Politik als Form des freien, unmittelbaren Austauschs unter Gleichen kennt historisch zwei Verfassungen, die Politik an sich negieren, für unmöglich, schädlich oder einfach für überflüssig erklären:

Die eine Verfassungen könnte man „autoritäre Herrschaft“ nennen. Herrschaft negiert Politik dadurch, dass sie die Gleichheit der Bürger und den freien Austausch als Gleiche für schädlich oder überflüssig hält. Oft vollzieht sich das einfach „performativ“, also nicht vorsätzlich oder reflektiert, sondern als Ergebnis des Vorhandenseins von Herrschaft: Wo ein machtbefugter Herrscher ist, der nicht durch alle gleichermaßen seines Amtes enthoben werden kann, entsteht deswegen kein politisches Gespräch mehr, weil ein Kampf um die Herrscherposition oder um Nähe zur Herrscherposition entbrennt. Solange aber gekämpft wird und sich innerhalb dieser Kämpfe um Herrschaft gesellschaftliche Lager bilden, gibt es kein Gespräch der Bürger als Bürger miteinander. Faktisch gibt es in einem Gemeinwesen, solange es Herrschaft in ihm gibt, daher auch gar keine Politik. Man mag jene gesellschaftlichen Kämpfe zwar „politisch“ nennen. Aber das ist nachweislich ein begriffliches Miss- oder Umverständnis dessen, was Politik ursprünglich bedeutet.

Die zweite Verfassung, die Politik an sich negiert, könnte man „Privatismus“ nennen. Beim Privatismus glaubt man, dass es ein gemeinsames, staatliches, durch freie Rede koordiniertes Handeln gar nicht bräuchte, weil sich die Koordination schon irgendwie anders, auf irgendeinem magisch-zauberhaften Wege ergebe. – Man negiert dabei vor allem die fundamentale Verbundenheit allen menschlichen Handelns. Also die eigentlich völlig alltägliche und banale Tatsache, dass mein heutiges Handeln hier dein morgiges Handeln dort berührt, ermöglicht, einschränkt. Und dass wir uns daher gelegentlich darüber direkt austauschen sollten, was Dein Handeln mit mir und mein Handeln mit Dir macht und wie wir mit der nicht aus der Welt zu bringenden Tatsache unserer wechselseitigen Verbundenheit umgehen wollen. Der Privatismus reduziert unser Sein als Menschen auf unser Dasein als Privatmenschen.

Doch das Problem der gesellschaftlichen Verhaltenskoordination verschwindet dadurch nicht, dass die meisten Menschen sich von ihm abwenden. Hinter dem Rücken des wunderbar freiheitlich daherkommenden Privatismus entsteht mit großer Zuverlässigkeit: Herrschaft. Denn indem sich die Meisten nur „um das Ihrige“, also ihre privaten Angelegenheiten kümmern, kümmern sich einige wenige um „das Allgemeine“. Das faktische Ergebnis des Privatismus ist daher immer Herrschaft der Wenigen über die Vielen.

Privatismus und Autoritäre Herrschaft sind daher möglicherweise nur zwei Seiten der gleichen Medaille: Einer Negation von Politik.

Eine Bejahung von Politik bedeutet dagegen, dass wir unseren Bürgerstatus mit einem allgemeinen Leben füllen, dass wir den Bürger in jedem Menschen ernstnehmen und daher uns alle aktiv an unserem Gemeinwesen und unserem allgemeinen Angelegenheiten teilhaben lassen. Dass wir uns als Bürger regelmäßig versammeln und dabei bewusst durchmischen, um der anti-politischen und anti-demokratischen Lagerbildung zwischen uns aktiv entgegenzuwirken. Denn Lagerbildung an sich ist schon anti-politisch: Sie macht nur Sinn, wenn es uns um Herrschaft und einen Kampf um diese Herrschaft geht. Politik und Demokratie kennen keinen Kampf. Sie kennen Austausch, Beratung und systematische Förderung von wechselseitigem Verständnis zwischen den Bürgern, die auf dieser Basis und erst dann, wenn das wechselseitige Verständnis der völlig unterschiedlichen Lebenssituationen stabil gegeben ist, gemeinsam Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die dann wirklich „politisch“ sind. Und nicht ein privates Meinen, das die eine gesellschaftliche Gruppe der anderen gesellschaftlichen Gruppe wohlmeinend oder gar nicht so wohlmeinend überstülpt.

Das Politische: dass regelmäßig ein allgemeiner Austausch zwischen uns Bürger stattfindet und dass er herrschaftsfrei stattfindet, garantiert uns allen, dass wir nicht befürchten müssen, im politischen Gespräch zu „Verlierern des Prozesses“ zu werden.

Advertisements