Man könnte heute ja meinen, „sich zum Bürger machen“ hätte eine gewisse innere Verwandtschaft mich „sich zum Affen machen“. Und vielleicht hat das ja sogar einen wahren Aspekt.

Ich für mich habe in den letzten 2 Jahren gelernt, „sich zum Bürger machen“ etwas anders zu verstehen:

Zunächst handelt es sich um etwas, das man eben gerade nicht individuell beschließen und aus privater Aktivität vorantreiben kann, sondern nur gemeinschaftlich. Und das auch nicht nur „mit irgendeiner Gemeinschaft“, also mit einer beliebigen Gruppe von „Gleichgesinnten“, mit denen man sich zusammentut, eben weil man gleichgesonnen ist. Der Bürgerschaftliche Zusammenschluss ist kein Zusammenschluss von Ähnlichen, sondern von Unterschiedlichen.

Die Gemeinschaft der Bürger ist ein Zusammenschluss, der die Multiperspektivität von uns Menschen maximal schätzt und der es vorsätzlich forciert, dass sich alle aktiv einbringen und zu Gehör bringen, weil das gemeinsame Zusammenleben es zwingend erfordert, dass die Perspektiven und Lebenssituationen aller gleichrangig einfließen und gehört werden können. Der bürgerschaftlich-politische Zusammenschluss ist daher eine Gemeinschaftsbildung, die ganz und gar einzigartig ist und die sich von allen anderen menschlichen Zusammenschlüssen prinzipiell unterscheidet.

Parteibildung und Bildung zum Bürger verstehe ich als einander ausschließende Vorgänge. Parteien beruhen auf Ähnlichkeit. Bürgertum beruht auf Unterschiedlichkeit.

Für mich ist die Haltung des Bürgers diejenige, die beschließt, sich mit allen Menschen des eigenen Gemeinwesens zusammenzutun, ganz unabhängig von deren Gesinnung. Und die sich auf die Transformation einlässt, die dieser Beschluss unweigerlich für einen zufolge hat, wenn man ihn gemeinsam in die Tat umsetzt.

Bürger müssen Bürgern begegnen können, ungeachtet ihrer privatweltlichen Hintergründe, um Bürger werden und sein zu können.

Daher sind für mich geloste Bürgerräte, Bürgergutachten, Bürgerkonvente, Zukunftsräte der Ort, die Institution und das Verfahren, über die vermittelt wir uns überhaupt erst „zu Bürgern machen“. Und zwar wechselseitig. Kein anderer und nichts anderes kann uns zu Bürgern machen. Niemand kann uns den Bürgerstatus „verleihen“ und auch wir selbst können nicht plötzlich aus einer individuellen Haltung oder Laune beschließen, Bürger zu sein.

Die Transformation in einen Bürger ist ein Prozess, der Begegnung, Beratung und gemeinsame Beschlüsse aus der bürgerschaftlichen Präsenz heraus benötigt, um sich vollziehen zu können. „Bürgerliche Gegenwärtigkeit“ hat der Althistoriker Christian Meier das mal mit Blick auf die attische Demokratie genannt. Im rein virtuell und medial vermittelten Raum bleiben wir immer nur Privatpersonen mit privaten Meinungen. Wir können dort niemals Bürger sein und niemals Bürger werden. Denn die Prozesse, in denen wir uns zu Bürger machen brauchen unsere gemeinschaftliche Präsenz. Ohne geht es nicht.

Ohne aktive politische Beteiligung aller erlangt keiner von uns den Bürgerstatus. Dann kann es für uns in der Politik nur um etwas gehen, das eigentlich unpolitisch ist: Um Herrschaft. Also darum, wer wen beherrscht. Bürger beherrschen einander nicht. Sie begegnen und beraten sich. Sie erkennen ihre prinzipielle Gleichrangigkeit und Gleichwichtigkeit wechselseitig an. Herrschaft und Politik, Herrschaft und Demokratie, Herrschaft und Bürgertum schließen einander aus.

In den Prozessen, in denen wir uns selbst zu Bürgern machen, spüren wir unmittelbar, was das bedeutet. Erst dort kommt die Wahrheit des Politischen, die Wahrheit der Demokratie zur Geltung.

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