Ich trampele ja immer gern auf Platons „erst wenn die Könige Philosophen und die Philosophen Könige sind“ herum. Denn Platon hat mit diesem Konzept dem alten elitären Autoritarismus, der auf Herkunft, körperlicher Stärke oder Eigentum beruhte, nur einen weiteren Elitismus hinzugefügt: Den Geisteselitismus mit seiner grundsätzlichen Tendenz zur Expertokratie, die das Potential hat, das politische Klima einer Gesellschaft anhaltend zu vergiften.

Weniger bekannt ist allerdings der Grund, den Platon anführt, warum das Konzept der „Philosophenkönige“ eine gute Idee sei: Er ging davon aus, dass es gut sei, wenn diejenigen Menschen politische Macht hätten, die für sich etwas Besseres kennen als Politik.¹

Das mutet heutzutage eher merkwürdig an, leben wir heute doch in einer Gesellschaft, in der das Privatleben allgemein so positiv bewertet wird, dass wir eigentlich sagen müssten: Nahezu alle Menschen kennen für sich etwas Besseres als „das politische Leben“.

Das allerdings war tatsächlich durchaus anders in der Gesellschaft, auf die sich Platon zu seiner Zeit bezog: in der Polis Athen. Zumindest in den tonangebenden Kreisen des klassischen Athens war die Ansicht tief verbreitet, dass politische Betätigung das Höchste für den Menschen sei und das rein private Leben beinahe schon verachtenswert. Wer etwas auf sich hielt, versuchte sich wirksam politisch einzubringen.

Wie gesagt: Solche Verhältnisse sind uns heute fremd. Viel zu attraktiv sind die zahlreichen Verlockungen des Privatlebens und viel zu unattraktiv ist politische Betätigung, um den gesellschaftlichen Hintergrund von Platons Behauptungen heutzutage unmittelbar nachvollziehen zu können.

Möglicherweise ist aber Platons Annahme selbst, wenn man sie von ihrem geistesaristokratischen Mantel befreit, in psychologischer Hinsicht gar nicht mal so ganz daneben:

Vergleicht man nämlich den demokratischen Austausch und die politischen Gespräche von Bürgern, denen nur für eine kurze Zeit echte politische Verantwortung übertragen wird, mit den Debatten zwischen Berufspolitikern, die der Politik dauerhaft ihr Leben widmen, so muss man staunend feststellen, dass der Austausch von Bürgern, wenn wir ihnen echte Verantwortung übertragen, wesentlich konstruktiver, produktiver und auch innovativer abläuft.

Der Grund dafür könnte eben der von Platon benannte Mechanismus sein: Die Bürger kennen, anders als gewählte Berufspolitiker, für sich selbst etwas Besseres als politisches Engagement. Für sie ist aktive Beteiligung an der Politik mehr eine Pflicht und weniger ein Privileg. Und daher scheint es Bürgern viel leichter zu fallen zuzuhören, einander ausreden zu lassen, die Argumente anderer auf sich wirken zu lassen, ihre Meinungen auf rationale Weise zu ändern, gemeinsam neue Vorschläge zu erarbeiten und sich auf diese zu einigen, ohne dass dabei systematisch „Verlierer“ des politischen Austauschs erzeugt werden.

Möglicherweise spielt dabei auch eine Rolle, dass Bürger in demokratischen Versammlungen in keiner unmittelbaren Konkurrenz zueinander stehen, Berufspolitiker hingegen schon. Es wäre dann der Unterschied zwischen Konkurrenz-aufhebendem Losverfahren und Konkurrenz-etablierenden Wahlen, der den Unterschied macht, ob der politische Austausch produktiv und gemeinwohlorientiert sein kann oder nicht. Politiker haben in der Politik mehr zu verlieren als Bürger. Beratungen zwischen Politikern sind daher meist von begründeter Angst getrieben, während die Bürger sich im Raum des Politischen viel freier und besonnener verhalten können.

Das, man muss das heute unübersehbar betonen, ist ein systemischer Effekt und hat mit persönlichem Versagen von Politikern oder fehlender Ethik rein gar nichts zu tun: Jeder Mensch, der dauerhaft von Konkurrenz bedroht und von Angst getrieben wird, verhält sich unfrei und unvernünftig. Berufspolitikertum mit seinem permanenten Konkurrenzdruck ist keine sonderlich angenehme Daseinsform. Bürger dagegen atmen bei kurzen Aufenthalten im Raum des Politischen plötzlich auf und verhalten sich dort auch völlig anders als wir uns im Privaten erleben. Oft zu ihrer eigenen Überraschung. Für die durch das Losverfahren bestimmten Bürger ist der Raum des Politischen ein Ort der Freiheit, während er für Berufspolitiker ein wahres Minenfeld ist, voller möglicher Fehltritte, die für sie allesamt das politische Karriere-Aus bedeuten können.

Ich gebe es nur ungern zu, da Platon mein allerliebster Bashing-Dummy ist: Aber am Ende ist auch mein ganzes komisches politisches Denken wohl auch nur eine Fußnote zu Platon.

 


¹ Die von Platon geschaffene Kunstfigur „Sokrates“ meidet daher auch die öffentliche Rede vor einem politischen Publikum. Die „philosophischen Dialoge“, die Platon verfasste, wählen allesamt mit Vorsatz das Setting des „Privatgesprächs“. Und das auch dann, wenn das Gespräch mit den entschiedenen Vertretern der politisch-rhetorischen Vernunft gesucht wird, also mit Leuten wie Gorgias, Protagoras, etc. – Die Philosophie bekommt von Platon einen bleibenden anti-politischen Impuls mit, der im mehrfachen politischen Trauma Platons begründet ist. Eine durch und durch politische Autorin wie Hannah Arendt hat das sehr deutlich gesehen und aus diesem Grund die Bezeichnung „Philosophin“ für sich abgelehnt.

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