Ich möchte in diesem Artikel eine gefährliche Unterscheidung einführen: Die Unterscheidung zwischen schlechter und guter Manipulation. Ich hab diese Unterscheidung in anderen Texten bereits angedeutet. So z.B., dass es uns Menschen gar nicht offen steht, einander nicht zu manipulieren, dass es uns vielmehr an der Fähigkeit fehlt, einander auf gute Art wechselseitig zu manipulieren und dass dies kein individueller Mangel ist, sondern dass er sich auf ganze Gesellschaften beziehen kann.

Auch die tieferliegenden psychosozialen Mechanismen, durch den wir diesen allgemeinen Mangel herstellen, waren bereits Thema. Genauso wie die mörderischen Auswirkungen unseres kollektiven Mangels an Fähigkeit zu guter Manipulation.

Die Unterscheidung zwischen guter Manipulation und schlechter Manipulation erscheint mir also notwendig. Es macht auch keinen Sinn, gute Manipulation aus Aufhübschungsgründen bekömmlicher zu benennen. Denn wenn diejenigen, die glauben, dass es auch gute Manipulation gibt, diese Aufhübscherei betreiben, überlassen sie die „Entlarvung“ solchen Verhaltens als „manipulativ“ all jenen, die behaupten, Manipulation sei grundsätzlich schlecht oder problematisch. – Während diese Entlarver selbst freilich großzügig selbst von manipulativem Verhalten Gebrauch machen.

Gefährlich erscheint die offene Einführung einer Unterscheidung zwischen „guter und schlechter Manipulation“ dennoch. Denn die Unterscheidung kann, einmal freigesetzt und akzeptiert, auch ganz anders besetz und benutzt werden, als ich das im Folgenden tun werde.

Ich denke, dass wir auf dem Weg zu einer offen rhetorischen Kultur an diesem Risiko nicht vorbeikommen. Einer Kultur, in der nicht nur Einzelne aufgeklärt darüber sind, wie wir Menschen wirklich funktionieren, wie wir auf gute Art zu einem veränderten Verhalten zu bewegen sind, sondern in der wir alle gemeinsam institutionelle Konsequenzen aus diesem Wissen über uns selbst ziehen. Ich denke also, dass es das durchaus vorhandene Risiko wert ist.

„Erkenne Dich selbst“ ist eine Maxime, an der ich nichts Schädliches finden kann. Und ich denke, es ist gerade heute wichtig, das in therapeutischem Kontext seriös erarbeitete und praxiserprobte Wissen darüber, wir wir Menschen psychologisch „verfasst“ sind, auch ins Politische mit hinein zu nehmen und zu einem öffentlichen Thema zu machen.

Schlechte Manipulation setzt bei unseren Fixierungen an

Um zu verstehen, dass es sowohl schlechte als auch gute Manipulation gibt, muss man voraussetzen, dass wir Menschen keineswegs „eins mit uns selbst sind“. Wir sind in der Lage, „uns zu spalten“ in verschiedene Anteile unserer Person. Diese grundsätzliche menschliche Fähigkeit macht JEDE Interaktion zwischen auch nur zwei Menschen zu einer überaus komplexen Angelegenheit.

Gleichzeitig ist diese Komplexität für uns als Menschen völlig alltäglich. Wir haben ständig mit ihr zu tun. Dennoch vereinfachen wir sie ebenso ständig in unserem Bewusstsein, um unsere unmittelbare Handlungsfähigkeit zu erhalten. Konzepte wie „Schuld“ oder „Verantwortung“ machen es uns einfacher, uns in den überaus komplexen sozialen Umwelten zu bewegen, die unser Alltag sind. Die Möglichkeit, das es in sozialen Verhältnissen wenig Sinn macht, von einem „Anfang“ oder einem „Ende“ zu sprechen, überfordert uns in unserem Denken und Handeln gleichermaßen. Daher setzen wir solche willkürlichen Anfänge oder Enden.

Was uns dabei entgeht, ist systematisch: Unsere eigene Komplexität und die unserer unmittelbaren Mitmenschen. Unsere Veränderlichkeit. Unsere Menschlichkeit. Wir vereinfachen uns und wir vereinfachen unsere Mitmenschen. Wir nennen das manchmal „Schubladendenken“ oder „Klischees“. Manchmal aber auch einfach „meine Identität“ oder „sein wahres Wesen“, oder ähnlicher Unsinn mehr.

Diese Form von Denken ist sowohl Ursache als auch Ausdruck (kein Anfang, kein Ende, man erinnert sich) von dem, was man in der Psychologie manchmal „Fixierungen“ nennt. Im Alltag meinen wir das Gleiche, wenn wir über einen Menschen sagen, „dass er gerade einen Film fährt“.

Häufig sind solche Filme, mit denen wir uns selbst zu trivialen Maschinen machen, Verhaltensformen, mit denen wir uns selbst schädigen. Wir wollen Gutes, aber wir werden unflexibel in unserem Verhalten und agieren nur noch nach dem Reiz-Reaktions-Muster. Wir machen mit einem Verhalten weiter, auch wenn wir mit einem Verhalten gegen Wände fahren, uns eine blutige Nase holen, ständig anecken und über Leichen gehen.

Schlechte Manipulation setzt bei solchen Fixierungen, bei solchen Selbst-Trivialisierungen von Menschen an: Sie nutzt diese Fixierungen und vertieft sie. Das hat durchaus etwas unmittelbar Erleichterndes. Denn es schaltet viele menschliche Ambivalenzen aus, z.B. das gleichzeitige Vorhandensein ganz verschiedener Gefühle und Bedürfnisse. Es macht die Dinge ganz einfach.

Niemand ist leichter manipulierbar als ein Mensch, der gerade einem Handlungsplan vom Typ Reiz-Reaktion folgt. Wir sprechen hier in Coaching und Therapie auch einfach von „Knöpfen, die man bei einem Menschen drücken kann“.

Gute Manipulation löst Fixierungen auf

Interessanterweise hat es auch die gute Manipulation mit den exakt gleichen Fixierungen und Identitätsfestlegungen zu tun wie die schlechte Manipulation. Doch sie verfährt mit ihnen exakt umgekehrt:

Gute Manipulation lockert die menschliche Psyche auf und öffnet neue Handlungsmöglichkeiten. Sie steigert die menschliche und zwischenmenschliche Komplexität, die ausgehalten werden kann, und reduziert sie nicht künstlich.

Wir könnten auch sagen: Gute Manipulation macht Menschen wieder unberechenbarer. Das ist die Hauptwirkung guten Coachings und guter Therapie. Beide Formen verfolgen nicht die Absicht, einen Menschen zu einem ganz bestimmten Verhalten zu bewegen, sondern die Handlungsspielräume wieder zu erweitern, die davor künstlich verengt waren. Oft durch erlittene Traumata, eingeschliffene Fixierungen und „schlechte Gewohnheiten“.

Man muss nicht unbedingt soweit gehen, „Identität“ generell für eine schlechte Gewohnheit zu erklären (obwohl ich zugeben möchte, dass es mich sehr reizt, so weit zu gehen), aber wir können wahrnehmen, dass wir uns durch manche Interaktionen mit anderen Menschen freier, ja geradezu „befreit“ fühlen, während andere Interaktionen und unfrei machen. Sie engen uns innerlich ein und fixieren uns auf bestimmte Verhaltensweisen, bis wir „nicht mehr auf der eigenen Höhe sind“.

Begreift man Gesellschaft vor allem als intersubjektiven psychologischen Prozess, werden wir daher ohne einen positiven Manipulationsbegriff und ein Ringen um seine genaue Bestimmung und Unterscheidung von schlechten Formen der Manipulation nicht herumkommen.

Wir können begreifen, dass wir uns wechselseitig freier oder unfreier machen können in unserer Art miteinander umzugehen. Und auch in den Institutionen, die wir dazu benutzen, um miteinander umzugehen.

Das „Ziel von Gesellschaft“ (wenn denn so ein Begriff kein blanker Unsinn ist) könnte daher die ständige Rückgewinnung menschlicher Freiheit sein. Und diese ist nur in zwischenmenschlicher Interaktion möglich.

Gute wechselseitige Manipulation als politisches Thema, als System, als Verfassung

Das ist zugleich auch der Grund, warum „Politik“ für uns Menschen unausweichlich ist und Politikvermeidung eine ziemlich dumme Idee.

Das Problem ist dabei heute nur, dass wir mittlerweile – über eine sich über mehrere Jahrhunderte hinziehende, konstante Politikvermeidung – einen äußerst negativen Politikbegriff ausgebildet haben, der uns Politik mit Empathiemangel gleichsetzen lässt. Politik in ihrem ursprünglichen Sinne ist jedoch das genaue Gegenteil: Vorsätzliche wechselseitige Manipulation, getragen von einer beständig gesellschaftlich kultivierten Empathie füreinander.

Sowohl auf individueller als auch auf politischer Ebene brauchen wir einen positiven Manipulationsbegriff und eine Klarheit darüber, was begrüßenswerte von schädlicher Manipulation unterscheidet.

Halten wir Manipulation weiterhin für ein Übel in-sich-selbst, wird es schwer für uns, diejenigen Formen von positiver Manipulation in unser Gemeinwesen einzuführen, derer wir heute so dringend bedürfen.

Wir werden dann gezwungen, einen aseptischen, rationalistischen Politikbegriff auszubilden. Dieses nur sehr rudimentäre Verständnis von Politik ist jedoch nicht nur risikoarm, es ist tödlich. Denn es beruht auf einer Lüge über unsere menschliche Natur. Es beruht auf Verdrängung unserer emotionaleren, verletzlicheren und bedürftigeren Anteile und bringt genau jene verkappten Formen von Manipulation hervor, die uns dazu bringen, Manipulation für grundsätzlich schlecht zu halten.

Wir tun das dann einfach aus Erfahrung: Weil wir in Alltag und Politik nur solcher Manipulation begegnen. Weil wir nur schlechte Manipulation erfahren und nichts anderes kennen. Wer nie oder viel zu selten „gute Manipulation“ erlebt, kann gar nichts anderes glauben als dass Manipulation ein Problem in sich selbst ist. Er wird sich auf extreme Weise abschotten, eine hohe Präferenz für Lonesome-Rider-Selbständigkeit ausbilden und Fiktionen menschlicher Autarkie nachhängen, die in der Realität nicht einlösbar sind, bei den verzweifelten Versuchen ihrer unmöglichen Einlösung aber unendlich viel überflüssiges Leiden hervorrufen.

Die erfahrungsbasierte Abwehr aller zwischenmenschlicher Manipulation als grundsätzlich schlecht führt zu einem Abriss aller Brücken und einem Aufbau von Mauern nicht nur nach außen. Sondern genauso auch nach innen. Verbundenheit und Abschottung sind stets gleichzeitig intrasubjektive und intersubjektive Vorgänge. Wir behandeln in diesem Aspekt unsere Beziehungen zu anderen Menschen immer exakt genau gleich wir unsere Beziehung zu uns selbst. Daher gibt es keine Menschen, die nach außen „gut verbunden“ sind, aber innerlich keinen Draht zu sich selbst haben. Und genausowenig gibt es Menschen, die nach außen völlig von allen anderen Menschen abgeschottet sind und noch wissen, was sie selbst mit sich anfangen wollen.

Das Drama schlechter Außenbeziehungen ist: Wir verlieren dabei uns selbst. Das Drama der heutigen Zeit ist: Es gibt zu viele schlechte Außenbeziehungen und Institutionen, die ihre Aufrechterhaltung unterstützen. Das führt uns in eine verzweifelte Situation, in der wir zwischen zwei grausamen Wahlmöglichkeiten: zwischen Selbstabschottung und Kriegsführung hin- und hergerissen sind. Weil das, was wir eigentlich wollen: Gute wechselseitige Manipulation, gute Beziehungen für uns unerreichbar und manchmal sogar unvorstellbar geworden ist.

Weniger dramatisch gefasst: Wir Menschen sind sehr wohl in der Lage, uns wechselseitig auf eine Weise zu beeinflussen, die von uns allen als bejahenswert erlebt wird. Gute Beziehungen sind möglich. Und sie werden von bestimmten gesellschaftlichen Institutionen weitaus mehr unterstützt als von anderen.

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