Wir können bei der Problematisierung unserer Rede von „Rechten“ von mindestens zwei Situationen sprechen, die beide eher alltäglich sind:

Von der überaus interessanten Formulierung „Recht haben“.

Und von den Rechten, die wir gerade im Bereich unseres Privatlebens an andere Menschen zu haben glauben.

Rechthaben

Es ist ja durchaus spannend, dass wir bei einem Verhalten, bei dem wir prinzipiell auf unserer Meinung beharren, kaum oder schlecht zuhören, bei dem wir also das bewusste Aussenden von Empathie-Signalen für völlig überflüssig halten, ausgerechnet von „Recht“ haben sprechen.

Denn man könnte fragen: Auf welches „Recht“ genau beziehen wir uns eigentlich bei einem solchen Verhalten?

Unsere Rechthabereien scheinen sich ja vielmehr auf eine angenommene „Wahrheit“ zu beziehen, zu der der andere vermeintlich keinen Zugang hat, die er aber nun gefälligst aus dem Stand anerkennen soll, einfach weil wir sie ihm gerade gesagt, erklärt, erläutert, verargumentiert haben. – „Wahrheithaben“ würde es also deutlich besser treffen.

Offensichtlich bezieht sich der Begriff des „Rechts“ im Fall von „Rechthaben“ eher auf die Ambivalenz von „recht“ –> „richtig“ –> „richtig/falsch“ –> „wahr/falsch“.

Wollte man unsere Rechthabereien doch auf den Begriff des „Rechts“ im engeren Sinne beziehen, so müsste man wohl von einem „Recht, angehört zu werden“ oder von einem „Recht auf Resonanz“ sprechen, das aber dann irgendwie schon immer auf Abwege geraten ist. Denn wir hören besonders schlecht zu und gehen besonders schlecht in Resonanz, wenn wir mit Rechthaberei konfrontiert sind. Es löst, kurz gesagt, den Kampf-Flucht-Totstell-Reflex bei uns aus. Insofern ist Rechthaben ein ziemlich untaugliches Mittel zu einem möglicherweise überaus menschlichen, nachvollziehbaren und wohl oft auch guten Zweck.

Generell muss ich beim Begriff des „Rechts“ immer an das Bild der Leitplanken auf der Autobahn denken: Gut, dass sie da sind, wenn mal wirklich was völlig aus dem Ruder läuft, denn es mildert den Aufprall und kann (noch) Schlimmeres verhindern. Aber a) wird kein guter Autofahrer mit Vorsatz auf die Leitplanken zusteuern oder gar längere Zeit an ihnen entlangschrammen. Und b) verhindern Leitplanken eben nicht den Unfall. Wenn Leitplanken (aka: „Rechte“) wichtig werden, ist meist bereits einiges andere schief gegangen…

Wenn wir notorische Rechthaberei bei uns kultivieren, verhalten wir uns also wie Menschen, die a) Unfälle und Fahrzeugschäden provozieren und b) glauben, dass die Leitplanken selbst es sind, die uns auf eine irgendwie magische Weise gut in der Spur halten.

Beides sind Illusionen, die so offensichtlich sind, dass man wohl tatsächlich etwas tiefer nach den psychologischen Ursachen graben könnte, aus denen heraus wir hartnäckig physischen Kontakt mit den Leitplanken unserer Gesellschaft suchen.

Man könnte sich sogar zu der Behauptung versteigen: Gute Lebensfahrer, vielleicht auch nur glückliche – wer weiß das schon? – kommen durch all die vielen Straßen ihres Lebens, ohne jemals mit dem Recht(haben) in Berührung gekommen zu sein.

Vom ausschließlichen Leitplanken-Besitz einmal ganz abgesehen, bei dem man immer fragen könnte: „Was willst Du denn mit dem unhandlichen Ding bei Dir zu Hause an der Wand?“

Rechte an anderen Menschen, Recht auf bestimmte Verhaltensweisen anderer Menschen

Im Grunde ist die Redeweise, „ich habe aber ein Recht darauf, dass er/sie…“ ein Signal für die Einnahme einer hierarchisch höhergestellten „Herrschafts-Position“. Der andere Mensch, an den man vermeintlich „Rechte hat“, wird durch dieses Denken und Reden gleichzeitig in die Position eines hierarchisch tiefergestellten „Sklaven“ gedrückt: Wir haben Erwartungen, die der andere erfüllen muss, weil…

…ja, weil wir eben ein Recht darauf haben, verdammt!

Natürlich wird eine solche Rede typischerweise dann gewählt, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt wurden. Und zwar bedenklich oft unabhängig davon, ob wir unsere Erwartungen vorher klar kommuniziert haben (so klar, dass der andere verstehen konnte, was wir überhaupt von ihm wollen); auch unabhängig davon, ob der andere möglicherweise sehr gute Gründe hat, unseren Erwartungen nicht nachzukommen.

Im Grunde ist die Rede von „Rechten“ damit ein Ausdruck von Desinteresse: Wir fragen uns nicht einmal mehr, ob wir vorher klar kommuniziert haben, und wir fragen auch nicht nach der Situation und Bedürfnislage des anderen, an den wir Erwartungen entwickelt haben. – Wir nehmen einen sehr verengten, abstrakten Standpunkt ein, der sich nur um eine einzige Sache schert: Erfülltheit/Nicht-Erfülltheit eigener Erwartungen, völlig unabhängig von Zustandekommen dieser eigenen Erwartungen und unabhängig von der Situation des anderen Menschen.

Meine kleine Privatpsychologie vermutet hinter diesem unseren Verhalten die Verhandlung einer Wertigkeitsfrage: Weil menschliche Zugehörigkeit für uns als Beziehungswesen eine so überaus fundamentale Größe ist, wird an der Erwartungserfüllung oft auch so etwas wie der eigene Selbstwert, der eigene Status in der Gesellschaft mitverhandelt:

Erfüllst Du mein Bedürfnis, bin ich wichtig und gehöre dazu. Erfüllst Du mein Bedürfnis nicht, bin ich unwichtig und gehöre nicht dazu. – Es geht dann nicht um die Situation an sich, die oft ohne direkte Bezugnahme auf „Rechte“ viel leichter und besser befriedigenden Lösungen zuzuführen wäre, sondern es geht um das Große und Ganze des eigenen Seins in der Gesellschaft.

Auf’s eigene Recht zu pochen ist damit performativ gleichbedeutend mit der Aussage: „Ich gehöre dazu und bin wertvoll, und Du nicht!“

Dass wir das auf der unbewussten Ebene sehr gut verstehen, könnte auch eine gute Erklärung dafür sein, warum das Pochen auf’s eigene Recht sich in den allermeisten Lebenssituationen so destruktiv und fatal für alle Beteiligten auswirkt. Warum wir also damit so gar nicht das erreichen und bekommen, was wir uns davon erwarten:

Denn wenn diese Analyse tatsächlich zutrifft, dann kommt das Pochen auf das eigene Recht einer innergesellschaftlichen Kriegserklärung gleich – und provoziert entsprechende kriegerische Gegenmaßnahmen des menschlichen Beziehungspartners, dem gegenüber man „sein Recht geltend macht“. Die Alternative: Die Annahme des Rechtsanspruchs des anderen und seine Erfüllung nach seiner offenen Geltendmachung käme dann einem Akt der partiellen Unterwerfung gleich. Einer partiellen Annahme eines situativen, vielleicht aber nicht situativ bleibenden Sklavenstatus gegenüber dem Rechte-Behauptenden.

Gute Beziehungen sind kaum in Rechtskategorien beschreibbar. Gerade Anwälte wissen das aus täglicher, unmittelbarer Anschauung. Weil sie es eben in ihrem Beruf ständig mit „verunglückten“ Beziehungen zu tun haben.

Aber Rechte sind doch nicht immer schlecht, oder etwa doch?

Es gibt zwei naheliegende Ausnahmen von dieser sehr ablehnenden Sichtweise auf einen inflationären Gebrauch von Rechtskategorien in unserem Alltag:

1) Offene und klar kommunizierte, willkürliche, private Vereinbarungen zwischen Freien. Hier kann der Hinweis auf Rechte produktiv sein, weil in einer Vereinbarung oder einem Tauschhandel mein eigener freier Wille enthalten ist, ich also durch das Recht des anderen an mich „zu nichts gezwungen werde, was ich nicht freiwillig bereits gegeben habe“. Der Hinweis auf’s eigene Recht ist dann für den anderen eine Erinnerung an seinen Willen.

In einem solchen „Vertrag“ müssen die privaten Vertragspartner aber dann faktisch frei sein und nicht nur pro forma. Ansonsten wird die Rechtskategorie wiederum zu einer Verschleierung eines Herr-Knecht-Verhältnisses. Das ist der Fall, wenn der eine von beiden in der Beziehung am wesentlich längeren Hebel sitzt und faktische Abhängigkeiten bestehen.

Die allgemeine Verbreitung solcher Machtungleichgewichte zwischen Menschen im Privaten führt auch dazu, dass, damit es „private Rechte“ geben kann und Tauschhändel wirklich Sinn machen, es zwingend eine politische Ergänzung zum Raum des Privaten geben muss. Denn im ergänzenden Raum des Politischen herrscht kategorisch „Gleichmächtigkeit“.

Gibt es diese politische Gleichmächtigkeit nicht, gibt es auch den Raum des Politischen im eigentlichen Sinne nicht. Dann werden unter dem Deckmantel der „Rechte“ lauter Sklavereibeziehungen errichtet. Wir sind dann zwar pro forma frei. Faktisch aber abhängig und damit im eigentlichen Sinne „nicht geschäftsfähig“, weil wir dann gar keinen freien Willen, der Händel eingehen könnte, ausbilden und aufrechterhalten können. Die zahlreichen Abhängigkeiten und Ohnmächtigkeiten gegenüber mächtigeren Mitbürgern verhindern dann, dass wir uns als Freie betrachten können, die Geschäfte aus freiem Willen eingegangen sind und nicht unter Zwang, wie verdeckt und indirekt dieser Zwang auch immer ausgeübt worden sein mag.

Man könnte begrifflich sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Ohne echte Politik mit Isonomie zwischen den Bürgern gibt es auch gar keine privaten Rechte der Bürger aneinander. Weil private Rechte offene Vereinbarung zwischen voneinander unabhängigen, faktisch freien Menschen voraussetzen, und weil Unabhängigkeit und Freiheit der Bürger für ihr Bestehen eine allgemeine Politisierung der Bürgerschaft voraussetzen, sind alle Verträge und aus ihnen abgeleiteten Rechte „ungültig“ oder „nichtig“, wenn der Raum des Politischen dauerhaft vernachlässigt wird.

Erst ein Staat, der seine Bürger aktiv politisiert und allen gleichen Zugriff auf den Staat verschafft, bringt seine Bürger in einen vertragsfähigen Zustand. In einen Zustand, in dem belastbare, private Rechte der Bürger aneinander entstehen, weil sie aus wirklich freiem Willen Verträge miteinander eingehen konnten und nicht aus relativen Ohnmachtspositionen heraus, die sich sehr leicht ausbeuten und ebenso leicht „verrechtlichen“ lassen.

2) Die zweite Ausnahme sind Politische Rechte,  die uns also nicht als Privatmenschen betreffen, sondern als Bürger. Außerhalb des Raums der Privatbeziehungen, im Raum des Politischen sind Recht und Pflicht fast vollständig identisch. Ein Umstand, der in der modernen Auffassung politischer Rechte bisher noch viel zu stark ausgeblendet ist.

Im Raum des Politischen sind es gerade die Beteiligungspflichten aller Bürger, die einen Raum aufspannen, in dem eben gerade nicht von Rechten aneinander die Rede ist, sondern in dem Freiheit und Gleichwertigkeit soweit ausgeprägt sind, dass die wechselseitige Beeinflussung und Verhaltenskoordination ohne Rückgriff auf die Rechtskategorie möglich wird.

Paradoxerweise ist gerade der Raum des Politischen ein „rechtsfreier Raum“. Und das nicht etwa in einer Weise, wie diejenigen glauben, die das Politische mit einer rechtsfreien Kriegszone verwechseln, sondern in dem Sinne, dass wir innerhalb des politischen Raums gut darauf verzichten können, „auf unsere Recht zu pochen“. Weil wir auch ohne solche Kriegserklärungen aneinander zuverlässig gehört werden und Einfluss haben.

Wir haben also durchaus das politische Recht an unserem Gemeinwesen aktiv zu partizipieren und unsere Stimme zu erheben. Da dies in einer Demokratie aber zugleich die erste Bürgerpflicht ist und genau durch diese aktive Teilnahme aller ein Raum entsteht, in dem Recht keine Rolle spielt, macht auch die Rede von „politischen Rechten“ genauer besehen, nur wenig Sinn.

Der Raum des Politischen ist, wenn er denn besteht, ein kollektiver Akt der Vermeidung, gemeinsam in die Leitplanken zu geraten und Massenkarambolagen zu verursachen.

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