Wir scheinen große Probleme damit zu haben, die Bedürftigkeit und Stärke von Menschen gleichzeitig wahrzunehmen: Zeigt sich ein Mensch uns einmal bedürftig, so schließen wir schnell darauf, dass er immer und in jeder Hinsicht bedürftig ist. Und zeigt sich ein Mensch uns einmal stark und belastbar, so schließen wir schnell darauf, dass er immer und in jeder Hinsicht stark ist.

Wir vereindeutigen die natürliche menschliche Ambivalenz und Vielschichtigkeit und Situationsgebundenheit von uns Menschen also gerne. Das gilt sowohl für andere Menschen als auch für uns selbst.

Die Konsequenz dieses unseren Hangs zur Auflösung sozialer Ambivalenzen sind Statusfixierungen, die das natürliche Spiel mit Status auflösen und blockieren.

Für diese Blockade nutzen wir eine Denkfigur, die in der Rhetorik „pars pro toto“ heißt: Ein Teil wird für das Ganze genommen. „Dach“ für „Haus“. „Berlin“ für „Deutschland“, usw.

Bezieht sich pars pro toto jedoch auf die Ressourcenfülle und Bedürftigkeit von Menschen, führt uns dieses Denken direkt in zwischenmenschliche Höllen. Wir überfordern dann die, die wir fixiert als „Starke“ gebrandmarkt haben, und wir unterfordern die, die wir mit unseren gedanklichen Schubladen auf Bedürftigkeit und Hilflosigkeit fixieren.

Dennoch wenden wir dieses Denken nur all zu gerne an:

Wenn es um Führende und Geführte geht.

Wenn es um Gesunde und Kranke geht.

Wenn es Herrschende und Beherrschte geht.

Generell: Wenn es darum geht, dass sich irgendwelche Menschen um irgendwelche andere Menschen „kümmern“ sollen.

Und  natürlich auch: Wenn es um Politiker und Bürger geht.

In all diesen Verhältnissen denken wir uns „die Starken“ viel stärker als sie sind. Und „die Bedürftigen“ viel hilfloser als sie sind.

Dennoch kommen wir in Großgesellschaften nicht ohne das Prinzip aus, dass „ein Teil für das Ganze“ sprechen muss. Wir können einfach nicht über 70 Millionen Menschen auf einem Platz versammeln und dann sinnvolle Austausch- und Beratungsprozesse zwischen ihnen organisieren. Von Parlamenten mit über 7 Milliarden Menschen ganz zu schweigen.

Nehmen wir aber das Prinzip ernst, nachdem die Kraft Einzelner niemals zu überschätzen ist und die Bedürftigkeit Einzelner genausowenig, dann werden wir die Auswahl anders organisieren als sich das aristokratische Gesellschaften immer vorgestellt haben.

Wir werden „pars pro toto“ politisch anders mit Leben füllen als durch das Prinzip, dass wir „die Stärksten“ auswählen und ihnen den ganzen politischen Mist auf ihre schmalen Schultern aufbürden. Und wir werden die vermeintlich ach so ahnungslos-schwach-inkompetenten unter uns nicht von ihren natürlichen politischen Pflichten entlasten.

Wenn im Bereich des Zwischenmenschlichen ein Teil nicht für das Ganze sprechen kann, und zwar prinzipiell nicht, dann werden wir für eine beständige gute Durchmischung der „sprechenden Teile“ einer Gesellschaft sorgen, damit die ganze Wahrheit der Gesellschaft auf den Tisch kommt und für uns alle gut zu hören ist.

Die Demokratie ist jene menschliche Klugheit, die die Bedürftigkeit und Stärke aller Menschen gleichzeitig in den Blick nimmt und diesen realistischeren Blick auf uns als Menschen institutionalisiert. Mit der Demokratie als Verfassung helfen wir uns selbst, die Stärke und Bedürftigkeit der Menschen unserer Gesellschaft nicht zu überschätzen und nicht zu unterschätzen. Und damit: Auch nicht unsere eigene.

 

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