Die Fähigkeit, die ich am meisten bewundere, besteht darin, Stimmung und Gedankenbahnen von Menschen unmittelbar „zu verwandeln“. Ich denke dabei an solchen Kontakt und jene Gespräche, die für uns einen spürbaren Unterschied machen, von denen aus es für uns anders weiter geht. Also eher weniger an jene Taschenspielertricks, die einfach nur unsere begrenzte Aufmerksamkeit ausnutzen und uns mit irgendwelchen „Wow-Effekten“ ablenken, sondern um Aktivitäten, die uns auf uns hinführen, die etwas mit uns zu tun haben.

Deutschland, das Land der Uncharmantheit

Ich kann im Moment nicht sagen, ob es dabei wirklich um mehr geht, als den berühmten, hierzulande häufig so schmerzlich vermissten „Charme“. Um geschickte, nicht „schleimige“ Formen des I see you, I hear you, I care about you as a person, as a human being. – Gestern z.B. kam meine Frau völlig beglückt und voller Energie nach Hause, weil in ihrer Yoga-Stunde ein Vertretungslehrer aus New York die Stunde gehalten hatte. Er erkundigte sich nach den Namen aller Teilnehmer, sprach sie danach mit dem Namen an und gab der Gruppe einfach „ein gutes Gefühl“. Interessant ist dabei auch, was meine Frau noch dazu sagte: „Es ist mir völlig egal, ob das eine reine Masche von ihm war. Es fühlte sich einfach nur gut an.“

Zugleich hatte ich selber vor kurzem eine Kundin, die zuletzt ein paar Jahre in den Staaten verbracht hatte und die mir erzählte: „Die Rückkehr nach Deutschland war schon hart. In den Staaten waren die meisten Menschen stets zuvorkommend und hilfsbereit, gingen auf einen zu. Hier machen alle einen großen Bogen umeinander und wollen nichts mit Dir zu tun haben, wenn Du ein Problem hast. Jeder ist für sich allein. Und fast alle laufen mit so einer Fresse herum, dass auch Dir selbst die Laune schnell vergehen kann. Bevor ich in den USA gelebt habe, war mir das nie so aufgefallen. Aber jetzt leide ich doch ziemlich unter der allgemeinen schlechten Laune hierzulande.“

Ich muss auch an den Top-Manager denken, den ich ebenfalls vor kurzem in der Beratung hatte, der eine Zeit lang für General Electric gearbeitet hat, mit dem berühmten „Stars&Citrons“-System, dass ich in einem Unternehmen hierzulande als wirklich brutales, menschenverachtendes Personalmanagement-System kennen gelernt habe. Sein Kommentar dazu: „Das wird ja häufig völlig falsch verstanden. Wir haben das bei GE ganz anders gehandhabt als oft gedacht wird: Wir haben einfach hingeschaut: gibt es ein Problem, worin besteht es, können wir das irgendwie lösen, können wir irgendwie helfen? – Um Mitarbeiter rauswerfen als Selbstzweck ging es da nie.“

Nun neige ich selber nicht gerade zu einer positiven USA-Verklärung. Dafür hatte ich u.a. zu viel mit us-amerikanischen Unternehmen zu tun. Aber die Nutzung bzw. die Nicht-Nutzung von „Menschen wichtig nehmen“ und „Menschen bewusst das Gefühl geben, dass sie für einen wichtig sind“ scheint durchaus einen großen Anteil daran zu haben, wie wir das alltägliche soziale Miteinander erleben.

In Deutschland neigt man nach meinen Erfahrungen ein klein wenig mehr als in anderen Ländern dazu, das als rein „manipulativ“ zu beschreiben und solche „Manipulation“ ausschließlich negativ zu bewerten. Weswegen sich dann eben offensiv niemanden um niemanden wirklich schert oder kümmert, um es mal überspitzt auszudrücken. Zumindest nicht auf eine Art, die Spaß macht, die lustvoll ist, die für beide daran beteiligten Menschen emotional spürbar ist und die schnell eine starke Verbindung zwischen uns schafft. Wir könnten auch sagen: Wir bemühen uns wenig um andere Menschen.

Und wir tun das reinen Gewissens, denn das offensive Sich-Bemühen um andere Menschen, das bewusste Spiel mit ihnen und das gezielte Eingehen auf das universale Bedürfnis nach menschlichem Kontakt erscheint uns hierzulande nicht nur als überflüssig (wobei wir verkennen, was uns dabei entgeht). Sondern es erscheint uns sogar als wünschenswert, wenn nicht „ethisch“, ein abgewandtes, menschenverachtendes Verhalten an den Tag zu legen.

Fließende Gefühle und festsitzende Emotionen

Die damit groß umrissene Fähigkeit, andere Menschen zu verzaubern, wirft die immer aktuelle Frage nach dem auf, was „Authentizität“ eigentlich für uns bedeutet. Einerseits bedeutet Authentizität ja allem Anschein nach unmittelbarer, unverfälschter Gefühlsausdruck. „Unzensiertes menschliches Sein“ sozusagen. Andererseits deutet ja gerade die Fähigkeit, sich und andere „verzaubern“ zu können, darauf hin, dass es mit der Authentizität gar so einfach nicht sein kann.

Denn wenn sich jemand in seinem Leid suhlt, oder von irgendeinem Hader oder Zorn gar nicht mehr herunterkommt, oder wenn jemand sich in seiner Angst vergräbt, so dass sie ihn davon abhält, Dinge zu tun, die eigentlich getan werden müssen und die ihm gut täten, so könnte sich all das auch hinter einer vermeintlichen „Authentizität“ verbarrikadieren.

Es ist wohl ein Teil jener Fähigkeit, die ich so sehr bewundere, dass jemand davon ausgeht, der „authentische Selbstausdruck“ aller Menschen sei eigentlich „Freude“.

Oder genauer: Dass jemand unterscheiden kann, wann unsere Trauer, Angst und Wut gerade unmittelbar und authentisch sind und wann es sich eher um eine bereits geronnene Emotion handelt, die nicht hinreichend ausgedrückt und gespiegelt wurde, um den natürlichen Fluss alles Menschlichen: den Fluss der Gefühle hinuntergespült zu werden.

Und das eben nicht nur zu erkennen, sondern darauf entsprechend zu antworten und passend zu reagieren, das hat jene „verwandelnde Kraft“, die mir über alles andere hinaus bewundernswert zu sein scheint.

Es ist eine ganz besondere Eigenheit menschlicher Gefühle, dass sie angemessene Reaktionen im mitmenschlichen „Außen“ brauchen, um ihren natürlichen Gang zu gehen. Denn der natürliche Gang, den wir vor allem bei kleinen Kindern und Tieren beobachten können, ist ja: Unsere Gefühle kommen und gehen, von Sekunde zu Sekunde. Sie sind eben „im Fluss“. Sie werden nicht künstlich fixiert und festgehalten. -Eben noch traurig, jetzt wieder lustig, im nächsten Moment zornig, dann eingeschnappt, dann wieder froh, dann ängstlich, usw. usf. – Nur unterbrochen von Schlaf, in dem sich andersartige Prozesse vollziehen…

Fallen angemessene mitmenschliche Reaktionen auf unsere Gefühle aus, verfestigen sich unsere Gefühle künstlich. Fast wie trotzige Kinder, die anfangen „bockig zu werden“. So nach der Devise: „Ich geh hier nicht mehr weg, bis ich anerkannt wurde!“

So könnte man fast sagen: Geronnene Emotionen sind Gefühle, die irrtümlich, aus fehlender sozialer Spiegelung heraus „Persönlichkeit bekommen haben“.

Die Fähigkeit, Menschen zu verzaubern, besteht in der Regel in der Wieder-Verflüssigung jener fixierten Emotionen. Und mit ihr werden oft wundersame und ziemlich überraschende Verhaltensänderungen möglich.

Angenehme Gefühle und Unangenehme Gefühle

Wir könnten mit Erinnerung an das Gesagte auch in Frage stellen, ob die Unterscheidung in „angenehme Gefühle“ (Freude, Begeisterung, Geborgenheit, Energie) und „unangenehme Gefühle“ (Trauer, Wut, Angst, Schmerz) überhaupt sinnvoll ist.

Denn möglicherweise handelt es sich dabei nur um einen Spiegel sozialer Erwünschtheit. Gerade bezogen auf die US-amerikanische Gesellschaft wird ja von dem verbreiteten Versuch berichtet, „nur die angenehmen Gefühle zu haben und die unangenehmen Gefühle zu unterdrücken“, was niemals funktioniert: Wir können nur das allgemeine Gefühlsniveau pegeln, es dimmen oder es da lassen, wo es natürlicherweise ist.

Denn wenn es nur der soziale Spiegel ist, der die Wertungen in Bezug auf unsere Gefühle in unsere Psyche einführt, dann sind Trauer, Wut, Angst und Schmerz keineswegs zwingend „unangenehme Gefühle“, sondern eben adäquater Ausdruck und natürliche Reaktion auf Situationen, die im menschlichen Leben regelmäßig vorkommen.

Was dann allein fehlt, ist ein angemessener zwischenmenschlicher Umgang mit diesen regelmäßig auftretenden Situationen und vor allem mit denen damit natürlicherweise verbundenen menschlichen Gefühlen. Der Ausdruck all jener „negativen“ oder „unangenehmen“ Gefühle kann ganz unglaublich erleichternd sein und bringt Menschen schnell wieder „in Fluss“, wenn, ja wenn mit diesem Gefühlsausdruck gut umgegangen wird. Wenn andere Menschen da sind, die auf diese Gefühle so reagieren, „dass sich diese Gefühle gesehen und angenommen fühlen können“.

Der Ausdruck jeglichen vorhandenen Gefühls ist „angenehm“, wenn die Reaktion der sozialen Umwelt es nicht zu einer sehr unangenehmen Erfahrung macht, dieses Gefühl zu haben; und es gezeigt zu haben, wie es einem gerade wirklich geht.

Die Menschen, von denen ich sage, dass ich sie „bewundere“, haben sich meist eine persönliche Praxis angewöhnt, Ressourcen bereit zu halten für den Umgang mit dem gesamten Gefühlsspektrum, das bei uns eben im Alltag so vorkommt. Sie sind nicht geschockt oder überrascht, wenn mal jemand „Gefühle zeigt“. Sie halten sich bereit für solche Momente oder provozieren sie sogar. Aus Wissen um die Macht des sozial gespiegelten Gefühlsausdrucks.

Dadurch „verzaubern“ sie regelmäßig ihre Mitmenschen. Und das nicht zum Schlechten.

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