Ich bin ein Mensch, der zwar gern öffentlich spricht, der aber eine Riesenhemmung hat, öffentlich auch Gefühle und damit: sich verletzlich zu zeigen.

Und das ist ein Problem. Es ist natürlich nicht mein persönliches Problem allein, denn ich gehe mal dreist (wie immer) davon aus, dass es den meisten Menschen kaum anders ergeht. Aber „da ich mir nunmal selbst am nächsten bin“ kann ich es am besten an mir selbst festmachen, was das Problem damit ist, öffentlich Gefühle zu zeigen. Und mehr noch: Was das Problem damit ist, öffentlich keine Gefühle zu zeigen.

Öffentlich Gefühle zu zeigen fühlt sich für mich an wie Sterben. Es triggert Empfindungen die nicht mehr oder nicht weniger sind als die Empfindungen einer lebensbedrohlichen, existentiellen Situation. – Das ist natürlich „nicht rational“. Ich weiß „vom Kopf her“, das es nicht so ist. Immerhin habe ich das schon x-hundertmal erlebt und bin immer noch da. Aber „mein System“ scheint davon nichts wissen zu wollen. Es fühlt sich dennoch wie es sich fühlt, schüttet Unmengen Adrenalin und Cortisol aus, das ich dann über Tage hinweg wieder abbauen darf und die bis dahin in meinem Körper herumgeistern.

Dabei ist es auch nicht das Gleiche für mich, „über Gefühle zu reden“ oder mit Gefühl zu reden. Es ist mein unmittelbarer, körperlicher, emotionaler Zustand, der den Unterschied macht, nicht das inhaltliche Thema. Ich kann auch über Themen, die mich im Grunde zutiefst betreffen und bewegen, völlig dissoziiert, „mit Abstand“, emotional weitgehend unbewegt sprechen. – All das meine ich nicht, wenn ich von „Gefühle zeigen“ spreche.

Zugleich gibt es in mir offenbar eine große Sehnsucht danach, „öffentlich Gefühle zu zeigen“. Ich merke das daran, was es mit mir macht, wenn andere das wagen. Ich mache das mal an 3 Beispielen fest:

Vor Jahren betrietscherte mich ein Netzwerkpartner, ich solle mich bei den Themen, die mich damals so umtrieben, doch mal mit der amerikanischen Beraterin und Buchautorin Marie Miyashiro beschäftigen. Ich fühlte mich belästigt und sagte etwas wie: „Du, ich hab so viel Zeug gelesen und grade so viele eigene Konzepte im Kopf – Ich brauche grade einfach nicht noch einen weiteren Menschen obendrauf, der dann auch noch in meinem Kopf herumspukt. Ich fühl mich übervoll mit Gedanken, Konzepten, Beratungszugängen. Vielen Dank, lass bitte gut sein.“ – Aber jener Netzwerkpartner war überaus hartnäckig und ließ nicht locker. Er bekam mich immerhin soweit, dass ich mir mal eine mitgefilmte Session von Marie auf Youtube anschaute. Der Moment, in dem ich begann, mich wirklich für sie zu interessieren, kann ich klar benennen: Es war der Moment, in dem sie sich öffentlich emotional berührt zeigte (der Moment, den ich meine, ist in Minute 12:45; der Link zum Video setzt ca. zwei Minuten davor ein, damit man mitverfolgen kann, wie sich dieser Moment dramaturgisch aufbaut).

Also: Hier war jemand, der öffentlich Gefühle zeigte und dabei erstaunlich souverän wirkte. DAS zog mich so sehr an, dass ich mir dann doch das Buch kaufte (zunächst auf Englisch und dann auch noch die später erschienene Übersetzung), persönlich Kontakt zu Marie aufnahm und später auf einem zweitägigen Workshop im Frankfurt mit ihr war, obwohl es mir in der Zeit persönlich sehr schlecht ging und ich daher wohl jeden anderen Termin solchen einfach abgesagt hätte.

Der Effekt öffentlich gezeigter Gefühle auf mich beschränkt sich aber keineswegs auf Marie Miyashiro und ihre spezielle Art, die tatsächlich außergewöhnlich stark in sich verwurzelt und zugleich raumgebend für andere ist, wie ich es dann in Frankfurt unmittelbar erlebt habe. Tatsächlich kenne ich bisher niemanden sonst, der zugleich so unumwerfbar wie ein Baum wirkt und dabei eine so freie Atmosphäre für andere Menschen schafft, in der man sich durch diese offensichtliche innere Souveränität so wenig eingeengt oder bedrängt fühlt.

Ich empfinde den gleichen Effekt öffentlich gezeigter Gefühle auch z.B. an einer bestimmten Stelle in diesem Vortrag von Amy Cuddy. Und man kann auch an der Reaktion des Publikums unmittelbar wahrnehmen, wie dieses öffentliche Zeigen innerer Bewegtheit die Menschen im Publikum ebenfalls bewegt.

Das dritte Beispiel, das ich hier anführen möchte, stammt aus einem der Augenhöhe-Filme. Es zeigt Helmut Lind, der Vorstandsvorsitzende der SpardaBank München, der über seine eigene emotionale Bewegtheit auch seine Mitarbeiter emotional erreichen will. Der entsprechende Moment ist in Minute 38:50 des Films. Bezogen auf dieses Beispiel habe ich sehr ambivalente Gefühle. Denn es kommt mir so vor, als würde Lind an dieser Stelle zwar über Gefühle sprechen und wie wichtig sie sind (ähnlich wie ich es hier gerade tue), aber eben nicht in einem angreifbaren, verletzlichen, emotional bewegten Zustand.

Und das scheint mir ein großer, entscheidender Unterschied zu sein. Die Vorteile öffentlicher Gefühlsäußerungen zu predigen und Gefühlsäußerungen zuzulassen scheinen mir zwei sehr unterschiedliche Dinge zu sein.

Und an dieser Stelle tritt nun ein merkwürdiger Effekt bei mir selbst ein: Denn ein paar Minuten später im gleichen Film (ab Minute 43:56) sehen wir Helmut Lind genau das tun, was ich hier anpreise: Öffentlich Gefühle zeigen – Und ich fühle mich davon unangenehm berührt. Ich kann wahrnehmen: Das ist gerade „authentisch“, Lind spricht aus seiner eigenen Berührtheit heraus, aber es ist mir erst einmal „too much“.

Woran liegt das nun? – Geht es für mich darum, dass Lind ein Mann ist, anders als Marie Miyashiro und Amy Cuddy? Liegt es an seiner offiziellen Machtposition, aus der heraus das tut, daran, dass er Vorstandsvorsitzender ist und etwas in mir glaubt, dass man das in solchen Positionen nicht tun sollte? Liegt es an der Art seiner Gefühle? Daran, wie er sie zeigt?

Vielleicht führt dieses für mich unter Umständen unangenehme daran, wenn andere Gefühle zeigen in eine generelle Fragestellung: In die Frage, ob wir andere Menschen belästigen, wenn wir unsere Gefühle öffentlich zeigen? Ob es nicht „einfach nur professionell“ ist, wenn wir unsere innere Bewegtheit zurückhalten und nach außen, gegenüber unseren Mitmenschen verstecken?

Ich denke, dass diese „Verschonung der anderen“ ein naheliegender Selbstbetrug, aber nichtsdestotrotz ein Selbstbetrug ist. Wir wollen nicht andere vor unserer „Gefühlsansteckung“ schützen, sondern wir wollen uns selbst schützen, wenn wir den Frame „Professionalität = äußerliche Emotionslosigkeit“ unangetastet lassen.

Für andere hat das öffentliche Zeigen unserer Gefühle nur Vorteile: Sie wissen dann, woran sie sind. Sie wissen dann, was uns bewegt. Und in der Regel können sie dann auch viel genauer zuordnen, warum wir bestimmte Dinge tun und andere nicht tun. Wir werden dadurch „berechenbarer“ und „greifbarer“ für andere.

Das ist natürlich tatsächlich nachteilig in einem Kriegsumfeld, in dem man v.a. strategisch agieren, sich bedeckt halten und Informationen zurückhalten muss, „um erfolgreich zu sein“. In einem kompetitiven sozialen Umfeld ist Wissen bekanntlich Macht. Und die größte Macht über einen selber gibt man anderen Menschen, wenn man sie ganz offen und ungefiltert wissen lässt, was einem wirklich etwas bedeutet, was einen wirklich bewegt.

Dass „Krieger“ v.a. äußerliche Emotionslosigkeit eingebläut bekommen, ist also kein Zufall.

Und dass mich Helmut Linds „emotionaler Moment“ im Film nicht nur angenehm berührt, ist daher möglicherweise ein ganz guter Indikator dafür, wo ich derzeit mit meinen eigenen kriegerischen Neigungen und Reflexen immer noch stehe.

Wo ich persönlich mit mir und meinen Schatten stehe, ändert jedoch nichts daran, wo das Ziel menschlicher Entwicklung liegt. Mir kommt es so vor, als sei die Lage dieses Ziels mittlerweile sehr eindeutig erkennbar.

Allein die Wege dorthin zu diesem Ziel sind experimentier- und ausbaufähig; und je nach ganz eigenartiger persönlicher Vorbelastung wohl auch individuell sehr verschieden: Welche Gefühlsäußerungen anderer Menschen wir wann wie als unangenehm empfinden. Welche Gefühlsäußerungen wir uns selbst erlauben. Welche wir wagen. Und welche wir uns verbieten. – Oft verbunden mit wunderhübschen, wohlklingenden Rationalisierungen, warum das auch ganz gut sei, dass wir uns das verbieten. Über unsere existentielle Angst vor sozialer Ablehnung und Demütigung schweigen wir.

Das Programm, das Überleben an soziale Zugehörigkeit und Akzeptanz koppelt, dürfte wohl ein Teil unserer biologisch ererbten „Hardware“ sein. Insofern ist zu erwarten, dass das Problem der öffentlichen (nicht-)Äußerung vorhandener Gefühle uns dauerhaft begleitet. Und dass es uns Menschen immer wieder auf’s Neue Mut und Investition in die Schaffung guter sozialer Rahmenbedingungen kostet, wenn wir eine Kultur wollen, in der wir uns nicht aus guten Gründen beständig voreinander verstecken.

Ich persönlich glaube, dass sich diese Investitionen lohnen.

 

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