Was ist Freiheit für uns?

Wir sind körperliche Wesen. Und das heißt auch: Wir werden immer Bedürfnisse aller Art haben und entwickeln. Wenn wir nicht sagen wollen: „der Mensch an sich ist immer unfrei, denn er ist immer ein von Bedürfnissen Getriebener“, dann wird unser Freiheitsbegriff einen Bedürfnisbezug haben.

In der Tat erleben wir uns im Alltag mal als „freier“ und mal als „unfreier“. Doch woran liegt das?

Nach meinen Eindrücken macht den entscheidenden Unterschied für uns nicht, ob wir gerade bedürftig sind oder nicht (denn wir sind so gut wie in jedem Augenblick in irgendeiner Hinsicht bedürftig), sondern wie unsere mitmenschliche Umwelt mit unserer Bedürftigkeit umgeht. – Und wie in der Folge auch wir selbst lernen, mit unserer Bedürftigkeit umzugehen.

Ich neige dazu, dass klassisch-antike Freiheitsverständnis geradewegs umzukehren: Unfrei fühlen wir uns, wenn unsere Bedürfnisnatur verachtet, ignoriert oder verleugnet wird. Wenn wir uns anfangen müssen zu verstellen, um uns von unseren Mitmenschen akzeptiert fühlen zu können. Wenn wir uns von unseren Bedürfnissen und ihren Äußerungen: unserem Gefühlsausdruck innerlich wie äußerlich distanzieren müssen, „um dazu zu gehören“.

Nicht der Mensch ist frei, der sich von seinen Gefühlen und Bedürfnissen frei machen kann, sondern der, der keinerlei Impuls zur Selbstverleugnung verspürt, der mit dem gehen kann, „was ist“, der zu „sich“ stehen kann und der zu authentischer Selbstwahrnehmung und authentischem Selbstausdruck in der Lage ist. Zu einem „Handeln aus dem eigenen Sein heraus“.

Es ist also die Aufwertung oder Abwertung unserer Bedürfnisnatur, die menschliche Freiheit oder menschliche Unfreiheit konstituiert.

Wer maximale Unfreiheit in einem einzelnen Menschen oder in einer ganzen Gesellschaft von Menschen herstellen möchte, muss dafür nichts anderes tun, als Gefühlsäußerungen und vorhandene Bedürfnisse ständig verbal abzuwerten und die offene Bezugnahme auf menschliche Bedürfnisse und Gefühle drastisch zu sanktionieren.

Schon nach kurzer Zeit kommt es dann zu den üblichen Abspaltungs-/Dissoziationsvorgängen, mit denen wir als Menschen anfangen zu verleugnen, was in uns ist und was mit uns ist. Erst gegenüber anderen. Und dann, nur kurz darauf, auch uns selbst gegenüber. Wir verlieren den Kontakt zu uns.

Unsere Bedürfnisse und Impulse zu Gefühlsäußerungen verschwinden darüber nicht. Sie „gehen in den Untergrund“. Es entsteht eine Scheinpersönlichkeit an der Oberfläche, die das eigentliche Sein des Menschen nicht anerkennen und in sich integrieren kann. – Bedürfnisbefriedigung wird dann heimlich, über Umwege und Ersatzhandlungen gesucht.

Das ist der unfreie und unbefriedigte Zustand des Menschen, der sozial systematisch hergestellt werden kann.

In diesem Sinne sind viele unserer sozialen Systeme auch heute noch „Schulen der Unfreiheit“: Wir lernen, uns von uns abzuspalten und fremden Interessen zu dienen, in denen wir uns nicht wiederfinden. Dass diese Interessen anderer Menschen ebenfalls oft Ergebnis von Abspaltungsprozessen, also selbst uneigentlich und unauthentisch sind, ist dabei zentral für die Herstellung unserer Unfreiheit.

Denn wir können uns in unmittelbar geäußerten Bedürfnissen anderer Menschen sehr wohl wiederfinden, ohne dadurch selber unfrei zu werden. Wir können darüber auch unsere eigene Bedürftigkeit in einer positiven Bewertung wiederentdecken. Wir können durch andere Menschen, die freier handeln und sprechen als wir selbst, inspiriert werden (um nicht zu sagen: wiederbelebt werden). Wir können durch empathische Reaktion von Menschen, die mit sich selbst gut verbunden sind, eigene Gefühle und Bedürfnisse besser wahrnehmen und ausdrücken. Andere Menschen können für uns eine „Quelle der Freiheit“ sein.

Mit menschlichen Bedürfnissen gut verbunden zu sein, macht uns frei. Und dabei spielt es nur eine nebensächliche Rolle, ob es nun gerade Dein oder mein Bedürfnis ist, um dass es sich handelt, wenn die allgemeine Kultur, in der wir uns beide bewegen, eine Kultur der Freiheit ist: Wenn es allgemein sozial akzeptiert ist, dass Bedürfnisse natürlich und wichtig sind. Dass vorhandene Bedürfnisse ein legitimer Handlungsgrund aus sich selbst heraus sind, wenn nicht die Legitimation von Handeln überhaupt. Dass „Mensch A braucht X“ die Letztbegründung alles menschlichen Handelns ist, über die hinaus es keine Begründung geben kann und über die hinaus auch gar keine weitere Begründung versucht werden sollte.

Verstehen wir Freiheit auf diese Weise, so wird auch klarer, wie unsere sozialen Systeme beschaffen sein müssen, um „Schulen der Freiheit“ werden zu können:

Sie müssen ihre eigenen Handlungsgründe durch direkte Bezugnahme auf vorhandene menschliche Bedürfnisse gewinnen. Schulen der Freiheit werden unsere Familien, Schulen, Universitäten, Unternehmen, staatlichen und halbstaatlichen Institutionen, wenn Sie die Kommunikation, aus der sie bestehen, klar und direkt auf bestimmte Bedürfnissen bestimmter Menschen fokussieren.

Um das zu können, müssen diese Institutionen „Gefühlskommunikation“ zulassen können. Denn weil sich Bedürfnisse über Gefühle äußern, müssen soziale Systeme, die Gefühlsäußerungen abwerten (z.B. als „unprofessionell“ oder „nicht zur Sache gehörig“), blind werden dafür, ob sie die Zwecke, zu denen sie existieren, überhaupt erfüllen. Sie laufen dann leer bzw. täuschen die Erfüllung von menschlichen Bedürfnissen nur vor. Das eigentliche Kriterium für die Erfülltheit/Unerfülltheit menschlicher Bedürfnisse in und durch diese Institutionen sind dann durch diese Institutionen selbst sozusagen „ausgeschaltet“:

Die sozialen Systeme setzen sich dann selbst als (von Menschen dann als sinnlos erlebten) Zweck. Sie werden unreformierbar – Zumindest nicht auf sinnvolle Weise, weil es dann gar kein Kriterium mehr gibt, an der sich eine Reform orientieren könnte. Unsere Zufriedenheit oder Unzufriedenheit ist das „Außen“ zu gesellschaftlichen Institutionen, an denen diese sich in ihrer inneren Form orientieren können. Aber eben nicht müssen. Die regelmäßige Einspeisung menschlicher Gefühle „ins System“ ist das, was eine reformfähige Institution von einer leerlaufenden, sich zum Selbstzweck machenden Institution unterscheidet. Chaotische soziale Systeme ignorieren, bagatellisieren und diffamieren die Gefühle der Menschen (Kunden, Mitarbeiter, Nachbarn, etc.), die mit ihnen in Berührung kommen. Wohlgeordnete soziale Systeme nehmen offensiv Bezug auf vorhandene menschliche Gefühle und sorgen dafür, dass sie authentisch zum Ausdruck kommen – und damit auch systematisch genutzt werden können.

Herrscht Konsens darüber, dass menschliche Gefühle und Bedürfnisse unerheblich sind, so herrscht bald allgemeine Entfremdung und Sinnlosigkeit („Bürokratismus“, „Willkürherrschaft“, „Chaos“, „Beliebigkeit“) und damit ebenso bald allgemeine Unfreiheit.

Wir finden die Freiheit nicht in einer Abstandnahme vom Menschlich-Allzumenschlichen. Sondern in einer gezielten Hinwendung dazu.

Geschieht dies gemeinschaftlich, institutionell, innerhalb von sozialen Systemen, die diese Zuwendung unterstützen, so haben wir „Schulen der Freiheit“ vor uns.

 

 

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