Im psychiatrischen und therapeutischen Umfeld ist es bereits seit Jahrzehnten gut bekannt: Das Phänomen der „nützlichen Krise“ bzw. des „sekundären Krankheitsgewinns“. Es hat sich im Grunde zeitgleich mit dem Ausbau eines Systems der psychischen Gesundheitsversorgung ausgebreitet. Die Grundmechanismen dürften aber bereits vorher existiert haben, sind wohl menschlich universell und daher in allen Sozialsystemen anzutreffen.

Krisen können viele nützliche Aspekte für den haben, der die Krise anzettelt. Nicht an letzter Stelle dieses Krisennutzens stehen v.a. zwei: 1) Die Vereinfachung und Vereindeutung sozialer Konstellationen, die ansonsten „komplex“, „ambivalent“ und „verwirrend“ bleiben und sonst zu ihrem Umgang viel Aufmerksamkeit und zeitaufwändigen Umgang bräuchten. Durch die Krise ist klar, wer das Problem hat und wer es zu lösen hat. „Gesundheit“ und „Krankheit“ sind in wunderbarer, aber auch etwas lebensferner Eindeutigkeit verteilt.

Und zum anderen 2) Die Sicherung von liebevoller oder gar nicht so liebevoller, aber in jedem Fall von Aufmerksamkeit für die eigene Person. Also etwas, das in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit DIE knappe Ressource überhaupt ist, immer hoch attraktiv ist. So steht der Gesundung von so manchem chronisch Kranken vor allem der drohende Liebesentzug im Weg, der sich leider automatisch einstellt, sobald die Krankheit als „geheilt“ gilt.

Was im kleinen, persönlichen Kreis gilt, scheint mittlerweile auch die Gesellschaft als Ganze und damit das Feld der Politik erfasst zu haben: Krisen sind nützlich und organisieren das Soziale. Wer „seine“ Krise möglichst dramatisch inszeniert und ins öffentliche Licht rückt, bekommt die meiste öffentliche Aufmerksamkeit. Der Wettlauf darum, die schönsten Krisen anzuzetteln, hat also längst begonnen. Und manche stellen sich dabei natürlich etwas geschickter an als andere.

Auch dieser Mechanismus ist keineswegs neu. Schon lange müssen sich die Grünen heimlich wünschen, dass es irgendwo ein AKW katastrophal zerlegt, die CDU, dass irgendwelche Ereignisse Ängste vor Werteverfall triggern, die LINKE (und früher die SPD), dass irgendwo ein großes Werk öffentlichkeitswirksam abgebaut wird und die FDP, dass irgendeine Behörde auf skandalisierbare Weise „Steuergelder verschwendet“. Dass nun mit der AfD eine Partei hinzugekommen ist, die sich über jeden einzelnen nach Deutschland migrierten Menschen freuen kann, der ein Kapitalverbrechen begeht, ist also nur Teil eines allgemeinen politischen Musters, nachdem der Retter die Katastrophe braucht, um ein vermeintlich gebrauchter Retter sein zu können.

Die Alternative zu so einem Täter-Opfer-Retter-System liegt eigentlich auf der Hand und unterscheidet sich im politischen, öffentlichen Bereich kaum von dem, was im privaten, kleineren Bereich nützlich ist, um Täter-Opfer-Retter-Kreisläufe aufzulösen:

Man hält für alle beteiligten Menschen stets genügend Aufmerksamkeit bereit, so dass Kriseninszenierungen unnotwendig werden, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der „Krisengewinn-Effekt“ fällt weg, wenn Aufmerksamkeit der Normalfall wird und nicht mehr der Ausnahmefall bleibt.

In kleinen, überschaubaren Sozialsystemen bedeutet das, dass man den Effizienz- und Termindruck etwas zurückschraubt, so dass man „einfach Zeit füreinander hat“, wo sie eben gerade benötigt wird. Egal von wem sie gerade benötigt wird. Auf Zuruf. Und man kann dem auf „natürliche Weise“ nachkommen, weil der eigene Kalender nicht übervoll ist und die To-Do-Listen nicht ständig überquellen. Immerhin sind wir Menschen „hypersoziale Wesen“, die dem Ruf des „Gebraucht-Werdens“ liebend gerne nachkommen, wenn wir nicht grade selbst unter akutem oder chronischem Stress stehen.

In halb-anonymen Großgesellschaften braucht es dagegen institutionelle Lösungen für die allgemeine Bereithaltung von Aufmerksamkeit für alle, die einen Wettbewerb um die bessere Kriseninszenierung erübrigt. Institutionen und politische Verfahren, die Aufmerksamkeit als allgemein bereitgehaltene Ressource zirkulieren lassen und nicht auf einige wenige Personen und einige wenige Themen konzentrieren, so dass sie alle zwingt, sich selbst zur Krise zu machen, um „auch etwas Aufmerksamkeit zu bekommen“.

Denn die Krise hat zwar hohes Potential der Aufmerksamkeitsgenerierung. Und ist daher durchaus immer eine menschliche Versuchung. Nur leider lenkt sie die Aufmerksamkeit hinsichtlich ihrer Lösung so gut wie immer in unproduktive Kanäle. Meist in solche, die die Krise künstlich auf Dauer stellen, anstatt das zu tun, was die Krise eigentlich soll: Ganz gewöhnliche zwischenmenschliche Zuwendung hervorzurufen.

Eine Gesellschaft, die klug genug ist, Krisen überflüssig zu machen, um Aufmerksamkeit zu ermöglichen, ist zugleich auch eine Gesellschaft, die sich selbst allgemein politisiert. Regelmäßig und mit Vorsatz. Und eben nicht als krisenhafte Ausnahme.

In einem entspannten System fragen wir uns: „Okay, was ist los? Erzähl mal, worum es Dir eigentlich geht?“ – Wir fragen das in Ruhe. Wir fragen das sachlich. Wir fragen das mit einer Offenheit für die Erfahrungen des anderen. Und wir fragen uns das wechselseitig.

Nach meinen Eindrücken ist dieser Zustand „der Natürliche für den Menschen“.

Und die ständige künstliche Inszenierung von Krisen und Drama zum Zweck des Aufmerksamkeitgewinns etwas, das uns Menschen krank und verrückt macht.

 

 

 

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