Ihr kennt ja alle diese komischen Weisheitslehren, nach denen Ego, Persönlichkeit und Individuation Illusionen sind.

Nehmen wir das mal für einen Moment ganz handfest und praktisch:

Ich z.B. habe jahrelang daran gearbeitet, Menschen beim Thema Arbeitssuche zu helfen, ihnen (weitere) gute Erfahrungen mit Arbeit, Unternehmen und sich selbst zu ermöglichen, und ihnen (weitere) ungute Erfahrungen mit Arbeit, Unternehmen und sich selbst zu ersparen.

Wenn wir dabei kurz den eher spirituell-metaphysischen Aspekt beiseite lassen, „dass sich die menschliche Seele nach Erfahrungen sehnt“, dann könnte man diese Arbeit naiverweise so auffassen, als ginge es bei ihr darum, alle meine Kunden „guten Unternehmen“ zuzuführen.

Doch was wäre damit gewonnen?

Jeder Kunde, den ich dazu bewegen kann, sich systematisch auf die Suche nach „guten Unternehmen“ zu machen, und der dadurch nicht in einem jener Läden landet, die ich „Zitronenpressen“ nenne (frische Zitronen vom Markt holen, auspressen, wegwerfen, sich neue frische Zitronen vom Markt holen), macht damit nur eine „Stelle“ frei für einen anderen armen Menschen, der an seiner Stelle in einem jener Läden anheuert.

Es ist vom Prinzip her eine ähnliche Absurdität wie die, die der ganzen „Arbeitsförderung“ und „Bewerbungstrainings“ anhaftet: Nur weil man Heerscharen von einzelnen Menschen individuell trainiert, entstehen deswegen noch lange nicht mehr Jobs.

Und selbst wenn man eben auf „Beziehungsqualität“ achtet, also nicht nur um „Arbeit haben oder Arbeit nicht haben“, sondern auf die Stiftung „guter Arbeitsehen“, werden dadurch ja nicht die guten Unternehmen mehr und die schlechten Unternehmen weniger.

Nur das Ego des Bewerbungscoachs wird befriedigt: Seine Kunden landen eher bei „den Guten“. Dafür landen die Kunden anderer – durch die genau gleiche Arbeit – eher bei den Zitronenpressen, den Hire&Fire-Burnout-Unternehmen. Weil jeder der eigenen Kunden eben „den Platz frei macht“ für all jene, die weiterhin ermutigt werden, sich einen Job zu suchen, egal wie er für sie ist, Hauptsache irgendeinen. Weil ja alles besser ist – angeblich! – als Arbeitslosigkeit.

In sozialen Systemen geht keine Erfahrung verloren. Und mit „Erfahrung“ meine ich: Ereignisse, Vorgänge, die in Menschen Gefühle auslösen. – Man könnte also auch sagen: In sozialen Systemen geht kein Gefühl verloren, das jemals von irgendeinem von uns empfunden wurde.

Wir kennen das aus Teams: Du wirfst einen Menschen aus dem Team; vermeintlich den, der für die negative Teamdynamik verantwortlich ist. Also „den Schuldigen“. Und schwups: Wandert das Problem zu jemandem anderen. Oder von Wahlen: Du wählst jemand anderen. Und schwups: Macht der genau das Gleiche wie jener, den man „abgewählt“ hat. Personen scheinen in emotionaler Hinsicht sehr weitgehend austauschbar zu sein. Emotionen suchen sich „ihre Träger“. Und finden sie immer. Wenn nicht in Dir, dann in mir. Wenn nicht in mir, dann in jemand anderem…

Man könnte geradezu einen „Emotionserhaltungssatz“ für soziale Systeme postulieren.

Und doch gibt es erkennbare „Fortschritte“ und „Rückschritte“, was das Zwischenmenschliche angeht: Bessere Umgangsformen miteinander und schlechtere Umgangsformen miteinander. Positive Sozialdynamiken zwischen uns und negative Sozialdynamiken zwischen uns. Dinge, die im Miteinander besser werden, und Dinge, die im Miteinander schlechter werden.

– Wie ist das möglich, wenn doch jede Emotion und jede Erfahrung, gute wie schlechte, in unseren sozialen Systemen gespeichert und geborgen ist?

„Naiv“ ist wohl nur unsere pauschale Rede von „guten Unternehmen“ oder „schlechten Unternehmen“. Was gut oder schlecht ist im Zwischenmenschlichen liegt eben nicht in diesem oder jenem Individuum (egal ob Mensch oder Unternehmen), sondern im zwischen.

In einer Beziehung zu einem andern, in der der eine von uns die Hölle auf Erden erlebt, erlebt der andere seine Berufung, eine geeignete Herausforderung oder eben eine „Erfahrung“, die ihn vielleicht zunächst überfordert, aber auch weiterbringt für eine nächste, andere Beziehung, die er nur aufgrund dieser Erfahrung „positiver gestalten“ kann.

Die in sozialen Systemen gespeicherten Emotionen warten im Grunde auf die Menschen, die mit ihnen umgehen können. Und dabei ist die Individualität hilfreich: Was der eine kann, kann der andere nicht; und umgekehrt. Positive Dynamiken entstehen, „wenn die richtigen Menschen zusammenkommen“, negative Dynamiken entstehen zwischen uns, „wenn die falschen Menschen zusammenkommen“. – Über die entscheidende Bedeutung von Rahmenbedingungen des Zusammenkommens für die Qualität der Beziehungsdynamiken zwischen uns Menschen schweigen wir uns an dieser Stelle mal aus.

Was „richtig“ und was „falsch“ ist in Beziehungen, ist so individuell, dass Prognosen beinahe unmöglich sind: Es ist ein ständiges Ausprobieren, nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“, wobei sich auch noch ständig verändert, was „Irrtum“ und was „gerade genau richtig“ ist. Das Geschehen zwischen uns ist so dynamisch, dass man noch nicht einmal verlässliche Schlüsse „für alle Zeit“ ziehen kann. Man ist noch nicht einmal „hinterher schlauer“, höchstens „um eine Erfahrung reicher“, die idealerweise eine „in dieser Form neue Erfahrung“ ist. – Soziale Erfahrungen sind folgen also einem sehr anderen Prinzip als die Naturwissenschaften, die von wiederholbaren Versuchsaufbauten leben und die daher ewige Wahrheiten finden können, die für alle Zeit gültig sind. Die Erkenntnisgewinne im Raum des Zwischenmenschlichen sind von völlig anderer Art.

Für den Raum des Sozialen, Zwischenmenschlichen, für unser ständiges Miteinander-Experimentieren gilt:

Die negativen Emotionen in uns sind wie sie sind.

Die positiven Emotionen in uns sind wie sie sind.

Die negativen Emotionen da draußen sind wie sie sind.

Die positiven Emotionen da draußen sind wie sie sind.

Aber sie warten auf uns als denjenigen, die möglicherweise richtig für sie sind. Denn es ist durchaus möglich, negative Emotionen aufzulösen und dauerhaft zu befrieden (wenn es passt). Und es ist durchaus möglich, positive Emotionen hervorzurufen und spielerisch zu werden (wenn es passt).

Wir suchen diejenigen Beziehungen, denen wir gewachsen sind. Und wir suchen diejenigen Beziehungen, die uns gewachsen sind. – Verzweifelt sind wir, wenn wir sie gerade nicht finden können. Hoffnungslos, wenn wir den Glauben aufgeben, dass es sie gibt.

Das alles ist viel gewöhnlicher und verbreiteter als es möglicherweise klingt. Es sind alltägliche Erfahrungen, die jeder von uns täglich macht.

Beziehungen verändern sich, haben Anfang und Ende, wir finden jenes „emotional passende“ nicht in einer bestimmten Person für alle Zeit, sondern in einer bestimmten Konstellation, in denen unsere spezifischen emotionalen Ladungen „geborgen“ sind. Und in denen wir emotionale Ladungen anderer gut auffangen und spiegeln können.

Wir sind, kurz gesagt, emotionale Resonanzkörper füreinander. Und dabei gibt es Harmonien und Disharmonien, die sich ständig verändern. Unsere Gefühle springen vom einen zum anderen, drücken sich hinterrücks oder direkt aus, beim richtigen oder beim falschen, mal rein körperlich, mal verbal, mal in Handeln, mal in Nichthandeln.

Unsere Gefühle gehören nicht „uns“. Sie gehören „der Gesellschaft“, an der wir partizipieren. Wir sind jeweils nur ihre momentanen Träger. Oder wir könnten stattdessen sagen: Unsere Gefühle gehören nicht uns, sondern der jeweiligen sozialen Situation, an der wir Anteil nehmen. Oder wir könnten sagen: Sie gehören sehr wohl uns. Aber keinem von uns allein. Sondern uns allen gemeinsam. Es gibt eine „Allmende“ der Emotionen.

Die Zuordnung von Gefühlen auf Personen ist ein all zu billiger Ausweg, mit dem wir uns selbst etwas vormachen und das fundamentale emotionale Kontinuum ausblenden, in das wir als Menschen immer schon eingebettet sind. Diese Illusion lässt uns glauben, dass wir Probleme dauerhaft lösen könnten, indem wir bestimmten Menschen aus dem Weg gehen oder sie bekämpfen. Doch schon hinter der nächsten Ecke warten schon wieder andere menschliche Spiegel genau jener Gefühle auf uns, deren Träger wir gerade sind. „Unsaubere“ Spiegel: Denn auch diese Spiegel sind selbst Träger gespeicherter Gefühle. Und das sorgt für immer neue, spannende Konstellationen, die befriedigender oder weniger befriedigend sein können. Es gibt für uns Menschen kein Entkommen aus der eigenen Einbettung in die allgemeine emotionale Verbundenheit. Glücklicherweise!

„Dein“ und „Mein“ bilden sich nicht gegen diese allgemeine emotionale Verbundenheit heraus. Sondern durch sie hindurch. Gefühle sind neben dem, dass sie das Medium der Geborgenheit stellen, zugleich auch das Medium menschlicher Individuation. Das übersehen wir heute gerne, und manchmal verleugnen wir das auch offensiv. Das ändert aber nichts daran, dass „an unseren Gefühlen vorbei“ kein Land zu gewinnen ist. Allenfalls Aufschub. Und meist ist das dann ein Aufschub, den man später bereut. „Lösungen“ liegen für uns nur in der Anerkennung und passenden Spiegelung vorhandener Gefühle, egal, ob es „unsere eigenen“ Gefühle oder die Gefühle „anderer Menschen“ sind.

Der praktische Gegenwert der Annahme, dass „alles Ego nur Schein ist“, besteht darin, mit Gefühlen zu experimentieren und zu spielen. Achtungsvoll in dem Sinne, dass wir mit unserer Wahrnehmung stets bei dem bleiben, was in emotionaler Hinsicht gerade jeweils geschieht.

Menschliche Gefühle sind die Welt für uns. Und es spielt keine wirkliche Rolle, ob es unsere eigenen oder die Gefühle anderer Menschen sind. Denn wir sind eben nur „Durchgangsstationen“ für Gefühlszustände. Allerdings manchmal bessere und manchmal schlechtere Durchgangsstationen. Wie wir in unseren Beziehungen zu anderen Menschen auf vorhandene Gefühle reagieren, zeigt uns, welcher Erfahrung wir derzeit besser aus dem Weg gehen und welche Erfahrungen wir gerade suchen sollten. Darauf kann man achten.

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