Oft scheinen wir zu glauben, dass die Geschwindigkeit, mit der wir eine Entscheidung treffen können, vor allem etwas mit außermenschlichen, technischen Gegebenheiten zu tun hat.

Ich möchte vorschlagen, die Blickrichtung zu verändern und davon auszugehen, dass die Geschwindigkeit, die für Entscheidungen angemessen ist, etwas mit innermenschlichen und zwischenmenschlichen Gegebenheiten zu tun hat:

3) Gegebene Bedürfnisse sind wenige und gut bekannt: Sehr schnelle Entscheidungen sind möglich.

2) Gegebene Bedürfnisse sind sicher viele, einige davon sind sicher nicht bekannt: Entscheidungen brauchen Zeit, die wir uns bewusst nehmen sollten.

1) Gegebene Bedürfnisse sind völlig unbekannt, sowohl ihrer Art als auch ihrer Anzahl nach: Entscheidungen brauchen sehr viel Zeit, die wir uns noch viel bewusster nehmen sollten.

Bekanntheit erlangen Bedürfnisse

a) innermenschlich: durch Gefühle, die vom Bewusstsein wahrgenommen und sprachlich artikuliert werden können.

b) zwischenmenschlich: durch körpersprachlichen, unmittelbaren oder sprachlichen, repräsentierenden Ausdruck, wenn der Zuhörende dafür offen und nicht in seiner einfühlenden Wahrnehmung blockiert ist.

Daher kann die Entscheidungsgeschwindigkeit in Gruppen, Teams, Unternehmen und ganzen Staaten deutlich erhöht werden, indem die direktere Bezugnahme und Offenheit für gegebene menschliche Bedürfnisse häufig erfolgt und dadurch eingeübt und trainiert ist.

Das wiederum ist möglich in einer Atmosphäre, in der die direkte Offenbarung von Bedürfnissen für die beteiligten Menschen vergleichsweise „ungefährlich“ ist, d.h. in nicht-kompetitiven Umfeldern, in der die Offenbarung von eigenen Bedürfnissen nicht zu dem Zweck missbraucht wird, Statusgewinne gegenüber anderen Menschen zu erzielen.

Nicht-hierarchische Gesellschaften sind dadurch in ihren Entscheidungen erwartbar schneller als hierarchische Gesellschaftsformen. Die Schnelligkeit der Entscheidung in einer rigiden Befehlskette „von oben nach unten“ ist eine Illusion, sobald mehr als nur einige, ganz wenige, sehr gut bekannte menschliche Bedürfnisse für die Entscheidung eine Rolle spielen müssen.

Denn nicht-hierarchische, nicht-kompetitive Gesellschaftsformen haben zumindest die Möglichkeit, gewohnheitsmäßig besser informiert über die gegebenen Bedürfnisse zu sein, weil die direkte Wahrnehmung und offene Kommunikation von Bedürfnissen in ihnen weniger bedrohlich sind: Sie werden weniger sanktioniert, weder durch Ausschluss von der Gruppe, noch durch Statusverluste, noch durch Verlust eines Zugangs zu politischer Macht.

Wenn also der Eindruck entsteht, Demokratie sei langsamer in ihren Entscheidungen als etwa ein autoritäres Regime, so können wir uns sicher sein, dass mit dieser „Demokratie“ etwas faul ist: Dass die für eine Demokratie konstitutiven deliberativen Elemente in dieser Demokratie fehlen und die Bürger daher politisch „ungeübt“ sind.

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