Vor einiger Zeit habe ich mich hier über die gesellschaftliche Tendenz zum Cocooning ausgelassen. –  Das ist um so witziger und auch um so nachvollziehbarer als ich selbst starke Tendenzen dazu habe, mich im Privaten einzuspinnen. Das geht bei mir bis dahin, dass ich manchmal meine Räume tagelang am liebsten gar nicht mehr verlassen möchte.

Der Grund ist denkbar einfach: Ich neige zu einer spezifischen Form sozialer (Über-?)Empfindlichkeit, die mich die Emotionen und zwischenmenschliche Dynamiken anderer Menschen unmittelbar miterleben lässt. Und das auch dann, wenn ich sie nur bei/zwischen anderen höre und sehe, also selbst gar nicht unmittelbar involviert bin.

Neulich war es dann mal wieder soweit: Ich habe meinen akuten Bedarf nach einer zweiten Haut nicht ernst genommen, ging mit meinem Sohn nach draußen auf den Fußballplatz – und bin prompt „explodiert“ als ein anderer Vater seinen Sohn beim gemeinsamen Fußballspiel nach Strich und Faden provozierte, unfair behandelte und verbal fertig machte. Für beides, jene Provokationen und meine Reaktion darauf gilt: Es war nicht das erste Mal und wird wohl leider auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Ergebnis: das wohl unreparierbare Ende einer bisher sehr respektvollen Männerfreundschaft und 1 Woche lang spürbare Stresshormon-Ablagerungen in meinem ganzen Körper. – So kann man auch die eigene Lebenszeit wirksam verkürzen. Jippieh!

Das alles hat natürlich meine eigene Vorgeschichte. Und es ist für mich ein Leichtes, sie mir (und auch hier) so zu erzählen, „dass meine Reaktion verständlich wird“. Aber darum geht es mir gar nicht. Wichtiger ist für mich etwas ganz anderes: Früher habe ich mir oft von anderen einreden lassen, es ginge bei so etwas darum, dass ich lernen müsse, mich besser abzugrenzen. Und genau das glaube ich heute nicht mehr. Denn die ganze Abgrenzerei sorgt dafür, dass wir voneinander nicht das emotionale Feedback bekommen, dessen wir als Menschen so dringend bedürfen, um miteinander „in der Spur zu bleiben“.

Dennoch habe ich wenig Bock, der emotionale Blitzableiter für all den üblen, unaufgearbeiteten zwischenmenschlichen Mist zu sein, der in uns allen da draußen vor sich hin gärt und sich nach Entladung sehnt. Denn ebenso wie ich früher glaubte, mit meiner Überempfindlichkeit auf zwischenmenschliche Ungleichgewichte allein oder gar „besonders“ zu sein, glaubte ich früher auch, dass ich mit meinen persönlichen Schlag- und Schattenseiten ziemlich allein und besonders wäre. Und es war ein recht langer Weg für mich zu realisieren, dass dem nicht so ist: Sowohl die Übertragungen von Emotionen als auch die hartnäckigen Verrücktheiten sind in unserer Gesellschaft bei nahezu allen von uns so ausgeprägt, dass ich mit beidem leider, leider keinen Anspruch auf irgendeine Besonderheit erheben kann.

Sozialer Rückzug in die eigenen Mauern, die eigene „Bubble“, die eigene Höhle – Rückzug in einen kleinen, „artgemäß“ konstruierten, privaten Garten ist das, was wir alle tun, um uns vor anderen zu schützen und andere vor uns.

Es gibt verschiedene Arten, wie wir einander als Menschen wechselseitig berühren können. Und wenn wir nur die schlechten Sorten kennen, werden wir irgendwann eben gar nicht mehr vor die Tür gehen wollen. Damit wird jedoch nichts besser. Denn wir brauchen die gute Sorte Berührungen mit unseren Mitmenschen, um uns weitzuentwickeln. Und auch, um uns selbst überhaupt wahrnehmen zu können. Doch auch durch „schlechte Berührungen“ entwickeln wir uns weiter. Unter Umständen.

Die Unterscheidung schlechte/gute Berührungen-Begegnungen dürfte daher unterkomplex sein. Was eine „Berührung“ zur schlechten Berührung macht, ist, wenn sie ein Trauma verursacht oder reaktiviert, ohne es einer Auflösung zuzuführen. Wobei das Leben wohl findig ist: Auch immer weitere Vertiefung von Traumata (durch obsessive Wiederholungen) können von einer höheren Warte als Entwicklungen beschrieben werden, die – wiederum: unter Umständen – Weitentwicklung ermöglichen.

Was sind aber nun jene Umstände? – Ich persönlich glaube, dass es dafür wenig anderes braucht als grundlegende Freundlichkeit oder Freundschaft. Dialogbereitschaft und Offenheit für die Situation des Anderen. Und das alles auf der Basis von Wechselseitigkeit und Augenhöhe. Mit Zeit und Ruhe. – Rahmenbedingungen, die in unser aller Alltagen nicht gar so selbstverständlich gegeben sind.

Ich glaube daher, dass der private Rückzug etwas „normales“ oder „gewöhnliches“ ist.

Er bedarf der politischen Ergänzung des Privaten. Nicht der privaten Weiterentwicklung des Menschen ganz allein für sich als Einzelwesen. Es ist nichts weiter als systematische Politikvermeidung, zwischenmenschliche Probleme ständig zu privatisieren und den gesellschaftlichen Kontext penetrant auszublenden.

Man mag das billig nennen, weil es den Einzelnen aus der Verantwortung für sein Leben zu nehmen scheint. Schaut man aber eher auf uns Menschen, wie wir sind, und weniger darauf, wie wir sein sollten, wird man die Grenzen dessen, was man Einzelnen aufbürden kann, systematisch anerkennen wollen. Und das Handlungsäquivalent von „systematisch anerkennen“ läuft immer auf die Schaffung von neuen Verfahren und Institutionen hinaus.

Ich glaube heute, dass Verantwortung prinzipiell ein Gemeinschaftsspiel ist. Mit der Einzelverantwortung kann ich nicht mehr viel anfangen. Sie scheint mir aus einer unglaublichen Verkürzung der völlig alltäglichen zwischenmenschlichen Vorgänge hervorzugehen. Sie bringt uns Schuldzuweisungsspiele, die zwar unmittelbar emotional entlastend für uns sind, über die emotionalen Hypotheken dieser Spiele schweigen wir uns aber allzu häufig aus.

Wir werden solange eine immer weiter ansteigende Tendenz zum Cocooning bei uns allen erleben, solange wir nicht im Politischen für Rahmenbedingungen sorgen, die uns den zwischenmenschlichen Stress, den wir bei einander verursachen, eindämmen und auflösen helfen.

Solange die Gesellschaft als solche sich keine Mittel schafft, sich als ständiger Vorgang immer wieder neu mit sich selbst zu versöhnen, dürfen wir den starken Wunsch nach einem Rückzug ins Private und die Pflege des jeweils individuell zugeschnittenen epikureischen Gartens als gesunde Selbstschutz-Reaktion verstehen.

Das Problem dabei ist nur: Auch jenes „die Gesellschaft“ ist niemand anderer als wir selbst. Wir haben uns zulange eingeredet, dass im Privaten allein unser Heil und unser Glück zu suchen sei. Dass „politisches Engagement“ eine Flucht vor den eigenen Problemen sei, eine Verlagerung von emotionalem Stress in einen Bereich, in der es kaum Selbstwirksamkeit gäbe. Darum sei das alles doch im Raum des Privaten viel besser aufgehoben, einem Raum, über den wir mehr Kontrolle hätten. Für den wir -anders als für den Raum des Politischen – ganz einfach Verantwortung übernehmen könnten.

Tatsächlich findet man unter „politisch Engagierten“ sehr viele Menschen mit einem sehr handfesten und offensichtlichen Hau. Meine These dazu ist: Es ist wie in jedem sozialen System: Diese Menschen agieren nur aus, was Allgemein gegeben ist. Sie drücken aus, was in sozialer Hinsicht ist. Ihr Hau ist also nicht ihr Hau. Es ist der Hau der Gesellschaft als solcher, von dem – heimlich, unheimlich – alle menschlichen Mitglieder betroffen sind. Manche Menschen sind nur expressiver, was unsere allgemeine Verrücktheit angeht. Die meisten kehren ihre Verrücktheiten verängstigt unter ihre vielen Teppiche und verdrängen ihre Traumata in die Gärkeller ihres Unbewussten. Dort wartet die gut vergorene emotionale Soße dann auf den, der den Zapfhahn ins emotionale Pulverfaß rammt. Menschen, die das tun, nennen wir bequemerweise „verrückt“ und privatisieren den Vorgang dadurch. – Bisher ist leider nur systemisch arbeitenden Familientherapeuten sofort klar, wovon ich hier rede.

Mein Vorschlag zur Güte ist daher: Nicht aus wenigen, offensichtlicher Verrückten, sondern stattdessen aus allen Menschen vermittelt durch verfassungsmäßige Institutionen und Verfahren politisch Engagierte zu machen. „Bürger“ eben. Damit wir alle gemeinsam, in einem geordneten Verfahren jene Verrücktheiten miteinander erleben können, die völlig normal und gewöhnlich sind. Alltäglichen Verrücktheiten, denen wir im Privaten aus gutem Grund aus dem Weg gehen. Gut eingesponnen in unsere jeweiligen Kokons.

Im Privaten schützen wir uns völlig zurecht vor dem unguten Sozialen, das uns im Alltag völlig überfordert. Im Politischen brauchen wir Verfahren, durch die wir uns ebenfalls zurecht darauf einlassen können, einander zu begegnen. Das Private und das Politische sind verschiedene Rechtsordnungen. Wir benötigen beide, allerdings klar getrennt. Vermischungen beider Ordnungen sind kontraproduktiv. Ich würde sogar sagen: Unheilstiftend.

Mein Rat ist daher ein doppelter, (vermeintlich) widersprüchlicher:

Gehen Sie im Privaten Menschen entschieden aus dem Weg, die ihnen nicht gut tun. Und damit meine ich ausdrücklich auch das (vermeintlich) „öffentliche“ Berufsleben. Auch dieser Bereich gehört eindeutig dem Privaten an.

Setzen Sie sich im Politischen dafür ein, dass wir auf allen politischen Ebenen das Losverfahren, Bürgerkonvente, Bürgergutachten, u.ä. einführen. Nicht gelegentlich, sondern als regelmäßig durchgeführte, ständige politische Institution.

Wir alle brauchen beides: Rückzug und Begegnung. In menschengemäßen Ordnungen.

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