Immer wieder mal treffe ich auf Menschen, die einfach mal behaupten, „Bürgerkonventen, die per Losverfahren ausgewählt sind, fehlt die politische Legitimation. Nur Wahlen können politisch legitimieren.“ – Typischerweise handelt es sich um Polittheoretiker. Denn den durch Theorie unverdorbenen Bürger sind im Raum des Politischen von seinem Alltag her in der Regel ganz andere Fragen wichtiger als ausgerechnet die Frage nach „Legitimität“.

Wenn diese Frage aber nun schon einmal im Raum steht, kann man sie auch mal beantworten. – Ich denke, um für sich zu klären, ob Losverfahren oder Wahlen politische Legitimation herstellen, braucht man sich im Grunde nur eine einzige Frage zu stellen:

Ist die politische Legitimation eines Parlaments höher, in dem vermögende, kinderlose Akademiker extrem überrepräsentiert sind, und in dem vermögenslose oder vermögensarme Menschen ohne akademischem Abschluss, die dafür täglich mit Kindern zu tun haben, stark unterrepräsentiert sind?

Oder ist die politische Legitimation eines Parlaments höher, in dem alle Bürger sitzen, exakt nach dem Vorkommen in der Bevölkerung, also vollkommen repräsentativ? – Denn genau das leistet die reine Zufallsauswahl, genau das leistet das Losverfahren.

Schaut man auf die schmerzhaft klaffenden Repräsentationslücken z.B. im derzeitigen Bundestag, halte ich es für eine mutige, um nicht zu sagen dreiste Aussage, dem Losverfahren mangele es an demokratischer Legitimität. Und da haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, dass Demokratie ursprünglich ganz zentral mit Losen verknüpft war und eben nicht Wahlen, und dass im 18. Jahrhundert ein Etikettenschwindel beim Demokratiebegriff stattgefunden hat…

Die Menschen, die in unseren Ratsversammlungen und Parlamenten sitzen, kontrollieren unsere politische Exekutive, sie beschließen neue Gesetze und ändern alte ab. – Nur wer glaubt, dass dieses Herz der Demokratie ausschließlich in die Hände von vermögenden, kinderlosen Akademikern gehört (wie man noch im 18. Jahrhundert dachte), kann Wahlen für „legitimer“ oder „demokratischer“ halten als das Losverfahren.

Nach meinem Dafürhalten sollte sich auch die Politikwissenschaft an die Empirie halten und nicht an irgendwelche haltlosen ideologischen Träumereien, die keiner empirischen Überprüfung standhalten. Glücklicherweise gibt es mittlerweile durchaus auch Politikwissenschaftler, die diesem Prinzip folgen.

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