicher Zeit, menschlicher Kraft, menschlicher Aufmerksamkeit, menschlicher Findigkeit.

 


*  Natürlich gehört auch der Autor dieser Zeilen nicht zu den 10-20%. Wer in Beziehungslogiken denkt, versteht auch, dass man zu den 80 -90% gehören muss, um solche Sachen zu schreiben.

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