Stellen Sie sich vor: Sie gehen ihrem Alltag nach, genauso wie heute. Sie haben ihre privaten Beziehungen: Zu ihrer Familie, ihren Freunden, ihren Nachbarn, ihren Kollegen, Geschäftspartnern, usw.  – Ganz nach Gusto, mit allen privaten Freiheiten, die das Kennzeichen einer liberalen Gesellschaft sind, in der niemand niemandem Vorschriften darüber machen darf, wie er sein Leben zu leben habe und mit wem er etwas unmittelbar zu tun haben soll und mit wem nicht.

Stellen Sie sich weiter vor: Dass nur eine Sache zusätzlich anders ist. Nämlich dass Sie oder Ihnen liebe Menschen aus Ihrem unmittelbaren Umfeld regelmäßig auch mit den ganz anderen Menschen der Gesellschaft zusammenkommen. Bestimmt durch den Zufall, durch das Los. Sie bekommen also einen Brief, z.B. von Ihrer Stadt, in dem steht: „Hallo lieber Mitbürger, Sie wurden ausgelost, Ihren Input zum Thema XYZ zu geben, was Sie darüber wünschen, fürchten, denken, gemeinsam mit anderen Bürgern und Experten zum Thema. Die anderen Bürger wurden ebenfalls rein zufällig ausgelost, so dass Sie dort einem repräsentativen Ausschnitt aus allen Bürgern begegnen werden. – Wir brauchen auch Sie dort, damit das Bild vollständig wird und der Bürgerwille am Ende wirklich voll repräsentiert ist. Bitte lassen Sie daher mal für einen Moment alles Private stehen und liegen und bringen Sie Ihren Bürgerstatus aktiv in unser Gemeinwesen ein.“ – Möglicherweise ist dieser Beitrag zum Politischen auch gekoppelt an eine Art „Bürgerdiät“, also an eine finanzielle Anerkennung dessen, dass Sie ein privates zeitliches Opfer bringen, damit wirkliche Demokratie auf jenen Bürgerversammlungen zustande kommt.

Stellen Sie sich weiterhin vor, dass diese „Lagerfeuer der Demokratie“ regelmäßig abgehalten werden. Wir hätten also regelmäßige rein politische Zusammekünfte: Versammlungen abseits aller privater Beziehungen; Versammlungen, in denen wir rein als Bürger zusammenkommen, die außer ihrem Bürgerstatus nichts miteinander verbindet. Wir würden also regelmäßig jenen Menschen begegnen, die so ganz anders sind und leben als wir selbst, obwohl wir mit ihnen gemeinsam eine Gesellschaft bilden. Ich denke, diese regelmäßigen Zusammenkünfte, diese Lagerfeuer-Treffen würden unser Bild voneinander und von unserer Gesellschaft als ganzer sehr verändern.

Dabei würden wir uns aber nicht nur begegnen, wir hätten dort zugleich gehaltvollen Austausch: Denn es gibt dort eben politische Themen, die wir gemeinsam verhandeln. Wir hören, was dieses Thema für unsere Mitbürger bedeutet. Was sie dabei befürchten. Was sie sich dabei vorstellen können. Welche Probleme sie in Wirklichkeit damit haben. Was bestimmte staatliche oder gesetzliche Lösungen für Folgen für ihren Alltag haben. Was für sie gar nicht geht. Und was für sie überhaupt kein Problem ist. – Und ganz genauso werden wir auch selber angehört, mit unseren eigenen Ängsten und Sorgen, Wünschen und Freuden.

Und weil diese Lagerfeuer auf eine Zufallsauswahl aus allen Bürgern setzen, hören wir dort eben alle Stimmen unserer Bürgerschaft. Alle sind vertreten. Alle Lebenssituationen und Lebensperspektiven, die in unserer Gesellschaft vorkommen. Zuverlässig. Denn der Zufall lässt sich nicht betrügen. Der Zufall allein ist nicht voreingenommen. Der Zufall garantiert, dass wirklich alle Bürger da sind und niemand aus dem Raum des Politischen, den diese Lagerfeuer bilden, ausgegrenzt wird.

Ich denke, unsere Demokratie braucht diese Lagerfeuer wirklich dringend und regelmäßig. Auf allen Ebenen: Lokal, Regional, National, Transnational. Und dass das, was dort passiert und dadurch ermöglicht wird, unsere private Zeit voll und ganz wert ist. Dass wir also ein Anrecht darauf haben, dass auf diese Weise sowohl wir politisch beteiligt werden als auch dass sich alle anderen Bürger auf diese Weise politisch beteiligen.

Denn für eine Demokratie, die diesen Namen verdient, braucht es systematisch die aktive politische Beteiligung aller Bürger. Nicht nur einiger weniger. Nicht nur derjenigen, „die schon immer politisch interessiert waren“. Nicht nur derjenigen, die „zufällig gerade viel Zeit haben“, denen das private Opfer also leichter fällt als anderen Bürgern. Demokratie ohne Partizipation aller Bürger ist eine Mogelpackung. Wir machen uns selbst etwas vor, dass wir Demokratie bekommen könnten, ohne die Normalität eines allgemeinen politischen Invest aller Bürger gesellschaftlich zu organisieren. Demokratie zum zeitlichen Schnäppchenpreis führt immer erst zu einem „Die machen das schon (für uns)“. Aber nach kurzer Zeit dann zu einem „Was machen die denn da (für uns)?“

Die oberste Forderung der heutigen Tage sollte daher die verbindliche Einführung von Bürgergutachten und Bürgerräten mit Zufallsauswahl sein. Als zusätzliches demokratisches Instrument, das uns als Bürgerschaft systematisch politisiert, uns alle aktiv an der Demokratie beteiligt und uns allen den exakt gleichen Einfluss auf die Politik verschafft.

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