Wir können uns uns Menschen so vorstellen, dass wir alle in uns eine Art „Not-Programm“ haben. Ein Programm das unverlierbarer Bestandteil unserer Konstitution als Menschen ist.

Ist dieses Notprogramm aktiviert, tun wir uns schwer mit empathischem Denken, Verhalten und auch mit langfristigeren Überlegungen, die die Komplexität unserer eigenen Bedürfnisstruktur miteinbeziehen („ich kann mehrere Bedürfnisse gleichzeitig haben, die alle in meinem Handeln berücksichtigt sein wollen“)

Dieses Notprogramm macht uns Menschen geneigt, reflexartig zu handeln, einzelne Ziele mit sehr viel Energiefreisetzung zu verfolgen, wir geraten in einer Art „Tunnelhandeln“.

Die Maxime dieses Programms lautet also in etwa: „Safety first!“ Oder „Not beenden zuerst – Alles andere später!“ Oder auch: „Erst schießen, dann fragen!“

Offensichtlich handelt es sich um eine Art Überlebenssicherungsprogramm für ein Wesen, das regelmäßig mit unmittelbar lebensbedrohlichen Situationen konfrontiert ist.

Mit dem „kleinen“ Problem, dass wir uns mittlerweile selbst eine Umwelt schaffen konnten, in der solche unmittelbaren Lebensbedrohungen ziemlich selten sind. Dafür sind wir viel häufiger mit mittelbar gefährlichen Situationen konfrontiert, zu deren Lösung unser Notprogramm nur wenig beiträgt bzw. die es aktiv erschwert.

Die Aktivierung des Notprogramms in uns führt also zu einem fehlangepassten, „unvernünftigen“ Verhalten, bei dem wir langfristige Bedürfnisbefriedigung, inkusive die Befriedigung der Bedürfnisse anderer Menschen nicht mehr in unser Denken und Handeln einbeziehen.

Insofern ist es eine hauptsächliche Erfordernis für uns Menschen, die in einer modernen, hochdifferenzierten Gesellschaft leben, das Mangeldenken nicht zu triggern, das jenes Notprogramm in uns aktiviert.

Leider haben wir das bisher noch kaum überrissen. Und sind noch schlechter darin, daraus sowohl alltägliche und als auch institutionelle Konsequenzen abzuleiten und umzusetzen.

Ein Beispiel: Wir glauben, dass „Konkurrenz“ zwischen uns eine gute Sache ist, weil sie in der Lage ist, schnell viel Energie in uns frei zu setzen, die dann unserem Handeln zur Verfügung steht. Konkurrenz ist aber nur deswegen in der Lage, diesen Effekt bei uns hervorzurufen, weil es eben eine strukturelle Situation schafft, in der unser Mangeldenken permanent getriggert wird. Wir haben also Institutionen geschaffen, die uns künstlich in eine Situation versetzen, in der wir dauerhaft in unserem biologisch-psychologisch angelegten Notprogramm laufen: Wir werden permanent darauf hingewiesen, dass in irgendeiner für uns persönlich bedeutsamen Weise „Mangel“ herrsche und wir daher dringend ganz viel Energie freisetzen müssten, um diesem Mangel abzuhelfen (die Gehaltserhöhung zu bekommen, den Konkurrenten niederzuringen, nicht gekündigt zu werden, wiedergewählt zu werden, etc.).

Diese künstlich dauerhaft gemachte Freisetzung von besonders viel Energie schadet nicht nur unserer Gesundheit, sie macht uns auch „verrückt“: Sie führt zu einem dauerhaft unvernünftigen Verhalten bei uns, bei dem wir uns daran gewöhnen, menschliche Bedürfnisse mit Füßen zu treten – sowohl eigene Bedürfnisse als auch die Bedürfnisse anderer Menschen. Denn es ist ja das Notprogramm aktiv. Und das Notprogramm sagt: „Hier herrscht gerade Mangel! Du musst jetzt ganz ganz dringend fokussiert handeln und dieses ganz bestimmte Ziel um jeden Preis erreichen!“ – Nur eben als Dauerzustand, nicht vorübergehend, so wie es in einer „natürlicheren“, immer wieder mal unmittelbar lebensbedrohlichen Umgebung sinnvoll war.

Sollten wir uns je an die moderne gesellschaftliche Umwelt anpassen, die wir selbst gemeinsam geschaffen haben, werden wir irgendwann realisieren müssen, dass wir von unserem althergebrachten, in uns angelegten Notprogramm tunlichst die Finger lassen sollten: „Take the finger off the trigger.“

Wir werden lernen, Institutionen zu schaffen, die uns nicht künstlich in ein dauerhaftes Mangeldenken versetzen, das zwar biologisch in uns angelegt ist, das aber keineswegs aktiv sein muss, um überhaupt zu handeln. Denn es gibt durchaus andere Trigger, die ebenfalls biologisch in uns angelegt sind und die auf ganz andere Weise ganz andere Formen von Energie in uns Menschen freisetzen.

Wir werden es genauso lernen, im Alltag, in unserer unmittelbaren Interaktion miteinander, wechselseitig nicht den Trigger auszulösen, mit dem wir uns wechselseitig in den mentalen Notzustand versetzen.

Wir sind als Menschen in der Lage, einander jene „Fülle“ zu schenken, die uns die innere Ruhe gibt, besonnen und vernünftig abzuwägen, bevor wir handeln. Überdeutliche Signale unbedingter Beziehung gehören z.B. dazu. Auch die aktive, vorsätzliche Spiegelung menschlicher Gefühle ist eine Praxis, die Fülledenken triggert und Mangeldenken und das damit zusammenhängende Notprogramm blockiert.

Als hypersoziale Wesen wissen wir Menschen intuitiv: Solange andere Menschen da sind, die uns zugewandt sind, die „auch für uns da sind“, ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir in einen fundamentalen, lebensbedrohlichen Mangel rutschen. Denn gemeinsam, durch empathisch koordiniertes Handeln können wir Menschen zwar nicht alle, aber doch die allermeisten Situationen befriedigend lösen. Dieses Wissen um den möglichen „sozialen Halt“ durch andere Menschen ist ebenso tief in uns verankert wie das Notprogramm. Das Fülledenken steht als Möglichkeit der Möglichkeit des Mangeldenkens psychologisch gleichrangig gegenüber. Es kommt lediglich darauf an, welches von beidem wir gewohnheitsmäßig häufiger triggern. Ob wir Mangeldenken auf Dauer stellen oder ob wir bewusst Fülledenken zwischen uns institutionalisieren.

Wir Menschen sind von unser psycho-biologischen Anlage her also gleichermaßen frei dazu, die Hölle auf Erden zu erzeugen, oder einen weitaus erträglicheren, um nicht zu sagen „glücklicheren“ zwischenmenschlichen Zustand zu stabilisieren.

Das ist nicht nur eine frohe Botschaft. Es ist auch eine durchaus anstrengende. Weil sie uns selbst die Verantwortung für unser irdisches Glück oder Unglück aufbürdet. Allerdings nicht als Einzelwesen. Sondern gemeinsam. Als die politischen Wesen, die wir von Natur aus sind.

Um nicht Mangeldenken bei uns allen zu triggern, sondern stattdessen ein allgemeines Fülledenken zu fördern, empfiehlt es sich daher auch, politische Aufmerksamkeit zwischen uns ganz bewusst gleichmäßig zu verteilen. Denn alle anderen Lösungen im Umgang mit politischer Aufmerksamkeit führen zu ihrer künstlichen Verknappung. Wir realisieren dann: Wir müssen kämpfen und andere bekämpfen, um politische Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, um das Gefühl herzustellen, „die Gesellschaft ist für uns da“. Und so rutscht eine ganze Gesellschaft zuverlässig in einen dauerhaften Mangelzustand. Ganz unabhängig von ihrem objektiven materiellen Reichtum.

Positiver gesprochen: Es ist möglich, dass wir uns als Gesellschaft politische Institutionen schaffen, mit derer Hilfe wir uns alle ein allgemeines Gefühl der Fülle geben. Institutionen, durch die der menschliche Halt, der wir von Natur aus füreinander sind, auch dauerhaft emotional spürbar wird. Denn das Empfinden von Mangel und Fülle entscheidet sich auf einer tieferen, emotionaleren Ebene. Nicht im reinen Denken, sondern im zwischenmenschlichen Handeln, das durch die Art unserer gesellschaftlichen Institutionen gestützt und entscheidend beeinflusst ist.

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