Bürgerkonvente sorgen nicht nur dafür, dass wir politische Entscheidungen in einem informierteren Zustand treffen als uns dies bei Volksabstimmungen oder anderen Wahlen möglich ist, sie sorgen vor allem dafür, dass wir unsere politischen Entscheidungen in einem empathischeren Zustand treffen.

Man kann das möglicherweise noch einmal eigens betonen. Ist man sich völlig im Klaren darüber, dass wir Menschen „hypersoziale Lebewesen“ sind, wie der Emotions- und Stressforscher Ad Vingerhoets in seinem Ted Talk betont, so wird auch deutlich, dass eine so große und differenzierte Gesellschaft wie die unsere einen erhöhten Empathiebedarf hat – Und damit auch an Orten regelmäßiger politischer Zusammenkunft:

Es macht einen großen Unterschied, ob wir politische Gespräche in einem Zustand der Zugewandtheit führen oder im Modus verbaler oder ritueller Kriegsführungen gegeneinander.

Traditionell wurde Politik immer als Antithese zu einem feindschaftlichen und kriegerischen Verhältnis zwischen uns Menschen gesehen: Politik als Institution, die wir uns selbst schaffen, um uns anders als feindselig begegnen zu können und stattdessen unsere natürlich angelegten Fähigkeiten zur empathischen Verbindung zum Einsatz zu bringen und zu kultivieren.

Wir scheinen diese ursprüngliche Wurzel und diesen ursprünglichen Zweck von Politik heute zwischenzeitlich vergessen oder in den Hintergrund gedrängt zu haben. Denn unsere sogenannten „politischen“ Institutionen gleichen eben mehr rituellem Lagerdenken und symbolischer Kriegsführung, mit „Sieg und Niederlage“, „Strategien“ und „Durchsetzung“. Alles Qualitäten, die der Politik eigentlich fremd sein sollten, weil sie Zugewandtheit, Zuhören und Kultivieren wechselseitiger Empathie zwischen den Bürgern systematisch blockieren und erschweren.

Bürgerkonvente sind daher aus meiner Sicht ein überaus vielversprechendes Element einer Demokratie, die sich auf die friedliebende Wurzel von Politik zurückbesinnen möchte. Und das vor allem dann, wenn sie wirklich alle Bürger aktiv einschließt, wie es möglich wird, wenn wir diese Bürgerkonvente wirklich repräsentativ gestalten, das heißt, wenn wir das Losverfahren einsetzen, um zu bestimmen, wer genau dort gerade zusammenkommt.

Emotionalität in der Politik hat einen schlechten Ruf, weil wir die negativen Effekte von emotionaler Verbundenheit in der Politik falsch zurechnen: Wir nehmen an, es Läge an der emotionalen Verbundenheit selbst, was wir an „Korruption“ oder „Voreingenommenheit“ in der Politik erleben, wenn Emotionen im Spiel sind. Doch der eigentliche Grund ist ein ganz anderer: Bisher gestalten wir Politik exklusiv, bestimmte Gruppen der Gesellschaft systematisch exkludierend. – Und unter diesen Bedingungen ist emotionale Verbundenheit dieser politischen In-Group tatsächlich ein Problem, weil sie Unverbundenheit mit allen anderen triggert. Und damit Parteibildung und Feindseligkeiten in der Politik. Politik wird dann ein System von „Herrschaft und Ohnmacht“. Doch der Grund dafür ist eben nicht die emotionale Verbundenheit an sich, sondern gerade die institutionell begrenzte Verbundenheit, die nicht alle Bürger einschließt, sondern nur bestimmte, während andere zuverlässig außen vor bleiben.

Politische Entscheidungen, bei denen „die Entscheider“ sich vorher emotional miteinander verbunden haben, sind dann besser als Entscheidungen ohne solche emotionale Erdung, wenn die Entscheider nicht bestimmte-beliebige Bürger sind (also keine bestimmte Gruppe der Gesellschaft, die dann andere aus der politischen Entscheidungsfindung ausschließt), sondern systematisch-repräsentativ alle Bürger.

Denn dann kommt die Gesellschaft als Gesellschaft bei Bürgerkonventen in Kontakt mit sich selbst: Niemand wird von dieser Verbindung, von diesem Verband ausgeschlossen. Das politische Gemeinwesen ist dann nicht exklusiv. Wir erkennen den Menschen als Bürger an und sagen: „Auch Du sollst eine hörbare Stimme haben. Wir wollen, dass auch Du über unser gemeinsames Schicksal mitbestimmst.“

Diese institutionelle Setzung hat eine transformative Kraft. – Nach meiner Auffassung wird diese transformative Kraft, die durch Losverfahren und Bürgerkonvente in unsere Gesellschaft und in unsere Politik kommen würde, derzeit noch systematisch unterschätzt.

Bürgerkonvente sind Orte, an denen „Bürgerfreundschaft“ überhaupt erst entsteht. Und ohne solche Institutionen entsteht sie nicht. Ein Fehlen von Institutionen, in denen wir unsere Bürgerfreundschaft miteinander kultivieren können, bedeutet für uns, dass wir mit „Feinden dealen“ müssen und Politik für uns nur zu einer verkappten oder offenen Form von Kriegsführung gegeneinander wird. Mit allen desaströsen Folgen, die das für uns hat.

Ich persönlich habe wenig Vergnügen daran, in einer Gesellschaft zu leben, in der Feindseligkeit die Regel und ein Gefühl der Verbundenheit die Ausnahme ist. – Aber möglicherweise ist das einfach nur meine private Meinung. Eine Meinung, mit der ich allein bin.

Allerdings darf ich mir dabei zugute halten, dass ich bisher noch keine Gelegenheit erhalten (oder mir verschafft) habe, diese meine private Meinung mit anderen meiner Mitbürgern abzustimmen. Also von einer privaten zu einer wirklich politischen Meinung zu machen.

Ich möchte hier also die möglicherweise zunächst verstörende Meinung vertreten, dass Meinungen, die nicht in allgemeiner Verbundenheit der Bürger entstehen, gar keine politischen Meinungen sind. Politik setzt, um Politik zu sein, Empathie voraus. Und das heißt auch: Sie setzt die Möglichkeiten voraus, dass bürgerschaftliche Empathie zwischen uns überhaupt entstehen und von uns miteinander gepflegt werden kann.

Das ist der Grund, aus dem ich Bürgerkonvente und Losverfahren für absolut unverzichtbar halte, um den Raum des Politischen zwischen uns aufzuspannen und dem Wort „Bürger“ eine wirkliche Bedeutung zu geben.